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Mysterium tremendum: Die Hochfeste im Herbst

„Freue dich an deinem Fest . . . und sei nur fröhlich“ (Deut 16,14-15) ist das Losungswort für das Laubhüttenfest, aber nicht nur für dieses allein, sondern für die drei Regalim, die Wallfahrtsfeste, die wir unter ihrer biblischen Bezeichnung „Die Feste des Herrn“ behandelt haben (Anm. im Kap. 9 desselben Buches)…

Schalom Ben-Chorin
Aus der Münchener Vorlesung zur Liturgie der Synagoge, 10. Kapitel, pp. 171 – 175

In tiefem Gegensatz dazu stehen die beiden Hochfeste im Herbst: Neujahr und Versöhnungstag, die als ,Jamim Noraim“ bezeichnet werden, die „furchtbaren Tage“, wobei der Begriff „Nora“ (furchtbar) dem lateinischen Begriff „temendum“ wesensmäßig entspricht. Ein Mysterium tremendum, ein furchtbares Geheimnis birgt die Botschaft dieser Tage des Gerichts über Israel und die Völker der Welt.

Der Neujahrstag tritt in unserem Leviticus-Text (23,23-25) nicht als solcher auf, sondern nur als ein Tag des Posaunenblasens, oder der Erinnerung des Posaunenblasens, wobei nicht an eine Metallposaune, sondern an ein Schophar zu denken ist, ein Widderhorn, das heute noch im Mittelpunkt der synagogalen Liturgie dieses Tages steht. Das Blasen auf diesem Horn wird mit der verhinderten Opferung Isaaks verbunden. Anstelle des Sohnes wurde ein Widder geopfert, dessen Horn nun Gott an das stellvertretende Sühneleiden Isaaks erinnern soll. Dieses Motiv kehrt in der Liturgie des Neujahrsfestes immer wieder: „Gedenke des Bundes mit Abraham und der Bindung Isaaks und rette uns um deines Namens willen.“

Das Fest wird am ersten Tag des siebenten Monats, also am ersten Tischri begangen. Es fällt auf, daß Neujahr am ersten Tag des siebenten Monats gefeiert wird. Der Grund hierfür ist eine Kalenderreform, die expressis verbis nirgends erwähnt ist, aber geschichtlich durch die Rückkehr aus dem Babylonischen Exil verständlich wird. In Babylon lernten die Exilierten das Thronbesteigungsfest des Marduk kennen, das zugleich Neujahrstag war. Sie adaptierten das Fest dem eigenen Kult. Der Tag des Hornblasens wurde Neujahrstag und in der Liturgie dominiert der Gedanke der Thronbesteigung des richtenden Gottes, vor dem an diesem Gerichtstag die Bücher von Verdienst und Schuld aufgerollt sind:

„Der König, der auf seinem Thron hoch und erhaben sitzt“, lautet die Einleitungsformel zum Morgengottesdienst, die in besonders getragener Weise vom Vorbeter intoniert wird.
Der Charakter des furchtbaren Tages des Gerichtes kommt besonders ergreifend in dem Gebet „Unethane Thokeph“ zum Ausdruck, das in die Wiederholung des Zusatzgebetes am Neujahrsfest und am Versöhnungstag (im aschkenasischen Ritus) einzuschalten ist.

Um die Entstehung dieses Gebetes rankt sich eine charakteristische Legende. Es wird einem Rabbi Amnon aus Mainz zugeschrieben, der offenbar zur Zeit der Kreuzzüge gelebt haben soll. Er war ein Freund des Bischofs und dieser setzte ihm zu, sich zum Christenrum zu bekehren und sich taufen zu lassen. Rabbi Amnon bat sich eine Bedenkzeit von drei Tagen aus, aber zu Hause angelangt, überfiel ihn tiefe Reue über seine zagende Antwort und er beschloß, nicht in den Palast des Bischof zurückzukehren. Dieser ließ ihn rufen und als Rabbi Amnon der dringlichen Einladung nicht Folge leistete, wurde er mit Gewalt dem Bischof vorgeführt. Rabbi Amnon selbst sprach das Urteil über sich aus: die Zunge, die lügnerische Antwort gegeben, solle ausgerissen werden.

