Im Netz der Paranoia

Im Internet finden sich immer mehr Websites, die vermeintlich über Mobilfunk-Strahlung, Impfungen oder das Finanzsystem aufklären, aber braune Verschwörungstheorien verbreiten…

Von Elke Wittich
Jungle World 34 v. 20. August 2009

Was genau Bundesjustizministerin Brigitte Zy­pries unter Websites mit rechtsextremistischem Inhalt versteht, ist nicht bekannt. Klar ist dagegen, wie die Politikerin gegen Nazi-Webpages vorgehen möchte: mit verstärkter Aufklärung, digitalen Gegendemonstrationen und Förderung der »Medienkompetenz« Jugendlicher. Vermutlich bezieht sich Zypries allerdings nur auf Seiten, auf denen offen Nazi-Propaganda verbreitet wird.

Gefährlicher als diese Websites, die auf den ersten Blick als Nazi-Seiten zu erkennen sind, sind allerdings die Blogs, Foren und Homepages, die so tun, als gehe es bei ihnen lediglich um »Informa­tionen« abseits des »Mainstreams«. Seit einiger Zeit lässt sich eine besorgniserregende Tendenz registrieren: Die Zahl der vordergründig unverfänglichen Themen, die von rechtsextremen, antisemitischen Verschwörungstheoretikern im Internet für eigene Zwecke missbraucht werden, ist in den vergangenen Jahren drastisch angestiegen. Und so landen Menschen, die eigentlich nur auf der Suche nach Informationen sind, schnell auf Seiten, die vermeintliches Hintergrundwissen bieten, in Wirklichkeit aber Hass transportieren.

Die Palette der derart missbrauchten Themen reicht von Mobilfunk-Strahlung über Gentechnik und Impfungen bis hin zu angeblichen Beweisen, dass wahlweise die Anschläge vom 11.September oder die Mondlandung nur ein von der jeweiligen US-Regierung initiierter Fake gewesen seien. Da­zu kommt ein weiteres beliebtes Thema: die Ablehnung des Zinssystems, das dort für die Wirt­schaftskrise verantwortlich gemacht wird. Bei den Zinsgegnern handelt es sich, wie auf den Sei­ten dann mehr oder weniger schnell ersichtlich wird, um Antisemiten, die beispielsweise »die jüdische Zinsknechtschaft brechen« wollen.

Die Vorgehensweise ist dabei auf all diesen Webpages gleich: Zitiert werden »Experten«, die vorzugsweise einen Doktortitel haben oder an wissenschaftlichen Instituten tätig sind, sowie Untersuchungen, die in renommierten Zeitschriften veröffentlicht wurden. Hinzu kommen Interviews und Filme, die auf den ersten Blick seriös wirken. Versucht man allerdings, diese Informationen nachzurecherchieren, wird man bei Google nur ganz selten auf Anhieb eine der kritischen Web­sites finden, auf denen die Verschwörungstheorien entlarvt werden. Das hat einen ein­fachen Grund: Durch fortwährendes gegenseitiges Zitieren erreichen die Seiten der Ver­schwö­rungs­theo­retiker ein besseres Google-Ranking und da­mit auch eine Aura der Glaubwürdigkeit.

So erfährt der Leser solcher einschlägigen Websites wichtige Details meist nicht. Man nehme den Fall eines dänisches Wissenschaftler-Teams, das kürzlich angeblich Mikro-Sprengstoff in den Trümmern des World Trade Centers gefunden haben soll. Die dänischen Experten gibt es wirklich, und sie sind auch tatsächlich an einer real existierenden Universität angestellt – was nicht selbstverständlich ist, denn Titel werden auf solchen Seiten häufig ebenso erfunden wie Hochschulinstitute. Dass die Wissenschaftler allerdings keineswegs im offiziellen Auftrag forschten, sondern heimlich angebliche Trümmerteile untersuchten, ist allerdings kaum bekannt. Gegen die Seriosität ihrer Ergebnisse spricht zudem das Medium, in dem sie veröffentlicht wurden: Bentham Science Publishers. Das klingt nach britischem Traditionsunternehmen, ist aber ein saudi-arabischer Open-Access-Verlag, der wahllos veröffentlicht, was ihm angeboten wird. So ist es kaum verwunderlich, dass über die angebliche Entdeckung der dänischen Forscher nur in Verschwörungskreisen diskutiert wird – oft mit Zusätzen wie: »Na endlich, die Juden haben schon zu lange geglaubt, dass sie damit durchkommen.«

Nun handelt es sich bei jenen, die hinter allem eine jüdische Verschwörung herbeihalluzinieren, meist um Personen, denen vermutlich weder mit Online-Demonstrationen noch mit Aufklärung zu helfen ist. Gefährlich ist, dass sie Ratsuchende ködern. Menschen, die Angst um ihr Häuschen haben, von Lebensmittelskandalen verunsichert sind, Handynutzer, die Angst vor Strahlungen haben, Misstrauische, die mehr über den Klimawandel, EU-Verordnungen, die Schweinegrippe wissen wollen, besorgte Eltern, die nicht sicher sind, ob sie ihren Nachwuchs impfen lassen sollen oder nicht – sie alle haben gute Chancen, Nutzer von verkappten Nazi-Websites zu werden.

