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Feminism. und Antisemitism. (3.Teil): Feministische Politik als Wegbereiter struktureller Gewalt

Weil Söhne nur durch Kontaktverbot mit den Vätern vor der Übernahme menschheitsgefährdender Männlichkeit gefeit werden könnten, setzten Feministen sich auch über Erkenntnisse der Strukturanthropologie von Claude Lévi-Strauss 23 hinweg. Der hatte gezeigt, dass keine Kultur ohne rituellen Übergang zur väterlichen Welt auskommt…

Von Prof. Dr. Gerhard Amendt, in der Jahresschrift “Jüdisches Echo” (Wien, Vol. 57)

Alle Kulturen kennen solche rites de passage. Die Frage ist, ob das nach dem Modell der „kalten Kulturen, die wie Uhren mechanisch“, oder nach dem Modell der „heißen Kulturen, die thermodynamisch wie Dampfmaschinen“ verlaufen, vonstatten geht. Als kalte Kulturen bezeichnet Claude Lévi-Strauss jene, die Jungen in einem traumatisierend grausamen Ritual der Mutter entreißen.

Als deren Folge wird die Geschichte mit der Mutter der emotionalen Erinnerung des Sohnes entrissen. Anschliessend leben sie in der Welt der Männer mit starren Grenzen und ritualisierten Beziehungen zu Frauen. Sie sind nicht nur im Unbewussten, sondern auch im Bewussten von Angst und Hass auf das Weibliche geprägt.

Beziehungsmodelle mit verhandelbaren Beziehungen, wie wir sie heute kennen, schließt das aus. Deshalb basieren unsere Beziehungen auf „heißen Kulturen“. Alles ist verflüssigt. Eltern gestalten in widerspruchsvoller Gemeinsamkeit den Wechsel des Sohnes zum Vater.

Hier begrüssen Frauen je nach ihrer Familienkultur, ihrem Lebenssinn und ihren narzisstischen Bedürfnissen die Hinwendung des Sohnes zum Vater. Nicht nur, weil es sie entlastet und Elternschaft wie Paarbeziehung vertieft, sondern weil sie sich darüber freuen.
So wie sie gleichzeitig betrauern mögen, dass der Sohn ihnen nicht mehr alleine „gehört“, und Väter sich freuen, dass der Sohn sich ihnen zuwendet. Aber die Frauen können die narzisstische Idee, den Sohn alleine zu erziehen, im eigenen Interesse, dem der Kinder und der Partnerschaft aufgeben.

Wie Eltern den Übergang in heißen Kulturen gestalten können, war wesentlich in den erziehungspolitischen Debatten der 60er-Jahre. Der Verdammungsfeminismus wollte von weiblichen Machtsphären jedoch nichts wissen – nur von männlicher Allmacht.

Und schon gar nicht war er gewillt, die Beziehungen von Männern und Frauen als ein komplementäres Arrangement – „engendered power“ 24 – zu sehen, in dem jedes Geschlecht über eine eigene Herrschaftssphäre verfügt, die sowohl in einverständlicher wie konfliktreicher Abhängigkeit verteidigt wird. Die „totalisierenden Gesten des Feminismus“ 25 haben diesem auch die feinsinnige Beobachtung der Psychoanalytikerin Anna Freud versperrt, wonach „ein Teil der Motivation sich mit dem Vater zu identifizieren, von der Liebe und dem Respekt der Mutter für den Vater“[stammt]. 26

Die Forderung, den Sohn bis zur Pubertät unter dem ausschließlichen Einfluss der Mutter zu halten, 27 ist deshalb ein Plädoyer für die Rückkehr zum Ritus der „kalten Kultur“, die für Stammeskulturen typisch ist. Aus Hass und Enttäuschung über Männer wurde dabei übersehen, dass die primäre Bindung, je länger deren Auflösung hinausgezögert wird, umso gewalttätiger und enttäuschender für den Sohn ausfällt. Denn er muss dann schlagartig und traumatisierend vollbringen, was in heißen Kulturen allmählich über Jahre gestreckt sich vollzieht. Aus der „Traditionsvernichtung“ 28, dem Schreckenserlebnis des kalten Übergangs, gehen Hass und Beziehungsunfähigkeit hervor.

