Rückblick Ungarn 1989: Ein Zigeuner braucht zum Weinen keine Geige

Große wirtschaftliche Probleme, gesellschaftspolitische Ratlosigkeit, aber auch fortgesetzte Diskriminierung der Zigeuner prägen unser Nachbarland…

Von Karl Pfeifer, Falter 13/1989

An jedem ungarischen Feiertag strömen zehntausende Ungarn nach Österreich und räumen die Geschäfte der Unterhaltungselektronikbranche. In Ungarn selber rekonstituieren sich politische Parteien der unmittelbaren Nachkriegszeit und das Land ist zu einem beliebten Ausflugsziel vieler Österreicher geworden, die aus dem chronischen Devisenmangel der Ungarn ihren Nutzen ziehen.
Fakten wie diese prägen das positive Image des östlichen Nachbarn im Westen. Der ungarische Alltag, der sich die Losungen der Glasnost auf die Fahnen geschrieben hat, ist interessant geworden: Gewaltentrennung, Rechtsstaat, Neutralität und Demokratisierung sind jene Schlagworte, die die ungarische Öffentlichkeit bewegen und heftig diskutiert werden. Eine Volksabstimmung soll über den Bau des Donaukraftwerks Nagymaros entscheiden; bis jetzt haben 120.000 Ungarn eine Petition gegen den Bau unterschrieben.

Besorgte Stalinisten, Neostalinisten und Nostalgiker des real existierenden Sozialismus sehen „sozialistische Werte“ gefährdet. Sie sehen ihre Ahnungen etwa durch jene Diskussionen bestätigt, die eine Abschaffung des sozialistischen Staatswappens und die Ersetzung durch das alte Kossuth-Wappen der Revolution von 1848 fordert.

Der Besuch Otto Habsburgs, der in einer ungarischen Filmdokumentation das Publikum zu beeindrucken verstand, verstärkte das Mißtrauen der alten Garde gegenüber den letzten Entwicklungen. Die wirtschaftliche Situation weiter Teile der Bevölkerung scheint ihr recht zu geben: etwas mehr als drei Millionen des Zehn-Millionen-Volks existieren an oder unter dem Existenzminimum. Doch übersieht sie, daß sie dafür auch Verantwortung trägt.

Im Westen scheint man diese Entwicklung zu ignorieren. In den osteuropäischen Nachbarstaaten freilich, in denen man Ungarn gern als Pfadfinder gesehen hat, werden in offiziellen Kreisen Zweifel an der derzeitigen Entwicklung in Ungarn laut.

Auch im Land selber regt sich Widerstand. Nach Gründungen einiger Intellektuellen-Gewerkschaften hat sich im Februar eine „Arbeiter-Solidaritäts-Gewerkschaft“ gegründet. Ob diese Gewerkschaft Anklang bei den Arbeitern finden wird, muß sich erst zeigen. Die wirtschaftlich miserable Situation vieler Arbeiter läßt das zumindest vermuten. Jene Partei, die sich einst dem Wohl der arbeitenden Massen verpflichtet hatte, entzieht sich langsam der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei hat „aus Sparsamkeitsgründen“ (so die offizielle Begründung) die traditionelle Demonstration am 1.Mai abgesagt.

Nun wollen die Oppositionsgruppen am 1.Mai jene Massen mobilisieren, die die KP nicht mehr auf die Straße bringen kann. Einen Vorgeschmack auf diese Demonstration gab es am 15. März, als etwa 100.000 Menschen in der Budapester Innenstadt den Jahrestag der ungarischen Revolution von 1848 feierten. Die KP und die Volksfront brachten nicht einmal die Hälfte zu den Kundgebungen.

Gefordert wurden ein neutrales Ungarn, auf Transparenten wurde „Iwan“ gefragt, ob er nicht Heimweh habe. Die Demonstration verlief friedlich, die Teilnehmer verhielten sich diszipliniert.
Polizei trat nicht in Erscheinung. Nur Verkehrspolizisten .mit angesteckten Kokarden in den ungarischen Nationalfarben rot-weiß-grün waren zu sehen.

Bei allem öffentlichen Protest, ein Ausweg aus dem ungarischen Dilemma ist auch nicht den Oppositionsgruppen zuzutrauen. Weder die Opposition, die gespalten ist, noch die KP ‚haben einen Plan zur Sanierung der Wirtschaft und der Gesellschaft. Die Wirtschaftspolitik der KP orientiert sich an den Austerity-Programmen Margaret Thatchers, nicht zuletzt um die horrende Auslandsverschuldung abzubauen. Die Opposition ist noch weit von einem schlüssigen Gegenkonzept entfernt. Die Frage, ob das monolithische System von einer „sozialen Marktwirtschaft“ abgelöst wird, bleibt offen.

