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HaKadima, HaOlam, Hawasnoch?

Nun ist sie knapp 100 Tage online, die neue „deutsch-israelische Website HaOlam“ – und ich finde, es ist Zeit für eine erste Bilanz…

von Ramona Ambs

„HaOlam“ – der Name erinnert so manchen an die alte linke israelische Zeitung „haOlam haze“ von Uri Avnery. Damit hat sie allerdings nicht das Geringste zu tun. „HaOlam“ erscheint in Kooperation mit „HaKadima“ – dem neuen „pro-aktiven“ (Nein, mit Yoghurt hat es auch nichts zu tun, obwohl dem Verein einige actiregularis Kulturen nicht schaden würden) Bildungsverein des Nazi-Aussteigers Jörg Fischer-Aharon. Dieser Verein, der einige Naziausteiger beherbergt, sieht „die Notwendigkeit, in der Bildungsarbeit neue Impulse einzubringen. Extremistische und fundamentalistische Ideologien“ zu bekämpfen. Daher bietet HaKadima „verschiedene Projekte an, bei denen es beispielsweise um die interkulturelle Zusammenarbeit von Israelis und Deutschen geht, gemeinsame Einrichtungen, kulturelle und aufklärende Veranstaltungen, Workshops und weiteres.“

Warum ausgerechnet Israelis nun für die Antirassismusarbeit herhalten sollen, wird nicht verraten, scheinen sie doch – so suggeriert der Name des Vereins – Hauptzielgruppe zu sein. Oder warum sonst wählt man diesen (pseudo-) hebräischen Namen? Das gilt ebenso für das herausgebrachte „deutsch-israelische“ Onlinemagazin „HaOlam“.

Warum das jüdische Image?

Dass „HaKadima“ kein echtes hebräisches Wort ist und in etwa mit „Das Vorwärts“ übersetzt werden könnte, fällt nur Leuten auf, die hebräisch können. Eine „echte“ Bedeutung hat das Wort nicht – es klingt nur einfach sehr hebräisch. Ein wenig zeigt sich vielleicht auch die Vermessenheit der „Aufklärer in Sachen Israel“, ist doch „Kadima“ der Name der damaligen Regierungspartei, die Ariel Sharon zur Durchsetzung des Abzugs aus Gaza – und gegen den Widerstand Netanyahus –  gegründet hatte. Seltsam auch deshalb, weil Fischer-Aharon erklärter Bewunderer eben Netanyahus ist.

Ich frage mich also, weshalb die Herren Fischer et al. sich so sehr um ein israelisches Image bemühen, obwohl man noch nie im Lande war und von israelischen Verhältnissen auch sonst wenig Ahnung hat. Genauso könnte man fragen, weshalb man hebräische Namen verwendet, obwohl man kein Wort hebräisch spricht. Oder meint man, man könne die fehlende Kompetenz durch in aktuellen Interviews gerne eingestreute Hinweise auf einen neuentdeckten jüdischen Großvater ausgleichen? Wie dem auch sei, der „deutsch-israelische“ Verein beheimatet zwar mehrere Naziaussteiger, hat aber keinen Israeli im Vorstand.

Fischer-Aharon war ja bisher vor allem als Ex-Nazi und Ex-Linker bekannt – da scheint der Schritt zur Herausgabe eines deutsch-israelischen Magazins nahezuliegen, denn wer früher Juden hasste und sie jetzt (ganz doll) lieb hat, kann ihnen ja mal zeigen, wo’s lang zu gehen hat, und wie man ein Onlinemagazin in diesem Themenbereich richtig führt.

Dazu passt auch, dass man bereits fleißig dabei ist, Gelder einzusammeln. Oder wie sonst interpretiert man die Aussage des Herausgebers, dass man „bereits in Kontakt mit Stiftungen und auch staatlichen Stellen im Bereich der Bildungs-, Jugend- und Sozialarbeit.“ steht?

Bei der Kompetenz der diese Gelder vergebenden Stellen könnten diese Kontakte durchaus ertragreich sein. Fast könnte man auf den Gedanken kommen, dass es sich bei solchen „Pro-Aktivitäten“ um eine neue subtile Form von „Arisierung“ handelt: Man gibt sich ein jüdisches Image und räumt Gelder ab, die eigentlich auch jüdische Initiativen nutzen könnten. Und mit diesen Geldern finanziert man dann Treffen, wo man Israelis über Rassismus aufklärt, …das klingt prima und macht bestimmt viel Spaß!

Aber das ist nicht der größte Schaden, den das Portal „HaOlam“ anrichtet. Wirklich übel nehme ich den Leuten, dass sie ein Judenbild verbreiten, das wirklich alle Klischees und Ressentiments virtuos bedient. Im bekanntermaßen breiten Spektrum jüdischer und israelischer Ansichten kommt nur das „rechte“ Spektrum zum Ausdruck.

Das zerstört die Arbeit jener Projekte, die darum bemüht sind, die Vielfältigkeit jüdischen Lebens abzubilden und politische Entwicklungen im Spektrum der demokratischen Auseinandersetzung einzuordnen und nachvollziehbar zu machen.