Was Feministinnen in narzisstischer Grenzenlosigkeit erstrebten, zeugte nicht nur von fehlender Empathie. Sie haben vielmehr die Traumatisierung der Jungen im Namen einer besseren Gesellschaftsperspektive durch Frauen als Preis akzeptiert.

Sie bringen hervor, was sie eigentlich bekämpfen wollten. Sie rufen jene Quellen der Gewalt ins Leben zurück, die der Kulturfortschritt zu „heißen Kulturen“ überwunden hat. Darin eine „Chance weiblicher Selbstbefreiung“ 29 oder der Menschheitserlösung 30 zu erblicken, übersieht die Bereitschaft, Gewalt hervorzubringen. Diese Visionen von einer „vorkulturellen Sphäre authentischer Weiblichkeit“ hat Judith Butler bereits kritisiert.

Der „Rückgriff auf eine ursprüngliche oder echte Weiblichkeit erweist sich als nostalgisches engstirniges Ideal, das die gegenwärtige Forderung zurückweist, die Geschlechtsidentität als eine vielschichtige kulturelle Konstruktion darzustellen“. 31

Am unverblümtesten wurde diese Sphäre aber von Margarete Mitscherlich beansprucht, als sie erklärte: „Die Zukunft ist weiblich, oder es gibt sie nicht“ 32 Dabei verband sie das Eschatologische mit einem Rückblick auf das „Patriarchat“. Ausdrücklich verknüpfte sie die feministische Heilserwartung mit einem Rückblick auf Antisemitismus und Nationalsozialismus.

1983, zwei Jahre vor dem ersten Kongress der International Psychoanalytical Association nach dem Holocaust in Deutschland, versuchte sie alle Frauen vom Antisemitismus freizusprechen, indem sie diesen als eine Männerkrankheit beschrieb. Sie erklärte, „dass es einen „männlichen“ Antisemitismus und einen „weiblichen“ Antisemitismus gibt bzw. dass der Antisemitismus der Frauen eher über die Anpassung (Hervorhebung von G. A.) an männliche Vorurteile zustande kommt, als dass er aus der geschlechtsspezifischen Entwicklung resultierte“.
Den weiblichen Opfermythos beschwörend, meint sie: „Unterwerfung und Anpassung bringen [Frauen] dazu, die Vorurteilskrankheiten der männlichen Gesellschaft zu teilen“. 33 Mitscherlich legt damit eine exkulpatorisch gedrechselte Vorstellung von Identifikation zugrunde.
Diese ist eben nicht nur Unterwerfung, sondern die gängigste Form, an der Macht der Machthaber sich zu beteiligen, selber Teil von deren Stärke zu sein, wie der überlegenen „arischen“ Rasse oder der nationalsozialistischen Bewegung anzugehören.
Das bindet Margarete Mitscherlich, ohne dass sie es ausdrücklich gesagt hätte, an die radikalfeministische These, dass die Lebensbedingungen von Frauen unter dem Patriarchat denen von Juden in Konzentrationslagern ähneln und Frauen die Juden im Geschlechterverhältnis seien. Wenn Frauen sich mit dem Antisemitismus identifizieren, so sei das allein dem Wunsch zu überleben geschuldet.
Weil das so sei, dürfe Frauen als vergleichbaren Opfern die Identifikation mit ihren patriarchalischen Angreifern in einer „vom Männerwahn besessenen Nazi- Zeit“ 34 nicht vorgeworfen werden. Da sie aber die Mitwirkung von Frauen nicht gänzlich verleugnen kann, macht sie geltend: „dass es eben die Gesetze und die Denkart einer Männerwelt waren, die von den Nazis auf ihren perversen Höhepunkt getrieben wurden. […]
Nur, ursprünglich geht Gewalt und Paranoia von Männern aus, und Frauen haben sich dem unterworfen“. 35 Frauen seien von Verantwortung für tätliche, mörderische, mitläuferische oder andere identifikatorische Beteiligungen am Nationalsozialismus deshalb freizusprechen.

