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Arteigene Magyaren

Die Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky publiziert seit Jahren über die Entwicklung der extremen Rechten in Ungarn. Insbesondere beleuchtet sie die Bedeutung der völkischen Ideologie für den aktuellen Rechtsschub im Land. LOTTA – Antifaschistische Zeitung aus NRW – im Gespräch mit Magdalena Marsovszky…

Lotta – Antifaschistische Zeitung aus NRW, 36/2009

Wie ist die Stimmung in Ungarn nach dem Wahlerfolg der extrem rechten Partei „Jobbik“ bei den Europawahlen?

Im ganzen Land herrscht Angst. Es gibt grob gesagt zwei Parallelgesellschaften in Ungarn, eine völkisch-nationale und eine eher kosmopolitische. Beide kommunizieren nicht miteinander, ihre Kulturen unterscheiden sich grundsätzlich. Die völkisch-nationale Seite verkörpert nach ihrem eigenen Selbstverständnis die Nation schlechthin, während sie das kosmopolitische Spektrum für identitätslose Vaterlandsverräter hält. Das führt schon seit längerem zu Aggressionen im Alltag, weshalb es viele in der Öffentlichkeit, etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln, nicht mehr wagen, linksliberale Zeitungen zu lesen. Natürlich hat diese angstvolle Stimmung seit dem Wahlerfolg von Jobbik zugenommen. Jobbik bekam fast 15 Prozent der Stimmen, sie könnte aber nach Vorhersagen bald bei 30 Prozent liegen – die Hemmschwelle, die extreme Rechte nicht zu wählen, ist gefallen. Die Angst des eher kosmopolitischen Spektrums ist begründet: Die Völkischen, die sich nicht nur bei Jobbik, sondern auch in der oft als konservativ bezeichneten Partei Fides! sammeln, kündigen an, die so genannten Vaterlandsverräter nach der erhofften völkischen Wende zu bestrafen. Übrigens haben ironischerweise auch die Völkischen Angst – vor Juden und vor allem, was sie für jüdisch halten.

Was ist „Jobbik“ für eine Partei?

Jobbik ist eine militante Partei, die 2003 von Jungakademikern gegründet wurde. Zunächst hat Jobbik mit der älteren Partei MIEP zusammengearbeitet. MIEP selbst ist aus dem alten realsozialistischen Kader entstanden; dem Parteichef Istvän Csurka wird sogar nachgesagt – auch wenn das nicht bewiesen ist -, dass er für die ungarische Staatssicherheit gearbeitet haben soll. Jobbik ist eine weitaus modernere Partei. Die Leute von Jobbik sind zum großen Teil kurz vor der Wende auf die Welt gekommen, Parteichef Gabor Vona ist erst 30 Jahre alt. Nach den Wahlen von 2006, bei denen die MIEP-Jobbik- Koalition nur zwei Prozent erzielt hat, hat Jobbik sich von MIEP getrennt. 2007 hat sie dann die paramilitärische Ungarische Garde ins Leben gerufen. Jobbik besteht zu einem guten Teil aus Mitgliedern der jungen Intelligenz, sie hat an Hochschulen, vor allem an der renommierten ELTE-Universität in Budapest, sehr viele Anhänger. Die Lis-tenführerin bei den Europawahlen ist selbst eine Dozentin an der ELTE-Universität, eine Juristin, die früher Mitglied des Komitees für Frauenrechte und des Komitees für Menschenrechte der Vereinten Nationen war; sie heißt Krisztina Morvai.

Und programmatisch?

