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Weit ist der Weg – Impressionen von einer Reise nach Brünn, Bratislava und Budapest

Dass die Brünner einmal stolz waren, „ein Vorort von Wien“ zu sein und Bratislava seinen Einstand in die EU als properste Stadt weit und breit unterstreicht, gehört zu den anschaulichen Eindrücken, die man auf Exkursionen, wie sie das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin in den vergangenen Jahren immer wieder in den Osten Europas organisierte, gewinnen kann…

Von Ellen Presser

Diese Reisen auf Spuren einstigen und heutigen jüdischen Lebens erweisen sich stets auch als Rückblicke in deutsche Geschichte. Und das mündet so gut wie immer in die Nachwirkungen der deutschen Besetzung, erzwungener Umsiedlung, ermordeter Bevölkerungsgruppen, zerstörter Landstriche und kollektiver Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Denn die heimgesuchten Völker vergessen nicht. Ihr kollektives Gedächtnis wirkt nach, manchmal wird das bis in unsere Tage genutzt, um von gegenwärtigen Mängeln abzulenken. Nirgendwo ist mir das so sehr aufgefallen wie auf der Exkursion nach Weißrussland, wo der große Vaterländische Krieg in der Gedenkkultur wie im Schulunterricht einen mächtigen Platz einnimmt. Wollte man es analog pathetisch ausdrücken, dann watet man noch heute an so gut wie allen Orten sprichwörtlich im Blut, das von den Deutschen in den Feldzügen faktisch vergossen wurde.

Von der diesjährigen Exkursion nach Brünn (Tschechien) über Bratislava (Slowakei) bis Budapest (Ungarn) bleiben Bilder, die weniger dramatisch nachwirken – auf den ersten Blick. Doch auf den zweiten und dritten wird auch hier deutlich, dass mutwillige Zerstörung Risse in einer Stadt- und Seelenlandschaft auslösen kann, die noch Jahrzehnte später zu klaffenden Lücken führen.

In Brno, wie das südmährische Brünn heute heißt, ist davon nicht viel zu spüren. Die k.-und k.-Seligkeit eines Vielvölkerstaates, der diverse Ethnien, Baustile, Sprachen und Küchen unter eine Krone brachte, klingt an. Flaniert man durch die Radnická, passiert man vom Barock bis Jugendstil alles, was einst gefiel. Der Architekt Adolf Loos wurde in Brünn geboren, Julius Korngold wirkte als Musikkritiker und Exilanten wie der Simplicissimus-Zeichner T.T. Heine fanden für kurze Zeit ein Cafehaus. Peter Demetz, dessen Vater 1926 Intendant in Brünn wurde, ging hier zur Schule, bis er sie als „jüdischer Mischling“ verlassen musste. Der jüdische Sozialdemokrat Ludwig Czech hatte soviel für das „deutsche Wesen“ getan, dass er nicht glaubte, es könne ihm etwas passieren. So kam er nach Theresienstadt. Die Informationen fügen sich wie viele kleine Splitter zusammen. Im einen Moment bewundert man noch Steinmetz-Arbeiten aus dem 16. Jahrhundert ganz nahe beim lokalen Regierungssitz, passiert ein Haus, an dem Mozarts Besuch 1767/68 dokumentiert wird, und macht sich im nächsten Moment auf den Weg zur jüdischen Gemeinde, die offiziell an die 290 Mitglieder zählt. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die jüdische Gemeinschaft formale Gleichberechtigung erlagt, 1945 waren von zwölftausend Brünner Juden gerade mal tausend am Leben. Den Namen „Manchester des Ostens“ hatte Brünn der Textilindustrie zu verdanken, die von jüdischen Unternehmern aufgebaut worden war. Einst wirkte hier Rabbiner Feder, der für die ganze Tschechoslowakei eine Autorität war. Heute bewahrt man die Tora-Krone im eineinhalb Kilometer entfernten Gemeindehaus auf. Das Risiko ist zu groß, dass etwas aus der Synagoge, die 1935 erbaut wurde, gestohlen werden könnte. Trotzdem fühle er sich wohl, meint der alte Herr, der die Reisegruppe aus Deutschland freundlich empfängt, es gebe viel weniger Gefahr als in Israel. Was für ein Vergleich und was soll der ehemalige Maschinenbauingenieur, der früher beruflich bis in die DDR kam, auch sagen. Er will uns beruhigen – die Stadt behalte rechte Gruppen im Auge.

