Jüdische Schicksale während der Schoah – basierend auf Tagebüchern

Dieser Studie des israelischen Historikers Dr. Gideon Greif – welcher in der israelischen Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem an der Erforschung der Shoah, insbesondere an der Geschichte des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, tätig ist – liegen zwei ausführliche Beiträge über zwei jüdische Shoah-Opfer zugrunde: Die Vorträge „Ein abgeschnittenes Leben. Das Tagebuch von Etty Hillesum 1941-1943“ sowie „Anklageschrift: Deutsche, Polen, Juden. Die Versteck-Tagebücher von Calel Perechodnik“

Von Roland Kaufhold

Es ist dem Engagement von Herrn Dipl. Psych. Rudolf Süsske, Quakenbrück, zu danken, dass diese im Internet abgerufen werden können. Wir publizieren nachfolgend die stark gekürzte Version dieser Studie. Vollständig publiziert wurde sie in der Zeitschrift psychosozial, 28. Jg. (2005), Heft II (Nr. 100), S. 85-92. Wir danken dem Psychosozial – Verlag für die freundliche erteilte Nachdruckgenehmigung in haGalil und empfehlen einer Lektüre der vollständigen Version in psychosozial.


Tagebücher während der Shoah

Von Gideon Greif

Tagebücher, die während der Shoah geschrieben wurden, sind die beste und authentischste Quelle, durch die wir einen unmittelbaren Einblick in die persönliche Gefühlswelt von Juden unter dem Nazi-Regime bekommen können. Wahrscheinlich haben viele Juden Tagebücher während dieser Zeit verfasst, aber auf Grund der katastrophalen Umstände sind nur wenige erhalten geblieben. Die meisten hingegen wurden zusammen mit ihren Autoren vernichtet.

Diese Tagebücher wurden von sehr unterschiedlichen Menschen geschrieben: jungen, alten, gebildeten und einfachen Leuten, und sie zeigen uns eine ganze Bandbreite menschlicher Schicksale und reflektieren verschiedenartigste Wertevorstellungen und Glaubensrichtungen. Jedes Tagebuch stellt einen unermesslich wertvollen Beitrag dar für unser Wissen über die Art und Weise, wie sich Juden während der Shoah verhielten, wie sie sich verteidigten, kämpften und versuchten zu überleben. Tagebücher sind in jedem Fall einzigartige Dokumente, die gründlich gelesen werden sollten.

Was bedeutete es für einen jüdischen Menschen, während des Holocausts ein Tagebuch zu schreiben? In welchem Kontext wurde das Tagebuch geschrieben? Viele Tagebuch-Verfasser fanden im Akt des Schreibens Zuflucht vor einer zunehmend bedrückenden und bedrohlicher werdenden Realität. Sie fanden in der Sprache eine neue Heimat, eine Sicherheit, die ihre Umgebung ihnen nicht mehr bieten konnte. Letztendlich gab ihnen der Prozess des Schreibens Kraft und schützte vor Resignation und Verzweiflung.

Im folgenden werde ich einen vergleichenden Blick auf die beiden Tagebücher von Etty Hillesum und Carel Perechodnik werfen. Schon auf den ersten Blick zeigt sich, dass die beiden Tagebücher von zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten geschrieben wurden. Die Texte unterscheiden sich hinsichtlich der Themen und Problematiken, die sie ansprechen, und der Art und Weise, wie Erlebnisse und Gefühle schriftlich dargebracht und behandelt werden. Eine Untersuchung dieser kontrastreichen Reaktions- und Verarbeitungsmuster bietet einen guten Einstieg zur Behandlung der zentralen Fragen: Wie kämpften die Juden ums Überleben, und wie wehrten sie sich gegen diesen Totalangriff auf ihre Menschenwürde?

Das Tagebuch von Etty Hillesum

Etty Hillesum verfasste ihre Tagebücher und Briefe im besetzten Amsterdam und später im Übergangslager von Westerbork in den Jahren 1941-43. Paradoxerweise waren diese Jahre der Unterdrückung und der Barbarei in ihrem Leben eine Blütezeit des Wachstums und der Kreativität – Jahre in denen sie eine einzigartige Lebensphilosophie entwickelte und in sich eine bis dahin ungeahnte innere Kraft entdeckte.
Die 27-jährige interpretiert die Tragödie der holländischen Juden auf einzigartige Weise und versucht den katastrophalen Umständen mit innerer mentaler Stabilität zu begegnen.