Jobbik ist mit dem Wahlslogan „Ungarn den Magyaren“ ins Europaparlament eingezogen. Die wichtigsten Forderungen sind die Zusammenführung der „arteigenen Magyaren“ -dazu gehören auch die ungarisch-
sprachigen Minderheiten in den Nachbarländern -, die Vergabe der ungarischen Staatsbürgerschaft an sämtliche Angehörigen dieser Minderheiten, die „Auslandsmagyaren“, und der Kampf gegen „Zigeunerkriminalität“. Jobbik ist zudem eine offen antisemitische Partei. Ihr Hass richtet sich nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen als „jüdisch“ bezeichnete Liberale, darunter die Partei SZDSZ, sowie gegen „jüdische“ Bolschewiken, zu denen sie auch die sozialdemokratische Partei MSZP zählt. Die MSZP bildet ihrer Ansicht nach eine „verjudete Regierung“. Krisztina Morvai hat im September 2008 bei einer Demonstration gegen angeblichen „Magyarenhass“ ausdrücklich gesagt: „Mein letzter Rat an die liberalen Bolschewik-Zionisten, die unser Land ausraubten, ist, sich damit zu beschäftigen, wohin sie fliehen und wo sie sich verstecken können. Es gibt keine Gnade.“

Sie sagen. Völkische fänden sich auch bei „Fidesz“…

So ist es. Die große Partei Fidesz, die bei den Europawahlen weit über 50 Prozent erhalten hat, wird in ausländischen Medien nur sehr selten als extrem rechts völkisch bezeichnet, weil sie Mitglied der Europäischen Volkspartei ist. Fidesz-Chef Viktor Orban ist EVP-Vizepräsident. Fidesz vermischt extrem rechte Positionen sehr geschickt mit rechtspopulistischen Standpunkten, sodass der eindeutige Nachweis über ihren Rechtsextremismus oft sehr schwerfällt. Fidesz grenzt sich zwar auf der rhetorischen Ebene halbherzig von Jobbik ab, aber auf der kommunalen Ebene koalieren beide Parteien vielfach miteinander, in bis zu 100 Fällen. Manche Fidesz-Mitglieder äußern sich eindeutig antisemitisch und rassistisch, wobei sich ihr Hass etwas verklausulierter äußert. Orban selbst spricht von „arteigenen Magyaren“, und die geplante Einführung des „three strikes law“, das nach US-amerikanischem Vorbild rückfällige Straftäter härter bestrafen soll, richtet sich eindeutig gegen die „Roma-Straftäter“, vor denen er warnt. Viele Fidesz- Politiker arbeiten mit antisemitisch konnotierten Dichotomien wie „gut“-„böse“, „hell“—“dunkel“, „En-gel“-„Satan“. Wichtige Themen, die Fidesz – im Unterschied zu Jobbik -weniger direkt ausspricht, sondern über die Fidesz-nahen Medien kommunizieren lässt, sind auch die Rückverstaatlichung von privatisiertem Eigentum oder die Verweigerung der Schuldentilgung gegenüber der EU. Die EU-Kritik von Fidesz ist eindeutig antisemitisch konnotiert und sehr stark mit der Jobbik- Argumentation kompatibel. Fidesz denkt außerdem in Kategorien von „Großungarn“. Ich meine, dass Fidesz in hohem Maß dafür verantwortlich ist, dass die rechtsextreme Szene in Ungarn zu einer relevanten politischen Kraft wurde.

Zu den bekanntesten Organisationen der extremen Rechten in Ungarn gehört die „Ungarische Garde“. Wie stark ist sie?

Sie wird immer stärker. Die Ungarische Garde ist im August 2007 von Jobbik gegründet worden. Sie bezeichnet sich selbst als „Wehrgarde“, die ins Leben gerufen worden sei, weil „das Magyarentum wehrlos dastehe“. Im August 2007 sind die ersten 56 Mitglieder der Garde vereidigt worden, und zwar direkt unter den Fenstern des Präsidentenpalais1. Staatspräsident Laszlo Solyom hat sich dazu überhaupt nicht geäußert. Bereits am 20. Oktober 2007 marschierten zehnmal so viele Gardisten auf. Inzwischen hat die Ungarische Garde beinahe 3.000 Mitglieder und unzählige Anhänger. Zu ihren Mitgliedern gehören auch Kinder, sie werden „Kadetten“ genannt.

