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Frauen und NS: Feminismus und Antisemitismus

An der 68er-Bewegung war ich als Student am Institut für Sozialforschung in Frankfurt, an dem Theodor W. Adorno und Max Horkheimer lehrten, wie an der London School of Economics and Social Science, als Student von Ralph Miliband und als Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS), beteiligt…

Die Mitschuld der Frauen an der NS-Zeit
Geschichtsverleugnung, Väterfeindlichkeit und Antisemitismus im ideologischen Feminismus

1.Teil

Von Prof. Dr. Gerhard Amendt, in der Jahresschrift „Jüdisches Echo“ (Wien, Vol. 57)

In den folgenden Jahren lebte ich für längere Zeit in den USA und forschte über die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King, die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), die Black Panthers und die Weathermen. Als ich 1974 an die Universität Bremen berufen wurde, geriet ich in die Strudel der Metamorphosen der 68er. Teile der Professorenschaft wollten in wahnhafter Selbstverkennung die „werktätigen Massen“ allen Ernstes für die proletarische Revolution organisieren und auf die kommunistische Gesellschaft vorbereiten. Darüber hinaus fanden viele von ihnen reichlich Wohlgefallen am Terror der chinesischen Kulturrevolution und wallfahrten in den Semesterferien dorthin.

Diese Entwicklung polarisierte vor allem die Professorenschaft der Gesellschaftswissenschaften. Während sich die einen Heilserwartungen in obskuren Gesellschaften zur Unterstützung der Volkskämpfe und dem Kommunistischen Bund oder der DKP hingaben und Entsprechendes lehrten, setzten die anderen auf die Gedanken der Aufklärung und ahnten – wenn auch nicht zielstrebig genug -, dass die Revolutionsplaner eine Wiederholung massenpsychologischer Mobilisierungen betrieben, die die krisengeschüttelte Weimarer Republik im Nationalsozialismus hatte enden lassen. Antiautoritäre Studenten und Blumenkinder waren innerhalb weniger Jahre zu kommunistischen Funktionären mit rigidem Gehorsamsanspruch an die Massen mutiert.

Die revolutionären Entwürfe der Nach-68er waren wie alle Illusionen von einer heilen, gerechten und vor allem widerspruchslosen Welt geprägt. Ihrem Wesen nach waren es irrationale Heilserwartungen, deren Verwirklichung ohne Verletzung der Menschenrechte und ohne Gewalt nicht auskommen würde. So konnte es nicht ausbleiben, dass die Kinder der Elterngenerationen des „Tausendjährigen Reichs“ in kommunistischer Ummantelung in den 70er-Jahren zu wiederholen begannen, was sie ihren Eltern vor gerade einmal fünf Jahren noch als Versagen vor dem Unrecht des Nationalsozialismus vorgeworfen hatten.

Es wurde erkennbar, dass die Kinder unbewusst mit ihren Eltern identifiziert waren und nicht wenige unter ihnen darüber hinaus in der Gefahr schwebten, auch die elterliche Gewalttätigkeit in neuen ideologischen Kaschierungen zu wiederholen. So standen Heilserwartungen und der Wunsch, das Versagen der Eltern nicht zu wiederholen, als Widerspruch unter den 68ern sich ungeschlichtet gegenüber.

Weil man sich durchaus von der Gefahr befreien wollte, die Geschichte der Eltern zu wiederholen, versuchte man, deren Versagen zu verstehen. Eine nicht unerhebliche Ursache für deren Versagen wurde in der Funktionsweise der Familie vermutet, die durch ihre alltägliche Praxis das Gewalttätige und die Autoritätshörigkeit hervorgebracht habe. Linke Umwälzungsfantasien wie das für die 68er typische antiautoritäre Element waren immer mit zerschlagungsbereitem Elan gegen die Familie ausgestattet. Das war auch für die 68er-Bewegung prägend.

Sowohl mein damaliges Wissenschaftsgebiet der Subkulturforschung wie komplexe lebensgeschichtliche Konstellationen begründeten mein Interesse an der Analyse der Beziehungen der Geschlechter. So habe ich Themen wie – Die Mitschuld der Frauen an der NS-Zeit, Geschichtsverleugnung, Väterfeindlichkeit und Antisemitismus im ideologischen Feminismus und Diskurs, der die Bedeutung der Eltern für die Erziehung ihrer Kinder erstmals aus der privaten Innensicht herauslöste und öffentlich zur Diskussion stellte, aufmerksam bis in seine später hinzutretenden verdammungsfeministischen Verzweigungen verfolgt. Sie werden hier im Mittelpunkt stehen.

In diesem Diskurs galt das Althergebrachte der Familie in vielerlei Hinsicht nicht nur als wenig verlässlich. Es wurde in einem Zusammenhang für Charakterausprägungen gesehen, die Menschen für den Nationalsozialismus und dessen massenpsychologische Verführungen anfällig machten. Söhne – beispielsweise – in Vorwegnahme eines harten Männerlebens ertüchtigendem Prügeln von Vater und Mutter und autoritärer Gehorsamspflicht auszusetzen, sollte deshalb so verpönt werden wie die Fixierung der Töchter aufs Gebären als Lebensinhalt.

Damals ist jedoch niemandem so recht aufgefallen, dass schon bald nicht mehr über die gemeinsame elterliche Erziehung, sondern nur noch über die Rolle der Väter gerechtet wurde. Das Väterliche wurde zunehmend infrage gestellt. Dabei verlagerte sich die Bedeutung, die ihm zugemessen wurde, von unersetzlich bis veränderungsbedürftig letztlich hin zu völliger Unerheblichkeit. In einigen Varianten des Feminismus lud sich das in den 80er-Jahren zur unüberhörbaren Feindseligkeit gegenüber allem Männlichen auf. So mündete, was als hoffnungsvolle Neuorientierung über Familienverhältnisse in der 68er-Bewegung begonnen hatte, in den 80er-Jahren in einer unerquicklichen Polarisierung der Beziehungen der Geschlechter.

Vieles deutete darauf hin, dass es sich dabei vor allem um Äußerungen aus den Tiefen des Seelenlebens der tonangebenden Verdammungsfeministinnen1 handelte, die bis heute Wirkung in Parteienpolitik, Pädagogik und Regierungsbürokratien zeigen. Und bereits nach wenigen Jahren bärbeißigen Gezeters standen auf einmal guten Müttern böse Väter gegenüber – und überall wurde verlautbart: Frauen sind Opfer und Männer Täter.

Konflikte als Folge der Dynamisierung des Tradierten und als das Typische moderner Geschlechterarrangements2 wurden als Grundlage individueller Lebensführung dadurch in den Hintergrund gedrängt. In den Vordergrund trat hingegen die von dumpfen Vorurteilen geprägte Ideologie der Polarisierung von Männern und Frauen. Beide seien durch ein Freund-Feind-Verhältnis miteinander verbunden, nicht jedoch durch liebevolle Beziehungen, die gute wie schlechte Seiten kennen und die darauf angewiesen sind, dass beide sich bemühen, ihre Konflikte zu lösen. Nicht länger sollte die Einfühlung in den anderen als Modus des Verstehens maßgeblich sein, sondern die verdammungsfeministische Ideologie, die sich in der Abwertung der Männer und – als Gegenpart – der Idealisierung des Weiblichen äußerte. Das Abwertende wurde laut ausgesprochen, das Idealisierende wurde stillschweigend eingebracht. Der ärgerliche und gar nicht selten hasserfüllte Blick auf die Beziehungen der Geschlechter war davon geprägt, dass das Weibliche als das Bessere, das Überlegene, das Verheißungsvolle, ja, das die Zukunft Vergewissernde, die Männer hingegen als die Quelle nicht nur aller denkbaren Übel, sondern als Inkarnation aller Schrecken der Vergangenheit und vor allem einer noch trostloseren Zukunft ausgegeben wurden.

Feministische Friedfertigkeit und antisemitische Geschichtserklärung

Wenn aber Feindbilder an die Stelle von rationalen Konfliktanalysen treten, ist die Gefahr allgegenwärtig, dass es zu massenpsychologischen Reaktionsbildungen kommt. Diese greifen regelmäßig auf gängige Vorurteile zurück und mobilisieren ebenso, wenn auch heute eher in verdeckter Weise, antisemitische Ressentiments. Offene gesellschaftliche wie unbewusste psychische Konflikte werden dabei auf andere verschoben. Micha Brumlik3 hat 1986 auf solche Tendenzen in den neuen sozialen Bewegungen hingewiesen. Über deren Folgewirkungen werden wir uns erst allmählich klar.

Allmählich erkennen wir, dass die generelle Abwertung des Männlichen nicht nur ein Gerangel von Feministinnen um Macht und moralische Überlegenheit über Männer in der Gegenwart war. Hinter dem leidenschaftlichen Anspruch, dass Frauen das bessere Geschlecht seien, trat in Deutschland und Österreich der Versuch zutage, die Mitwirkung der Frauen im Nationalsozialismus der kritischen Betrachtung und Bewusstwerdung zu entziehen. Es sollte nicht erörtert werden, wie, wann und wo Mütter und Großmütter an dieser schrecklichen Zeit beteiligt waren.

Unter Feministinnen bezog sich dabei keine ausdrücklich auf die Idealisierungen der Frauen als „arisch reine Frauen“ während des Nationalsozialismus. Dem stand die darin mitschwebende rassistische Komponente im Wege.

Deshalb wird auch noch in den gegenwärtigen Idealisierungen der Frauen nirgendwo auf die „arisch reine Frau“ Bezug genommen. Aber seit den 80er-Jahren schält sich heraus, dass hinter dem zeitgenössischen feministischen Bild von der guten Frau und guten Mutter sich eben nicht nur die Weiblichkeitsentwürfe der Romantik des 19. Jahrhunderts verstecken, sondern deren rassistische Vereinnahmung und Wertschätzung durch die Nationalsozialisten. Dieses halb schlummernde, halb wache Bild von den hehren „arischen“ Frauen wollte der Feminismus vor den Niederungen eines vermeintlich nur männlich geprägten Nationalsozialismus kunstvoll entrücken. So ist es im Rückblick der deutschsprachige Feminismus, der den zähen Versuch verkörpert, die Mütter- und Großmüttergenerationen als unbeteiligt am Nationalsozialismus darzustellen.

Obwohl das bereits im Feminismus zu Auseinandersetzungen geführt hatte, ist die Ideologie von den weiblichen Opfern und männlichen Tätern der Versuch, jede Beteiligung der Frauen am Nationalsozialismus und der Shoah zu verleugnen. Diese Verleugnung ist ungeschmälert noch immer so wirksam, dass 1994 für die Veröffentlichung der „Liebesbriefe an Hitler“4 keine maßgebliche Feministin bereit war, eine Einleitung zu verfassen.

Anmerkungen