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Nathan Birnbaum: Sabbat

Gott sprach, und es formten sich die Endlichkeiten, und Ewigkeit floß an ihnen als Zeit dahin. Es ward Abend, und es ward Morgen: Ein Tag. Und wieder ward es Abend, und wieder ward es Morgen: Ein zweiter, ein dritter, ein vierter, ein fünfter und ein sechster Tag…

Von Nathan Birnbaum
Menorah, Illustrierte Monatsschrift für die jüdische Familie, Wien, Frankfurt a.M., Juli 1924

Und am sechsten Tag schuf Gott den Menschen aus Erdenstaub, holte aus seiner eigensten Ewigkeit eine Seele für ihn und stellte ihn so in Welt und Zeit hinein. Und auf daß der Mensch in Welt und Zeit seiner ewigen Seele und ihres göttlichen Ursprunges nicht vergesse und nicht des ewigen Weltenschöpfers selbst, gab ihm Gott ein Stück Zeit als Gleichnis der Ewigkeit mit auf den Weg, segnete und heiligte er den siebenten Tag, an dem er selbst nach seiner Arbeit am Endlichen gefeiert hatte.

Doch wie die Schöpfung auf den Menschen gewartet hatte, daß er sie kröne, und die Schöpfungswoche auf den Sabbat, daß er sie abschließe, so wartete der Sabbat auf Israel, daß es ihn lebe und Zeugnis für ihn ablege vor allen anderen Menschenkindern. Und als die Zeit kam, da Israel als Volk erstand und berufen ward, da es aus Mizraim seinem Schicksale, dem Sinai, entgegenzog, ward ihm der Sabbat zu eigen, ihm, dem Kämpfer für die Seelenhaftigkeit, die Gottähnlichkeit des Menschen mitten in Welt und Zeit, ward ihm zu eigen zur Erinnerung an jenen Auszug.
Und seitdem liebt Israel den Sabbat, geht ihm jubelnd entgegen wie ein Bräutigam der Braut, liebt ihn mit ewiger, ewig jungfräulicher Liebe, in immer sich erneuernder Sehnsucht nach dem Glück, das er gewährt.

Sabbatglück! Wer seines wahrsten Wesens inne werden will, darf nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Gewiß kann kein Zweifel über den Sinn der Worte sein: „Damit ruhe Dein Knecht und Deine Magd wie Du. Und Du sollst gedenken, daß Du ein Knecht warst im Lande Mizraim und daß Dich der Ewige, Dein Gott von dort herausgeführt hat mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm.“ Es kann kein Zweifel sein, daß hier eine Forderung von grundlegender sozialer Bedeutung ausgesprochen und die Erinnerung an die Knechtschaft in Mizraim angerufen wird, um diese Forderung zu begründen; daß mit diesen Worten vom Sinai her eine Botschaft an die Menschheit hinausklang: Unterdrücke nicht! Allein dies ist nur selbstverständliche Folgerung aus dem Wesensgedanken des Sabbats, Folgerung aus dem Weitem auf das Engere, aus dem Leben der Seelen auf das Leben der Körper. Das Wesen des Sabbats ist die Ruhe, die jedem zugedacht ist, dem Herrn ebenso wie dem Knecht („wie Du“), die Ruhe des gesegneten und geheiligten Tages, die Ruhe, nicht bloß die Rast, die Ruhe, die weit über Atemholen, über Erholung hinaus ein Aufleuchten der Gottähnlichkeit des Menschen ist, ein Fest der Seele, der geweiteten Seele, der neuen Seele, die gleichsam zu der ersten vom Alltag gemarterten in frischer Empfänglichkeit hinzukommt.