Besteht die Garde als „Wehrgarde“ nur aus Männern?

Nein, auch Frauen sind dabei. Sie unterstützen die völkischen Strukturen sehr tatkräftig. Ein Wahlslogan von Jobbik bezog sich ausdrücklich darauf, dass die Spitzenkandidatin eine Frau war. Es war ein Wortspiel, das wegen der Doppelbedeutung des ungarischen Wortes „nö“ – es kann „Frau“ und auch „wächst“ heißen – zweierlei ausdrücken kann: „Unsere Macht wächst“ oder „In der Frau liegt unsere Macht“.

Nun ist die „Garde“ doch aber verboten worden…

Anfang Juli hat ein Gericht sie in zweiter Instanz tatsächlich rechtskräftig verboten. Daraufhin gab es eine Protestkundgebung mehrerer Tausend Gardemitglieder und Sympathisanten im Zentrum von Budapest. Jobbik-Chef Vona, der auch Anführer der Garde ist, hat schon vorher immer wieder erklärt, die Garde lasse sich nicht verbieten, weil sie ein elementares Bedürfnis der Nation decke. So existiert sie weiter. Angeblich tragen sie jetzt statt ihrer Gardenjacke eine Gardenweste. Übrigens: Einer der drei neu ins Europaparlament eingezogenen Jobbik- Abgeordneten ist zur ersten Sitzung in der Tracht der Garde erschienen. Kürzlich hat der ehemalige Justizminister Dr. Peter Barandy, ein aufrechter Demokrat, die Befürchtung geäußert, es werde zu einer völkischen Erhebung führen, wenn man das Verbot der Garde durchsetze -ihre Verankerung in der Bevölkerung sei schon zu stark.

Es gibt in Ungarn immer wieder Überfälle auf Minderheiten, vor allem auf Roma. Sind das Attacken organisierter Gewalttäter, etwa von Gardisten, oder handelt es sich schon um spontane völkische Gewalt?

Ich fürchte, es ist das zweite. Die Angriffe entspringen tatsächlich einem Bedürfnis der völkischen Mehrheit der ungarischen Gesellschaft, die die Attacken als „Reinigung“ begreift. Sie haben einen spezifischen ideologischen Hintergrund, den man sich mit einem gemeinsamen Nenner der ungarischen Rechten begreiflich machen kann. Die ungarische Rechte fühlt sich einem „Geist der Heiligen Ungarischen Krone“ verbunden. Die Mitglieder der Ungarischen Garde etwa legen ihren Eid auf die „Heilige Ungarische Krone“ ab. Es werden immer wieder völkische Gebetsrituale für die „Seelenrettung des Magyarentums“ und für die Nation abgehalten – stets im Namen der „Heiligen Ungarischen Krone“. Ein re-ligiös-messianisches Element ist in Ungarn überhaupt nicht neu, es war schon zwischen den Weltkriegen Teil der hungaristischen Weltanschauung. Heute gibt es solche groß angelegten Feiern inmitten von Budapest, etwa auf dem Heldenplatz, wieder. In diesen Gebeten für die Seelen der Magyaren und für die Nation mischen sich Elemente von Gottesdiensten der christlichen Kirchen mit altmagyarischen Ritualen. Es handelt sich quasi um rituelle Reinigungsakte, in denen die völkisch gedachte Nation von ihren „inneren Feinden“ im Geiste gesäubert wird. Das kann letztlich in physischen Angriffe münden, bei denen Menschen ihr eigenes Leben riskieren, um diese rituellen Reinigungsakte dann auch tatsächlich zu vollziehen. Zumeist werden dabei Roma angegriffen, aber nicht nur. Auch Menschen, die sich zur jüdischen Identität bekennen, sind Ziel von Attacken. Kürzlich wurde ein Rabbiner angegriffen sowie ein Mann, der mit Kippa auf der Straße unterwegs war. In den letzten Jahren wurden immer wieder auch sozialliberale Politiker und Journalisten angegriffen, manche bewusstlos geschlagen. Da sie als „verjudet“ angesehen werden, würde ich diese Angriffe auch unter Rassismus abbuchen. Übrigens: Zurzeit wird der erste „Tempel des Magyarentums“ gebaut, in Veröce, wo auch das völkische Kulturfestival „Magyarische Insel“ stattfindet. Er soll den Namen „Tempel Karpatenheimat“ tragen. Die Grundsteinlegung hat schon stattgefunden. Der Tempel wird ehrenamtlich gebaut, und das Grundstück hat die völkische Stiftung Julianus gekauft, in der der Bürgermeister mitarbeitet.

