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Hitler besiegen: Die Leiden des jungen B.

Avraham Burgs gerade in deutscher Übersetzung erschienenes Buch „Hitler besiegen, Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss“ (Campus Verlag Frankfurt am Main, New York) wurde nach seinem Erscheinen im Jahre 2007 in Israel sehr kontrovers diskutiert…

Elvira Grözinger, Germany, published in SPME Faculty Forum German Edition

Burg, Jahrgang 1955, ist Sohn von Dr. Josef Burg, dem prominenten Vorsitzenden der Nationalreligiösen Partei und langjährigem israelischem Minister. Vater und Sohn bin ich persönlich begegnet: dem Vater und Sohn 1993 auf einer Reise des Zentralrats der Juden in Deutschland unter Ignatz Bubis und dem Sohn erneut einige Jahr später in meiner damaligen Funktion als Mitglied des deutschen Präsidiums der WIZO (Women’s International Zionist Organisation), als er Vorsitzender der Exekutive der Jewish Agency und der Zionistischen Weltorganisation war. Josef Burg, gebürtiger Dresdner, damals 83 jährig, hatte 1972 als erster israelischer Minister Deutschland besucht, doch zog er massiv gegen Israelis zu Felde, die in Deutschland lebten, wobei er auch sonstige dort lebende Juden nicht verschonte. Bei allem Heimweh nach dem „guten alten“ Deutschland, war Josef Burg ein israelischer Patriot, der seinem Sohn bei dessen Akklamation jener UNO-Resolution wohl nicht Beifall gezollt hätte, die Zionismus als eine Form des Rassismus und Rassendiskriminierung verunglimpfte. Auch hätte er sicherlich nicht von einer „jüdischen Lobby“ gesprochen.

Über seinen Vater schreibt Avraham Burg zwar liebevoll, doch auch ihm wirft er „Schoah-Blindheit“ vor, und hatte zu ihm wegen dessen Eintretens für den religiösen Charakter des Staates eine gespaltene Beziehung. Aber bei Burg-Junior hat sich die Haltung bezüglich der Schoah („Der allgegenwärtige Holocaust“) im Lauf der Jahre offenbar ebenfalls erheblich verschoben, denn noch 1997 trug er, wie aus einem Interview mit dem Spiegel über den Konflikt mit der Schweiz um die dort lagernden jüdischen Vermögen ersichtlich, die Erinnerung an die Schoah wie eine Fackel stolz vor sich her. Der damalige Vorsitzende der Jewish Agency sagte damals: „Ich tue mein Bestes, um moralisch und rechtlich fundierte Vermögensansprüche im Namen von sechs Millionen umgebrachten Juden zu vertreten. Und dann wagt dieser Mann [der Schweizer Wirtschaftsminister Delamuraz], über den sich, nebenher bemerkt, einiges sagen ließe, das eine Erpressung zu nennen. Damit beleidigt er alle Juden in einer Weise, die es mir verbietet, mich je wieder an einen Tisch mit ihm zu setzen.“

Jetzt verdrängt Burg diese seine Worte. Liegt es daran, dass in seiner Kindheit und Jugend über die Schoah nicht gesprochen wurde, wie er berichtet? „Die Shoah-Industrie, die sich später in Israel entwickelte, war mir fremd“, heißt es bei Burg, der jetzt ein entschiedener Gegner der angeblichen „Popularisierung“ der Shoah in der israelischen Gesellschaft und parallel dazu ein erbitterter Anti-Zionist geworden ist, der sich allerdings auf den Kulturzionismus des Ahad ha-Am beruft, welcher zur Verständigung mit den Arabern aufrief. Dass sich Burg diesem anschließt, ist in Ordnung, problematisch ist nur, dass er die jüdisch-arabische Problematik aufs Engste mit der angeblichen Fixierung der Israelis auf die Shoah verbunden sieht. Und das heutige Israel vergleicht er warnend mit der Weimarer Republik, die Schuld am Konflikt mit den Arabern jedoch den Israelis allein aufbürdend. Er schreibt: „Ist diese Parallele zwischen Deutschland und Israel rein zufällig? Unterscheiden sich Schmierereien wie ‚Araber raus‘ und ‚Transfer jetzt‘ an den Wänden von ‚Juden raus‘?“ Nach diesem vernichtenden Urteil relativiert er etwas später das Bild: „Israel steht heute nicht auf der Schwelle zu Gaskammern. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass ich und viele meiner Freunde keine freien Bürger dieses Staates mehr wären, falls die Absicht zu einem Transfer von Palästinensern und einem Genozid im Stile der Tora auf der Agenda unserer Regierung stünden.“ Von dieser Fixierung auf die Shoah scheint er selbst so sehr beeinflusst zu sein, dass sie ihm stellenweise den klaren Durchblick vernebelt. Waren die Juden jemals Todfeinde der Deutschen, haben sie ihnen nach dem Leben getrachtet? Nein, sie waren, wie Burg selbst zugibt, „unschuldig“ verfolgt. Unschuldig sind und waren aber diejenigen unter den Arabern nicht, die seit dem Beginn des jüdischen Jischuw im 20. Jahrhundert und lange vor der jetzt so konfliktreichen kriegsbedingten Besatzung des arabischen Landes die Juden in blutigen Pogromen (wie dem, welchen Burgs Mutter in Hebron er- und überlebte) und Kriegen bekämpften, was Burg unter den Tisch kehrt. Der Vergleich zwischen dem heutigen Israel und dem Ende der Weimarer Republik, als der eliminatorische Antisemitismus konkrete Formen annahm, verbietet sich daher von selbst, denn Israel ist, wie Burg wiederum zugibt, ein demokratischer Staat, in dem auch Kritiker wie er ihre Meinung kundtun können. Die israelische Rechte, die solche drakonischen Maßnahmen wie der Transfer der Araber vielleicht gerne hätte, ist eben nicht die Mehrheit, aber Burg liebt starke Worte und provokante Vergleiche, auch, wenn sie ungerechtfertigter Weise Israel in ein schlechtes Licht stellen.