Wer nach Argumenten pro und contra Impfungen googelt, landet schnell auf Seiten, auf denen man sich sehr bemüht, die Impfungen als gefährlichen Irrsinn oder als Mittel zur Kontrolle oder Tötung der Massen darzustellen. Dass viele der gefeierten Autoren weder Biologie noch Medizin studiert haben, sondern als Qualifikation lediglich ihre blühende Fantasie mitbringen, ist für den unbedarften Leser oft nicht zu erkennen. Und so dürften viele die präsentierten Pseudobeweise nicht nur für wahr halten, sondern zusätzlich auch noch sehr empört darüber sein, dass sie ihnen so lange vorenthalten wurden. Verunsichert, wütend und überwältigt von den angeblichen Beweisen, werden viele am Ende auch bereit sein, das zu glauben, was als Grund für Impfungen angegeben wird: die NWO, die »neue Weltordnung«. So bezeichnen Verschwörungstheoretiker das, was sie für den Plan einer globalen »Elite« zur weltweiten Machtübernahme halten – wobei Elite meist schlicht für »Juden« steht.

Diese oft als »jüdisch« titulierte Verschwörung hat dann angeblich das Ziel, große Teile der Weltbevölkerung auszurotten – warum, ist unklar, aber in einer Szene, in der es weniger auf Fakten als auf Paranoia ankommt, sind Beweise, die nicht selbst fabriziert wurden, sowieso vernachlässigenswert. So existiert auch die Schweine­grippe nach Meinung der Verschwörungstheoretiker gar nicht, die geplanten Massenimpfungen dienten in Wirklichkeit dazu, die Massen gefügig zu machen, sie zu vergiften oder ihnen Minichips zu implantieren, die wahlweise zur Gedankenkontrolle oder zur Massentötung dienen.

So ähnlich argumentiert man bei zahlreichen anderen Themen auch: Wer die Zinsen für sein Haus nicht mehr bezahlen kann, hat gute Chancen, auf einer Zinskritik-Seite zu landen und dort zu erfahren, dass Zinsen den NWO-Eliten als Mittel zum Machterhalt dienen. Kondensstreifen von Flugzeugen werden von Verschwörungstheoretikern als »Chemtrails« bezeichnet und als Beleg dafür angesehen, dass Regierungen ihre jeweiligen Bürger mittels Flugzeugen chemisch besprühen lassen, um sie gefügig zu machen.

Aber kein Unsinn kann zu abstrus oder zu unlogisch sein, als dass er sich nicht massenhaft verbreiten ließe: Dazu gehören auch Zitate wie das folgende, das gern benutzt wird, um die Macht der angeblichen NWO-Eliten zu belegen. »Wir machten aus Hitler ein Monstrum, einen Teufel«, beginnt ein vorgebliches Zitat des ehemaligen US-Außenministers James Baker über den Zweiten Weltkrieg. »Deshalb konnten wir nach dem Krieg auch nicht mehr davon abrücken … Wir hätten un­möglich unseren Menschen klarmachen können, dass der Krieg eigentlich nur eine wirtschaftliche Präventivmaßnahme war!« Die vorgebliche Authentizität des Zitats wird meist mit einer Quellenangabe suggeriert: »Der Spiegel, 13/92«. Im fraglichen Spiegel gibt es kein Baker-Interview, im gesamten, mittlerweile digitalisierten Archiv ist der Text nicht auffindbar.

Aber was macht das schon? Die Presse gilt schließlich als korrupt und jederzeit bereit, Texte verschwinden zu lassen oder Wahrheiten zu ­unterdrücken. Zum Beleg wird meist ein Zitat verwendet, dass auch auf Foren und Blogs, die sich selbst als links verstehen, beinahe täglich gepostet wird: »Eine freie Presse gibt es nicht. Sie, liebe Freunde wissen das, und ich weiß es gleichfalls«, beginnt es. »Nicht ein einziger unter Ihnen wür­de es wagen, seine Meinung ehrlich und offen zu sagen. Das Gewerbe eines Publizisten ist es vielmehr, die Wahrheit zu zerstören, geradezu zu lügen, zu verdrehen, zu verleumden, zu Füßen des Mammons zu kuschen und sich selbst und seine Rasse um des täglichen Brotes willen wieder und wieder zu verkaufen. Wir sind Werkzeuge und Hörige der Finanzgewalten hinter den Kulissen … Unser Können, unsere Fähigkeiten und selbst unser Leben gehören diesen Männern. Wir sind nichts als intellektuelle Prostituierte.« Als Urheber wird in aller Regel John Swinton genannt, angeblich ein ehemaliger Herausgeber der New York Times, der diesen kleinen Vortrag während seines Abschiedsbanketts gehalten haben soll. Ein Blick in die Archive der NYT zeigt: Es hat niemals einen Herausgeber namens Swinton gegeben.

Ein Kommentar zu “Im Netz der Paranoia

  1. Sehr guter Artikel. Er kann natürlich leider nur Aspekte des ganzen anreißen, diese Seiten und ihre Inhalte sind Legion. Einige zentrale Themen wie NWO, Gehirnwäsche und 9/11 werden aber wenigstens erwähnt. Es „lohnt“ übrigens diesbezüglich leider auch ein Blick auf Plattformen wie Youtube. Diese Spielart der Rechtsradikalen ist somit längst im Internet-Mainstream angekommen, ohne dazugehören zu wollen. Das ist schlimm und gefährlich, vor allem weil sie eben nur noch im Subtext als Nazis erkennbar sind. Mit Verboten o.ä. wird man gerade hier nicht weit kommen, weil 99,9% des verbreiteten Schmus unter das Recht auf freie Meinungsäußerung fallen dürften. Geschlossene Wahnsysteme lassen sich nur noch physisch bekämpfen, in diesem Fall durch mehr oder weniger freiwilliges Abschalten durch die Provider dieser Seiten – von denen natürlich so gut wie keine eine de-Adresse hat.

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