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Gerüchtshof in Bielefeld

Ein Vortrag über die extreme Rechte in Ungarn sollte in der vergangenen Woche in einem Bielefelder alternativen Kulturzentrum stattfinden. Doch die Veranstaltung musste in einen anderen Raum verlegt werden, weil das Zentrum den Vortragenden ablehnte. Sein Fehler: Nach Ansicht einiger weniger alternativer Bedenkenträger weist der jüdische Holocaust-Überlebende und Antifaschist dunkle Flecken in seiner Vergangenheit auf, weil er in einer jüdischen Militäreinheit Dienst geleistet hatte, die „Massaker“ begangen habe…

ak, redok v. 22.11.2009

Seit vielen Jahren ist Karl Pfeifer als Journalist tätig. Der 81-Jährige kennt sich aus mit Rechtsextremismus und Antisemitismus, insbesondere in Österreich und Ungarn. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr hat er in Baden bei Wien gelebt; nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Nazi-Reich verließ die Familie das Land und ging nach Budapest. Doch auch dort nahm die Bedrohung für Juden ständig zu. Mit 14 Jahren konnte Pfeifer mit gefälschten Papieren in einem der letzten Kindertransporte der linkszionistischen Jugendorganisation Hashomer Hatzair, der Budapest noch verlassen konnte, vor der nahenden Vernichtung flüchten. SS-Offiziere standen an der bulgarischen Grenze bereit, den Transport aufzuhalten und umzuleiten; nur mit Mühe gelang es, bulgarische Regierungsstellen einzuschalten und den Transport durchzubekommen. Ein Jahr später sollten weit über 400.000 ungarische Juden den Weg nach Auschwitz-Birkenau antreten müssen.

In Palästina angekommen, arbeitete Pfeifer in einem Kibbuz. Mit 17 Jahren ging Pfeifer zum Palmach, der Eliteeinheit der illegalen Hagana, einer Selbstverteidigungstruppe, aus der dann später die israelische Armee entstand. Beim Palmach war er von 1946 bis 1948, bis 1950 gehörte er den israelischen Streitkräften Zahal an. 1951 kehrte er nach Europa zurück; seit langem lebt er wieder in Wien, wo er seit 25 Jahren als Journalist tätig ist. Von 1995 bis 2002 betrieben Rechtsextreme sieben Gerichtsverfahren gegen Pfeifer.

Seine Kenntnisse sind in Österreich und in Deutschland gefragt, wo er oft Vorträge hält. Zuletzt führte ihn eine Vortrags-Reise nach Westfalen. Über die extreme Rechte, über Antisemitismus und Antiziganismus in Ungarn sollte Pfeifer auf Einladung örtlicher Uni- und Antifa-Gruppen in Münster und Bielefeld erzählen, wo sein Vortrag im AJZ („ArbeiterInnen-Jugend-Zentrum“) stattfinden sollte. Doch wenige Tage vor der Vortrags-Veranstaltung stellte sich heraus: dort war Pfeifer nicht erwünscht. Die Antifa-Gruppe organisierte schnell einen Ersatzraum, sodass die Veranstaltung zumindest nicht abgesagt werden musste. „Zwischen allen Stühlen“, heißt ein filmisches Porträt von Karl Pfeifer; jetzt hatte ihm ausgerechnet ein alternatives Zentrum den Stuhl vor die Tür gestellt.

Kulturzentrum mit Tradition

In Bielefeld gibt es seit Jahrzehnten das alternativ-autonome Kulturzentrum AJZ. Gegründet in den wilden 1970er Jahren, hat es bewegte und rau-rebellische Zeiten hinter sich. Auseinandersetzungen mit Neonazis unterstrichen die Bedeutung des Zentrums auch als politischen Fokus in der Region. Immer noch findet montags ein „Antifa Café“ im AJZ statt.