Etty Hillesums Umgang mit der Bedrohung durch den Holocaust stoßen nicht bei jedem auf Verständnis. Wenn ich über dieses Thema spreche wird ihre Weltanschauung und ihr Verhalten häufig durchaus sehr kritisch gesehen. In jedem Fall sind ihre Ideen ausgesprochen ungewöhnlich von Seiten eines Menschen, der die Verfolgung durch die Nazis und dem Tod so unmittelbar erlebt und ins Auge geschaut hat. Etty Hillesums Tagebücher zeigen, dass Juden individuell ganz unterschiedliche Wege entwickelten, um der traumatischen Verfolgung durch die Nazis zu begegnen und sie zu verarbeiten.

Das Tagebuch von Calel Perechodnik

Perechodniks Tagebuch ist aus einer klar artikulierten jüdischen Perspektive geschrieben und erscheint den Gedanken und Gefühle von Hillesum in vielerlei Hinsicht entgegengesetzt. Perechodnik verfasste sein Tagebuch in einem Versteck in einem kleinen Geschäft im besetzten Warschau. Von seiner Frau und seiner kleinen Tochter war er zuvor getrennt worden. Ihre Deportation nach Treblinka hatte er nicht verhindern können, wofür er sich selber die Schuld gibt. Perechodnik schätzte seine Überlebenschancen in dieser Situation sehr pessimistisch ein; er wurde fortwährend von Schuld- und Rachegefühlen geplagt, war niedergeschlagen und begann, die Welt und auch sich selbst zu hassen.

Seine Gefühlswelt steht in starkem Kontrast zu der von Hillesum. Hillesum akzeptiert ihr Schicksal und entwickelt, darauf aufbauend, eine pazifistische, wenn auch fatalistische Lebensphilosophie. Sie ist überzeugt, dass es keinen Sinn macht, gegen die Nazis zu kämpfen.

Perechodnik hingegen ist über das Verhalten der Juden verstört. Er lamentiert, dass sie sich als passive Opfer der Nazi-Unterdrückung fügen, oder nur versuchen zu fliehen oder sich zu verstecken, aber eben nicht offen und mutig den Kampf ums Überleben antreten. Perechodnik kritisiert aufs Schärfste die Passivität und die Schwäche sowohl seiner Mitbrüder als auch in sich selber.

Die beiden Tagebücher im Vergleich

Meine Entscheidung, beide Tagebücher parallel vorzustellen und zu besprechen, hat mehrere Gründe. Zum einen gibt es ganz offensichtliche Ähnlichkeiten zwischen den Autoren: Beide waren Juden, die im Laufe der Nazi-Unterdrückung in die Isolation getrieben wurden, Hass und Verfolgung ausgesetzt waren, und letztendlich den Holocaust nicht überlebten. Zum Zeitpunkt ihrer Aufzeichnungen waren beide um die Mitte zwanzig, junge Menschen, jedoch mit einer gewissen Lebenserfahrung und Weitblick. Perechodnik war schon verheiratet, und Vater einer Tochter. Etty Hillesum war noch nicht verheiratet, aber hat schon mehrere enge Liebesbeziehungen erlebt. Beide waren hochgebildet, hatten auf exzellenten Schulen gelernt, sprachen mehrere Sprachen und waren bewandert in Kunst und den Geisteswissenschaften. Hillesum und Perechodnik waren beide talentierte Schriftsteller, die ihre Tagebücher auch mit der Absicht verfassten, sie eines Tages zu veröffentlichen.

Die wohl prägnanteste Ähnlichkeit betrifft ihre Fähigkeit, die Realität um sie herum und die drastischen Entwicklungen mit klarem Blick zu interpretieren. Beide erkannten frühzeitig, dass die Nazis einen systematischen Plan verfolgten, die Juden gänzlich zu vernichten, und dass es nur wenigen möglich sein würde sich zu retten. Sie betonen diese schreckliche Erkenntnis und Prophezeiung wiederholt in ihren Tagebüchern.