Trotz aller Bewegung in der ungarischen Gesellschaft brauchen die Machthabenden keinen neuen „Volksaufstand“ — auch das ein beliebtes Thema in der öffentlichen Diskussion — zu befürchten.
Sie halten noch immer die Zügel fest. Vorschläge auch seitens staatstreuer Gewerkschaften, die paramilitärische Arbeitermilizen abzuschaffen, werden weiterhin als illusorisch abgetan. Die Regierung, so scheint es, will nicht die Macht, wohl aber die Verantwortung für die schwere Krise in der ungarischen Gesellschaft und Wirtschaft teilen.

Eine Gefährdung der Macht ist auf weiteres, wahrscheinlich auch ohne staatlichen Repressionsapparat, ausgeschlossen. Der erfahrene Apparat weiß noch immer mit Unruhe umzugehen, und die greisen Führer der rekonstituierten sozialdemokratischen und Kleinlandwirtepartei können die breite Masse der entpolitisierten Ungarn auch nicht so recht begeistern.

An einer Bevölkerungsgruppe gehen die politischen Entwicklungen der letzten Zeit spurlos vorbei. An den Zigeunern. Auch eine Änderung des politischen Systems durfte für sie, die an der letzten Stelle der ungarischen Gesellschaft stehen, ohne positive Auswirkungen bleiben. Nur ein Bruchteil der schätzungsweise 300.000 bis 400.000 Zigeuner – die übrigens bei der Volkszählung nicht separat erfaßt werden — gehören der „konsolidierten Gesellschaft“ an, der überwiegende Teil leidet unter der „strukturellen Armut“ und der Diskriminierung durch die Ungarn. Eine 1989 veröffentlichte Meinungsumfrage unter Mitgliedern der ungarischen KP im Bezirk Borsod ergab, daß zehn Prozent der Parteimitglieder eine „Endlösung“ der Zigeunerfrage für wünschenswert halten, das heißt Sterilisation oder physische Vernichtung.

1988 erschien in der Tageszeitung der von westlichen Medien als liberal angesehenen patriotischen Volksfront ein Vorabdruck in 123 Folgen des Buches „Das Leben ist Verbrechen“. Das Werk, verfaßt vom bekannten Schriftsteller György Moldova, enthält dutzende zigeunerfeindliche Stellen. Ein junger Pädagoge schrieb daraufhin einen Beschwerdebrief an den damaligen ungarischen Ministerpräsidenten und jetzigen Generalsekretär der KP Karoly Grosz. Als Antwort erhielt er folgende Auskunft: „Langsam bilden Zigeuner keine Minderheit mehr, denn ihre Zahl wächst stark, gleichzeitig weist die Zahl der Verbrechen immer mehr in ihre Richtung. Unserer Meinung nach verstehen es die Zigeuner nicht, jene Möglichkeiten, die dazu berufen wären, die im allgemeinen berechtigten Vorurteile der Bevölkerung auszuräumen, zu ergreifen.“

Drei Millionen in Armut lebende Menschen, undemokratische Machtstrukturen, Nostalgie einer verunsicherten Bevölkerung, verhaßte Zigeu-ner — Ungarn ist auf dem Weg nach Westen.

