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Mauerfall 1989: Zwanzig Jahre Jüdische Zuwanderung nach Deutschland

Das Jahr 1989, das die deutsche Einheit eingeläutet hatte, bedeutete auch für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland eine Zäsur. Der zu diesem Zeitpunkt bereits erkennbare Umbruch in der Sowjetunion löste bei jüdischen Sowjetbürgern nicht nur Freude, sondern auch Angst vor erstarkenden Manifestationen des Antisemitismus aus. Für viele von ihnen wurde Deutschland ein Zufluchtsort…

Die Tore sind geöffnet

Zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls und der politischen Wende in Europa legt der Zentralrat der Juden in Deutschland eine Bilanz der Entwicklung jüdischen Lebens in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor. Hierzu gehört auch eine ausführliche Darstellung der mit dem Zerfall des Ostblocks beginnenden jüdischen Zuwanderung aus der UdSSR beziehungsweise deren Nachfolgestaaten in die Bundesrepublik.

Kontingentflüchtlinge:
Innerhalb von 20 Jahren kamen 220.000 Menschen im Rahmen der jüdischen Zuwanderung nach Deutschland

1991 beschlossen Bund und Länder eine offizielle Zuwanderungsregelung für Juden aus der UdSSR. Im Rahmen der einschlägigen Bestimmungen fanden die Zuwanderer in der Bundesrepublik Aufnahme als so genannte Kontingentflüchtlinge. Insgesamt sind in den beiden letzten Jahrzehnten 220.000 Menschen im Rahmen der „jüdischen Zuwanderung“ nach Deutschland gekommen. Rund die Hälfte dieses Personenkreises waren Juden im Sinne der religiösen Definition. Bei den anderen handelte es sich um Personen mit jüdischen Vorfahren oder mitreisende nichtjüdische Ehepartner.

Heute zählen die jüdischen Gemeinden rund 120.000 Mitglieder – das Vierfache des Standes von 1989. In vielen Städten, vor allem in den neuen Bundesländern, wurden Gemeinden neu gegründet. In vielen Städten Deutschlands wurden neue Synagogen gebaut. Zwei Rabbinerausbildungsstätten haben ihre Pforten eröffnet: das liberale Abraham-Geiger-Kolleg und das orthodoxe Hildesheimersche Rabbinerseminar. Inzwischen sind mehrere in Deutschland ausgebildete Rabbiner ordiniert worden. Andere kamen aus dem Ausland, um die jüdischen Gemeinden zu betreuen. Gegenüber 1989 hat sich die Zahl der Gemeinderabbiner verdreifacht.

Psychologische Zäsur

Die Zuwanderungswelle war auch eine psychologische Zäsur. In den ersten Jahrzehnten nach dem Holocaust war jüdisches Leben in Deutschland alles andere als eine Selbstverständlichkeit – auch für die jüdischen Bundesbürger selbst. Mit der Zuwanderung aus der Ex-UdSSR änderte sich das jüdische Selbstverständnis grundlegend. Auf einmal wurden die vermeintlich nicht auf Dauer angelegten Gemeinden zu einem Anker für die Neuzuwanderer. Damit konnten sich viele Alteingesessene in ihrer seinerzeit unter Gewissensbissen getroffenen Entscheidung für den Wohnort Deutschland bestätigt sehen.

Bei ihren Integrationsbemühungen können die jüdischen Gemeinden – von Bund und Ländern materiell und immateriell unterstützt – große Erfolge vorweisen. Indessen bleiben noch viele Herausforderungen offen. Die Integration von rund einhunderttausend neuen Mitgliedern stellte die Gemeinden vor gewaltige Aufgaben. Die Tatsache, dass die Zuwanderer in einem antireligiösen Staat mit einem Juden gegenüber feindselig gesinnten Regime groß wurden, trug in vielen Fällen zu einer großen Entfremdung vom Judentum bei. Das macht besondere Anstrengungen bei der Vermittlung jüdischen Wissens und jüdischer Identität erforderlich. Auch muss die religiöse Infrastruktur weiter ausgebaut werden. Für eine erfolgreiche Entwicklung der Gemeinden sind mehr Rabbiner, Kantoren und Religionslehrer sowie ein weiterer Ausbau des jüdischen Schulwesens erforderlich.

In den letzten Jahren hat sich das Tempo der Zuwanderung erheblich verlangsamt, und zwar nicht nur wegen veränderter Aufnahmebedingungen. Vielmehr hat die unter Juden in der ehemaligen UdSSR bestehende Emigrationsneigung generell nachgelassen. Dennoch bleibt Integrationsarbeit eine vordringliche Aufgabe.

(Quelle: Medienspiegel des Zentralrats der Juden in Deutschland)