Gewiß, auch der Sabbat erfüllt nicht die Sehnsucht jenes großen Zaddik-Sängers, der die Welt hinweggenommen sehen wollte, weil sie trennend zwischen Gott und Menschen liegt. Auch der Sabbat bindet die Erdgebundenen nicht von der Erde los, er soll es ja gar nicht, aber er verklärt sie ihnen, er macht ihnen die Welt so durchsichtig, daß sie durch sie hindurchsehen, bis dahin, wo ein großes Licht die Glorie Gottes anzeigt. Er nimmt nichts von den Dingen weg, aber er taucht sie in Farbe von jenseits der Welt, so daß sie das Fest der Seele nicht stören, er überzieht die Endlichkeiten mit einer Patina von Ewigkeit, so daß sie dastehen, als ob sie nur Stallage der Unendlichkeit wären. (Und sind sie es denn in Wahrheit nicht?) Er nimmt die Last des Goldes und des Silbers von den Schultern des Reichen und sprengt den Reifen des Elends, der sich um die Brust des Armen gelegt hat. Er stillt den Gottesdurst des Frommen und den Schmerz des Sünders. Er läßt den Weisen und den Einfältigen letzte Weisheit erleben, jeden in seiner Art.

Ja, groß und wunderbar ist das Glück des Sabbat. Doch es muß auch der wahre, der lebendige Sabbat sein, der es spendet. Er gedeiht nicht dort, wo er Privatsache wird, wo sich die Einzelnen die Grenzen ihrer Rast — von Ruhe ist ja kaum die Rede — aus eigener Machtvollkommenheit setzen zu dürfen glaubten, wo schwacher Wille zum Geiste an starken Widerständen der Welt sich bricht und brechen muß, wo es keine Atmosphäre gibt, die frei ist von Alltagsstaub. Sabbatglück wohnt nur dort, wo der Sabbat Sache der Gemeinschaft, des Volkes, des Gottesvolkes, wo er nicht verhallendes Wort in der Weltwüste, sondern schöpferische Tat ist; wo die Sabbatgebote die Wüste in reichen, geheimnisvollen Wald voll süßer, heiliger Stille und reinen Duftes verwandeln und die Verbote diesen Wald samt denen, die durch ihn wallen, vor den Zudringlichkeiten des Endlichen schützen.

Wenn jubelnder Zuruf und versonnener Lichtersegen den Sabbat empfangen; wenn der Weihespruch des Kiddusch in warmer Feierlichkeit ertönt; wenn keine Hand sich rührt, um an den Dingen, an denen der Unfrieden der Welt klebt, auch nur zu tasten, geschweige sie zu handhaben; wenn nichts, was nicht zur Hülle der Persönlichkeit gehört, nach Alltagsart aus dem Frieden des Hauses in die Öffentlichkeit getragen wird; wenn das Sabbatvolk in sorgsamer Erfüllung aller Sabbatpflichten von Abend bis Abend schreitet, wenn es sich selber den Zauber des Sabbat erschließt, dann genießt der Mensch Gottes Ewigkeit in der Zeit, dann wird ihm Erlösung, ein einziges unvergleichliches Glück, dann ist Sabbat.

Und dieser Sabbat ist es, den Israel liebt, seitdem es ihn empfing, und den es immer lieben wird, mit tiefer, sehnsüchtiger, unerschöpflicher Liebe. Denn was auch immer an Versuchung und Sünde an der Oberfläche seines Seins hervortreten mag, an die Wurzel dieses Seins greift es niemals. Keine der ohnmächtigen Mächte, keine der wohlfeilen Weisheiten der Erde kann die Liebe zum Sabbat Israel aus dem Herzen reißen. Immer wird es in freudiger Treue zu der ihm von Gott zugeführten Sabbatbraut zurückkehren, immer wieder darnach dürsten, in dem großen Ewigkeitsgleichnis Ewigkeit zu erleben, immer wieder sich dazu drängen, durch die im Sabbat durchsichtig gewordene Welt einen Schimmer von Gottes eigenster Herrlichkeit zu erhaschen. So wie kein Sabbat ohne Israel, so kein Israel ohne Sabbat!

>> Nathan Birnbaum