Beide verlieren nicht den Realitätsbezug, trotz der heiklen persönlichen Probleme, mit denen sie zu kämpfen hatten. Im Gegenteil, anstatt sich der Realität zu verschließen, zeigen beide ein tiefes Verständnis der Geschehnisse und können zu der durchaus kleinen Gruppe derjenigen gezählt werden, die die mörderischen Absichten des Nazi-Regimes frühzeitig und realistisch erkannten.

Hillesum war sich bewusst, dass die meisten der Juden die Verfolgung durch die Nazis nicht überleben werden. Auch Perechodnik prophezeite, dass kein polnischer Jude dem Tod entgehen werde, was hauptsächlich durch die verbreitete Kollaboration mit den Deutschen ermöglicht wurde. Wenn man in Betracht zieht, dass beiden Autoren extrem wenig gesicherte Information über die weiteren Pläne der Nazis zur Verfügung stand, erscheint ihre Interpretationsschärfe und –sicherheit als um so erstaunlicher.

Unterschiede zwischen Hillesum und Perechodnik

Trotz dieser Ähnlichkeiten in Charakter und Lebenssituation entwickelten beide als Reaktion auf die drastischen Veränderungen in ihrem Leben sehr unterschiedliche Ansichtsweisen. Hillesum glaubt, dass der Mensch sich seinem Schicksal stellen und es akzeptieren soll. Perechodnik hingegen befürwortet den permanenten Kampf gegen die Verfolgung und versucht seine Überlebenschancen zu erhöhen. Hillesum lässt sich in ihrem Glauben an Gott nicht beirren; im Gegenteil, die schreckliche Wirklichkeit bestärkt sie sogar darin. Er hingegen verliert seinen Glauben gänzlich auf Grund der Tragödie, die sein persönliches Leben und das seiner jüdischen Brüder befällt.

Sie verurteilt auf das Schärfste die Grausamkeit und Brutalität der Deutschen, Polen und selbst einiger Juden. Doch will sie im gleichen Zuge auch einen Einblick in die Psychologie des Bösen gewinnen und ist dafür sogar bereit, der Mentalität der SS – Leute mit einem gewissen Grad an Verständnis zu begegnen. Dagegen präsentiert sich die Shoah für Perechodnik als der dunkelste Abgrund der Menschheit, in dem es keine Hoffnung gibt. Die Jahre der Shoah haben aus Hillesum einen vergebenden Menschen gemacht, wogegen Perechodnik zusehends von Pessimismus, Agressionen und Verzweiflung beherrscht wird.
Hillesums Kapazität zu lieben und zu vergeben wird anfangs von ihrer Zuneigung und Liebe zu ihrem Geliebten Spier genährt. Da diese Liebe nicht (oder nur unzureichend) erwidert wurde, beginnt sie sie zunehmend auf die Menschheit im allgemeinen und letztendlich auch auf ihre Beziehung zu Gott zu projezieren.

Perechodnik reagiert auf den Verlust seiner Familie und seines Volkes mit Frustration und Abwendung. Er verweigert sich einen Gott anzubeten, den er beschuldigt, sein eigenes Volk dem Tod auszuliefern. Auch was den Umgang mit zwischenmenschlicher Liebe und Zuneigung anbelangt, beschreibt Perechodniks Geschichte ein sehr unterschiedliches Bild zu dem Hillesums. Sein Verhalten spiegelt wider, was uns aus vielen Erzählungen von Holocaust – Opfern bekannt ist: Juden, die auf den Tod warteten, suchten in ihrer Verzeiflung zunehmend willkürlich nach sexuellen Erfahrungen, bevor es zu spät sein würde.
Perechodnik beschreibt den tief verwurzelten Antisemitismus in Polen und drückt sehr explizit seinen Hass und seine Verachtung gegenüber seinen polnischen Freunden und Nachbarn aus, die seine jüdischen Brüder verraten haben. Er schreibt davon, den “wahrhaftigen Charakter” der Polen nach 26 Jahren der “Illusion” entdeckt zu haben. Anderseits lässt er aber auch die wenigen, die ihm oder anderen Juden geholfen oder ihnen Essen und Zuflucht gegeben haben, nicht unerwähnt und charakterisiert sie als Menschen, die ihre Humanität nicht verloren haben. Auch Hillesum beschreibt Fälle von bösartigen holländischen Nachbarn in ihrer Umgebung. Jedoch versucht sie konsequent eine psychologische Erklärung zu finden, die das Böse in einen Kontext stellt und nicht als essentielle menschliche Natur manifestiert.