Wie kam es dazu? Die Lektüre des Buches hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, denn manches, was der Autor schreibt, klingt nicht immer glaubwürdig. Besonders verwunderlich ist der Furor, mit dem Burg hier seine Ansichten vertritt, ja, der zuweilen Zweifel an seinem Urteilsvermögen nährt etwa, wenn er schreibt: „Die Shoah ist so allgegenwärtig, dass sie in einer Studie, die vor einigen Jahren an einer Lehrerakademie in Tel Aviv durchgeführt wurde, von 90 Prozent der Befragten als wichtigstes Ereignis der jüdischen Geschichte eingestuft wurde. Damit ist die Shoah wichtiger als die Erschaffung der Welt [sic!], der Exodus aus Ägypten [sic!] die Offenbarung der Tora auf dem Berg Sinai [sic!], die Zerstörung der beiden Heiligen Tempel, das Exil, der Messianismus, die erstaunlichen kulturellen Leistungen, die Geburt des Zionismus, die Gründung des Staates Israel oder der Sechstagekrieg.“ (S. 34) Man reibt sich die Augen: Schreibt hier ein seriöser Politiker, ein Historiker oder ein religiöser Fundamentalist, der ungeachtet der modernen historisch-kritischen Bibelforschung die Überlieferung mit historischen Ereignissen verwechselt. Warum erwähnt er nicht auch noch die Sintflut, der ja schließlich fast die gesamte Schöpfung zum Opfer fiel?

Burg behauptet auch in seinem Buch: „Einer der tieferen Gründe, weshalb ich mich entschlossen habe, die politische Bühne Israels zu verlassen, war das zunehmende Gefühl, dass Israel zu einem Reich ohne Prophezeiung geworden ist.“ Professor Benny Morris, der zu den „neuen Historikern“ gehört und selbst ein kritischer Zionist ist, meint hingegen (Welt-Online 14.2.09), dass Burg, dessen lebenslanger und vergeblicher Ehrgeiz es war, Premier zu werden, zwar behauptet, er habe die Partei aus Verdruss über den Zionismus verlassen, seine Kritiker allerdings vermuten, entscheidender sei dabei gewesen, dass er keinen Posten im Kabinett bekommen hat. Burg gehört ja immerhin zu einer israelischen Politikerfamilie,die insgesamt jahrzehntelang das System mitgetragen hat.

Informationen zum Buch: Hitler besiegen.