Der Sprung von Brünn nach Bratislava beinhaltet den Sprung von Krone zu Euro. Das gilt seit 1. Januar 2009. Der Regierungssitz der slowakischen Republik will sich von seiner besten Seite zeigen. Lange galt die Slowakei als – bäuerliches – Hinterland. In der Zeit der europäischen Einigung fand die Trennung statt, die es mit einem Referendum so nicht gegeben hätte. Das sagt zumindest der Volksmund. Doch nun zeigt man es dem westlichen Tschechien. Ist schon drin in der EU, siedelt Industrien an, organisiert im Sommer das Bratislava Festival, Kommerz und Kultur in schöner Eintracht. Tschechen und Slowaken kamen erst 1918 mit dem Ende der Donaumonarchie zusammen. Und trotzdem, wohin man kommt, Maria Theresia wirkt überall nach. Wen kümmert’s heute noch, dass im 16. Jahrhundert die Türken einfielen, Bratislava sogar mal Hauptstadt Ungarns war. Im Hotel treffen wir auf eine Mutter und Sohn. Die Emigrantin aus Dresden heiratete in Argentinien einen Flüchtling aus Bratislava. Nun will sie dem Sohn helfen, väterlichen Familienspuren nachzugehen. Der Vater überlebte im Keller einer slowakischen Familie, zusammen mit sechs anderen Versteckten.

Auch wir sind Touristen der anderen Art. Suchen einen Friedhof, der seit 1847 zwar nicht mehr genutzt wurde, doch 1943 noch einmal mehr Aufmerksamkeit auf sich zog, als gut für ihn war. Der Bau eines Tunnels und die Uferregulierung der Donau sollten sein Ende bedeuten. Dass es gestattet wurde, die meisten Gräber zu exhumieren und ihren Inhalt auf dem neuen jüdischen Friedhof zu bestatten, war das erste Wunder. Dass eine kleine Gruppe von 23 Gräbern, konzentriert um das Grab Chatam Sofers belassen und mit Betonplatten abgedeckt wurde, ist das zweite. Ende der 1990er Jahre führten Verhandlungen des International Committee for the Preservation of the Gravesites of Geonai Pressburg zu einer völlig neuen Gestaltung des Geländes. Die Gleisanlage der Straßenbahn, die über den Friedhof verlief, wurde verlegt, ein Steg über das Gelände gebaut, so dass Chassidim aus aller Welt die Grabstätten bedeutender Pressburger Rabbiner, allen voran des Chatam Sofer, (eigentlich Mosche Schreiber, 1762 – 1839) besuchen können. An alles ist gedacht, einen Raum zum „dawnen“, halachisch erforderlicher Lichteinfall, eine Absperrung zum Schutz der alten Grabsteine und Belüftung.

Man könnte den Eindruck gewinnen, die rund 60 km vom Wiener Flughafen Schwechart entfernte Stadt, die sich von Posonium über Pressburg und Poschen zu Bratislava mauserte, pflege ein verantwortungsvolles Verhältnis zu ihrer jüdischen Geschichte. Doch dieser Eindruck ist schwer getrübt, spätestens wenn man zur großen Brücke und der aus ihr erwachsenden Stadtautobahn außen entlang der alten Stadtmauer kommt.

Die jüdische Gemeinschaft, anlässlich einer Pestepidemie aus der Stadt geflohen, durfte danach nicht mehr zurück und liess sich am Burghang außerhalb der Stadtmauer nieder. Für den Bau der Stadtautobahn mussten die Judengassen in den 1960er verschwinden und die neologische Synagoge von 1924, die sogar die NS-Zeit überstanden hatte, gleich dazu. Heute erinnert eine schwarze Installation unterhalb der 1970 bis 1972 erbauten Brücke an die Silhouette der Synagoge und davor öffnet sich eine Art Holocaust-Gedenkplatz. Das Mahnmal soll an ein leer gewordenes jüdisches Zuhause erinnern. Ohne Erklärung bliebe man ratlos davor.

Nur zwei Häuser sind erhalten aus der Zeit des alten jüdischen Viertels. Das slowakische Kulturministerium hat das eine, einst nichtjüdisch belegte, ein ehemaliger Renaissancebau, dauerhaft für die Einrichtung eines jüdischen Museums überlassen. Stolz führt der Direktor Pavel Meštzn Besucher durch die renovierten Räume. Im Erdgeschoss ist ein „Pantheon“ prominenten Persönlichkeiten gewidmet wie Peter Lorre, Artur Schnabel und Leopold Szondi. Letzterer stammte aus Nitra, wo das Museum eine „Außenstation“ unterhält.