Es gibt Hinweise, dass, über die ideologische Identifizierung mit den damaligen Frauengenerationen hinaus, sogar eine Identifizierung mit den Gewalttätigkeiten des nationalsozialistischen Systems stattfindet. Am nachdrücklichsten wurde das im Jahr 2004 in einem Beitrag für die Zeitschrift „Psychologie Heute“ 36 erkennbar.
Basierend auf einer Dissertation an der Freien Universität Berlin fordert Barbara Kiesling, dass es für bedrängte Frauen, die den Ehemann oder Partner als einen bedrohlichen Feind erleben, ein Recht zum präventiven Töten geben müsse, um sich von der unerträglich erlebten seelischen Belastung zu befreien. 37 Solches plädiert dafür, im Rechtsstaat das Tötungsverbot für Frauen ausser Kraft zu setzten.

Ein Sonderrecht zum präventiven Töten von „Feinden“ wird für sie gefordert, wenn sie diese als tötungswürdig erleben. Die gleichzeitige Stilisierung von Frauen zu eschatologischen Trägern einer reinen Zukunft und individueller Tötungen lässt ideologische Analogien im Denken, Fühlen und Handeln erkennen, wie wir sie in der Neuzeit vor allem aus der Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus kennen.

Unter den Auflösungsvarianten der 68er-Bewegung haben die Rote Armee Fraktion, einige Feminismusvarianten und kommunistische Gruppen stalinistischer wie chinesischer Provenienz die Geschichte ihrer nationalsozialistischen Eltern, als neue Befreiungsideologie drapiert, wiederauferstehen lassen. Die RAF als mordende Bürgerschickeria und Subkultur von Entgleisten konnte sich zeitweise der klammheimlichen Unterstützung der „Bewegung“ erfreuen, nicht anders als die totalitären K-Gruppen an einigen deutschen Universitäten.

Aber noch 50 Jahre nach Zerschlagung des Nationalsozialismus und der einsetzenden Historisierung des Terrors der RAF können Feministen 2004 unter tödlich schweigsamer Zustimmung der Allgemeinheit, der Parteien sowie der Leserschaft von „Psychologie Heute“ ein Sonderrecht für Frauen zum Töten nach eigenem Gutdünken fordern.

Es ist unübersehbar, dass die Geschichte des Nationalsozialismus von denen ansatzweise wiederholt wird, die in den 60er- und 70er-Jahren gegen dessen Verleugnung durch die eigenen Eltern angetreten waren. Möglicherweise haben lediglich die Befriedungen einer konsumorientierten Wohlstandsgesellschaft die Menschen davon abgehalten, diesen Ideologien der Umgestaltung abermals zu folgen. Am weitesten hat es jedoch der Feminismus gebracht.

Um die Verantwortung der Frauen für den Nationalsozialismus verleugnen zu können, hat er die Beziehungen von Männern und Frauen als Freund-Feind-Verhältnis erfolgreich festgelegt. Geblieben ist eine in die feinsten Poren der Gesellschaft eingedrungene Misandrie. 38

Wer sich dagegen wendet, kommt nicht umhin, zur Besinnung auf die verleugnete Geschichte der Frauengenerationen aufzurufen. Und weil diese Geschichtskomponente im deutschsprachigen Raum die Misandrie prägt, fällt es so schwer, eine Kultur der offenen Konfliktaustragung zwischen den Geschlechtern hervorzubringen.


Anmerkungen zu Teil 3: