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Freund, Fan: Das sind nur Definitionen

Es ist nicht so tragisch, dass die „Freunde“ auf Facebook nicht wirkliche Freunde sind, aber sich auf die Gedenkseite für den Holocaust von Auschwitz eintragen und zu einem „Auschwitz Fan“ werden? Die sozialen Netzwerke bringen Verwirrung in unser Leben…

Von Yuval Dror, Maariv v. 20.10.2009

Was besonders auffällt, ist dass Facebook zwei altbekannten Begriffen neue Inhalte verliehen hat. Der erste ist „Freunde“, der zweite ist „Fan“. Vor Facebook wussten wir alle, wer unsere Freunde sind. Es war eine begrenzte Gruppe Menschen, für die wir bereit gewesen wären, fast alles zu tun. Heute kann man Benützer von Facebook sehen, die Tausende Freunde haben.

Das Problem ist nicht weniger schwerwiegend, in dem was den Begriff „Fans“ betrifft. Facebook ermöglicht es Organisationen, eine Fanseite für ihre Organisation zu eröffnen und dann die Nutzer einzuladen, auf dieser Seite Updates über die Organisation zu verfolgen. Das ist verzerrt und kapitalistisch, aber das ist nicht neu.

Was aber neu ist, ist dass letzte Woche die Leiter der Gedenkstätte des Nazi Vernichtungslagers Auschwitz in Polen eine Fanseite auf Facebook eröffnet haben, um eine öffentliche Diskussion über die Gräuel auszulösen, die im Lager stattgefunden haben. Und hier trifft das sprachliche Problem, das Facebook in die Welt gesetzt hat, voll ein. Wer die Tätigkeiten der Leiter der Gedenkstätte verfolgen will, wer von Events hören möchte, die an der Stätte abgehalten werden, wird zum „Fan von Auschwitz“. Die Unbehaglichkeit dieser Kombination schreit zum Himmel.

Innerhalb kürzester Zeit wurden Stimmen im Internet laut, und auch bei uns hier in Israel, die forderten, die Seite von Facebook zu entfernen. Auch wenn man sich darüber klar ist, dass man nicht „Fan“ von Auschwitz, sondern vom Werk der Gedenkstätte ist, behaupteten sie, so ist doch der Begriff „Fan“ unpassend; höchstens „Anerkennung“. Aber „Anerkennung“ gibt es bei Facebook nicht, und die Dissonanz erschüttert und verletzt das Andenken an die Opfer.

Die Frage ist, ob man das Wort ernst nehmen muss. Denn letztendlich, wenn alle Leute auf der Liste meiner Freunde nicht wirklich meine Freunde sind, warum werde ich, wenn ich mich der Fanseite von Auschwitz anschließe, ein „Fan von Auschwitz“? Weil Facebook es gesagt hat?

Wir alle haben Interesse daran, die junge Generation zu erreichen, ihm die Gräuel der Nazizeit mitzuteilen, das Andenken an die Opfer zu bewahren. Der Mangel an sprachlicher Flexibilität, den Facebook anbietet, ist bedauernswert und ärgerlich, aber kein genügender Grund, eine wichtige Tätigkeit für das Andenken an einem Ort zu verhindern, den Hunderte Millionen Surfer aus aller Welt jeden Monat besuchen.

Medienspiegel der Deutschen Botschaft Tel Aviv