Natürlich ist es jedermanns gutes Recht, Kritik am eigenen Land zu üben – man kann keinem seine Meinung verbieten. Konstruktive Kritik kann ja helfend wirken, zumal die israelischen Politiker nicht immer nur Richtiges getan, sondern wie auch ihre arabischen Gegner ohne Zweifel viele Fehler begangen haben und immer noch begehen, auch liegt Vieles innerpolitisch dort im Argen, ob beim Militär oder den religiösen Gruppierungen, aber eine maßlos überzogene Kritik wirkt wenig glaubwürdig und ist nicht hilfreich. Verkaufsfördernd ist sie jedoch allemal, und ganz besonders in Deutschland, wie das breite Echo bezeugt, welches israelkritische bis antisemitische Stimmen von Israelis, Diasporajuden oder Nichtjuden wie Tom Segev, Ury Avnery, Ilan Pappe, Tony Judt, John J. Mearsheimer and Stephen Walt, Norman Finkelstein, Moshe Zuckermann u. a. gerade hierzulande erfahren. Man vermutet dahinter – wie bei Martin Walser u. a. – eine Schuldabwehr der Deutschen bezüglich der Verantwortung für die Zukunft angesichts der eigenen, unrühmlichen Geschichte im „3. Reich“. So war z. B. der deutsche Publizist Ludwig Watzal, der sich bisher nicht gerade durch ausgesprochene Israelliebe hervorgetan hat, als einer der Ersten zur Stelle, um die Ansichten von Burg über den grünen Klee zu loben, insbesondere: „Provokant ist sein ausführlicher Vergleich des Zustandes Israels mit dem Deutschlands während der Weimarer Republik. Dieses Kapitel habe ihm viele schlaflose Nächte bereitet. Die Argumente, die der Autor vorträgt, sind sehr überzeugend; ebenso die Lehre, die beide Länder daraus ziehen sollten: ‚Nie wieder, niemand, nicht nur keine Juden. Nie wieder Mord und Vernichtung von Menschen.‘ Dies sei die universelle Lehre aus der tragischen Beziehung zwischen Juden und Deutschland, die wir aus unserem Holocaust ziehen wollen für eine bessere Welt für alle Menschen, für alle, die nach Gottes Ebenbild geschaffen wurden.“ Der Beifall von der falschen Seite ist Burg also gewiss, wie etwa Watzals Votum für solche Forderungen Burgs bezeugt: „Der Autor greift aber auch die israelische Staatsraison frontal an: Er fordert das Ende der Holocaust-Erinnerung. Der Zionismus müsse gegenüber einer humanistischen Weltsicht in den Hintergrund treten.“ Watzals Resumee lautet: „Burg hat ein prophetisches Buch für Israelis und Deutsche geschrieben. Es weist endlich einen gangbaren Weg jenseits der bekannten rhetorischen Stereotype auf. Wenn die politische Elite in Deutschland und die Verbandsfunktionäre diesen Weg nicht beschreiten wollen, sollte es die Zivilgesellschaft tun. Die Deutungshoheit über die Zukunft beider Völker muss dem Souverän übertragen werden.“ Das klingt wie eine Drohung und Gott bewahre, dass sich irgendjemand in Deutschland jemals wieder als Souverän über das jüdische Schicksal aufführt!

Nein! Ein Watzal und Genossen haben mit Burgs Schwierigkeiten mit seinem Land und seinen Landsleuten nicht das Geringste zu tun, denn ihr Erbe ist ein anderes, es ist dasjenige, welche die jüdische Kultur zerstörte, seine Träger und ihre Nachkommen ermordete oder ins Exil zwang! Sich jetzt um Israels Angelegenheiten auf diese Weise angeblich zu sorgen, ist eine „Chutzpe“! Hier ist deutsche Einmischung am wenigstens angebracht, es sei denn, man möchte, dass endlich nun auch Juden selbst die Erinnerung daran aus ihrem kollektiven Gedächtnis tilgen und so die Deutschen von dieser Last erlösen…

