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Mysterium: Schriftlesungen am Jom Kipur

In der Liturgie zu den Hohen Feiertagen, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erweitert wurde, lesen wir…

Schalom Ben-Chorin
Aus „Betendes Judentum: Die Liturgie der Synagoge“, Münchener Vorlesung, Kap. X, pp. 180

Awinu, Malkhenu

Unser Vater, unser König,
sei uns gnadig und erhöre uns.
Wir sind arm an guten Werken,
So tu du an uns Liebe und Güte und hilf uns.

Dieses Gebet wird wie einige andere Hauptstücke vor geöffneter Heiliger Lade rezitiert; das gilt auch für das ,,Alejnu“-Gebet um das Reich Gottes, das an den Hochfesten im Mittelpunkt, an allen anderen Tagen aber am Ende der Liturgie seinen Platz gefunden hat.

Schriftlesungen am Jom Kipur

Die Schriftlesungen am Jom Kipur bieten zunächst die einschlägigen Stellen aus dem Pentateuch (Lev 16): Der große Versöhnungstag, und Num 29.7-11: Die Opfer-Thora des Tages, ohne das vorher erwähnte Sündenbock-Ritual. Die Propheten-Perikope im Morgengottesdienst ist Jes 57,14-58,14, wo das rechte Fasten als die Bewährung im zwischenmenschlichen Bereich artikuliert wird.

Die Lesung im Mincha- oder Vesper-Gebet hingegen umfaßt die Inzestverbote von Lev 18. Der Grund hierfür findet sich in der Mischna Joma. Zur Zeit des Zweiten Tempels fanden nach Ausgang des ernsten Fasttages fröhliche Reigentänze in den Weinbergen um Jerusalem statt, wobei die Jünglinge auf Brautschau gingen. Da war es wichtig, die Ehegesetze zu kennen.
In den Reform-Liturgien tritt an diese Stelle das nächste Kapitel Lev 19, das Heiligkeitsgesetz: „Seid heilig, denn heilig bin ich, der Herr euer Gott.“

Besonders wichtig ist die Propheten-Perikope des Vesper-Gottesdienstes, die Lesung des Propheten Jona.

Das Buch Jona enthält die wesentlichen Elemente des Jom Kippur. Es zeigt den Menschen auf der Flucht vor Gott, der ihn überall, zu Wasser und zu Lande, einholt.

Der vor Gott fliehende Mensch, hier der widerspenstige Prophet Jona, der zugleich ein Symbol für Israel ist, wird mit der Bußpredigt (an die heidnische Stadt Ninive) beauftragt. Das legendäre Fasten reagiert, im Sinne des Jom Kippur, durch ein allgemeines Fasten und erlangt durch diese kollektive Buße die Gnade Gottes.

Sogar das Element des auf den Jom Kippur folgenden Festes der Laubhütten wird durch die Hütte angedeutet, die sich Jona errichtet, um das Schicksal Ninives zu beobachten.

Der Vorlesung des Büchleins Jona werden noch die Verse Micha 7,18-20 angehängt: „Wo ist solch ein Gott wie du bist, der die Sünde vergibt und erläßt die Schuld denen, die übrig geblieben sind von seinem Erbteil; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.“

Diese Trostverheißung, die den Schluß auch des Buches Micha selbst bildet, spielt bereits in der Liturgie des Neujahrsfestes eine besondere Rolle, wird am Nachmittag des Festes rezitiert, während die Beter am Gestade des Meeres oder am Ufer eines Flusses oder Sees stehen und so sinnfällig demonstrieren, daß „alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres geworfen werden“.

Aus:

Ben-Chorin, Schalom:
Betendes Judentum: Die Liturgie der Synagoge
Tübingen: Mohr, 1980. ISBN 3-16-143062-X, © Schalom Ben-Chorin / J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1980.
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