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Watzlawick irrte!

Eine Glosse zu Rosh-HaShana …

Von Ramona Ambs

Wahrscheinlich wird wieder jemand klingeln. Jemand, der sich einen Hammer ausleihen will oder zwei Eier oder ein Kilo Mehl. Irgendein Nachbar, der Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“ gelesen und verstanden hat und nun hemmungslos bei allen Nachbarn klingelt, um sich Hämmer auszuleihen. Oder zumindest bei uns- weil wir nämlich einen Hammer haben. Mehrere sogar.

Nun hat Watzlawick ja theoretisch recht (wir verleihen gerne unsere Hämmer!)- aber bisweilen funkt halt die Praxis dazwischen. In meinem Fall heisst die Praxis: Rosh haShana! Da will ich nämlich keine Hämmer ausleihen. Nicht mal einen einzigen Hammer will ich da verleihen. Ich will einfach meine Äpfel in den Honig tunken und zu Tante Rivka sagen, dass ihr Honigbabka hervorragend schmeckt- auch wenn er nur mäßig sein sollte. Ich will schlicht und ergreifend den Abend mit meiner Familie in einer feiertäglichen Stimmung verbringen.

Und dazu gehört eben, dass nicht jemand klingelt, um sich einen Hammer auszuleihen. Erstens wegen der Störung überhaupt und zweitens wegen der Geräusche, die der Hammer nach dem Ausleihen erwartungsgemäß tätigen wird.

Letztes Jahr an Chanukka ist nämlich genau dies geschehn. Warum sollte es also nun an Rosh-HaShana nicht wieder passieren? Damals hab ich mir in meinem Groll vorgenommen, bei genau diesem Nachbarn an Heiligabend zu klingeln, um nach Nägeln zu fragen. Oder wenigstens am Weihnachtsmorgen zu klingeln und zu sagen: „Ich verzichte heute wegen Ihres Feiertags auf Ihre Nägel“- aber dann hab ichs mir anders überlegt…Ich bin einfach zu nett für derlei.

Woher sollte die gojische Nachbarschaft auch wissen, dass wir einen Feiertag haben? Kommt ja in der Öffentlichkeit nicht vor. Keine Radioansprache, kein TV-Bericht- keine Ladenauslagen mit Rimonim und auch in den Schulen kennt man die Feiertage der jüdischen SchülerInnen nicht. Woher also sollte das Herr Meier von nebenan wissen, dass seine belanglose Frage nach einem Hammer und dem nachfolgenden Gebrauch des Leihgegenstandes zu Groll führen könnte.

Deshalb hab ich mir für dieses Jahr etwas anderes ausgedacht. Spätestens zwei Stunden vor Erev Rosh-HaShana werde ich ein Schild an unserer Türe anbringen. „Watzlawick irrte!“ wird darauf zu lesen sein. Dann behellige ich niemanden mit unseren Feiertagen und bin dennoch geschützt vor Fragen nach Hämmern.

Und falls doch einer klingeln sollte und nach der Bedeutung des Plakats fragen wird, bekommt er ein Stück von Tante Rivkas Honigbabka in die Hand gedrückt. Danach klingelt er sicherlich nie mehr wieder!