Das hier besprochene Buch ist von einem Israeli über Israel geschrieben worden, einem zwar abtrünnig gewordenen Israeli, aber einem Juden, dem es sogar um die seiner Ansicht nach gefährdete jüdische Spiritualität und somit jüdische Identität geht, und dem – das glaube ich immer noch – Israel nicht gleichgültig ist, der Frieden haben möchte, der aber mit der israelischen Gegenwart nicht zu Rande kommt. Burg beschreibt seine Leiden an dem, was er in seinem Land und an seinem Volk störend findet, ob das gerechtfertigt ist, oder nicht. Die Feinde dieses Volkes werden von ihm nicht angegriffen. Er sucht und findet die Schuld bei seinen Landsleuten. Das Buch handelt aber nicht zuletzt von Avraham Burg selbst. Dass Burg zugleich auch über Deutschland schreibt, ist zum einen seiner idealisierten deutschen „Jecke“-Herkunft geschuldet und zum anderen eine gegenwärtige Mode – die Israelis haben ja das „neue Deutschland“ entdeckt, auch wenn sie das erst seit einigen wenigen Jahren tun. Dass sie das tun, widerspricht wohl Burgs These von ihrer Shoah-Besessenheit, denn sie würden sonst Deutschland als Reiseziel doch sicherlich eher meiden. Dabei ist auch Burgs „Jecke-Herkunft“ eigentlich gar keine, denn seine Mutter stammte aus Hebron, d. h. „Palästina“, und, wie Burg „kleinlaut“ zugibt, war der Vater zwar in Dresden geboren, aber ein aus Ostgalizien stammender „Ostjude“. Er, wie die meisten „Ostjuden“, wollte unbedingt zu diesen kulturellen Vorbildern gehören, und auch sein Sohn möchte an diesem Erbe teilhaben, denn: „Die deutsch-jüdischen Einwanderer waren großartig. Sie bauten Fabriken und Stadtviertel, legten den Grundstein zur Hebrew University, unterstützten deren Forschung und bereicherten die kulturelle Landschaft.“ Aber Burg fährt in gekränktem Stolz fort: „Doch dann wandte Israel sich von ihnen ab, und da sie kultiviert und gebildet waren, drängten sie sich nicht in den Vordergrund. Obwohl heute die Erinnerung an sie nahezu verblasst ist und das moderne Israel sich von ihren Träumen und meinen naiven Kindheitserwartungen unterscheidet, möchte ich an ihnen festhalten und ihr Verschwinden für einige Zeit hinauszögern.“ Das sei ihm natürlich gegönnt – Träume sind frei. Da Burg zudem auch noch neben der israelischen die französische Staatsangehörigkeit besitzt, ist er ein freier Mensch und hat eine Wahl, sich einen Wohnort auszusuchen. Diese Wahlfreiheit haben die meisten Israelis, die dort ihre einzige Heimat fanden, nicht.

Störend an diesem Buch, das ja existentielle Probleme erörtert, sind zum einen der oft flapsige Stil (liegt es vielleicht an der Übersetzung aus dem Englischen?) und Verallgemeinerungen – es heißt immer wieder „die Israelis“, „die Zionisten“, „die Juden“-, die dem Buch oft die dem Thema angemessene Seriosität rauben. Ein Statement wie das folgende klingt nach Geschichtsklitterung: „Die Zionisten wollten die verhassten, verfolgten Juden in ihre historische Heimat im nahen Osten verpflanzen und damit Europa von ihnen befreien.“ Neben den – zugegeben oft kruden Ansichten Einzelner, die er wiedergibt -, schließt er beständig von Persönlichem auf das Kollektive und vom eigenen Ich auf das Allgemeine, etwa: „Ein Beobachter wie ich, der weder Forscher noch Überlebender ist und das Leben in vollen Zügen lebt, aber die unverminderte Wucht der Shoah spürt, muss ebenfalls irgendwo anfangen“. Und auch sonst kann ihm niemand und nichts etwas Recht machen: Vom Eichmannprozess – und Burg ist ein Gegner der Todesstrafe, was ihm unbenommen ist – spricht er m. E. ebenfalls in einem unangemessenen Ton: „Die Rechtsgladiatoren hatten bereits die Arena betreten, und die Zuschauer füllten schon die Tribünen im Volkshaus und wollten Blut sehen.“ Zwar kommen bei ihm, der einem apologetischen Mythos des Diasporajudentums nachhängt, die amerikanischen Juden in einem merkwürdigen Vergleich mit den israelischen insgesamt besser weg: „Der Unterschied zwischen dem integrativen Ansatz amerikanischer Juden und der Wiedererschaffung jüdischer Ghettos und Schtetl in Israel liegt auf der Hand.“, aber auch die Juden in Amerika leiden an einem angeblichen „Schuldkomplex der Shoah“, der sie zu blinden Parteigängern Israels mache, wiewohl gerade dadurch der Aufstieg der Ultraorthodoxen in Israel begünstigt und damit die Situation dort noch verschlimmert hatte. Und wie ein judaistisch gebildeter Mensch behaupten kann, das Chanukkafest sei erst von den Zionisten aufgebauscht worden, ist unbegreiflich, denn nie ist in der jüdischen Tradition das Fest als ein nationaler Feiertag vergessen worden. Auch lässt seine Behauptung den Kopf schütteln: „Israel muss sich von den Definitionen der Nürnberger Gesetze verabschieden – die jeden als Juden einstuften, der bis in die vierte Generation zurück Verbindung zu jüdischem Blut hatte“. Das entspricht keinesfalls der halachischen Position, die in Israel auch bezüglich der Konversionen zwar orthodox ausgelegt wird, wogegen man als liberaler Jude sein kann, aber nichts mit den Nürnberger Gesetzen zu tun hat. So schießt Burg des Öfteren über das Ziel hinaus, den Erkenntniswert des Buches leider erheblich mindernd.

