Nizza Thobi & Ensemble: Ein Koffer spricht

Philharmonie im Gasteig , München, Dienstag, 03. November 20:00, Black Box…

Das neue Album ‚Ein Koffer spricht’ von Nizza Thobi ist kein gewöhnliches. Es ist ein Gesamtkunstwerk. Das 40-Seitige Booklet enthält zahlreiche Zeichnungen der Malerin Malva Schalek, Fotos und umfangreiches Textmaterial zu den einzelnen Titeln.

Neben traditionellen Liedern in Jiddisch und Hebräisch präsentiert die Sängerin und Liedermacherin Nizza Thobi vertonte Gedichte von Ilse Weber, Peter Ginz, Selma Meerbaum-Eisinger und Jehuda Amichai. Zum ersten Mal auf einer CD aufgenommen auch in deutscher Sprache.

Wie ein Koffer, der auf die Flucht mitgenommen wird, ist das Album vollgepackt mit Erinnerungen an die Menschen, die einst großen Anteil am kulturellen Leben Europas hatten.

Der „Koffer“ ist das Leitmotiv, das die Texte zusammenhält. Das titelgebende Gedicht von Ilse Weber erzählt von dem Koffer „aus Frankfurt am Main“, der seinen Besitzer vermisst. Ilse Weber war Dichterin und Kinderbuchautorin, die für das tschechische Radio arbeitete. In Theresienstadt betreute sie eine Kindergruppe und wurde zusammen mit den Kindern, ihrem jüngsten Sohn in Auschwitz ermordet.

Bebildert ist dieser Text mit Zeichnungen von Malva Schalek. Die Österreicherin Schalek, deren Zeichnungen und Gemälde das gesamte Beiheft illustrieren, wurde 1942 in Theresienstadt interniert. Ihre über 140 Werke aus dieser Zeit sind ein präzises Zeugnis des Lebens im Lager. Ihr Leben ende¬te in Auschwitz.

Ein weiterer Autor ist der tschechische Junge Petr Ginz. Sein Name geriet ans Licht der Öffentlichkeit, als seine Zeichnung „Mondlandschaft“ in den Trümmern der abgestürzten Raumfähre „Columbia“ gefunden wurde. Der israelische Astronaut Ilan Ramon hatte es mitgenommen als Andenken an seine Mutter, die Auschwitz überlebt hatte. Dort war Ginz vergast worden.

All diesen Menschen setzt Nizza Thobi ein Denkmal und entreißt sie so dem Vergessen. Petr Ginz dichtet: „Heute weiß gar unsre Trude, wer ein Arier und wer ein Jude. Ein Jude – um es gleich zu sagen – muss ein´ Stern auf seinem Mantel tragen.“ In dem Lied zählt er alle Verbote auf, die die jüdische Bevölkerung treffen und endet zynisch mit den Zeilen: „Einst durfte auch ein Menschenwrack besitzen Koffer, Korb und Tragesack. Davon gibt’s heut keinen blassen Schimmer, aber ein Jude schimpft doch nie und nimmer. Nach Vorschrift lebt er so es geht, seine Zufriedenheit ist sehr stet.“

Kongenial vertont Nizza Thobi derartige Texte, die Trauer hinter den Zeilen, die Sehnsucht nach Normalität ist ihr in jedem Ton anzuhören.

Website (mit weiteren Terminen): http://www.nizza-thobi.com

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