Journalistische Vor-BILD-er der FAZ

Zu den Auseinandersetzungen um den Nachlass von Max Brod äußerte sich kürzlich auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Autor Oliver Jungen bezeichnet darin das Literaturarchiv Marbach als idealen Ort für den Nachlass, „nicht nur, weil es konservierungstechnisch überlegen ist, sondern auch, weil er sich hier in eine breite Sammlung zur deutschsprachigen Prager Literatur zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einfügte“…

Das gegenwärtige Verfahren bezeichnet Jungen als „Diskreditierungen bis hin zum Rufmord“, angestoßen „von der israelischen Zeitung „Ha’aretz“ und weltweit kolportiert.“ Der Ha’aretz-Journalist Ofer Aderet habe eine der beiden Erbinnen der im September 2007 im Alter von hundertein Jahren gestorbenen Ester Hoffe, Eva, „einen Strick aus ihrer Tierliebe gedreht hat, indem er suggerierte, wertvolle Materialien Brods oder gar Kafkas lägen nicht, wie lange bekannt, in Bankschließfächern, sondern vergammelten in einer von Katzen verdreckten Wohnung“.

Einen Kommentar von Ofer Aderet zu diesen Vorwürfen druckte die FAZ nicht ab. Daher möchten wir Ofer Aderets Leserbrief im folgenden veröffentlichen:

„Der Artikel „Tauziehen um Kafka und Brod„, der kürzlich in der FAZ veröffentlicht wurde, hat meine journalistische Integrität und meine Arbeitsmoral als Korrespondent für die israelische Tageszeitung „Haaretz“ in Frage gestellt, ohne dass der Autor des Artikels, Herr Oliver Jungen, es für nötig hielt, mich um eine Stellungnahme zu bitten. Alleine diese Tatsache weist darauf hin, wem hier wirklich journalistische Integrität fehlt.

Da, wie gesagt, meine Sicht der Dinge nicht dargestellt wurden – und das in einem Artikel, der sich fast ausschließlich mit einem von mir recherchierten Thema (dem Nachlass von Max Brod und Franz Kafka) befasst – will ich das in diesem Brief nachholen:

In dem von Sarkasmus und Zynismus nur so strotzendem Artikel von Herrn Jungen geht es um den Nachlass von Max Brod, der auch Teile des Nachlasses von Kafka beinhaltet, und der sich in Tel-Aviv befindet. Meine Recherche hat gezeigt, dass sich Teile des Nachlasses Kafkas in privaten Händen, in unangemessenen Bedingungen, und vor allem weit abgeschirmt von der Öffentlichkeit befindet. Es war diese unabhängige Recherche, die das Thema überhaupt erst in die öffentliche und rechtliche Debatte brachte.

Herr Jungen, der sich in seinem Artikel gänzlich auf Sekundärquellen beruft, bezeichnet meine Recherchearbeit als „Kampagne“. Jungen, der vermutlich nie in Tel-Aviv, geschweige denn in der Wohnung von Frau Hoffe (wo sich ein Teil des Nachlasses befindet) war, wirft mir vor, ich hätte die Beschreibung des Zustands der Wohnung „suggeriert“. Ich würde vorschlagen, dass Herr Jungen einen Kurs in journalistischer Ethik belegt, bevor er anderen Journalisten das Verbreiten von Lügen und Propaganda vorwirft.

Herr Jungen schreibt im Brustton der Überzeugung, dass sich sämtliche Handschriften des Nachlasses Kafkas in Banktresoren befinden und dass meine Beschreibung der Schriften in der Wohnung eine reine Erfindung sei. Wie gesagt, hat Herr Jungen – im Gegensatz zu mir – die besagte Wohnung jemals selbst besucht, war weder in den Prozessverhandlungen noch in der Israelischen Nationalbibliothek, und hat auch über dessen Direktor hergezogen, ohne dass diesem Raum für eine Gegendarstellung gegeben wurde. Woher der Brustton der Überzeugung des Herrn Jungen kommt, ist mir fraglich. Seine Beschreibung der Wohnung (die ich –im Gegensatz zu ihm – mit eigenen Augen gesehen habe), der Gerichtsverhandlung (bei der ich – im Gegensatz zu ihm – persönlich anwesend war) und der involvierten Personen (die ich – im Gegensatz zu ihm – traf) ist so glaubwürdig wie die Beschreibung des „Wilden Westen“ in den Geschichten Karl Mays: Herr Jungen schreibt, wie Karl May, Fantasiegeschichten über Orte, die er niemals in seinem Leben besucht hat.

Aber selbst wenn man das zweifelhafte journalistische Konzept von Herr Jungen akzeptiert, so fehlen dort unter den Namen der von ihm so stolz präsentierten Kafka- und Brod-Experten eine ganze Litanei von Personen, die sich ihr Leben lang mit dem Thema befasst haben und in einem Artikel dieser Art nicht fehlen dürfen. Ich weise hier nur auf einen hin: Reiner Stach, der in einem Interview mit dem Tagesspiegel auf die Frage, ob der Nachlass wohl komplett in Banksafes ist, folgendes sagte: „Sicher nicht. Ich vermute, sehr vieles liegt noch in Eva Hoffes beiden Wohnungen in Tel Aviv.“

Als ob das nicht genug sei, wirft mir Herr Jungen vor, ich würde im Auftrag des Schocken-Verlags (dem „Haaretz“ gehört) mit dem Ziel arbeiten, der Schocken-Familie den Nachlass Kafkas zu verschaffen. Diese Anschuldigungen sind purer Rufmord und Verleumdung. Meine Recherche zu Kafka und Brod war eine Eigeninitiative, die weder vom Schocken-Verlag noch von der Schocken-Familie gesponsert oder initiert wurde. Mit dieser Behauptung bewegt sich Herr Jungen am Rande dessen, für das in der Vergangenheit Millionenklagen eingereicht wurden.

Kurzum: Die FAZ hat einen Artikel herausgegeben, der voller Rufmord, Verleumdungen, und Unwahrheiten ist – und in dem zudem noch selbst Mindestansprüchen journalistischer Reserche fehlen. Der Autor des Artikels, Herr Jungen, hat mir – dem Hauptopfer seiner Anschuldigungen – nicht die Möglichkeiten einer Stellungnahme oder gar einer Gegendarstellung gegeben, und somit diese Verleumdungen als Wahrheit dargestellt. Von einer renommierten Zeitung wie der FAZ hätte ich so ein Verhalten nicht erwartet. Die FAZ, und insbesonders Herr Jungen, sollten sich ihre journalistischen Vor-BILD-er woanders suchen.

Ofer Aderet, Tel-Aviv

Übersetzt von Benjamin Rosendahl