Der Bischof aber nahm dieses Verdikt nicht an, sondern beschloß: die Füße, die den Weg verweigerten, sollen abgehackt werden und die Hände, die die hingestreckte Hand nicht ergriffen, ebenfalls. Grausam verstümmelt wurde Rabbi Amnon in sein Haus zurückgetragen, die abgehackten Gliedmaßen in Salz gelegt neben ihm. So ließ er sich am Neujahrs- oder Versöhnungstag in die Synagoge tragen und stimmte mit letzter Kraft den Hymnus an, den Ismar Elbogen folgendermaßen umreißt: „Er schildert in naiven, erhabenen Bildern eindrucksvoll die Macht des Gottesgerichtes über jeden einzelnen Menschen, der durch .Umkehr, Gebet und fromme Werke ein böses Geschick abwehren kann. Denn der unerreichbaren Überweltlichkeit des allmächtigen Gottes steht seine unerschöpfliche Nachsicht dem schwachen vergänglichen Erdensohn gegenüber.“
Die Legende fährt fort zu berichten, daß Rabbi Amnon nach Beendigung des Hymnus seine Seele aushauchte, aber seinem Schüler im Traume erschien und ihn beauftragte, den Text des Gebetes an alle Gemeinden Israels zu versenden.
Elbogen meint, daß Stil, Sprache und Verbreitung des Gebetes auf ein höheres Alter und auf den Orient als Entstehungsgebiet hinweisen. Dieser Ansicht kann ich mich nicht anschließen, denn gerade in den orientalischen Gemeinden blieb das Gebet unbekannt, so daß der mittelalterliche Ursprung in Deutschland in der Zeit des Martyriums der Kreuzzüge durchaus einleuchtend ist. Auch der Stil erinnert an den mittelalterlichen Pijut aus der Schule der Kalonymos, die in Deutschland wirkten.

Die Legende, die in dem Buch „Or Sarua“ (Vorschriften für den Neujahrstag) zitiert wird, nennt den Schüler Rabbi Kalonymos ben Meschulam ben Kalonymos ben Mosche ben Rabbenu Kalonymos. Mit dieser mehrfachen Erwähnung des Namens Kalonymos soll auf den literarischen Ursprung nachdrücklich hingewiesen werden.

Wir lassen hier eine Stelle aus dem Gebet in der freien Nachdichtung folgen, die dem liberalen Einheitsgebetbuch (zweiter Teil; Frankfurt am Main 1929, S. 163 ff.) entnommen ist:

Heiligen Tages Macht laßt uns künden.
Ehrfurchtgebietend und erschütternd ist er.
Deine Weltregierung ersteht vor der Seele.
Dein Thron, der auf Gnade gegründet.
Auf dem du thronst in Wahrheit.

Führwahr, du bis Richter und Ankläger
Und Wissender und Zeuge
Und Schreiber und Siegelnder
Und Zähler und Wägender
Und gedenkst alles Vergessenen
Und öffnest das Buch des Erinnerns.
Und es liest sich selber
Und jedes Menschen Hand
Hat sich darin selber eingezeichnet.

Und die große Posaune wird geblasen
Und schweigender Stille
Laut wird vernehmlich;
Engel erschauern, Zittern erfaßt sie und Beben,
Und sie rufen: Der Tag des Gerichts ist da,
Gericht zu halten über die Himmelscharen,
Denn auch sie sind nicht rein vor ihm im Gericht,
Und alle Weltbewohner ziehen an dir vorüber
Wie die Schafe der Herde.

– Wie ein Hirt seine Herde mustert,
Sie unter seinem Stab hindurchziehen läßt einzeln.
So läßt du vorüberziehen und zählst und wägst
und setzt Jedem sein Ziel und fertigst jedem seinen Urteilsspruch

Am Neujahrstag wird es geschrieben
Und am Versöhnungstag besiegelt:
Wie viele vergehen. Wie viele entstehen.
Wer leben wird. Und wer sterben,
Wer lebensmüde, wer in Lebens Blüte.
Wer durch Feuerglut, Wer durch Wasserflut,
Wer durch Kriegesnot, Wer durch Seuchentod,
Wer durch Wetterschlag, Wer durch Himmelsplag,
Wer voll Ruhe bleibe. Und wer unstet treibe.
Wer in Frieden weile. Wen die Qual ereile.
Wer in Freuden, Wer in Leiden,
Wer arm, wer reich. Wer sinkt, wer steigt.

Aber Umkehr und Gebet und Liebeswerke
Wenden ab das Böse des Verhängnisses.

Ein Kernstück des Hauptgebetes unserer beiden Hochfeste beginnt mit den einleitenden Worten „UweChen ten pachdekha“…

Und so laß denn. Ewiger unser Gott, ein Erschauern
vor dir über all deine Werke kommen und ein ehrfürchtiges
Bangen vor dir über alles, was du erschaffen hast.
daß dich alle Geschöpfe ehriurchten und alle Wesen sich
vor dir beugen und alle ein Bund werden, deinen Willen
zu tun mit ungeteiltem Herzen, so wie wir wissen.
Ewiger, unser Gott, daß die Herrschaft bei dir ist,
die Macht in deiner Hand und die Kraft in deiner Rechten
und dein Name erhaben über alles, was du erschaffen hast.

Dieser Text ist charakteristisch für das Wesen der beiden Hochfeste, die vom Mysterium tremendum gekennzeichnet sind, und den nationalen Rahmen anderer Feste durchbrechend ins Universelle vorstoßen. Der B’rith, dem Bund mit Israel, ist als Endziel der Geschichte die ..“Agudah Achath“, die einige Gemeinschaft aller Menschen gegenübergestellt, die sich unter Gottes Herrschaft beugen sollen… …

Aus:

Ben-Chorin, Schalom:
Betendes Judentum: Die Liturgie der Synagoge
Tübingen: Mohr, 1980. ISBN 3-16-143062-X, © Schalom Ben-Chorin / J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1980.
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