Bei HaOlam findet sich nämlich, unter den verschiedenen Rubriken, wie Inland, Israel, Europa, Kultur, Lifestyle oder auch Wirtschaft die Rubrik „Jüdisches Leben“. Darin finden sich neben wenigen sehr subjektiven Blogbeiträgen (für wen soll das interessant sein?) nahezu ausschließlich Texte aus dem ultra-orthodoxen Bereich, wie Chabad Lubawitsch zum jeweiligen Wochenabschnitt. Offenbar ist das alles, was das Redaktionsteam an „jüdischem Leben“ in Deutschland entdecken wollte oder konnte. Dass es auch Juden außerhalb von Chabad gibt und dass jüdisches Leben viel mehr ist als jüdische Religion, hat sich wohl noch nicht rumgesprochen. Gefährlich daran ist allerdings, dass die Rubriküberschrift „Jüdisches Leben“ suggeriert, die abgedruckten Texte würden tatsächlich jüdisches Leben abbilden. Dabei stolpert man dann über Texte wie diesen, in denen ein Breslower Chassid alle verteufelt, die es wagen, Verhütungsmittel zu benutzen: „Ich erklärte ihnen weiter, das Verhindern einer Schwangerschaft bedeutet, sie haben sich sozusagen eigenhändig alle Tore der Barmherzigkeit Gottes verschlossen… Der Großteil aller Menschen rund um den Globus ist sich schlicht und ergreifend nicht dessen bewusst, das Gott bei dieser Sache keinen Spaß versteht! ER duldet dabei keine Form einer Schwangerschaftsverhinderung, geschweige denn einer Abtreibung…“

Ob solche Texte dazu beitragen, die deutsch-israelischen Beziehungen zu verbessern, darf bezweifelt werden. Es könnte bei unbedarften Lesern vielleicht sogar der Eindruck entstehen, dass man in Israel keine Verhütungsmittel kaufen darf oder gar das Benutzen eines Kondoms unter Strafe steht. Es ist ein bißchen so, als würde man unter der Rubrik „Christliches Leben“ nur Material der Piusbruderschaft anbieten. Wie derartiges mit dem postulierten Ziel des Vereins „die antimodernistische Ablehnung unseres westlichen Wertesystems zu bekämpfen“ zusammengeht, müsste mir jemand erst genauer erklären.

Auch unter der Rubrik „Israel/Nahost“ sind echte Informationen zu Land und Leuten Mangelware. Innerisraelische Debatten und Themen fehlen völlig. Einer der letzten Artikel lautet beispielsweise vollständig (!):  „Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton scheint vernünftiger zu sein als Präsident Barack Obama. Sie rief Israel und die Fatah-Palästinenser auf, dass sie wieder an den Verhandlungstisch kommen sollten. Jedoch fordert sie von den Palästinensern, dass sie auf ihre eigene und Obamas Forderung, dass Israel den Wohnungsbau einfriert, verzichten.

Das ist natürlich sehr informativ und viel versprechend. Von der differenzierten Analyse und den ausführlichen Hintergrundinformationen ganz zu schweigen. Wenden wir uns also der nächsten Rubrik zu: dem „Inland“.

Hier sieht es allerdings nicht besser aus. Neben ein paar spärlichen dpa-Artikeln, vornehmlich zum Thema Islam(ismus), findet man vor allem Artikel zur Linkspartei. Dass der Herausgeber Mitglied dieser Partei war und sie verlassen hat, weil sie ihm nicht sozialistisch genug war, wird natürlich nirgends erwähnt. Dabei ist es nicht so lange her. Aber – schon klar – wär ja irgendwie unpassend!

Die anderen Rubriken sind teilweise leer, teilweise beinhalten sie Beiträge von empfohlenen Blogs, die ihrerseits wieder zu Seiten verlinken wie etwa den „Christen an der Seite Israels“, deren prophetisch angeordnetes Ziel es ist, alle Juden ins Heilige Land zurückzuführen. Das gefällt mir nicht, habe ich es mir hier in meiner „diasporaischen Wohnung“ doch gerade so gemütlich gemacht. Die Vorstellung, von wohlmeinenden, wild gewordenen Christen wider meinen Willen ins Heilige Land getragen zu werden, mißfällt mir deshalb sehr.

Natürlich gibt Fischer-Aharon sein Magazin nicht alleine heraus. Für die groß angekündigten „Wochentags-Specials“ bindet er mehrheitlich Material von außen ein und für seine Redaktion hat er sich zehn wackere Männer gesucht, die allerdings bisher wenig geschrieben haben. Damit liegt denn auch die Frauenquote der Redaktion bei null – aber das wird (ganz natürlich) durch die Einführung einer Jugendschutzbeauftragten für die eigene Seite voll ausgeglichen. Wovor die Jugendschutzbeauftragte die Jugend dort genau beschützen soll, bleibt unklar. Die Fotos von am Galgen baumelnden Menschen hat sie jedenfalls nicht verhindert. Aber immerhin hat hier jemand einen wohlklingenden Titel erhalten. Und dass der freie Mitarbeiter Daniel Haw auch Aushängeschild der neu-rechten Netzzeitung PI ist, stört bei HaOlam niemanden. Schließlich hat man sich ja sorgsam von allen Querverbindungen distanziert.

Bleibt die Frage: wozu das alles?

Geht es um die Fördergelder? Oder um die Selbstdarstellung eines Ex-Nazis ? Ist es einfach schick, „jüdisch“ zu sein? Wie auch immer, es bleibt die Hoffnung, dass Jörg Fischer-Aharon sich treu bleibt – und auch hier bald wieder aussteigt.