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Ein Hetzer ohne Ahnung

Die „Außenansicht“ eines vermeintlichen Insiders beim Thema Antisemitismus, in der Süddeutschen Zeitung von Wolfgang Benz veröffentlicht, entpuppt sich bei genauem Hinschauen als eine ungeheuerliche, geradezu antisemitische Hetze…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 16. Januar 2010

Hätte Benz sich darauf beschränkt, einen offenbar angeborenen Fremdenhass gegen Juden mit Fremdenhass gegen Türken und andere „Ausländer“ zu analysieren, hätte man mögliche Parallelen vielleicht durchgehen lassen können. Dem „Juden raus“ folgte in den sechziger Jahren das „Türken raus“. Xenophobie ist ein weltweit verbreitetes Phänomen, kulturübergreifend und in jedem Fall gefährlich.

Doch der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin geht weit über dieses von ihm nicht einmal erwähnte Phänomen hinaus. Benz sollte bekannt sein, dass der Antisemitismus, der Hass auf Juden, nicht erst von dem „renommierten deutschen Historiker und populären Publizisten“ Heinrich von Treitschke (1834 – 1896) erfunden worden ist. Auch die notorische Hassschrift des zaristischen Geheimdienstes, die „Protokolle der Weisen von Zion“, stehen nicht am Anfang einer „Überfremdungsangst“, sondern eher am Ende einer Entwicklung, die wenig später zu Auschwitz führte. Benz scheint weder Martin Luthers Spätschrift „Von den Lügen der Jüden“ zu kennen, noch die antijüdische Hetze der Kirchenväter des vierten Jahrhunderts, als die Juden zu „Gottesmördern“ erklärt wurden. Er scheint weder von den mittelalterlichen „Brunnenvergiftern“ noch von den Blutlegenden gehört zu haben, die immer wieder zu grausamen Judenverfolgungen geführt haben, nicht nur der Kreuzfahrer, sondern auch der Spanier während der Inquisition. In all diesen Perioden waren die Juden bestenfalls eine geduldete Minderheit. Sie mussten sich „Schutzbriefe“ mit viel Geld erkaufen, um in engen Ghettos ihr Leben zu fristen. Gleichzeitig waren Juden mit einem „Berufsverbot“ belegt, bis hinein in die Neuzeit. Da Juden kein Land besitzen und Bauern sein durften, waren sie gezwungen, sich intellektuell zu betätigen oder Handel zu treiben. Daraus wurde dann das Gespenst der vermeintlichen „Überfremdung“ in Deutschland, weil eben Heinrich Heine die schönsten Gedichte schrieb, Karl Marx die umfassendste Gesellschaftskritik, Franz Kafka die schönsten Romane und Kurt Tucholsky die bissigsten politischen Kommentare. Was heißt hier „Überfremdung“? Selbst die Nazis konnten die „Lorelei“ nicht verbieten. Urdeutscher könnte der Beitrag dieser Juden zur deutschen Kultur nicht gewesen sein.

„Millionen glauben an das Bild vom Juden als Inkarnation des Bösen in der Welt, welches die „Protokolle“ suggerieren“, schreibt da Benz und vergisst, dass die christlichen Kirchen seit fast 2000 Jahren die Juden zum Ahasver, zum Anti-Christen, zur „Inkarnation des Bösen“ gemacht haben. Nicht erst Treitschke „verlieh dem Antisemitismus Reputation und Schubkraft“. Eine Judeophobie gab es schon Jahrhunderte zuvor.

