Jüdisches Leben, jüdisches Glück

David Heimann (geb. 1864), 1934: Tagebuch über meine Reise nach Erez Israel…

Erez Israel!

Seit 3 Uhr auf, 4 Uhr an Deck. Um 5 Uhr sehen wir die syrische Küste. Gegen 5 ¾ Uhr erscheinen die ersten Konturen von Erez Israel. Inzwischen haben sich sämtliche Fahrgäste auf Deck eingefunden. Welche Aufregung! Freude auf allen Gesichtern! Fieber!  Um 6 Uhr geht die blau-weisse Zionsflagge auf der „Vulkania“ in die Höhe und wir fahren langsam in die Haifa-Bucht und in den Hafen ein. Freudenschreie, Zittern, Weinen! Man könnte schreien und weinen. Das Land unserer Väter! Heiliges Land! Was man fühlt lässt sich nicht beschreiben.  Blaues Meer, Blauer Himmel, in den Farben am Horizont in einander aufgehend. Ringsum die Stadt am Fusse des Karmel. Weiterhin gelbe Sanddüne. Oben die Karmel-Höhe. Jüdische Geschichte.

Nach sehr gründlicher Pass- und Zollbehandlung, wobei viele jüdische Beamte tätig sind, Fahrt ins Hotel Wollstein auf dem Har Hakarmel. Auf der Durchfahrt durch Haifa sehe ich viele Neubauten, überall wird gebaut. Vorbei an Landhäusern, an schönen gepflegten Gärten. Auf dem Karmel Pinien, Oelbäume, Eukalyptus. Am Hafen und Bahnhof orientalisches Getümmel. Ich höre hebräisch sprechen, heilige Sprache, Musik in den Ohren. Man fühlt sich gehoben und froh.

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Bilder aus Haifa in David Heimanns Reisetagebuch

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9.5.34.

Fahrt durch Haifa und zum Har Hakarmel und Hadar Hakarmel. Ueberall wird gebaut. Oben auf dem Har Hakarmel der einzige Pinienwald in Erez Israel. Wir fahren an der deutschen Templer-Siedlung vorbei nach Bath Galim – Wellentochter — , neue jüdische Siedlung, vorbei an englischen Militärbaracken. Hoch oben erscheint das Karmeliter-Kloster und der Leuchtturm. Bath Galim ist als Bad ausgebaut. Höchste Höhe 5oo Meter. Am Fusse des Karmel Beth Olim, Emigrantenheim. Jüdische Kinder, 4 – 5 Jahre alt, kommen zu nahe an unser Auto. Eines ruft: „Alexander, Chamor!“   Heimische Laute. Unser Führer heisst Jehudai, unser Chauffeur Schimon, letzterer bei Tel Awiw geboren, 1916 als Vierzehnjähriger von den Deutschen als Dolmetscher gebraucht. Wir fahren an Athim, Festung und Hafen des Altertums vorbei. Römer, Türken und Kreuzfahrer sassen hier. Unweit davon Ruinen von Cäsarea. Die Fahrt geht durch arabische Felder, Gerste, Zwiebeln, Mais; wogegen die parallel laufenden Karmelberge in jüdischem Besitz sind. Später ist es umgekehrt: Berge arabisch, Täler jüdisch. Wir fahren an den Steinbrüchen vorbei, aus denen das Material für den Bau des Haifa-Hafens herrührt. Rechts von uns Bahnstrecke Haifa-Tel Awiw. In gleicher Linie das Meer, himmelblau, teils smaragdgrün, glatter Spiegel. Atlith, Siedlung von Ostjuden, 35 Jahre alt, ca. 480 Seelen. Wein Mais, Gerste, Sesamfelder. Danach einige arabische Dörfer und Aecker. Tanturia, arabisches Dorf. Hoch oben am anderen Karmel-Abhang jüdische Kolonie Schweja, 300 Seelen.   Wir passieren jüdische Siedlung  Schlomo, 300 Seelen. Ueberall Weingärten mit Mimosenhecken, kilometerlang, Oelbäume, Eukalyptusbäume.  Wir erreichen das hoch gelegen Sichron Jakob, ca. 1400 Seelen, 1882 von Rothschild gegründet, eine der ältesten Siedlungen, arbeitet mit arabischen Kräften. An riesigen Weinpflanzungen, Oelbaum-Anlagen, riesigen Kakteen vorbei in den Ort, wobei wir Weinkeller und Keltereien passieren. Kleine Häuser, Blumen davor; Wasser wird aus dem Tal aus Brunnen gepumpt. Bei unserer Einfahrt läuft das Volk zusammen. Polizei Station aus Arabern, Juden und Engländer. Auf der Strasse Juden, Araber, Esel, Maultiere, Kamele. Synagoge schöner massiver Bau, auf dem Dache grosse Menorah, welche zu Chanuka mit grossen elektrischen Leuchtkörpern die Strasse erhellt. Schöner Almemor und Oraun Hakaudesch. Der Lehrer unterrichtet gerade in der Synagoge. Der jüdische Friedhof 54 Jahre alt, von rumänischen Juden angelegt. Der Einzige aus dieser Generation als letzter zeigt mir den Friedhof. An der jüdischen Siedlung  Givad Ada fahren wir vorbei, ebenso an   Benjamina mit 600 Seelen, weil die Wege zu dieser Zeit so sandig sind, dass man mit Auto stecken bleibt. Aber wir sehen Weinfelder, Getreide, Oelbäume, junge Orangen. Die Ernte von Gerste und Heu ist in vollem Gange. Weingärten soweit das Auge reicht. Imkerei.