112 Kommentare zu “Rückblick Ungarn 1989: Ein Zigeuner braucht zum Weinen keine Geige

  1. @Jovani
    Würden Sie meine Ausführungen genau lesen, hätte Sie vermutlich nicht die letzte Antwort so geschrieben, wie Sie sie hier verbreitet haben. Ich denke aber, dass wir uns hier im Kreis drehen und es schlichtweg keinen Sinn macht, weiter zu diskutieren. Ihre Haltung und Ihre Loyalität zur Sinti-Allianz haben Sie deutlich gemacht. Das ist für mich soweit auch in Ordnung, denn ich habe weder etwas gegen die Organisation noch etwas gegen die Vorsitzende. Es war eine kritische Reflexion eines heftigen Erlebnisses, in das wir ziemlich blind hineingeraten sind. Welche Beziehung Herr Höllenreiner früher zu Natascha Winter unterhalten hat, weiß ich nicht. Und die Situation, wie wir sie in Berlin erlebten war für uns keinesfalls erwartet, sondern insbesondere für Hugo Höllenreiner ein echtes Trauma. Die Aufarbeitung der Gesamtsituation hat uns erst im Nachinein deutlich gemacht, was offensichtlich passiert war. Wie gesagt, darauf waren wir nicht vorbereitet. Sie haben erneut Ihre Sicht der Dinge dargelegt und begreifen diese als Ihre und einzige Wahrheit, wir sehen es eben anders. Was solls. Wieder denke ich, wieviel Energie und Zeitressourcen  wir allein mit solchen Auseinandersetzungen verschwenden, die vielleicht viel sinnvoller eingesetzt werden könnten. Aber darüber zu sprechen über die vielen Einzelheiten, die in meinen früheren Ausführungen angesprochen waren, wäre wohl gewinnbringender gewesen, als hier Angriffe zu starten, die mich ständig zur Richtigstellung gezwungen haben. Rufschädigung, na ja, das habe ich hier durch Sie genügend erlebt. Dennoch bin ich sachlich geblieben und habe mich bemüht, die Sachverhalte so darzulegen, wie wir sie tatsächlich erlebt haben. Wie gesagt, wir hätten die Zeit sicherlich auch gewinnbringender nützen können.
    Ich verabschiede mich dann auch an dieser Stelle und bedanke mich bei allen, die meine Teilnahme zugelassen und sich sachlich, fair und neutral verhalten haben.
    Alexander

  2. Hallo Herr Diepold,

    danke das sie meine Grüße an Hugo weitergeleitet haben.Freut mich das es ihm nun wieder  besser geht,und kann mir vorstellen das Er mit meinem Nick nicht viel anfangen konnte.Wen es ihre Zeit erlaubt, schreiben sie mich doch bitte unter meiner E-Mail lallarutschawu@yahoo.de an .Ich werde ihnen/Hugo dann mitteilen wer ich bin,und aus welcher Familie ich stamme.

    Viele Grüße…Lallaru Tschawu 

  3. Sehr gehrte Damen und Herren von haGalil, ich möchte mich bei Ihnen bedanken dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, an dieser Diskussion teil zu nehmen. Ich bedaure das diese Diskussion sich verselbständigt hat und das ursprüngliche Thema zu kurz gekommen ist. Die Angriffe gegen Sie, Herr Pfeifer, bedaure ich zu tiefst. Ich bin mir sicher, dass Sie mit der Verwendung des Begriffs Zigeuner nicht die Absicht verfolgten, diesen Begriff als Instrument zu benutzten um Menschen zu beleidigen oder zu stigmatisieren. Für Ihre Haltung zum Begriff Zigeuner und für Ihre Standhaftigkeit mit der Sie trotz Angriffen Ihre Überzeugung vertraten,  möchte ich Ihnen danken. Dies ist heute leider nicht selbst verständlich. Viel zu oft lassen sich Publizisten, Politiker und andere in der Öffentlichkeit Stehende von Vereinen einschüchtern und trauen sich dann nicht mehr, den wertfreien Begriff Zigeuner zu benutzen, aus Angst, sie könnten als Rassisten dargestellt werden. 
    Nach unseren Erfahrungen benutzen die Zigeuner diesen Begriff  außerhalb ihrer Gemeinschaft selber.
    Leider erlebe ich immer wieder, dass den Zigeunern ihr Selbstbestimmungs- und Entscheidungsrecht  von Vereinsfunktionären abgesprochen wird, nicht nur was ihre Eigenbezeichnung Außenstehenden gegen über betrifft.
    Diese Vereinensfunktionäre sind überwiegend keine Zigeuner oder nur Halbzigeuner, die nach der Rechtsordnung der Sinti nur in einem streng begrenzten Maße tätig sein können. Es ist Ihnen beispielsweise nicht erlaubt, sich auf kulturellen oder rechtlichen Gebieten der Sinti zu betätigen.
    Hier zu ist zu erwähnen, dass die Sinti innerhalb ihrer Gemeinschaft eine eigene kulturelle  Rechtsordnung und Gerichtsbarkeit neben der ortsüblichen haben. Sie beinhaltet u. a. ein zum Teil unveränderliches Grundgesetz, welches bereits Jahrtausende alt ist. Aus diesem geht u. a. hervor, das nur die Sinti sind, deren beide Elternteile ebenfalls Sinti sind bzw. waren. Und nur diese haben nach der Sinti Kultur das Recht, in vollem Umfang für Sinti tätig zu sein.
    Aus diesem Grunde habe ich von Halbzigeuner geschrieben, weshalb ich hier in einigen Postings
    unterschwellig mit Nazis in Zusammenhang gebracht wurde. Ist es schon wieder so weit, dass man die Wahrheit nicht mehr sagen darf, weil es bestimmten Leuten nicht in den Kram passt?
    Einige hetzerische Postings hier, die mich in die Rechte Ecke stellen wollen, erinnern meiner Meinung nach an den Stil des Stürmer von Julius Streicher in der Nazizeit. So wurden seinerzeit neben den Juden auch Andersdenkende, die sich nicht dem Regime unterwerfen wollten, verhetzt. Ich werde mich von solchen Entgleisungen nicht davon abbringen lassen, die Wahrheit zu sagen.
    Wenn jemand Halbzigeuner als Beleidigung empfindet, ist das sein Problem. Es ist ein gravierender Unterschied ob sich jemand beleidigt fühlt oder ob jemand tatsächlich beleidigt wird. Ich benutze die Bezeichnung Halbzigeuner nicht um jemanden zu beleidigen, sondern um eine Tatsache zu beschreiben und die Öffentlichkeit aufzuklären.
     
