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Beth Hillel und Beth Shalom: Munich and Washington Heights

Washington Heights ist ein Stadtviertel von New York City, in dem die deutschen Juden in den 40er- und 50er-Jahren eine bedeutende Mehrheit darstellten. Ihre Wohngegend nannten sie ironisch „Das Vierte Reich“…

Von Rabbiner Tom Kučera

Dort wurde 1940 von Münchener Emigranten die Gemeinde „Beth Hillel“ gegründet, in der die süddeutsche liturgische Tradition gepflegt wurde. So fanden die Predigten in deutscher Sprache statt, die Siddurim waren deutsch, und die Musik stammte von Lewandowski und Kirschner, der vorher in München als Kantor und Komponist lebte.

Im ersten Jahrzehnt nach ihrer Gründung wuchs die Gemeinde Beth Hillel von 200 auf 750 Familien an, sodass ein anderes Synagogengebäude erworben werden musste, ein früheres Postamt. Das Leben ging also weiter und wurde immer amerikanischer. So erschien der Rundbrief ab Mitte der 50er-Jahre schon auf Englisch. Die Draschot wurden zwar immer noch in beiden Sprachen abgehalten, doch die Siddurim waren bereits auf Englisch. In den 60er- und 70er-Jahren setzte der Niedergang der Gemeinde Beth Hillel ein. Um 1970 stellten die Religionsschule, der Jugendklub und der Elternverein ihre Tätigkeiten ein. Sowohl der Umzug der deutsch-jüdischen Einwanderer in die attraktiveren Stadtviertel von New York als auch der Zuzug neuer Immigranten führte dazu, dass im Jahr 2000 in der Gemeinde Beth Hillel zum letzten Mal die Tefilla stattfand. Heute befindet sich im Gebäude ein Supermarket.

Bis heute pflegen ehemalige Mitglieder der New Yorker Gemeinde „Beth Hillel“ freundschaftliche Kontakte zur Münchner Gemeinde „Beth Shalom„. So stammt auch eine der Tora-Rollen in Beth Shalom von Beth Hillel, ebenso wie ein samtener Vorhang für den Tora-Schrank und ein roter Tora-Umhang. Die letzteren sind zur Zeit im Jüdischen Museum im Rahmen der Ausstellung „Munich and Washington Heights“ zu sehen.

Bei der Eröffnung der Ausstellung war auch Dr. Erich Bloch anwesend, der mehr als dreißig Jahre im Vorstand der Gemeinde Beth Hillel tätig war. Während unseres Gesprächs war ich überrascht zu hören, dass bis zum letzten Tag von Beth Hillel keine Frau die Bima betreten durfte. Dazu wurde noch im Jahre 1977, als sich Beth Hillel mit einer anderen Gemeinde vereinigte, die Mechiza, die physische Trennung von Frauen und Männern, eingeführt. Dies geschah einige Jahre, nachdem die erste Frau in Amerika zur Rabbinerin ordiniert wurde.

Was machte also die Gemeinde Beth Hillel liberal? Nach den Worten von Dr. Bloch war es der Synagogenchor, der damals nicht in eine orthodoxe Synagoge gehörte. Dazu muss noch die Orgel genannt werden, die zwar in Beth Hillel nie angeschafft wurde, die aber in jeder größeren liberalen deutschen Synagoge der Vorkriegszeit, auch in München, und auch am Schabbat, zu hören war. Ich denke sogar, dass die Orgel einer der Hauptgründe war, dass sich im 19. Jahrhundert die Einheitsgemeinde in München gespalten hat, und dass, als die Synagoge in der Westenriederstraße wegen räumlicher Enge geschlossen werden musste, gleich an den Bau zweier Synagogen gedacht wurde: an die liberale Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße mit Orgel und Chor, aber mit einer abgetrennten Sitzordnung für die Frauen, und die orthodoxe Synagoge Ohel Jakob an der Herzog-Rudolph-Straße.

Was lernen wir davon? Dass sich der Begriff „liberal“ im Laufe der Zeit entwickelt hat. Vor dem Krieg (und angesichts der Beth-Hillel-Geschichte ausnahmsweise auch nach dem Krieg) mussten die Frauen in der Synagoge getrennt sitzen. Die erste belegte gemeinsame Sitzordnung hat überraschenderweise der konservative Rabbiner Zacharias Frankel im böhmischen Teplitz (von 1831 bis 1836) eingeführt. In der Teplitzer Gemeinde hat auch Jan Mühlstein, Präsident der Union Progressiver Juden in Deutschland, 1962 seine Bar Mizwa gefeiert.

In Amerika wurde die erste sogenannte Familienbank in der ersten Reformgemeinde Amerikas, Anschej Emet in Albany (heute die Hauptstadt vom Staat New York), von Isaak Mayer Wise im Jahr 1851 eingeführt. In Deutschland geschah dies vor dem Krieg nur in einer einzigen Reformgemeinde: 1929 in Berlin. Das bedeutet, dass sogar in der ersten Reformsynagoge überhaupt, die 1810 in Seesen (50 km von Braunschweig entfernt) von Israel Jacobson eröffnet wurde, Frauen auf der Empore saßen.

Den zweiten Unterschied zwischen dem liberalen Judentum damals und heute habe ich mit Rabbiner Prof. Walter Jacob persönlich diskutiert. Sein Vater, Rabbiner Ernst Jacob, war vor dem Krieg Rabbiner in Augsburg und befreundet mit Rabbiner Baerwald in München, der als letzter Rabbiner der Münchener Einheitsgemeinde vor dem Krieg ab 1940 in Washington Heights die Gemeinde Beth Hillel übernommen hat (unser Parochet, der Vorhang in Beth Shalom, wurde der Rebbezin Baerwald zur Erinnerung an ihren Todestag gewidmet). Rabbiner Walter Jacob, der Rabbiner Baerwald auch einmal in Washington Heights besucht hatte, erzählte mir, dass – obwohl es die Gleichstellung der Frau damals nicht gab – bei Rabbiner Baerwald vor allem das halachische Denken typisch liberal war, das versuchte, die Tradition mit der Modernität zu versöhnen und nicht die Tradition gegen die Modernität durchzusetzen.

Zusätzlich zu diesem abstrakten halachischen Denken war es konkret das liberale Siddur – es wurde übersetzt und auch an einigen Stellen verkürzt.
Kurz gesagt war das liberale Element damals Chor und Orgel in der Synagoge, heute ist es die Gleichstellung der Frau. Und für die Übersetzungen und die Verkürzungen der Siddur-Texte damals, bedeutet das liberale Element heute sogar einige Änderungen. In diesem (progressiven) Sinne sollen wir auch an unsere persönliche und kollektive Entwicklung denken. Das liberale Judentum blieb und bleibt in allen Formen auf den Schultern der Tradition getragen.