Warum ist der extremen Rechten denn ausgerechnet in Ungarn der Durchbruch gelungen?
Durchbruch ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Das Ungarische kennt einen besseren Begriff: Rechtsschub. Der Rechtsschub hat mit dem völkischen Denken zu tun, das in Ungarn parallel zum deutschen völkischen Denken entstand. Das ungarische völkische Denken geht wie das deutsche völkische Denken zum Teil auf die Aufklärung, vor allem aber auf Herder und die deutsche Romantik zurück. Es ist ethnisch-organisch geprägt. Man behauptet, es gebe ein ethnisch homogenes Magyarentum, und bestimmt die Zugehörigkeit zur Nation aufgrund der kulturellen und „blutlichen“ Abstammung. Solche Gedanken gingen in Ungarn schon vor dem Ersten Weltkrieg mit der Ablehnung des westlichen Einflusses, des Liberalismus und des Kapitalismus einher, vor allem aber auch mit Antisemitismus – ganz genau wie in Deutschland. Allerdings drückte sich die Ablehnung fremder Einflüsse, die sich in Deutschland vor allem gegen Frankreich richtete, in Ungarn als Ablehnung deutschen Einflusses aus. Die ungarische völkische Bewegung war antideutsch orientiert, weshalb das Missverständnis aufkam, sie sei eine antifaschistische Bewegung gewesen, was natürlich nicht stimmt. Trotz allem haben die deutsche und die ungarische völkische Bewegung – die Antisemiten in beiden Ländern -schon um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kooperiert, es waren parallele Bewegungen mit ähnlichem Gedankengut, die sich wohl auch gegenseitig befruchtet haben.

Ist das nicht alles nur noch Geschichte?

Nein. Das völkische Denken, das auch in Ungarn die Grundlage für die Verfolgung von Juden, Roma und Homosexuellen bis hin zur Beteiligung am Holocaust bildete, verschwand im Realsozialismus nicht. Damals wurde zwar offiziell ein universalistisches Denken propagiert, zugleich aber bestärkte die Sowjetunion mit ihrer Kulturpolitik die ethnizistische Ideologie. Es ist deshalb kein Wunder, dass das völkische Denken nach der Wende mit elementarer Kraft um sich greifen und die demokratischen Kräfte, die zuvor schwach, aber immerhin vorhanden waren, völlig erdrücken konnte. Das ist der aktuelle Rechtsschub. Übrigens wirkt sich auch die alte Kooperation der ungarischen und der deutschen völkischen Bewegung noch bis heute aus. Die ebenfalls verbotene, aber weiter existierende Organisation Blood & Honour Hungaria etwa feiert explizit die gute Zusammenarbeit zwischen ungarischen und deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg. Und am 11. Februar gab es große Feierlichkeiten zum Gedenken an den Ausbruch von Soldaten beider Länder aus dem Budaer Burgberg im Jahr 1945 auf dem Heldenplatz. Nebenbei: Auch in der Budaer Burg wurde „der Verteidiger der Stadt“ gedacht, in einem Stadtbezirk, der von Fidesz regiert wird, und der Bürgermeister, Gabor Tamäs Nagy, verneigte sich symbolisch vor denen, die sich für „ihre Kameraden und ihre Heimat opferten“.

Vielen Dank für das Interview!