    Menschen die nicht zu uns Zigeunern gehören, haben nicht das Recht über unsere Köpfe hinweg zu bestimmen, wie die Zigeuner zu bezeichnen sind. Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man über die Dreistigkeit nur lachen, das Leute die nicht einmal Zigeuner sind sich erlauben, uns Zigeuner zu maßregeln oder uns vorschreiben zu wollen, wie wir uns zu nennen haben.
     
    Sinti und Roma kann niemals ein Ersatz für die wertfreie Bezeichnung Zigeuner sein, weil nicht alle Zigeuner Sinti und Roma sind. Sie sind auch kein gemeinsames Volk.
    Nicht die Bezeichnung Zigeuner ist beleidigend für Sinti sondern die Bezeichnung Roma, weil wir keine Roma sind. Auf die kulturellen und rechtlichen Hürden der Sinti, die dem im Wege stehen würden, möchte ich nicht eingehen. 
    Wir leben in einem freien Land. Es steht jedem frei sich Roma zu nennen und damit der Kultur der Sinti den Rücken zu kehren. Es hat aber niemand das Recht, uns Sinti den Begriff Roma aufzuzwingen oder Außenstehenden vorzuschreiben, nicht mehr die Begrifflichkeit Zigeuner wertfrei zu verwenden wenn es  notwendig ist.
     
    Alle Argumente die hier gegen die Verwendung des Begriffs Zigeuner angeführt wurden sind meiner Meinung nach nicht überzeugend. Die Aussage dass Zigeuner eine Fremdbezeichnung sei, ist falsch. Alte Croniken belegen, das Zigeuner sich sehr wohl selbst als solche bezeichnet haben. Abgesehen hiervon wäre Roma für Sinti auch eine Fremdbezeichnung. Sinti und Roma ist auch für andere Zigeuner eine Fremdbezeichnung, die weder Sinti noch Roma sind.
     
    Auch das  Argument Zigeuner sei eine abwertende Bezeichnung ist nicht haltbar, wie die Geschichte zeigt. Es gibt sicher ebenso viele positive wie negative Verwendungen dieses Begriffes. Zahllose Komponisten, Schriftsteller, Maler und Künstler haben Zigeunern unter dieser Bezeichnung zu hohem Ansehen verholfen, bis hin zu Königen und Fürsten, die gerne die Gesellschaft von uns Zigeunern suchten.
     
     
    Nicht nur ich meine, dass es keinen Grund gibt unseren Namen zu ändern, weil Rassisten ihn diffamiert  haben. Die Annahme, mit einer Namensänderung könnten die Zigeuner Vorurteilen und Rassismus entgehen, ist aus meiner  Sicht ein Trugschluss. Hier möchte ich Natascha Winter die Vorsitzende unseres Dachverbandes zitieren, die bei der Eröffnung des Baubeginns für das Mahnmal für die von den Nazis verfolgten Zigeuner in Berlin in ihrer Rede sagte :“ ….Wer negativ Zigeuner sagt, wird nicht positiv Sinti und ‚Roma oder Roma sagen. Also muss in den Köpfen der Menschen etwas verändert werden und nicht der Name Zigeuner….“
     
    Sie geehrter Herr Pfeifer, haben unsere Meinung mit Ihrem Beispiel der ungarischen Juden bestätigt, Zitat: …  Die ungarischen Juden dachten lange Zeit, das Wort “zsidó” sei beleidigend und nannten sich “izraelita”.  Als dann die ungarische Regierung im Frühjahr 1944 Hunderttausende nach Auschwitz deportierte, mussten sie – tragischerweise – zur Kenntnis nehmen, dass die Namensänderung nicht geholfen hat…
     
    Auch ich möchte mich jetzt verabschieden, weil alles gesagt ist. 
     
