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Großes Theater: Der erste Akt

Es war ein kalter Morgen. Fünfeinhalb Stunden warteten die Nachkommen derer, die in Sobibor umgebracht wurden, am Eingang zum Gericht. Sie wollten das Gesicht von John Demjanjuk sehen, vielleicht eines der letzten, der ihre Angehörigen vor ihrem Tod gesehen haben…

In M’ariw berichtet Nadav Eyal

Die Organisation war schlecht. Die deutschen Journalisten waren zurecht verärgert und protestierten bei den Sicherheitsleuten des Gerichts, sympathische Polizisten, jedoch ohne jede Eigeninitiative. Die Situation war zugleich lächerlich und empörend. Immerhin handelte es sich um einen historischen Tag.

Ein Holocaustüberlebender, ein 84-jähriger Mann, konnte nur darüber lächeltn: „Ich dachte immer, die Deutschen seien perfekt organisiert. So habe ich sie zumindest am eigenen Leib erlebt“, sagte er. „Ich freue mich richtig, dass sie heute weniger gut organisiert sind.“

Später wird sich niemand an die einleitenden Worte des Vorsitzenden der Kammer erinnern. Das einzige, was man in Erinnerung behalten wird, ist das Bild Demjanjuks. Als er auf einem Rollstuhl in den Gerichtsaal geschoben wurde, ging ein entsetztes Raunen durch den Saal. Sein Kopf lag auf der Lehne, so als könne er ihn nicht aufrecht halten, er deckte sich mit einer blauen Decke zu und sein Mund stand halb offen.
Ein britischer Journalist murmelte: „Das ist doch verrückt. Wie kann man so einen Mann vor Gericht stellen“.
Die deutschen Journalisten waren hingegen sehr entschlossen: „Er zieht doch nur eine Show ab.“

Nach dem ersten Teil der Verhandlung geschah etwas Interessantes. Der Richter hatte die Verhandlung für die Mittagspause geschlossen, der Saal leerte sich fast. Schade, denn wer blieb konnte sehen, wie Demjanjuk plötzlich munter wurde und seinen Kopf hob, seine Schirmmütze zurecht rückte und begann, auf seine Begleiter einzureden. Nein, er sieht nicht wie das blühende Leben aus, aber auch nicht wie ein bewusstloser alter Mann, der mit Gewalt zu einem Schauprozess gezwungen wird. Es war wie ein Wunder.

Draußen erzählte ich den anderen Journalisten, was ich gesehen hatte. Sie wollten mir nicht glauben. Ihr Unglaube verstärkte sich noch, als Demjanjuk zum zweiten Teil der Verhandlung sogar auf einer Bahre hereingerollt wurde.

Hans-Joachim Lutz, der Staatsanwalt im Demjanjuk-Prozess, wird wütend, wenn er das Argument hört, der Angeklagte, der der Beihilfe zur Ermordung von 27.900 Menschen beschuldigt wird, sei eigentlich ein Opfer gewesen. Über die Aussichten auf eine Verurteilung will er nicht sprechen: „Wir versuchen, gründliche Arbeit zu leisten, aber darüber wird das Gericht entscheiden.“

Alles sieht anders aus

Der Holocaustüberlebende und Autor Aron Appelfeld, meint, es könne sein,  dass dieser Prozess überflüssig sei. Trotzdem lehne er ihn nicht ab. Vergleichbar mit dem früheren Prozess in Jerusalem sei er aber nicht. Der Effekt des Demjanjuk-Prozesses in Jerusalem war enorm, und schade, dass die Chance die er bot, vertan wurde. Auch wenn diesmal bewiesen werden sollte, dass er schuldig ist, wird das nicht mehr viel ändern: Demjanjuk ist fast 90 Jahre alt. Sein Auftritt im Rollstuhl erweckt Mitleid, anstatt Verachtung.

Ist der Prozess also überflüssig? Ich weiß es nicht. Man kann annehmen, dass die Deutschen nicht zu einem Prozess bereit gewesen wären, würden sie nicht über starke Beweismittel verfügen. Und dennoch: Es laufen noch so viele Naziverbrecher herum, gegen die kein Prozess stattfindet. Eines ist klar: es ist leichter mit einem Ukrainer als mit einem Deutschen.

Vor 20 Jahren, in Jerusalem, war ich sicher, dass Demjanjuk der Mann ist. Die Zeugen, die den Holocaust überlebt haben, erkannten ihn. Jetzt schaut alles anders aus. Schade.