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Juden in der Welt: Rumänien

Aus dem alten Königreich Rumänien ist nach dem (I.) Weltkrieg Großrumänien, „Romania mare“, hervorgegangen. Dem Lande sind Transsylvanien, Maramaros Sziget, das Banat, die Bukowina, Bessarabien einverleibt worden. Mit einer rumänischen Bevölkerung hat Rumänien in den neuangeschlossenen Gebieten auch fremde Nationalitäten übernommen, darunter Juden…

DAS JUDENTUM IN ALLEN LÄNDERN
VON MARK WISCHNITZER

In Altrumänien, dem „Regat“, lebt eine alteingesessene jüdische Bevölkerung: Aschkenasim, Sefardim. In Transsylvanien, im Maramarosgebiet und im Banat leben ungarische Juden. In der Bukowina ist der österreichische Judenschlag maßgebend, in Bessarabien, das 1812—1918 russisch war, der russisch-jüdische Typ.
Von den zwei Fürstentümern, aus denen Altrumänien hervorgegangen ist, Moldau und Walachei, war die letztere zuerst Schauplatz jüdischen Lebens. Im Altertum bildete das Gebiet der heutigen Walachei einen Teil der römischen Provinz Dacien, Dacia inferior; die Provinz Dacia superior umfaßte das heutige Transsylvanien. Das alte Dacierreich, das von den Römern erobert wurde, erstreckte sich zwischen der Theiß, der Donau, dem Schwarzen Meer, dem Dnjestr und dem Karpathengebirge. Es wird angenommen, daß Juden in Dacien nicht nur einzeln im Gefolge der Legionen, die unter dem römischen Kaiser Trajan in das Land siegreich vorgedrungen waren, gekommen sind — der rumänische Historiker Jorga behauptet, daß die Zahl dieser jüdischen Ankömmlinge nicht gering gewesen sein dürfte —, sondern daß sie auch Niederlassungen gründeten. Der letzte König der Dacier, Decebal, soll ihnen die Stadt Thalmus oder Thalmatia überlassen haben.

Als um die Mitte des 9. Jahrhunderts nomadisierende Chasarenstämme aus dem Dongebiet in das Dnjeprgebiet und weiter nach Ungarn vordrangen, mögen auch Juden nach Dacien gekommen sein. Jahrhunderte vergehen, ohne Nachricht über die Schicksale der jüdischen Siedlungen, die sich möglicherweise zum Teil wieder aufgelöst hatten, zu hinterlassen. Von drei Richtungen her erfolgte unterdes frischer Zuzug: im Süden von Bulgarien aus, das durch Personalunion dem walachischen Gebiet angegliedert war, von Nordosten her aus Mitteleuropa nach Transsylvanien, das inzwischen unter Stephan dem Heiligen zu Ungarn geschlagen wurde, und von Norden her aus Polen nach Bárladu, Tekuciu und Galatz, dem wichtigsten Hafenplatz an der Donau. Im 14. Jahrhundert breitet sich die Einwanderung aus. Nach der Vertreibung aus Ungarn durch Ludwig den Frommen (136o) drängen Flüchtlinge nach der benachbarten Moldau. Aus Polen kommen mit christlichen Kaufleuten, unter dem Schutze von Privilegien und auf Aufforderung der Großfürsten der Moldau, auch jüdische Kaufleute. Roman wird eine der ersten von polnischen Juden begründeten Gemeinden.

Die Moldau war eine wichtige Durchgangsstation im internationalen Handelsverkehr, der sich vom Schwarzen Meer, wo die Genuesen ihre Handelsfaktoreien besaßen, über Lemberg nach dem Norden und Nordwesten Europas erstreckte. An zwei wichtigen Endpunkten dieser Handelsstraße, in Akkermann (dem rumänischen Cetatea Alba) am Schwarzen Meer und in Lemberg, in Galizien, gab es im Jahrhundert jüdische Gemeinden. Eine wichtige Etappe führte über Ghotin am Dnjestr, wo Juden gelegentlich Halt machten. Im 15. Jahrhundert sind sie dort als Stadtbewohner nachweisbar.

So erweiterte sich allmählich der Lebensraum der aus Polen eingewanderten Juden, die damals eine Art Vormachtstellung in jenen Gebieten besaßen. Diese Einwanderung erfolgte nicht immer aus freien Stücken. Gelegentlich des Einfalls des Moldauer Fürsten Stephan wurden jüdische Gefangene aus Polen nach der Moldau verschleppt. Sie blieben im Lande. In Jassy, der moldauischen Hauptstadt, sind Juden im 16. Jahrhundert nachweisbar. Josef del Medigo trifft dort auf seiner Reise aus der Türkei nach Polen im Jahre 1618 mit dem Kabbalisten Salomon ben Arvi zusammen. Jassy erhielt starken Zuzug aus Polen und der Ukraine nach dem Chmelnizkijahr 1648. Nathan Hannover, der das Gemetzel aus eigener Anschauung geschildert hat, wirkte ein Jahrzehnt lang als Rabbiner in Jassy. Von Podolien ergoß sich ein dauernder Auswanderungsstrom nach der Moldau, die Ende des 18. Jahrhunderts schätzungsweise 25.000 Juden beherbergte. Der starke polnisch-aschkenasische Einschlag gab dem rumänischen Judentum seine Prägung. Jiddisch mit einigen lokal bedingten Abweichungen wurde die Umgangssprache der jüdischen Volksmassen in der Moldau und ist es bis heute (1930er Jahre) geblieben.