    Ich bedaure, dass diese Diskussion stellenweise unsachlich geführt wurde, bin aber der Überzeugung, dass sie nicht umsonst geführt wurde. Zeigte sie doch, dass es entgegen landläufiger Meinung auch bei den Zigeunern untersichtliche Positionen gibt, nicht nur was die Begrifflichkeit Zigeuner betrifft.
    Eine kontrovers geführte Diskussion ist mir immer noch lieber als eine einmütige teilnahmslose Gleichgültigkeit. 
    Meinen Dank auch an alle Teilnehmer dieser Diskussion.
     
    Gruß  
    Jovani
     
     
     

  4. Sehr geehrter Herr Diepold, noch eine Anmerkung zu Ihrer Herkunft. Ich wiederhole mich zwar ungern, dennoch ist es in Zigeunerkreisen eine bekannte Tatsache das Sie kein Zigeuner sind auch wenn Sie diese Erkenntnisse verächtlich als „Zigeunerpost“ bezeichnen.
     
    Es verwundert mich sehr, dass Sie es als Zufall bezeichnen auf die Sinti Allianz Deutschland gestoßen zu sein obwohl zwischen Herrn Höllenreiner und Frau Winter schon seit Jahren sporadisch Telefonkontakt bestand. Nicht die Sinti Allianz Deutschland hat den Kontakt gesucht, sondern Herr Höllenreiner hat den Kontakt zu Frau Winter als Vorsitzende der Sinti Allianz Deutschland aufgenommen. 
     
    Ihre Ausführungen, Sie und Herr Höllenreiner seien von beiden Organisationen instrumentalisiert worden, kann ich nicht nachvollziehen. Welcher Nutzen sollte für die Sinti Allianz Deutschland darin bestehen mit Ihnen gesehen zu werden? Tatsache ist doch, beide Organisationen waren an der Baueröffnung und dem anschließenden Empfang von Kulturstaatsminister Bernd Neumann offiziell eingeladen worden und es war reine Gefälligkeit von der Sinti Allianz, dass Sie und Herr Höllenreiner durch die Sinti Allianz Deutschland diesem Empfang beiwohnen durften. Es drängt sich hier doch der Verdacht auf, dass Sie die Sinti Allianz Deutschland für Ihre Zwecke instrumentalisiert haben.
    Zu Ihrem Hinweis „Rose wusste dass wir auf der Einladungsliste von Natascha Winter standen……..“ verstehe ich diese Aussage nicht. Es ist allgemein bekannt, dass eingeladene Organisationen den Ministerien oder wie in diesem Fall dem Bundeskanzleramt vorab Teilnehmerlisten einreichen müssen, die keiner Geheimhaltung unterliegen.
     
    Ihre Ausführungen werden immer abenteuerlicher und mit Verlaub auch etwas unverschämt in dem Sie behaupten „ Natascha wiederum trat im Schein von Hugo (ich denke, ich habe hier nicht so eine große Rolle gespielt) auf und nahm  nicht im Geringsten darauf Rücksicht, welche Repressionen er damit ausgesetzt war“. Es war doch schließlich Frau Winter, die Ehrengast von Herrn Neumann, Herrn Wowereit und anderen Politikern war und die als Vorsitzende der Sinti Allianz Deutschland einen gewissen Status und Bekanntheitsgrad hat.
    Weshalb sollte außerdem Frau Winter in ihrem Redebeitrag Rücksicht auf Herrn Höllenreiner nehmen? Wenn Ihnen bekannt war, dass Sie aufgrund des Kontaktes zur Sinti Allianz Deutschland Repressionen von Seiten des Zentralrats befürchten mussten, stellt sich für mich die Frage, weshalb Sie dann mit der Vertreterin der Sinti Allianz Deutschland an der Veranstaltung teil genommen haben? Sollten ihre Ausführungen den Tatsachen entsprechen, würde es bedeuten, dass jeder, der der Sinti Allianz angehört oder mit ihr sympathisiert damit zu rechnen hat, Repressionen durch Angehörige des Zentralrates, welcher Art auch immer, ausgesetzt zu sein.
    Sehr geehrter Herr Diepold, als Angehöriger einer der Landesverbände der Sinti Allianz Deutschland wäre es für mich in der Tat kein Problem, mit Ihnen telefonisch in Verbindung zu treten. Ich muss Ihnen jedoch offen gestehen, dass ich nach Ihren rufschädigenden Ausführungen zur Sinti Allianz Deutschland und ihrer Vorsitzenden nicht im geringsten daran interessiert bin. 
    Jovani

