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Ist Israel an allem schuld?

Allen einfältig-verlogenen Erklärungen des Historikers Tony Judt zum Trotz ist die israelische Gesellschaft pluralistisch und auch die allermeisten Juden in der Diaspora, denen er Sympathien für Israel vorwirft, können auf die Ratschläge, die er in seinem am 12. Dezember in der Süddeutschen Zeitung erschienenem Artikel “Ethnische Geiselhaft / Wie soll sich Israel definieren“ äußerte, verzichten…

Von Karl Pfeifer

Judt schreckt vor keiner Demagogie zurück. Er maßt sich an, für „uns Juden“ zu sprechen und stellt nur die „alles entscheidende Frage“  die er glaubt den „meisten Juden“ in New York unterstellen zu müssen, die natürlich nichts anderes zu fragen haben, als wer sind „wir“? Und darauf –  so sie „sich mit der Geschichte des Judentums auseinandersetzen“ angeblich „eine streng rassenbezogene und ethno-deterministische Auffassung“ äußern.

In Israel kann man weiße, schwarze, braune und gelbe Juden erleben und mit Ausnahme einer kleinen Minderheit, definiert in Israel und in der Diaspora niemand Juden als Rasse. Die jüdische Tradition ist nicht rassistisch, ein Blick in die Bibel genügt, um dies zu beweisen, zum Beispiel werden im 1. Buch Moses Kapitel 10 alle bekannten Völker der Welt aufgezählt, die alle von den drei Söhnen Noahs abstammen und eine große Familie bilden. Und hier könnten noch mehr Stellen aus der Bibel und dem Talmud genannt werden, die sich gegen Diskriminierung von Menschen wenden.

Allerdings haben einige wenige jüdische Denker die Doktrin vom auserwählten Volk rassistisch interpretiert und es gibt Chassidim, die der Meinung sind, eine jüdische Seele unterscheide sich von einer nichtjüdischen Seele, doch solche Meinungen gehören nicht zum mainstream.

Judentum kann also weder als Rasse noch als ethnisch homogen definiert werden und auch die in Israel gültige Definition: „Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter abstammt oder  wer konvertiert ist“ ist trotz allen Behauptungen von Judt nicht rassistisch. Freilich gibt es genetische Merkmale, die über viele Generationen vererbt worden sind. Dafür aber sind Genetiker und nicht Historiker zuständig. Wenn Judt Juden „Überlegenheitsdenken“ unterstellt und es für angebracht hält, „diese ethnische Unterscheidung in Frage zu stellen“, dann hat das wenig mit der Realität, aber viel mit seinen Halluzinationen zu tun. Indem er den angeblichen Rassismus der Juden bekämpft und einen jeden Unterschied verneinenden Standpunkt vertritt, bedient er eine Nachfrage für Täter-Opfer Umkehr.

In seiner bemerkenswerten Schrift „Melange“ ging Theodor  W. Adorno bereits 1945 auf die Argumentation von Judt ein:

„Das geläufige Argument der Toleranz, alle Menschen, alle Rassen seien gleich, ist ein Bumerang. Es setzt sich der bequemen Widerlegung durch die Sinne aus, und noch die zwingendsten anthropologischen Beweise dafür, daß die Juden keine Rasse seien, werden im Falle des Pogroms kaum etwas daran ändern, daß die Totalitären ganz gut wissen, wen sie umbringen wollen und wen nicht.“

Und Adorno setzt hinzu: „Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. […] Attestiert man dem Neger, er sei genau wie der Weiße, während er es doch nicht ist, so tut man ihm insgeheim schon wieder Unrecht an. Man demütigt ihn freundschaftlich durch einen Maßstab, hinter dem er unter dem Druck der Systeme notwendig zurückbleiben muß, und dem zu genügen überdies ein fragwürdiges Verdienst wäre. Die Fürsprecher der unitarischen Toleranz sind denn auch stets geneigt, intolerant gegen jede Gruppe sich zu kehren, die sich nicht anpaßt: mit der sturen Begeisterung für die Neger verträgt sich die Entrüstung über jüdische Unmanieren.“

Wenn der Historiker Judt Rationalitätskriterien außer Kraft setzend behauptet, „die Grundvoraussetzung des Zionismus war, dass die Juden ein homogenes Volk bilden“, dann ignoriert er die wirkliche Grundvoraussetzung, den hauptsächlich in Europa seuchenartig sich ausbreitenden Antisemitismus. Er behauptet, den „ethno-nationalistischen Bewegungen in Zentral- und Osteuropa“ hätten, die Juden „ihre eigene, ethnisch definierte Exklusivität“ entgegensetzt. Was natürlich so nicht stimmt, die Juden Deutschlands, Österreichs und Ungarns wollten nur als Deutsche, Österreicher und Ungarn „mosaischen Glaubens“ gleichberechtigt mit anderen anerkannt werden. Es waren jedoch die aufkommenden antisemitischen Bewegungen, die gerade das nicht wollten, die insbesondere assimilierte Juden ablehnten und denen die getauften Juden besonders verhasst waren.