In der Walachei behauptete sich das sefardische Element neben dem aschkenasischen. Die Einwanderung kam aus der Türkei. Die sefardische Gemeinde in Bukarest, der ursprünglich walachischen Hauptstadt, hat sich bis in unsere Tage hinein erhalten.
In beiden Fürstentümern bezifferte sich die Zahl der Juden 1859, als sie unter einem Herrscher vereinigt wurden, auf 134.168, 1899 auf 266.652 (4,4% der Gesamtbevölkerung). Das Anschwellen der Ziffern ist auf eine erneute Einwanderung aus Galizien in den sechziger und siebziger Jahren zurückzuführen, der allerdings in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts eine Auswanderung nach Übersee entgegenzuwirken begann. Die jüdische Bevölkerung konzentriert sich in den Städten. Bukarest allein weist 1899: 40.553 Juden auf. In weiterem Abstand folgen Jassy, Botoschani und Galatz. In manchen Städten bildeten die Juden die Mehrheit.
Der Getreideexport und die Industrie, deren Tempo mit dem wachsenden Bedarf der bäuerlichen Bevölkerung Schritt halten konnte, boten dem jüdischen Kaufmann in Rumänien eine breite Erwerbsbasis. Die wirtschaftliche Prosperität dauerte bis in die achtziger Jahre an. Sie bedeutete dem sich allmählich im agrarischen Lande herausbildenden Bürgertum, das sich vorbereitete, die von den Juden besetzten Positionen zu übernehmen, einen Dorn im Auge.

Der Großgrundbesitz spielte dem Bauern gegenüber den Juden aus, um ihn über seinen Landhunger hinwegzutäuschen. Es ist hier nicht der Platz, die politischen Auswirkungen der wirtschaftlichen Gegensätze zu behandeln, in die die Juden in Rumänien gestellt wurden. Der Druck, den die aus Galizien sich ergießende Einwanderung ausübte, verschärfte die Lage durch dauernde Einengung des Lebensraumes. In den Jahren 1899—1905 macht sich eine ziemlich starke Abwanderung bemerkbar. 55.000 Juden gehen in diesem Zeitraum nach Übersee. Die Ausschreitungen gegen die Juden im Jahre 1907 lösen eine erneute Abwanderungswelle aus. Im Jahre 1912 beträgt die jüdische Bevölkerung in Rumänien nur 24.088 Seelen (3,3% der Gesamtbevölkerung), um 25.464 weniger als 1899. Daß der Rückgang sich angesichts der starken Auswanderung nicht noch mehr auswirkte, war dem bei den Juden höheren natürlichen Zuwachs zuzuschreiben.

Die wirtschaftliche Struktur der Juden bot 1913 folgendes Bild: In der Landwirtschaft waren 2245 Juden tätig (2,5% der jüdischen Bevölkerung), in Industrie und Gewerbe 37.514 (42,5%), in Handel und Geldwesen 33.410 (37,9%), im Verkehr 3092 (3,5%), in öffentlichen Diensten und in freien Berufen 2858 (3,2%), in sonstigen Berufen 9.135 (10,4%). Was den Anteil in den einzelnen Gewerben betrifft, so war er am größten im Bekleidungsgewerbe (21,40%), im graphischen Gewerbe (15%), im Textilgewerbe (14,5%), in der Leder-, Fell-und Häuteverarbeitung (13,2%), geringer dagegen im Baugewerbe, in der keramischen und Glasindustrie, in der Holzverarbeitung und in der Metallindustrie. Einige Gewerbe gelten als ausgesprochen jüdische: Mützenmacher, Uhrmacher, Graveure, Buchbinder, Tapezierer, Goldschmiede sind vorwiegend Juden. Die Erzeugung von Pfeifen und Spielbällen war in der Walachei ein in bedeutendem Maße jüdisches Gewerbe.

Als Bessarabien (1812) russisches Gouvernement wurde, lebten dort 5.ooo Juden. Sie wurden der ständischen Berufsgliederung des russischen Reiches entsprechend in den Kaufmannsstand, den Bauernstand und den Kleinbürgerstand, der Handwerker, Gewerbetreibende und Kleinhändler umfasste, eingebaut…

Siehe auch: Bilder aus Rumänien…

pp. 116 – 119. Fortsetzung folgt.
Eindrucksvoll und erschreckend sind auch die Beschreibungen zu Rumänien in S.M. Dubnows „Neuerer Geschichte des Jüdischen Volkes“. Auch dazu, bei Interesse, später mehr…