  5. @ Jovani
    Hallo Jovani. Vielen Dank für deine ausführliche Rückmeldung, die mir deinen Standpunkt klarer legt und verständlicher macht. Ein paar Anmerkungen möchte ich dennoch machen, und, sofern sintiweb diese Zeilen noch liest, hoffe ich, dass diese noch an dich weitergeleitet werden können.
    Mit „sensibler“ umgehen meinte ich, hier im öffentlichen Raum Unterstellungen hinsichtlich meiner Herkunft zu machen, für die du, deinen Aussagen nach, „Zigeunerpost“ als Beleg anführst. Sich auf Belege von irgendwelchen Leuten zu stützen, ohne mit mir selbst gesprochen zu haben finde ich eine höchst merkwürdige Form des persönlichen Umgangs. Aber  so funktioniert Manipulation, und das bestens. Einer hat was gesagt, ein anderer hat auch was gehört, irgendwann diskutieren fünf oder sechs Leute, die dann plötzlich alle das Gleiche gehört haben, schon hat man eine neue Wahrheit. So funktionieren politische Hetzreden, so kann jede Gerüchteküche kochen, so werden vermeintlich wahrheitsgetreue Überzeugungen verbreitet. Vielleicht bin ich ja ein innerlich verweichlichter Mensch, weil mich solche Angriffe ziemlich verletzen können – und ein Sinto oder „Zigeuner“ sich durch eine solche Schwäche nicht bloßstellen sollte. Aber ich möchte dennoch klarstellen, dass ich wohl am besten über meine Identität Bescheid wissen müsste, schließlich weiß ich, von wem ich geboren wurde. Mehr habe ich zu diesem Thema nicht mehr zu sagen und werde ich auch nicht mehr sagen.
    Zu deinen Ausführungen hinsichtlich Natascha Winter. Ich selbst habe Natascha Winter vorher nicht gekannt. Es war eher Zufall, dass ich im Internet auf die Organisation „Sintiallianz“ gestoßen bin. Ich habe mit Hugo Höllenreiner darüber gesprochen und ihn gefragt, ob er die Organisation kennt. Er konnte mir nicht viel dazu sagen. Ich habe mit N. Winter Kontakt aufgenommen, habe mich zu ihrer Organisation erkundigt. Sie bot mir und Hugo an, nach Berlin zur Mahnmalseröffnung zu kommen, wir wären dann auch ins Parlament eingeladen. Natascha wurde von mir über meine Erlebnisse in der Auschwitz-Gedenkstätte informiert. Was sich in der Begegnung mit der Rose-Fraktion 2008 abspielte, war für mich schockierend und diffamierend. Hugo und ich sind dann auf eigene Kosten nach Berlin gefahren. Hugo wurde von seinen eigenen Verwandten nicht mehr begrüßt, Menschen, mit denen ich in einem freundschaftlichen Kontakt stand, grüßten mich nicht mehr. Ich wusste nicht warum. Dann trugen der Kulturminister und Wowereit seine  Reden zur Mahnmalseröffnung vor. Es wäre gut gewesen, wenn dann die Eröffnung beendet gewesen wäre. Da ergriff Rose das Wort und meinte, Deutschland sei dieses Mahnmal schon lange schuldig gewesen. Schließlich ging auch Natascha Winter ans Mikrofon und hielt ene Rede darüber, dass sie stolz sei, Zigeunerin zu sein. Neben mir spuckten Sinti (auch Zeitzeugen) aus, sprachen, sie seien damals wie dreckige Hunde behandelt worden. Allmählich begriff ich, in welches Spannungsverhältnis Hugo und ich geraten waren. Wir gingen dennoch mit zum Parlament, Hugo und ich sind gelaufen, alle hatte sich von uns distanziert. Im Parlament dann wurde es klar: sämtliche Sinti aus der Rose-Delegation waren der Meinung, wir wären nun der Sintiallianz beigetreten. Politische Kontakte konnten wir keine knüpfen, wir wurden insgesamt behandelt wie Aussätzige. Ich habe dann eine Ministerin, die früher im bayerischen Ministerium tätig war gefragt, warum die beiden verstrittenen Verbände nach den Reden der Politiker zu Wort kamen, nachdem doch offensichtlich klar war, dass dadurch der Konflikt bis zum Schluss in der Öffentlichkeit ausgetragen wurde. Ich verstand es nicht, denn man hatte sich nach vielen Jahren aufreibenden Kampf endlich auf ein Ergebnis  geeinigt. Die Ministerin sagte mir, dass es ausdrücklich vereinbart war, dass keiner der Verbandsvorsitzenden nach den Schlussreden der Politiker mehr sprechen würde. Das hat Hugo und mir einen ziemlichen Schlag versetzt. Uns ist klar geworden, dass wir von beiden Organisationen instrumentalisiert wurden. Rose wusste, dass wir auf der Einladungsliste von Natascha Winter standen und seine Delegation war bereits im Vorfeld darüber informiert worden. Natascha wiederum trat im Schein von Hugo (ich denke, ich habe hier nicht so eine große Rolle gespielt) auf und nahm  nicht im Geringsten darauf Rücksicht, welche Repressionen er damit ausgesetzt war. Hugo und ich standen nach meinem Empfinden in einem ungeheuren Konflikt, weil Hugo sich auf seine Familie gefreut hatte und wegen der vermeintlichen Zugehörigkeit zu Natascha Winter massiv ausgegrenzt wurde.