Den Antifa-Arbeitsgruppen an der Uni und der Fachhochschule, die Karl Pfeifer als Referenten eingeladen hatten, schien es daher wohl selbstverständlich, den Vortrag im AJZ stattfinden zu lassen. Wochen vor dem geplanten Termin wurde deshalb bei einer „Kneipengruppe“ des Zentrums angefragt, ob diese als Schirmherr der Veranstaltung am Donnerstag, den 19.11., mitmachen würde. Zunächst schien es dabei kein Problem zu geben. Doch am Montag vor der Veranstaltung hieß es dann in einer Email der „Kneipengruppe“, aufgrund von „Recherchen“ sei beschlossen worden, die Veranstaltung nicht mitzutragen. Am folgenden Dienstag trat die „Hausversammlung“ zur regulären Sitzung zusammen – entsprechend dem basisdemokratischen Konzept des Zentrums das entscheidende Gremium.

In dieser Versammlung ging es zur Sache. Eine kleine Minderheit legte ein Veto gegen die Pfeifer-Veranstaltung ein – das war gemäß dem „Konsensprinzip“ das Aus für den Vortrag im AJZ. Die Vortragsgegner legten eine „lose Informationssammlung“ ohne Angabe von Quellen vor, wie ein vorliegendes Gedächtnisprotokoll der veranstaltenden Uni-Antifa-AG festhält. Damit wurde Pfeifer beschuldigt, einer militärischen Einheit angehört zu haben, die „an einem Massaker und Vertreibungen in einem palästinenschen Dorf teilgenommen, bzw diese durchgeführt“ habe.

Unklar war selbst den Veto-Einlegenden, wann Pfeifer in der besagten Einheit gewesen war „und wie dieses Massaker abgelaufen ist“. Auch wurde zugestanden, dass die genannten Informationen nicht sicher seien.

Irgendwas musste für die Bielefelder Kneipengruppe trotzdem wohl an der Sache dran sein, denn – so im Wortlaut – „Er ist ja Zionist …“. Ein Verbot sei zudem vollkommen nachvollziehbar, denn Veranstaltungen mit Mitgliedern des „Schwarzen September“ seien doch ebenfalls unerwünscht. Damit war die palästinensische Terrororganisation gemeint, die unter anderem für den Anschlag auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1972 in München verantwortlich war. Und mit einer derartig als terroristisch entlarvten Gruppierung – wie hier in diesem Falle per Gleichsetzung des israelischen Militärs mit dem „Schwarzen September“ – will man offenbar nichts zu tun haben im AJZ. Es sei denn, die Gruppierung heißt „militante gruppe“, die als „terroristische Vereinigung“ angeklagt war und sich beim „Antifa Café“ einer solidarischen Aufmerksamkeit und Spendenaufrufen zur juristischen Verteidigung sicher sein konnte, wie man der Webseite des „Infoladen Anschlag“ entnehmen kann.

Das Gerücht als fundierte Grundlage durchdachter Entscheidungen

Damit war der Anschlag auf den Pfeifer-Vortrag auf Grundlage eines Gerüchts perfekt. In früheren Jahren hatte der Philosoph Theodor Adorno einmal geschrieben, der Antisemitismus sei das Gerücht über die Juden (Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben).

Obwohl die Mehrheit der basisdemokratischen Hausversammlung keineswegs die Anwürfe gegen Pfeifer und die Aussperrung mittrug, galt nun gemäß den gültigen Prinzipien das Veto und die Veranstaltung als abgelehnt. Im alternativ-autonomen Milieu gibt es keine Mehrheitsentscheidung, kein Tie-Break wie im Tennis, keinen antiken Helden zum Durchschlagen eines gordischen Knotens oder gar ein Krisenmanagement wie in kommerziellen Unternehmen.

Und es gibt keine Öffentlichkeit. Eine Anfrage an das AJZ wegen des Vorgangs wurde erst nach drei Tagen mit dem lapidaren Verweis auf die nächste „Hausversammlung“ beantwortet, damit bleibt man auf die Darstellung der veranstaltenden Antifa-AG angewiesen. Darüber hinaus bleibt zur Zeit nur die Stille Post mit Andeutungen aus dritter Hand – Gerüchte eben.