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Bilder aus Sichron Jakob in David Heimanns Reisetagebuch

Wir haben die Karmel-Berge verlassen und befinden uns in den Samaria-Bergen – Stamm Ephraim – und erreichen nach recht schlechtem Wege die grossere Siedlung Kerkur, viele deutsche Juden, 900 – 1000 Seelen. Massive, neue schmucke Häuser, alle mit Vorgärten und Blumenpracht. Der ganze Ort lacht uns entgegen. Chaluzim und Chaluzoth auf den Strassen, frische gebräunte Menschen, teils auf Ackerwagen, teils zu Pferde. Orangen- und Weingärten. Es wird weiter gebaut. 300 deutsche Familien werden hier noch angesiedelt. Kleine massive Synagoge. Pardess Chanaa, deutsche Siedlung, propper, schöne massive Häuser mit Blumengärten. Wein- und Orangen-Pflanzungen soweit das Auge reicht. Unerhörter Eindruck von jüdischer Arbeit. Wir sehen freie, frohe Menschen, gebräunt, gesunde Kinder. An der neuen deutschen Siedlung Gan Schmuel , einer Kwuzah, fahren wir vorbei, ebenso an der Siedlung  Tel Zwi – Brünn -. Sehr gross, blühend, riesige Orangen-Pflanzungen, Privatbesitz. Fortwährend begegnen wir Beduinenstämmen mit Kamelen, Ziegen, Schafen und Rinderherden, Zelte, Weiber, Kinder, und  erreichen eine der grössten jüdischen Siedlungen, Chederah, ca. 5000 Seelen. Bei der Einfahrt in den Ort am Bahnhof Zementplatten- und Rohrfabrik. 2-3Meter hohe Kakteenzäune. In den Strassen der Juden massive Häuser, es wird fieberhaft gebaut. Eigenartig wirkt es, Schuhmacher, Schneider, Schlosser, Bauhandwerker, Maurer, Zimmerleute, alles jüdische Menschen. Frauen, Mädchen, Kinder, gesund aussehend, frei und froh. Viele Kinder. Alles wirkt direkt betäubend, macht aber stolz. Durch Juden geschaffen. Siedlung 1891 begründet, als noch die Sümpfe durch Eukalyptusbäume und Drainierungen ausgetrocknet werden mussten, wobei zahlreiche junge Männer der Malaria zum Opfer fielen. Chederah besitzt 60.000 Dunam Boden. Massive Bauten, Wohlhabenheit, Blüte, Wein, Orangen, Getreide, gemischte Wirtschaft. Viele deutsche Siedler. Dieses Gebiet heisst Schomrom. Chederah liegt in der Mitte zwischen Haifa und Tel Awiw. Synagoge primitiver Bau ohne Stockwerk, 22 m lang, mit breiter, ebenso langer Veranda, Frauenabteil durch Gitter und Vorhang getrennt, liegt neben einem Eukalyptuswäldchen. Anscheinend geht man nicht allzu viel in Schul, denn diese hat nur für ca. 50 Personen Platz. Dagegen sehen wir Arbeiterheim und grosses Kino. Die Kinder gehen gerade zu einer Kinovorstellung. Ein kleiner Junge reitet dahin auf einem ungesattelten Eselchen, eine Gerte in der Hand. Ich sehe gesunde, frohe Menschen, Frauen, Mädchen und besonders die Kinder, unsere Zukunft.