    Mir ging dieses Trauerspiel ziemlich nach. Irgendwie fühlte ich mich dafür verantwortlich, Hugo in diese fatale Situation gebracht zu haben. Und was Hugo und mich anging, so fühlten wir uns beide benützt, denn wir haben die bloße Eintragung in die Einladungsliste nicht gleichgesetzt mit einer Mitgliedschaft in der Sintiallianz gesehen.
    Nun, ich hoffe, du kannst verstehen, dass wir uns unter den gegebenen Umständen erst einmal grundsätzlich distanzierten, sowohl von der Sintiallianz als auch vom Zentralrat, den wir zumindest, wie auch Natascha Winter schriftlich aufklärten, dass wir nicht der Sintiallianz angehören. Mein persönliches Gefühl war aber auch, dass in dem Streit zwischen Vorsitzenden der Sintiallianz und des Zentralrats soviel emotionaler Zündstoff liegt, dass jeder, der sich diesem Spannungsfeld auch nur annähert, mit zermahlen wird. Wieviele Energien und Kräfte allein durch die Verbandsstreitigkeiten verschwendet wurden – ich mag gar nicht daran denken. Wieviel Kraft gleichzeitig vorhanden wäre, wenn sich die Verbände einig wären – na ja, wohl eine große Utopie. Ich denke, Hugo und mir ist noch etwas Weiteres klargeworden: wir haben uns die Frage gestellt, wie es plitisch dazukommen konnte, dass zwei in sich so verstrittene Verbände offenbar mit gleichen oder zumindest ähnlichen Funktionen und politischer Macht ausgestattet wurden. Ich wage die Hypothese, dass die Politiker genau wussten, was sie taten oder zuließen. Solange keine Einigkeit erzielt ist, kann die politische Einflussnahme beider Verbände nach Belieben geschwächt oder gestärkt werden, die Verbände liefern sozusagen die Steuerungsmöglichkeit für die Politiker. Daher mein utopischer Wunsch, einer geschlossenen nach außen hin unangreifbaren Lobby zu schaffen, um sich effektiv für die eigenen REchte stark machen zu können oder auch gegen Ungleichbehandlung wirksam zu wehren. Es steht mir nicht zu, zu richten oder die wünschenswerte Effizienz der Verbände zu be- bzw. zu ver-urteilen. Dazu kenne ich die Menschen zu wenig. Ich weiß auch viel zu wenig über die Vergangenheit von Natascha Winter, als dass ich mir ein Urteil erlauben könnte. Ich habe über sie niemals schlecht gesprochen. Sie hat mir auch nichts getan. Was sollte ich dann gegen sie haben? Sie vertritt ihre Meinung mit gleicher Vehemenz wie Romani Rose. Nur: ich möchte nicht dazwischen stehen. Was ich gesehen habe ist eine immense Kraft auf beiden Seiten, die leider nicht genützt werden kann. Es gibt noch soviele andere und wichtige Probleme, die unsere Volksgruppe bewältigen muss, dass ich lieber dort ansetze, als mich über Begrifflichkeiten zu streiten.
    Ich sehe mich nicht als Retter oder als Beschützer von Romani Rose, erst Recht möchte ich nicht als jemand gesehen werden, der sich durch „Lobreden“ bei Rose einschmeicheln will, um dann vielleicht irgendwelche finanziellen Vorteile zu erlangen. Mir scheint nur, dass die Vereine und Verbände kaum noch voneinander wissen, was sie inhaltlich tun, es braucht vielmehr Austausch, vielmehr Ideenvielfalt, vielmehr Kreativität – aber jeder muss seine eigene Suppe kochen. Ich selbst stehe mit beiden Beinen im Berufsleben, ich bin nicht auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Was ich für den Verein von Hugo mache, ist ehrenamtlich. Ich tue es gerne, für Hugo, für unsere Volksgruppe, für die Wahrung von Menschenrechten. Ich bin durch und durch Idealist, was bei meinem Lebenshintergrund auch nicht verwundern mag. Ich denke, Jovani, nachdem du soviele „Insiderinformationen“ hast, wird es ein Leichtes sein, mich mal anzurufen. Oder aber du stützt dich weiterhin auf deine Informanden. Letztlich kannst du es selbst entscheiden.
    @LallaruTschawu
    Hallo. Hugo war von November 2007 bis März 2008 schwer krank. Er hat sich zwischenzeitlich erholt, ist national und international als Zeitzeuge tätig und sorgt sich wieder in gewohnter Weise um Menschen, die in Not sind. Ich habe die Grüße gerne weitervermittelt, allerdings kann Hugo mit dem Nickname leider nichts anfangen. Dennoch bedankt er sich für die Grüße.
    Dann wünsche ich allen eine gute Nacht.
    Alexander