Tribunal oder nicht – jedenfalls lange Bank

Wie es nun in Bielefeld weitergehen soll, ist nicht ganz klar. Auch die veranstaltende Antifa-AG muss sich erst in der eigenen Gruppe abstimmen, um eine Stellungnahme herauszugeben. Sie will den Vorgang aber unbedingt beim AJZ auf den Tisch bringen, soviel steht fest. Eine Stellungnahme des AJZ kann man frühestens Anfang Dezember erwarten, denn die „Hausversammlung“ als oberstes Gremium tagt alle vierzehn Tage dienstags. Dort werde „über das Thema und den weiteren Umgang damit“ gesprochen werden, heißt es inzwischen. „Bei entsprechendem Beschluß“, so die AJZ-Mitteilung, werde es „zeitnah weitere Informationen geben“.

Was in der Sache besprochen werden soll, ist ebenfalls unklar. Ob nun ein alternatives Bielefelder Kriegsverbrechertribunal ins Haus steht oder ein autonomes Beratungskollektiv zur diffizilen Selektion von Juden in Opfer und Täter, muss sich noch herausstellen. Vielleicht fällt es aber doch noch jemandem ein, welch ungeheure Anmaßung es bedeutet, dass sich ausgerechnet Deutsche am Bielefelder Gerüchtshof als Richter über Überlebende des von Deutschen verursachten Holocaust aufschwingen, die es gewagt haben, ihr Leben mit der Waffe zu verteidigen. Die große Mehrheit in der „Hausversammlung“ hatte offenbar nichts mit den Anwürfen gegen Pfeifer zu tun, doch da ja dort bekanntlich Basisdemokratie und Konsensprinzip herrschen, kann man auf solche einhellige Einsicht nicht unbedingt vertrauen.

Der Fall wurde bislang nur im englischen Internetforum „Engage“ aufgegriffen, wo die Bielefelder Aussperrung des jüdischen Antifaschisten Pfeifer mit den Jahrhunderte alten „blood libels“ (Ritualmordlegenden) in Verbindung gebracht wird. Die moderne „antizionistische“ Version der Mordlegenden wird Pfeifer persönlich und seiner damaligen Einheit Palmach gerade auch von linken Gruppen seit Jahren zugemutet. So heißt es etwa, der Palmach sei an einem Massaker in dem palästinensischen Dorf Deir Yassin beteiligt gewesen. Es hat offenbar wenig genützt, dass Pfeifer bereits vor Jahren auf Angriffe von Islamisten und Linksradikalen mit dem Text „Warum ich Soldat wurde“ reagiert hatte und dass er darauf hingewiesen hat, dass selbst „antizionistische“ Quellen als Urheber des Massakers nicht den linken Palmach, sondern die rechtsgerichteten Gruppen Irgun Zvai Leumi und Lochamei Herut Yisrael nennen. Eine „Liga der Sozialistischen Revolution“ in Österreich hat ebenfalls schon vor Jahren das Programm für ein Tribunal gegen Pfeifer skizziert, indem beispielsweise gefragt wurde, in welcher Einheit Pfeifer gedient habe und wo er 1948 eingesetzt worden war.

Nun kann das Tribunal ja vielleicht in Bielefeld stattfinden, selbstverständlich basisdemokratisch, konsensprinzipiell und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der „Beschuldigte“ wird freilich nicht zugegen sein. Vielleicht wird die Atmospäre jenem weltbekannten Tribunal entsprechen, das allerdings öffentlich war, weil es landesweit vom Fernsehkonzern ABC übertragen wurde und in dem ein Vertreter der beschuldigten Partei – es war die US-Armee – dem Ankläger den berühmten Satz entgegen warf:

„Have you left no sense of decency?“
(Haben Sie keinen Sinn für Anstand übrig?)
Joseph N. Welch, Rechtsvertreter der US-Armee zu Senator Joseph R. McCarthy während einer Anhörung des „Ständigen Unterkomitees für Untersuchungen“ 1954

© redok

>> Karl Pfeifer: Strange Days in Germany (23.11.2009), mit Darstellung des „Fall Werner Pfeifenberger“, der Professor an den Fachhochschulen Münster und Bielefeld gewesen war.