„Die unterschwellig bis grobschlächtig praktizierte Diffamierung der Muslime als Gruppe durch so genannte „Islamkritiker“ hat historische Parallelen“, behauptet Benz, doch derartige Parallelen gibt es nicht. Solange man in Deutschland fast nichts über den Islam wusste, wurde der Islam als eine späte, nicht weiter ernst zu nehmende Religionserfindung belächelt. Während sich das Christentum stets in einem vermeintlichen Konkurrenz- und Rechtfertigungskampf mit dem „von Gott auserwählten Volk“ zu befinden glaubte, war doch der Islam nur eine neuere „Sekte“, mit der sich der Vatikan oder die Theologen genauso wenig auseinander setzen mussten, wie mit Hare Krischna, den Mormonen oder gar den Buddhisten und Hinduisten. Allein mit den Juden hatte das christliche Abendland ein echtes Problem. Denn jeder noch auf zwei Beinen laufende Jude stellte die „Wahrheit“ des christlichen Glaubens und des „neuen Bundes“ Gottes in Frage. Wenn Juden nicht umgebracht wurden, so wurde halt alles getan, sie durch Mission, Zwangstaufe und seit der Aufklärung durch Emanzipation abzuschaffen. Sogar die sehr verspätete Anerkennung des Staates Israel durch den Vatikan hatte tiefe theologische Gründe, weil nicht sein durfte, dass sich das zur Verstreuung verdammte Volk in einem eigenen Staat und noch dazu im Heiligen Land sammelte.

Der „Islam“ als vermeintliches Hass-Objekt existiert erst seit wenigen Jahren. Als die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen, galten die Parolen „Türken raus“ nicht ihrem Glauben, sondern ihren fremden Sitten. Das war Fremdenhass pur.

Was Benz als „Islamkritik“ bezeichnet hat jüngere Ursachen, die absolut nichts mit „historischen Parallelen“ zu tun haben, wie Benz behauptet.

Blinde Hetze gegen den Islam ist genauso wenig zu rechtfertigen wie der Versuch, aus der „Religion des Friedens“ eine Gebrauchsanweisung für Kinderschänder, „Heilige Krieger“ oder Frauenunterdrücker zu machen. Darum geht es nicht. Zumal das Christentum den vermeintlichen „Rachegott“ der Juden erfunden hat, während man sich selbst für Anhänger des „Gottes der Nächstenliebe“ hielt. Niemandem, nicht einmal Luther, ist aufgefallen, dass Jesus den Spruch „Liebe deinen Nächsten“ lediglich zitierte, mit einem „wie geschrieben steht“. Weder Koran noch Neues Testament gab es damals, aus dem Jesus hätte zitieren können…

Der „Islam“ und die in Europa durchaus verbreitete Angst vor ihm gibt es erst seit zehn, zwanzig oder höchstens dreißig Jahren. Wahrscheinlich aber erst seit dem 11. September 2001. Bis dahin war der Islam gar kein Diskussionsthema.

Ein Jahr danach, im Dezember 2002, hatte der extremistische Scheich Jusuj Qardawi aus Qatar, heute bekannt als einer der einflussreichsten islamistischen Prediger, erklärt: „Nach Konstantinopel werden Rom und der Rest Europas folgen. Es gibt Zeichen, dass der Islam nach Europa als Eroberer zurückkehrt und triumphieren wird. Ich glaube, dieses Mal werden wir Europa erfolgreich erobern, nicht mit dem Schwert, sondern durch die Verbreitung islamischer Ideologie.“ Heute würde jede Nachrichtenagentur einen solchen Spruch als berichtenswert aufgreifen und die „Angst vor dem Islam“ zusätzlich schüren. Im Dezember 2002 beschied eine Redakteurin der Katholischen Nachrichtenagentur in Bonn: „Einen derartigen Schwachsinn verbreiten wir nicht.“ Wenn es damals, vor sieben Jahren schon die heutige Diskussion über Islam oder eben „Islamkritik“ gegeben hätte, wäre ein derartiger Spruch des in der islamischen Welt bekanntesten, aber in Deutschland noch völlig unbekannten islamischen Ideologen, nicht im Papierkorb gelandet.