  6. … nach langer Überlegung haben wir uns entschieden aus dieser Diskussion “auszusteigen”.
     
    Kann ich verstehen, alles Gute Leute, bis denne.
     
    PS: Trotz allem, wir Alle müssen zusammenhalten wo immer es geht – es wird kälter und kälter.

    Noch was – Erich Mühsam

    Was ist der Mensch?

    Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme,
    ein kleines Hirn und ein großer Mund,
    und eine Seele dass Gott erbarme!
    Was muss der Mensch? Muss schlafen und denken,
    muss essen und feilschen und Karren lenken,
    muss wuchern mit seinem halben Pfund.
    Muss beten und lieben und fluchen und hassen,
    muss hoffen und muss sein Glück verpassen
    und leiden wie ein geschundner Hund.

  7. 1. Wer von „Halbzigeunern“ spricht, die eigentlich nicht dazugehörten, bezieht sich auf Vorstellungen von „Bluterbe“ und „Blutsgemeinschaft“ und behauptet und verlangt ein nach außen abzuschließendes ethnisches Kollektiv. Mit irgendeiner „Zigeunertradition“ hat das so wenig zu tun wie mit unserer Realität. Er erfindet sich etwas und begibt sich damit in die Tradition völkischen Denkens, dem die Minderheit bekanntlich als „stammechter Zigeuner“ oder als „Zigeunermischling“ späterhin zum Opfer fiel. Das, was da beschworen wird, das kann man bei Hermann Arnold und dessen Vorgängern nachlesen. Guten Appetit.
    2. Das „Klappmesser“ bezog sich auf einen sehr konkreten Vorgang (wie mit Sicherheit bekannt) : kein Fantasieprodukt, sondern ein Mittel der Auseinandersetzung, wie Focus genüßlich berichtete.  Der Angriff auf Alexander Diepold erinnert leider daran.
    3. Was ist eigentlich mit den Jenischen, die sich ja, wenn ich es richtig sehe, oft auch als „Zigeuner“ betrachten. Halten sie der Blutuntersuchung stand? Unter den strengen Augen der Sinti-Allianz z. B. Oder eher nicht?

  8. Liebe Leute von haGalil, nach langer Überlegung haben wir uns entschieden aus dieser Diskussion „auszusteigen“. Eigentlich haben wir auch alles gesagt was es zu sagen gab, zum Thema. Wir wollen uns aber nicht verabschieden ohne Danke zu sagen für Euere Toleranz und die Bereitschaft uns mit Interesse zuzuhören. Manchmal ging es ja heftig zu, aber was ist eine Suppe ohne Salz. Wir laden Euch herzlich auf unsere Seite ein, das eine oder ander Thema mit zu diskutieren oder uns den einen oder anderen Link zuzuschicken oder so ein wunderschönes Gedicht wie das von Jim uns zu senden. Wir würden uns sehr freuen, also seit jederzeit herzlich willkommen bei uns.(trolls ausgeschlossen).
    Bei uns geht es auch viel ruhiger zu. 🙂
    Alles liebe von http://www.sintiweb.de

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