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„Antisemitismus ist unser aller Problem!“

Ein Interview mit dem Schauspieler und Theaterleiter Gerd Buurmann zur Kölner „Antiwand“…

Von Uri Degania (Köln)

Uri Degania (U. D.): Die vor dem Kölner Dom gelegene sogenannte „Klagemauer“ besteht in Köln seit über 20 Jahren. Seit sechs Jahren hat sie nur noch eine Obsession – vielleicht eine deutsche Besonderheit? – : Eine polemisch-aggressive Beleidigung Israels und jüdischer Menschen. Was war der konkrete Anlass für Deine Anklage gegen den Betreiber der – wie Du es nennst – „Antiwand“, Herrn W. Herrmann?

Gerd Buurmann: Der konkrete Anlass war eine Karikatur, die an der Antiwand aufgehängt wurde, auf der ein Jude abgebildet ist, der ein palästinensisches Kind isst. Die Antiwand ist mir schon lange ein Dorn im Auge, da dort sehr einseitig der israelisch-palästinensische Konflikt dargestellt wird, bei der Israel ausschließlich als Aggressor, Palästinenser aber ausschließlich als Opfer dargestellt werden. Allein dies ist für mich schon ein eindeutiger Verstoß gegen § 130 StGB. Als ich jedoch die Karikatur sah, wurde mir klar, dass meine Einschätzung der Situation als Volksverhetzung von staatlicher Seite geprüft werden muss. Bei dieser Karikatur ist der dort abgebildete Kinderfresser nämlich nicht als Israeli gekennzeichnet, was schon widerlich genug wäre, aber mittlerweile bei vielen in Deutschland leider als akzeptable „Israelkritik“ durchgeht, sondern klar als Jude. Auf seinem „Schlabberlatz“ ist nicht die Israelfahne mit den blauen Tallitstreifen abgebildet, sondern nur der מגן דוד.

U. D.: Was gab es bisher für Reaktionen von Seiten der Kölner Polizei und der Staatsanwaltschaft?

Gerd Buurmann: Der Polizei musste erst einmal erklärt werden, warum die Karikatur antisemitisch ist. Ein Polizist meinte sogar, eine solche Karikatur könne auch im Spiegel erscheinen. Als ich ihm jedoch erklärte, dass dies absoluter Quatsch sei, da die Karikatur offenkundig mit antisemitischen Klischees spielt, hat die Polizei meine Anzeige aufgenommen.

U. D.: Haben sich bereits weitere Kölner Bürger dieser Klage wegen antisemitischer Volksverhetzung angeschlossen?

Gerd Buurmann: Ja. Ich habe bisher nur positive Reaktionen erhalten. Einige Menschen haben ebenfalls Anzeige erhoben. Die Antiwand ist für viele ein Schandfleck im Stadtbild Köln. Man muss sich mal vorstellen, die Stadt Köln leistet sich in ihrem Herzen einen exklusiven Ort für Antisemitismus. Jeder Tourist, der Köln besucht, geht in der Gewissheit, dass die Mehrheit der Kölner nicht nur Israel, sondern Juden hasst. Dies schmerzt einem Wahlkölner wie mir schon sehr. Dabei war die „Klagemauer“ mal ein Ort an dem jeder Mensch seine Sorgen und Nöte kundtun kann. Aber diese Zeit ist längst vorbei. Dort, wo einst die Bürger Kölns für den Frieden demonstriert haben, wird nun der Hass kultiviert! Heute können und dürfen Menschen an der „Klagemauer“ nur noch dann demonstrieren, wenn sie sich als Feinde Israels oder Antisemiten zu erkennen geben, jedenfalls sind dort nur noch Angriffe gegen Israel und das Judentum zu sehen, Walter Herrmann sorgt wohl dafür, dass alle anderen Klagen abgehängt werden. Was Ende der 80er Jahre als Friedensdemo begann, ist zu einem Verbrechen geworden! Es ist, als wäre aus einer Lichterkette mit Kerzen im Laufe der Jahre ein Nazi-Fackelzug geworden – und alle schauen zu.

U. D.: Du hast in dieser Angelegenheit einen langen Brief an wohl alle im Kölner Stadtrat vertretenen politischen Parteien geschickt. Du erwähnst einzig eine Reaktion der Stadtratfraktion der Linken, die Dir die Einleitung einer Anzeige wegen Volksverhetzung empfohlen hätten. Welche Reaktionen gab es ansonsten noch?

Gerd Buurmann: Die FDP hat sich nun positiv geäußert. Ansonsten schweigt die Kölner Politik, mit Ausnahme eines Vertreters der Jungen Union, der mir geschrieben hat, dass er solche „Massenmails“ wie meine berechtige Sorge in Zukunft nicht mehr erhalten möchte.

U. D.: Was würdest Du ansonsten noch für Initiativen gegen diese Form des aggressiven Antisemitismus empfehlen? Gibt es neuere gesellschaftliche Initiativen, gerade aus den Kreisen rund um „Arsch hu! Zäng useinander“ gegen diese antisemitische „Klagemauer“?

Gerd Buurmann: Ich glaube nicht nur an die alleinige Kraft von Initiativen. Ich bin mir sicher dass auch der Mensch als Individuum eine Menge tun kann. Mein Vorbild ist da Rosa Parks. Als Afroamerikanerin wurde sie am 1. Dezember 1955 in Montgomery, Alabama verhaftet, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen. Ihr ziviler Ungehorsam löste den Montgomery Bus Boycott aus, der als Anfang der schwarzen Bürgerrechtsbewegung gilt. Hier sieht man, dass ein einziger Mensch eine Menge erreichen kann. Ich kann also nur hoffen, dass es genug Menschen gibt, die Mut zur Selbstverantwortung haben und ihre Stimme für die Gerechtigkeit und gegen den Hass erheben.

U. D.: Eine abschließende Frage: Was für Reaktionen haben Dich von Seiten der Jüdischen Gemeinde bzw. von jüdischen Medien erreicht?

Gerd Buurmann: Die jüdische Gemeinschaft hat angekündigt ebenfalls in der Sache tätig zu werden, und in der Jüdischen Allgemeinen war ein wunderbarer Kommentar von Tobias Kaufmann auf der Titelseite. Ich frage mich jedoch, warum es die jüdischen Medien und die Juden in Deutschland sein müssen, die sich dieses Themas annehmen. Juden sind in dieser Angelegenheit doch eh die gearschten. Warum sollen sie sich jetzt um den Dreck kümmern, der ihnen ins Gesicht geworfen wurde. Ich muss gerade an die Pogromnacht 1938 denken, bei der die betroffenen Juden sich um die Beseitigung der Verwüstung der Pogromnacht selbst kümmern und die Kosten tragen mussten. Warum sollen jetzt schon wieder Juden den antisemitischen Müll in Deutschland weg fegen? Ich denke, dass sich alle deutschen Medien und die Deutschen generell bewegen müssen in dieser Angelegenheit. Antisemitismus ist unser aller Problem!