Touristen werden beim Stadtbummel durch Bratislava auf ein Modegeschäft aufmerksam gemacht, in dem noch authentisches gotisches Bauwerk vorhanden ist, und auf ulkige Metall-Figuren, vor denen man sich gerne fotografieren lässt. Die jüdische Gemeinschaft aber lebt in Bratislava nahezu unsichtbar.

Ein Tagesausflug führt uns nach Trnava, Dort gab es Juden seit dem 12. Jahrhundert. 1494 wurden vierzehn auf Grund einer Ritualmordbeschuldigung verbrannt, der Rest vertrieben. 1793 hob man das Ansiedlungsverbot auf, die Gemeinde wuchs auf 3.000 Mitglieder. Die „neologische“ Synagoge (ein Status, den man in Westeuropa gar nicht kennt, wohl aber in der Slowakei und Ungarn) dient als Kunstraum und für Konzerte. 1986 wurde im Zuge einer Brandstiftung der Raum nachhaltig zerstört. Nun stört nichts Altes mehr die neue Funktion.

Das Jüdische Museum in Bratislava hat Anfang Mai fünf Baracken, die Teil einer militärischen Anlage in Sered sind, zugesprochen bekommen. Dort befand sich ein berüchtigtes Arbeitslager. Unsere Besuchergruppe ist die „erste offizielle“. Noch kann man nicht unangekündigt kommen. Zwischen den als Kaserne und Militärkrankenhaus genutzten Bereichen und dem künftigen musealen Komplex sollen eine Trennwand und ein separater Eingang gesetzt werden. Ende 2009 ist Arbeitsbeginn geplant, für März 2011 die Eröffnung der Gedenkstätte.

1941 bis März 1942 wurden Juden in Sered „konzentriert“, von März bis Oktober 1942 fanden zahlreiche Transporte statt. Von 50.000 Deportierten kehrten nur rund 800 zurück. In der Slowakei heißt es bis heute, man hätte die Juden nicht deportiert. Der feine Unterschied: man schaffte sie an die Grenze und übergab sie dort den Deutschen. Die schlimmste Periode in Sered begann im Herbst 1944, als Alois Brunner die Leitung übernahm. Im Frühjahr 2009 erst wurde eine detailreiche Liste entdeckt mit den Namen der inhaftierten Juden, ihrem Geburtsdatum und der Deportationsrichtung. Gegen Ende waren 11.900 Menschen eingesperrt, wo man auf 1.000 eingerichtet war. Die fünf Baracken werden verschiedenen Aspekten gewidmet sein: 1. der Situation im Lager, 2. dem Agieren Alois Brunners, 3. der Judenverfolgung in der Slowakei, 4. den „Gerechten unter den Völkern“, die halfen. Hinzu kommt ein Studienzentrum.

Wie schwierig es um angemessene Gedenkkultur steht, zeigt sich in Nitra, wo das Jüdische Museum aus Bratislava auf der Frauenempore der 1911 errichteten Synagoge eine Holocaust-Ausstellung installiert hat. Statt auf Fakten setzt man auf Emotionalität. Es ist ein seltsamer Erlebnis-Parcour, den man von der Videoaussage des Rabbi Weissmantel bis zu einem Fläschchen passiert. Es beinhaltet ein Hautstück samt der Nummer A 23384, das sich eine Auschwitz-Überlebende nach der Befreiung hat entfernen lassen. 108.000 slowakischer Juden wird hier gedacht. Alles gut gemeint. Doch gut gemacht?

Staatspräsident Josef Tiso, ein Priester, verfolgte die Juden mit unerbittlichem Hass, seine Anordnungen standen denen der antijüdischen Gesetzgebung im Deutschen Reich in nichts nach. Der 1946 Hingerichtete wird von Rechten in der Slowakei bis heute offen verehrt.

Für Budapest hatten wir an die vier Tage Zeit. Und das braucht man mindestens, um eine erste Orientierung für Buda und Pest und die schöne blaue Donau dazwischen zu bekommen. Wer sich dem „Jüdischen Budapest“ nähern möchte, ist gut beraten, im Vorhinein den Stadtführer aus dem Mandelbaum Verlag zu studieren. Ich will hier nur ein paar persönliche Impressionen anführen.

