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Pulverfass München-West – Münchner Linke blasen zum Marsch gegen Israel

Selbst innerhalb der Linkspartei gilt Norman Paech als umstritten. Das liegt daran, weil der außenpolitische Sprecher sich traut, „unangenehme Wahrheiten“ auszusprechen. Auf der parlamentarischen Bühne wird der Israel-Hasser zukünftig zwar seltener zu sehen sein, aber auf Parteiveranstaltungen nimmt Paech nach wie vor den Mund voll…

Caspar Schmidt vom Hinterland Magazin

Die Linkspartei München-West-Mitte hat am 03. September geladen. Thema: „Pulverfass Nahost – wie ist Frieden möglich?“ Am Eingang prangt ein Schild, das wissen lässt: „Rassisten und Antisemiten sind hier nicht willkommen“. Denn gegen Juden haben die Genossen nichts. Als Ausdruck dessen gibt „Michaela“ zur Begrüßung den jüdischen Hit „Masel tov“ auf dem Akkordeon zum besten.

Der erste Referent heißt Hintze

Nicole Gohlke ist auf Platz 5 der Wahlkreisliste und moderiert den Abend. Das Thema Nahost sei zwar im Wahlkampf kein „typisches Thema“, aber „letztendlich immer virulent“, so die Kommunikationswissenschaftlerin. Der erste Referent, Henning Hintze, kommt ohne Umwege zur Sache. Der Journalist eröffnet sein Referat mit der Klage, man könne in Deutschland nicht so schreiben, wie man wolle, obwohl die Deutschen doch „gerade aufgrund ihrer Geschichte“ die Pflicht hätten, „bei Verletzung von Menschenrechten“ diese „schlimmen Dinge auf die Tagesordnung“ zu bringen. Das sagt Hintze mit einer Selbstverständlichkeit, so als ob doch jeder wisse, dass der Vergewaltiger, im weiteren Fortgang, der beste Erzieher seiner Opfer sei. Hintze lobt Angela Merkel, die Siedlungspolitik Israels kritisiert zu haben, findet es aber „deprimierend“, dass die Kanzlerin dies erst im Kielwasser Obamas gewagt habe. Wenn Israel so weitermache, zitiert Hintze das Mitglied einer „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe“, wird es Israel in 50 Jahren nicht mehr geben. „Sehr gut, sehr gut“ tönt es aus dem Publikum. Hinze fährt mit einem Boykottaufruf israelischer Produkte fort.

Here he comes, Norman the German

Norman Paech schickt seinem Vortrag einen Lobgesang auf Bayern voraus und wünscht allen Gästen guten Appetit bei Bier und Steak. Das kommt an. Seiner Lieblings-Disziplin, dem Israel-Bashing, oder wie er es nennt, dem „Israelproblem“, nähert er sich langsam aber bestimmt. Zuvor nennt er Afghanistan das neue Vietnam, Obama „eingekauft“ und die Bundesregierung auf einer „Schleimspur“ unterwegs. Paech ist geübt darin, Fettnäpfchen zu umschiffen. Er hangelt sich von einem Zitat zum nächsten, immer im Schutze der Urheber.

Rothschilds koloniale Republik

Es folgt ein „historischer Exkurs“ zum Zionismus, ein „kolonialer Auswuchs“, den kein Geringerer als Rothschild himself zu verantworten habe. Laut Paech befürchtete Rothschild, dass die gelungende Assimilation der Juden in Frankreich durch flüchtende Juden aus Russland gefährdet gewesen sei. Rothschild kaufte Land in Palästina, die dortige Bevölkerung wurde vertrieben und damit, das weiß Paech, begann „die Eingrabung der israelischen Gesellschaft in fremdes Gelände“ und auch „der Widerstand“. Einmal in Fahrt ist der Israel-Hasser dann nicht mehr aufzuhalten und gewährt tiefe Einblicke in sein geschichtsrevisionistisches Portfolio – von Gestern bis ins Heute. Die Tunnel zwischen Gaza und Ägypten, beispielsweise, seien entgegen der „Propaganda“, „im Wesentlichen dafür da“, nötiges Essen nach Gaza zu schmuggeln.

Raketen auf Israel sind „kontraproduktiv“

Die Raketen auf Israel nennt Paech „kontraproduktiv“, aber immerhin „Widerstand“, dessen Verantwortung Peach gänzlich den Israelis, bzw. den jüdischen Israelis anlastet. Die Palästinenser seien, so zitiert er wieder, die „Verdammten dieser Erde“, „Ohnmächtige“, die „in eine Situation manövriert wurden“, die sie dazu zwinge sich selbst umzubringen. Um den Begriff „ethnische Säuberung“ kommt Paech nicht herum. Damit nicht genug. Die Israelis sollten quasi Wiedergutmachungszahlungen leisten, für die internationalen Einrichtungen, die sie in Gaza zerstört haben. Damit ist die Täter-Opfer-Umkehr dann perfekt. Antisemitismus 2.0: Lauter Applaus.

Iran: ein Stammtisch, aber keine Bananenrepublik!