„Nicht jeder Moslem ist ein Terrorist, aber (fast) jeder Terrorist ist ein Moslem.“ Dieses geflügelte Wort wird inzwischen den Sicherheitsleuten auf Flughäfen in aller Welt eingeschärft. Das Problem bei diesem vermeintlich diskriminierenden Spruch sind nicht jene Terroristen, die mit einem „Allah uakbar“ auf den Lippen in New York, London, Madrid, in Israel, Libanon, Pakistan, Irak und Indien, in Tschetschenien, in der Türkei und in Ägypten als Selbstmordattentäter Massenmorde begehen. Das Problem ist vielmehr „der“ Islam. Islamische Geistliche schweigen nach besonders mörderischen Attentaten, die durchaus „im Namen der Religion“ verübt wurden. Andere bieten Rechtfertigungen, oder finden Verschwörungstheorien. „Die vermeintlichen Attentäter vom 11. September 2001 besaßen doch gar keine Flugzeuge“, sagte mir der damalige Jerusalemer Mufti, Ekrem el Sabri, just an dem Tag, an dem in Bagdad die Amerikaner Saddam Hussein vom Sockel stürzten, am 9. April 2003. Deshalb hätten der CIA oder der Mossad das World Trade Center zum Einsturz gebracht, behauptete der Mufti.

Im Januar 2002, nach Selbstmordattentaten in Israel und dem 11. September kam es zum ersten „dramatischen“ interreligiösen Gipfel in Kairo, an dem sich der anglikanische Erzbischof von Canterbury und führende Rabbiner aus Israel beteiligten. Erstmals wurde in der sogenannten „Alexandria Deklaration“ Massenmord im Namen Gottes scharf und eindeutig als Sünde verurteilt. Die Repräsentanten des Islam waren dabei der Großscheich von Al Azahr in Kairo, Scheich Mohammed Sayed Tantawi, die höchste Autorität des sunnitischen Islam, und Sheikh Taisir Tamimi, Oberrichter der Scharia Gerichte der palästinensischen Autonomiebehörde. Tamimi wurde zu einer Berühmtheit, weil er entgegen dem Protokoll beim Besuch von Papst Johannes Paul II sowie beim Besuch von Papst Benedikt XVI im Heiligen Land die Gelegenheit nutzte, mit hasstriefenden Hetzreden zur Zerstörung des jüdischen Staates aufzurufen. Scheich Tantawi hatte schon einen Tag nach der Unterzeichnung der Erklärung von Alexandrien eine Fatwa (Richtspruch) veröffentlicht, in der er ausdrücklich Selbstmordattentate gegen Aggressoren und Besatzer befürwortete.

Benz verkennt, dass der Islam eine Massenreligion mit Milliarden Anhängern in zwei Dutzend Staaten mit den größten Ölvorkommen der Welt, riesigen Armeen und durchaus antiwestlichen Ideologien ist. In Pakistan war schon die Rede von der „islamischen Bombe“, als Pakistan Atommacht wurde. Irans Rhetorik gegen den Westen mitsamt seinem Streben nach der Bombe werden nicht mit pragmatischem Machtstreben gerechtfertigt, sondern mit islamisch-theologischen Vorstellungen vom Mahdi (Messias) und einem apokalyptischen Endzeitkrieg.

Möge Benz in der langen Geschichte des zahlenmäßig bis heute winzigen jüdischen Volkes (nur 13 Millionen Menschen weltweit), bis 1948 überall nur eine Minderheit, eine historische Parallele zu der vermeintlichen, empfundenen oder tatsächlichen Bedrohung der Welt finden, wie sie heute teilweise islamischen Ländern ausgeht. Niemals und nirgendwo, gewiss nicht in Deutschland, stellten die Juden jemals eine akute Gefahr für den physischen Bestand des deutschen Volkes dar. Bis zur Gründung Israels gab es weder eine jüdische Armee noch eine jüdische Atombombe. 1973 jedoch war die arabische Welt fähig, die gesamte Welt mit einem Ölboykott unter Druck zu setzen, damals allerdings noch nicht mit islamischen Argumenten.