Jüdisches Leben, jüdisches Glück. Gesunde Kinder wachsen heran. Mein Herz lacht. Ich sehe jüdische Polizisten, junge Schomrim zu Pferde dahin sprengen. Die heute zurückgelegten Wege sind die schlechtesten im Lande. Die Engländer lehnen eine Verbesserung der Wege ab, da sie eine Konkurrenz für die Bahnstrecke nach Tel Awiw befürchten. Aber mit der fortschreitenden Besiedlung wird die Verbesserung der Wege im Verkehrsinteresse erzwungen werden. Es sind verschiedene neue Wasserstellen gefunden worden, sodass eine Verbesserung der Bewässerung erfolgen kann.

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David Heimann, geboren am 12. März 1864 in Festenberg, Kreis Groß Wartenberg in Schlesien, war ein erfolgreicher Kaufmann für Lederwaren. Sein Geschäft eröffnete er zunächst in Pommern, wo er seine erste Frau Clara, geb. Amfeld ehelichte. Das Paar hatte drei Kinder: Theodor (geb. 1891), Thekla ( geb. 1895) und Else (geb. 1899). Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Oslo zog David Heimann 1904 mit seiner Familie nach Berlin, wo er sich in der jüdischen Gemeinde engagierte und eine Ausweitung des Synagogenbezirkes bis nach Oranienburg erwirkte. David Heimann war Vorsitzender der Synagogengemeinde sowie Kuratoriumsmitglied des Jugend-, Mädchen- und Altersheimes in Berlin-Hermsdorf. Nach dem Tod seiner Frau Clara 1924, heiratete er deren verwitwete Schwester Rosa.

David Heimann musste sein Haus Ende 1940 weit unter Wert verkaufen, nach damaliger Schreibweise “Entjudung”, und mit den noch verbliebenen Angehörigen in das s.g. Judenhaus nach Berlin-Hermsdorf umziehen. Seinen Kindern Thekla und Theodor konnte David Heimann die Ausreise nach England und die USA ermöglichen. David Heimanns eigener Versuch, nach Palästina auszuwandern, scheiterte. Das Palästina-Amt Berlin schrieb ihm: “Bei der Bearbeitung Ihres Fragebogens stellen wir fest, dass Sie bereits 75 Jahre alt sind. Da erfahrungsgemäss die Strapazen einer derartigenReise sehr gross sind, können wir es nicht verantworten, Menchen ihres Alters auf diesem Wege zur Alijah zu bringen.”

Rosa Heimann starb am 1. Januar 1942. David Heimann wurde 11. September verhaftet und drei Tage später mit dem 62. Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Am 29. September 1942 wurde er weiter in Richtung Osten transportiert und galt als verschollen. David Heimann wurde vermutlich im KZ Minsk ermordet.

Im folgenden dokumentieren wir David Heimanns Tagebuch einer Reise nach Palästina im Jahr 1934.