Und wenn schon der um sich greifende Antisemitismus Ende des 19. Jahrhunderts erwähnt wird, dann darf man auch nicht vergessen, in Frankreich, im klassischen Land der Judenemanzipation konnte Theodor Herzl am Beispiel von Hauptmann Dreyfuß erleben, wie ein total assimilierter Jude von der Offizierskaste zum Sündenbock gemacht wurde und wie ein antisemitischer Mob dies als Anlass zum Wüten nahm. Karl Kraus, der bereits vor 110 Jahren – wie Judt jetzt – den Juden vorwarf am Antisemitismus schuld zu sein, sah wie andere auch nur einen Ausweg, die Juden müssten verschwinden, denn mit der Assimilation allein war es auch nicht getan, denn „die Assimilation ohne physiologische Blutmischung [hat sich] als unzureichend erwiesen.“

Die Zionisten waren Realisten und sahen Juden nicht als „eine selbstdefinierte und herbeigedichtete Gemeinschaft“, sie haben ihre Verletzlichkeit als machtlose Objekte erkannt [auch wenn sie die Schoa nicht voraussehen konnten] und schufen einen Staat, der natürlich weit davon entfernt ist perfekt zu sein, der aber der einzige jüdische Staat auf Erden ist. Und weil das so ist, konnte sich der Antisemitismus nach Auschwitz wieder wandeln. Der Staat Israel wurde zum Sündenbock, und auch Judt trägt dazu bei.

Was soll man von einem Wissenschaftler sagen, der den jüdischen Israelis das „Jüdischsein“ vorwirft, und damit implizit die Hegemonie des „Arabischsein“ und „Muslimischsein“ der Region, in der sich Israel befindet, befürwortet. Würde er auch diese als „Ethno-Mythos“ in Frage stellen, könnte man ihm eine universalistische Motivation zubilligen. Doch dann könnte er nicht mehr die Rolle des „guten Juden“ spielen, der „autochthone“ Araber gegen „fremde“ Juden verteidigt und auch damit den Antisemiten vorgebliche Gründe für ihre Aggressionen liefert. Ohne jeglichen Beweis meint er feststellen zu müssen: „Israel behauptet heute aggressiver denn je, nicht nur für einen jüdischen Staat zu sprechen und zu handeln, sondern für alle Juden.“ Und schwups ist die lang ersehnte simple Erklärung da: „Das macht die Juden weltweit zu unfreiwilligen Komplizen der israelischen Politik. Kein Wunder, dass der Antisemitismus wieder wächst.“
Also – so Judt – sehen „junge Männer, die in europäischen Vororten leben und nordafrikanischer, nahöstlicher oder südasiatischer Herkunft sind […] im Fernsehen, wie Israelis im Israeli Gazastreifen die Palästinenser bombardieren.“

Mit rassistischer Überheblichkeit qualifiziert Judt diese jungen Muslime, denn um solche handelt es sich in der Regel, als geistig minderbemittelte oder als Menschen bar jeder Moral, wenn er ihnen unterstellt, sie könnten keinen Unterschied machen zwischen einem Juden, der in einem Pariser Vorort lebt und einem, der nicht gewillt ist, sich aus Gaza mit Raketen beschießen zu lassen. Hatten die klassischen Antisemiten für alle Missstände „den Juden“ schuldig gesprochen, so liefert Tony Judt den neuen Antisemiten, die nicht weniger mörderisch sind als ihre Vorgänger, eine Entschuldigung für ihre Missetaten: „Ohnmächtig und wütend identifizieren sie sich mit den Ländern oder dem Glauben ihrer Eltern.“ Ja dann ist es auch klar, weswegen gelegentlich ausgerechnet in Frankreich hunderte von Autos abgefackelt und Geschäfte geplündert werden.

Judt meint dazu: „Solch eine Wut kann nicht in Paris oder Amsterdam gezähmt werden.“ Was natürlich absurd, doch nicht überraschend ist. Heute ist der Spruch „Der Jud’ ist an allem schuld“ verpönt. Wer aber erklärt „Israel ist an allem schuld“, der kann mit Anerkennung rechnen, denn diese Schuldzuweisung wird ja von „Antizionisten“ als zulässige Kritik am jüdischen Staat hingestellt.