Ungeachtet der Frage, ob die Angst der Deutschen vor „den“ Moslems gerechtfertigt, übertrieben oder nur eine Phobie ist, kann selbst Benz nicht wegdiskutieren, dass die islamisch/arabische Welt mit automatischen Mehrheiten in der UNO, mit seinen Geldreserven, dem Öl und nicht zuletzt mit militärischen Mitteln dem Westen und nicht nur Israel oder den USA die Stirn bietet. Das ist ein Phänomen, das niemals und nirgendwo von den Juden ausging. Selbst das antisemitische Argument einer vermeintlichen „jüdischen Weltherrschaft“ lässt sich nicht vergleichen mit der tatsächlichen oder vermuteten Gefahr, die heute von einigen islamischen Staaten ausgeht oder ausgehen könnte, falls etwa El Qaeda Zugriff auf die pakistanische Atombombe erhalten sollte oder Ägypten an die Moslembrüder fallen sollte. El Qaeda im Jemen, die Hisbollah im Libanon und die Hamas in den Palästinensergebieten liefern jetzt schon beängstigende Beispiele für mögliche Entwicklungen auch in anderen Teilen der arabisch/islamischen Welt, vom Mullah-Regime im Iran ganz zu schweigen.

Das alles hat nichts oder nur wenig mit dem Koran oder der Religion des Islam zu tun. In jüdischen wie christlichen Heiligen Schriften kann man genauso schlimme Sprüche finden, die Extremisten anfeuern könnten.

Die von Benz monierte „Islamkritik“ ist vielmehr eine reale Angst wegen einem politischen Machtstreben, das heute schon mit einem schleichenden Weltkrieg verglichen werden kann, wenn man die Irak-Kriege, den 11. September, Terroranschläge weltweit, den Nato-Einsatz gegen die Taliban in Afghanistan, Militäroperationen in Somalia, den Einsatz der Bundesmarine gegen Piraten am Horn von Afrika oder vor der Küste des Libanon in einem Gesamt-Zusammenhang betrachtet. Das sind keineswegs nur „Gerüchte, Unterbewusstes, Hörensagen, literarische und volkstümliche Überlieferung“ die sich zu „Tatsachen“ erheben, und nur vom Glauben leben, wie Benz zum Antisemitismus schreibt.

Abschließend noch ein Kommentar zu folgendem Satz von Benz: „Der Berliner Antisemitismusstreit war vor allem eine Identitätsdebatte, eine Auseinandersetzung darüber, was es nach der Emanzipation der Juden bedeuten sollte, Deutscher zu sein und deutscher Jude zu sein.“ Benz „erklärt“ hier, was der von Treitschke ausgelöste „Antisemitismusstreit“ bedeutet. Doch Benz impliziert hier als Realität eine Epoche „nach der Emanzipation der Juden“.

Mit „Emanzipation“ ist letztlich gemeint, dass die Juden ihre Identität aufgeben und sich in die deutsche (arische) Gesellschaft voll integrieren. Genau das wollten Antisemiten wie Treitschke wegen der „Rassenreinheit“ um jeden Preis verhindern. Treitschkes Schüler, die Nazis, zogen daraus die logische Konsequenz. Jeder weitere Kommentar erübrigt sich an dieser Stelle.

Es ist ungeheuerlich, dass der wohl angesehenste Antisemitismusforscher Deutschlands an dieser Stelle nicht darauf hinweist, dass jener „Antisemitismusstreit“ in gerader Linie den Weg zum ideologisch motivierten Massenmord an sechs Millionen Menschen, dem Holocaust, ebnete. Benz musste das unterlassen, weil sonst sein Vergleich des Antisemitismus mit der „Islamkritik“ keinen Bestand mehr gehabt hätte.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com

Antisemitismus und Islamophobie