Der Besuch der größten Synagoge in Europa – auch hier neologischer Art (einer ganz eigenen Mischung orthodoxer, konservativer und reformierter Elemente) – ist eine touristische Attraktion. Parallel finden Führungen in Deutsch, Hebräisch, Italienisch, Französisch – und wer weiß, in was noch alles für Sprachen – statt. Von solchem Massentourismus ist das Holocaust-Museum weit entfernt. Es verbindet in architektonisch höchst überzeugender Weise den Standort einer ehemaligen Synagoge mit einem modernen Studienzentrum und einer Ausstellung, die anhand verschiedener Familienschicksale – assimilierte, privilegierte Familien, bürgerliche, religiöse, arme jüdische Familien und eine Roma-Familie – erläutert, wie die juden- und minderheitenfeindliche Gesetzgebung ihre mörderische Wirkung tat. In Ungarn gilt der 16. April als Holocaust-Gedenktag, weil 1944 an diesem Tag das Ghetto errichtet und binnen der folgenden zwölf Wochen 440.000 Juden deportiert wurden.

Das Roma-Museum in Brünn zeigt die Kultur und Lebensweise der Roma. Wer der Landessprache nicht mächtig ist, für den bleiben die meisten Objekte eher stumm. Im Budapester Holocaust-Museum, das internationalen Standards entspricht, werden Wahrheiten beim Namen genannt, die man außerhalb dieses hermetisch geschützten Areals nicht unbedingt wissen will. Ein Blick in die deutschsprachige Budapester Zeitung genügt. Da erinnert der in Wien lebende Publizist Paul Lendvai daran: „Seit die rechtradikale Partei Jobbik am 25. August 2007 in feierlichem Rahmen die Ungarische Garde ins Leben rief, sind Fotos von den uniformierten Einheiten, die unbewaffnet in Reih und Glied aufmarschieren, als Illustration der hiesigen Zustände nicht nur in Magazinen der westlichen Presse zu finden“.

Die Gefahr einer Rechtsradikalisierung breiter Teile der ungarischen Gesellschaft sieht man (nicht nur) bei Radio C mit Sorge. Das „C“ steht für „Cigan“, d. h. Zigeuner, das einzig in der ungarischen Sprache gebräuchliche Wort für Roma. Im Oktober 2001 mit Sendeerlaubnis ausgestattet ist das von Roma betriebene Radio über Internet weltweit für ca. 250.000 Hörer erreichbar. Terrestrisch (FFM 88,8) sind es sechzig- bis siebzigtausend. Das Programm werde auf Ungarisch und bei europäischen Themen manchmal auch in Englisch ausgestrahlt. „Zigeunerisch“ (O-Ton!) spiele als Sendesprache kaum eine Rolle, nur mehr 2 – 3 Prozent der Budapester Roma beherrschten ihr eigene Sprache. Die kulturellen Auswirkungen des Genozids wirken über sechzig Jahre nach dem Ende systematischer Verfolgung nach. Und trotz ehrbarer Bemühungen wie des eigenen Radio- und bald auch Fernsehprogramms sieht die Zukunft der Roma in Ungarn nicht rosig aus.

Wo’s geht, werden sie gleich ganz verleugnet – wie etwa im „Haus des Terrors“. Das ist eine sehr aufwendig gestaltete nationale Gedenkstätte der Ungarn in der ehemaligen Kommandozentrale der Pfeilkreuzler in Budapest – mit einem russischen Panzer im Innenhof. Martialische Musik, manipulative Bildfolgen auf zahlreichen Monitoren gleichzeitig, Dargestelltes und Ausgespartes und vor allem die doppelte Opferrolle, in der die Ungarn dargestellt werden, 1944 als Opfer der deutschen Faschisten und 1956 als Opfer der russischen Kommunisten, das ist schon ein starkes Stück. Dabei hat die antijüdische Gesetzgebung in Ungarn eine lange Tradition, vom Numerus clausus gegen jüdische Studierende bis zur Enteignung jüdischen Eigentums, lange bevor die Deutschen in Ungarn einmarschierten.

Dass die Schönheit von Stadt und Fluss mit der Erinnerung an Schrecklichstes auf angemessene Weise zusammengeführt werden kann, zeigt das Mahnmal der Schuhe am Ufer. Es erinnert an die von Pfeilkreuzlern an die Donau getriebenen Juden (die noch von der Deportation verschont geblieben waren). Sie wurden ins Wasser gestoßen, erschossen. Schuhe in Metall gegossen, erinnern an das elende Los der Verfolgten inmitten dieser Weltstadt. Einen direkten Zugang zu dieser Stelle gibt es nicht. Ziemlich genau zwischen Ketten- und Margaretenbrücke ist es ein weiter Weg entlang der Uferpromenade. Und das soll wohl so sein.