Judt begnügt sich nicht damit, das unentschuldbare zu entschuldigen und dem mörderischen Antisemitismus  einen Persilschein auszustellen, er gibt sich auch als Nahostsachverständiger: „Darauf zu beharren, „das Judentum“ mit einem kleinen geographischen Territorium in eins zu setzen, ist pervers und schadet sowohl Israel als auch den Juden. Es ist der Hauptgrund dafür, dass das Problem zwischen Israel und Palästina nicht gelöst werden kann.“

Judt halluziniert ein Mittel, um diesen Konflikt zu beenden: „Wenn amerikanische Juden damit aufhören würden, ihr Schicksal (und vielleicht ihr Schuldgefühl) mit Israel in Verbindung zu setzen und ihre Spenden für bessere Zwecke verwenden würden, dann könnte etwas Ähnliches (wie das Ende des nordirischen Bürgerkriegs) im Nahen Osten passieren.“ Als ob Israel von diesen Spenden abhängig wäre und als ob Israels arabische Nachbarn nur danach lechzen würden mit Israel in Frieden und Eintracht zu leben.

Natürlich existiert Israel nicht aufgrund einer Theorie, oder lediglich aufgrund seines jüdischen Charakters, aber Fakt ist, dass sich Israel schon anlässlich seiner Gründung wehren musste gegen die Aggression seiner Nachbarn. Und man kann sich ausrechnen, was mit den Juden Israels passieren würde, wenn sie sich nicht mehr verteidigen könnten. Man muss sich nur anschauen, wie im Nahen Osten nationale, ethnische und religiöse Minderheiten behandelt werden, gegen die keine jahrzehntelange Hasskampagnen geführt wurden, um zu wissen, was schutzlose Juden in diesem Fall zu erwarten hätten. Doch gerade das ist wovon Judt träumt, dass Israel von seinem mächtigen Verbündeten in Stich gelassen wird: „Vielleicht wird irgendwann sogar Washington erkennen, wie sinnlos es ist, die amerikanische Außenpolitik und das eigene internationale Prestige an den Wahn eines kleinen nahöstlichen Ethno-Staats zu binden.“ Vom Olymp der New Yorker Akademie herabblickend nimmt dieser gelernte Historiker dabei nicht wahr, dass große Staaten sich bei ihrer Bündnispolitik eher um ihre Interessen als um den Spleen einiger „antizionistischer“ Akademiker kümmern.

Judt gibt auch gequirlten Unsinn von sich: „Stellen Sie sich vor, eine Gruppe Tiroler Ärzte und Rechtsanwälte würde mit dem Schiff nach Südengland übersetzen und verkünden, dass sie gekommen seien, um das Land ihrer sächsischen Vorfahren zu bestellen.“

Die Sachsen wurden nicht aus England vertrieben, sondern eroberten England und machten die Urbevölkerung zu Untertanen. Und was immer man über Tiroler Ärzte und Rechtsanwälte sagen kann, sie beten nicht paar Mal am Tag, damit sie Gott zurückführt nach Südengland. Immerhin bildeten Juden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die Mehrheit der Jerusalemer Bevölkerung. Und wie immer man das an der New York University betrachtet, die Verbindung der Juden zum Heiligen Land war eine andere, als die der Tiroler zu Südengland.

Er wiederholt unverschämt die verlogene antisemitische arabische Propaganda von den fremden Juden, die eigentlich nichts im Heiligen Land zu suchen hätten und fragt sich naiv stellend: „Warum unbedingt an einem so streitsüchtigen Ort (sic!) sein wie Kanaan? Wieso nicht Kanada?
Judt macht auch für die Holocaustleugnung des iranischen Präsidenten, die andere Antizionisten regelmäßig mit Übersetzungsfehlern zu kaschieren versuchen, Israel verantwortlich: „Wenn Israels beste Verteidigung Auschwitz ist, dann braucht man nur noch zu sagen, es habe den Holocaust nie gegeben.“

Judt unterschiebt auch, dass Ahmadinedschads antisemitische Rundumschläge „aus einer israelischen Perspektive“  geradezu „bestätigend“ wirken und daher „vielleicht nicht ganz unwillkommen“ sind.

Was früher die Taufe war, scheint heute der „Antizionismus“ gewisser jüdischer Akademiker zu sein. Mit doppelter Ergebenheit und beflissenem Aufwand dürfen sie das Urteil über andere Juden zur Freude der Antisemiten, die keine sein wollen, bestätigen. Sie wollen – behaupten sie –  ja nur Israel kritisieren, als ob man dazu besonders couragiert sein müsste. Der „Antizionismus“ wird so zur Eintrittsbillet in gewisse akademische Kreise.

Wie immer, Tony Judt gelang es all die abgestandenen und durch die Praxis widerlegten vorgestanzten, antizionistischen, stereotypen Formeln – von der jüdischen Lobby in den USA und bis zum angeblichen Rassismus Israels  – mit Brachialgewalt zu benützen, als ob er Propagandist einer islamistischen Bewegung wäre, er hat sich damit sein Eintrittsbillet erworben.