Dabei geht es dem Autor, der sich wohl für einen Rufer in der Wüste hält, um etwas ganz Großes: „Ich habe dieses Buch geschrieben, um Herzen, Mund und Augen für eine neue Vision zu öffnen. Ich habe mich bemüht, unsere Malaisen und Gebrechen anzusprechen und vorläufige Anhaltspunkte zu geben für eine Heilung und Genesung auf dem Weg zu einer nationalen und globalen Vision für das jüdische Volk.“ Das Thema der Shoah zieht sich wie ein roter Faden dadurch: „Die Shoah ist in meinem Leben ständig präsent wie ein Rauschen im Ohr. Obwohl ich von keinem ihrer Gräuel persönlich betroffen war, habe ich das Gefühl, dass diese dunkelste Periode der Menschheitsgeschichte allgegenwärtig ist, überall, und vieles an sie erinnert. Kinder bereiten sich auf die ‚Auschwitz-Fahrt‘ vor. Staatschefs feiern den 60. Jahrestag der Befreiung. Und während der zehnte Jahrestag der Shoah kaum begangen wurde und der 50. Jahrestag armselig verlief, hielt die Welt 2005 zum 60. Jahrestag unseres Todes mit einem Mal aufwändige Zeremonien mit Feuerwerk und hollywoodreifen Produktionen ab. Kein Tag vergeht, ohne dass in der einzigen Tageszeitung, die ich lese, Haaretz, etwas über die Shoah stünde. Dabei geht es um verschiedene Themen: Reparationen, Entschädigungen, Antisemitismus, eine neue Analyse, ein interessantes Buch, ein erhellendes Interview. Die Shoah ist wie ein Ozonloch: nicht zu sehen, aber immer präsent, abstrakt, aber folgenschwer. Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass die Shoah zu einer theologischen Stütze der modernen jüdischen Identität geworden ist und eine der größten Herausforderungen für das jüdische Volk in der Moderne darstellt. […] Ich bezweifle nicht, dass Erinnerung für die geistige Gesundheit einer Nation wichtig ist. Daher muss die Shoah eine herausragende Stellung im Erinnerungsmosaik der Nation einnehmen. Aber so, wie das Gedenken sich heute gestaltet – das absolute Monopol und die Dominanz der Shoah über alle Aspekte unseres Lebens-, verwandelt es diese heilige Erinnerung in ein lächerliches Sakrileg und lässt brennenden Schmerz hohl und kitschig werden […] Israel ist heute wesentlich abhängiger als bei seiner Gründung und stärker vom Holocaust geprägt als drei Jahre nach Schließung der Todesfabriken der Nazis.“ Da Burg erklärtermaßen von der ‚Gnade der späten Geburt‘ profitieren kann und die Shoah selbst nicht erfahren musste, scheint mir seine Sicht hier erheblich verzerrt und gegenüber denjenigen Shoahopfern, die noch leben, geschmacklos. So wenig wie einem „Wilkomirski“ ist es Burg möglich, sich in deren Psyche hinein zu versetzen – Si tacuisses, philosophus mansisses.

Hierzu kommt mir Heinrich Heines Anekdote in den Sinn, denn Burg geht es „wie dem Soldaten, dem seine Kameraden, als er schlafend auf der Pritsche lag, Unrat unter die Nase rieben; als er erwachte, bemerkte er, es röche schlecht in der Wachtstube, und er ging hinaus, kam aber bald zurück und behauptete, auch draußen röche es übel, die ganze Welt stänke.“

Burg, ein Dalai Lama-Bewunderer, wirft den Israelis mit der „Shoah-Binde“ vor, sich nicht für andere Völker einzusetzen, die ebenfalls von Genozid betroffen sind, etwa in Ruanda oder im ehemaligem Jugoslawien. Dass es vor allem Juden sind, die z. B. den Mord in Darfur anprangern, bleibt unerwähnt. Vielleicht wird auch Burg bald ein neues Buch schreiben müssen, denn die aktuellen Nachrichten aus Israel klingen ganz anders als bei ihm dargestellt. Die Tatsache, dass Dachau und Rosh ha-Ayin dabei sind, einen Schüleraustausch zu vereinbaren, um daraus mit der Zeit eine Städtepartnerschaft zu entwickeln, ist eine Sensation und straft die Burgsche These Lügen: Es herrscht keine „Shoah-Epidemie“ und sie versperrt den Blick in die Zukunft nicht, weder in Israel noch hier, sondern liefert den Beweis, dass man in der Tat auch ohne Avraham Burgs „Visionen“ Hitler besiegen kann.

Avraham Burg: Hitler besiegen.
Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss.
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff, Campus, Frankfurt/Main 2009, 280 S., 22,90 €