Ein weiterer umstrittener Punkt, auf den sich beide Autoren beziehen, betrifft das Verhalten der Juden während der Shoah. Obwohl beide das Verhalten der großen Mehrheit der Juden durchweg kritisch betrachten, unterscheiden sich ihre Ansichten doch entscheidend. Hillesum beschreibt über mehrere Seiten ihre Abneigung gegen die Art und Weise wie der “Joodse Rat” (Judenrat) in Amsterdam die jüdische Bevölkerung behandelt.

Perechodnik verurteilt zutiefst das, was er als allgemeines Problem im Verhalten seiner jüdischen Mitbrüder sieht – die Passivität und Resignation. Er kritisiert diejenigen, die sich schlichtweg den Befehlen der Deutschen hingeben, ihr eigenes Grab schaufeln und auf ihre Erschießung durch die Nazis warten. Als besonders problematisch betrachtet er die jüdischen Funktionäre, wie z.B. die jüdische Ghettopolizei, zu der er selber gehörte, die, den Befehlen der Nazis folgend, ihre Mitbrüder einfach in den Tod schickten. Auch die Rabbis kritisiert er, die durch ihre Gebete keinen Juden retten konnten und natürlich die jüdischen Kollaborateure, die andere an die Nazis auslieferten, nur um sich selber zu retten.

Perechodniks und Hillesums schreiben beide aus der Sicht eines Opfers. Beide Bücher kann man als einen Akt des Widerstands betrachten. Die Autoren versuchen durch ihr Schreiben ihre persönliche Würde und Integrität zu erhalten. Sie kämpfen dabei einen verzweifelten Kampf gegen die Resignation und den mentalen Zusammenbruch.

Literatur

Greif, G. (1995): Wir weinten tränenlos – Augenzeugenberichte der jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz. Frankfurt/M. (Fischer TB) 1999.
Greif, G./C. McPershin/L. Weinbaum (Hg.) (2000): Die Jeckes: Deutsche Juden aus Israel erzählen. Köln-Wien (Böhlau).
Greif, G. (2003): Stufen der Auseinandersetzung im Verständnis und Bewusstsein der Shoah in der israelischen Gesellschaft, 1945 – 2002, psychosozial, 26. Jg., Nr. 93, Heft III/2003, S. 91-105.
Hillesum, E. (1986): Letters from Westerbork. New York.
Perechodnik, C. (1997): Bin ich ein Mörder? Das Testament eines jüdischen Ghetto-Polisten. Lüneburg (zu Klampen Verlag).

Dr. Gideon Greif, geb. 1951, israelischer Historiker und Pädagoge, stammt aus einer deutschsprachigen, jüdischen Familie und arbeitet als Historiker und Pädagoge an der jüdischen Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, Israel. Dr. Greif widmet sich seit über 25 Jahren der Erforschung der Shoah. Im Zentrum seiner Recherchen steht die Geschichte des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Sein erstes, auf Deutsch veröffentlichtes Buch erschien 1995: ”Wir weinten tränenlos – Augenzeugenberichte der jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz” (auch Fischer TB 1999). 2000 Promotion an der Universität Wien. Gideon Greif hat eine Vielzahl von Dokumentationen über die Shoah für den israelischen Rundfunk und das israelische Fernsehen produziert. Mehr von Gideon Greif: Die Jeckes: Deutsche Juden aus Israel erzählen; “Wir weinten tränenlos”; Stufen der Auseinandersetzung im Verständnis und Bewusstsein der Schoah in der israelischen Gesellschaft, 1945 – 2002