Paech äußert mit gespielter Verzweiflung den Wunsch, über Ahmadinedschad auch einmal sprechen „zu dürfen“, ohne vorweg erwähnen „zu müssen“, dass Ahmadinedschad ein „Antisemit“ sei. Das hätten „wir ja auch nicht immer bei Bush dazu gesagt“, so sein scharfsinniger Vergleich. Er möchte nicht immer „den Kopf in den Topf“ stecken bevor er aufs Völkerrecht zu sprechen komme. Das Völkerrecht sei nämlich, so erfahren wir, als „einzige Moral“ an die Stelle der „ominösen internationalen Morale“ (sic) getreten. Er könnte nicht an „jeden Stammtisch gehen, um dessen Moral zu diskutieren“ wo doch die Staaten ihre eigenen „Geschichten und Ideologien“ hätten. Selbstredend spricht sich Paech auch gegen Sanktionen gegen Iran aus, da „der Iran keine Bananenrepublik“ sei.

Das Volk kommt zu Wort – Kapitel „Eckhart“

Umso später der Abend umso unverhohlener die Parolen. Zeit für den Genossen „Eckhart“. Der Mann mit dem Infostand tritt ans Mikrophon und fordert lautstark eine „Gegenöffentlichkeit“ zu schaffen. Die „Wahrheit soll sich verbreiten“, auch wenn „Zentralrat und die ganze Lobby alles dafür tut, dass da nix anbrennt“. Die Deutschen hätten – nicht etwa den Antisemitismus sondern – die „israelische Sichtweise, gewissermaßen mit der Muttermilch“ aufgenommen. Wir sollten uns anstrengen, diesen „Müll aus unseren Köpfen heraus zu kriegen“. Großer Applaus. „Wer wirklich wissen will, wie es zum Holocaust gekommen ist … das fängt nicht erst 1940 an“, deutet „Eckhart“ nebulös an. „Denn Faschismus fällt nicht vom Himmel“ geht es nicht weniger nebulös weiter. Nur weil die Deutschen ein „verheerendes Stück abgeliefert“ hätten, dürften sie heute „gegen Israel“ nix sagen, echauffiert sich der Genosse und ist selbst der beste Beweis dafür, dass man gegen Israel wohl alles sagen kann, und dafür nicht einmal rot anlaufen muss. Weiter schwadroniert „Eckhart“ von den „Apologeten Israels“, und dass erst Frieden sein werde, wenn es keinen Zionismus mehr gäbe. Großer Applaus. „Israel ist nicht wie wir. Das ist wirklich das ganz Andere, Fremde“.

Wie stark sind die Antideutschen?

Die harten Brocken reissen nicht ab. Ein „Gründer“ der bereits erwähnten „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe“ meldet sich zu Wort und startet gleich zu Beginn mit dem alten Witz, warum Israel nicht in Deutschland gründen? Das fragt er aber gar nicht scherzhaft. Allein das Klima in diesem Raum, „Zum goldenen Hirschen“, ist ihm scheinbar nicht Antwort genug. „Warum müssen wir Palästinenser den jüdischen Staat dulden?“ fragt der „Friedensaktivist“ wieder und wieder. „Leben Sie einmal ein halbes Jahr im Gaza Streifen, Sie werden auch Lust bekommen, Bomben zu werfen“. Abschließend richtet er an Paech die Frage, wie stark „die Antideutschen“ in der Linkspartei denn aufgestellt seien. „Wenn Sie mir versichern, dass die Antideutschen kein Gewicht haben, werde ich die Linke wählen“. Er habe nämlich, so der Nachsatz, „keine Lust, Faschisten zu wählen“. Aha. Lust, Bomben auf Juden zu werfen kann man schon kriegen, aber um sich Kritik am eigenen Jargon anzuhören, da ist die „Lust“ dann nicht so groß.

In diesem Stile geht es munter weiter. Für die BDS-Kampagne (Boykott, Investitionsstop, Sanktionen) wird geworben, das Magazin „Semit“ hochgehalten und gegen „Berufsjuden“ gewettert. „Israel vergiftet die Welt und alles fällt auf uns zurück“, mahnt eine grauhaarige Gestalt mit Fistelstimme im Stile Treitschkes („die Juden sind unser Unglück“). „Warum tun wir nichts?“ fragt die Fistelstimme – „Beiß-Hemmung!“ – schreit es aus dem Publikum.

Der große Showdown

Paech beantwortet alle Fragen, umrandet mit seinem Altherren-Humor und gibt den Affen Zucker. Das Problem seien weniger die „Antideutschen“, sondern Frau Knobloch und die Anderen, die „sonst so genannt“ würden. Zu guter Letzt stellt er noch einmal klar, er und Gysi hätten auf der „analytischen Ebene“ gar keinen Dissens, aber Gysi könne halt aus diplomatischen Gründen nicht reden, wie ihm der Schnabel gewachsen sei.

Paech schließt mit einem Sprüchlein ab: „Sei kühl wie eine Gurke und ziehe nicht am Schwanz des Löwen, wenn er schläft“. Großes Hahaha. Das ist genau das Niveau, das der Herren-Runde im „Goldenen Hirschen“ gut in den Kram passt. Am lautesten lacht der Tisch, der sich schon drei Stunden lang darin übte, die Anweisungen der jungen Moderatorin, Nicole Gohlke, mit „wir sind doch keine Kinder mehr“ Zwischenrufen und Macho-Gehabe zu stören. Neben keiner „Beiß-Hemmung“ scheint Mann in diesen Kreisen auch an keiner Haha-Hemmung zu leiden. Gurke, Schwanz, Hihi. Mehr braucht die linke Parteibasis München-West nicht zum Lachen.

Résumé

Die Veranstaltung „Pulverfass Nahost – wie ist Frieden möglich?“ mit Norman Paech zeigt sich als Messestand des modernen Antisemitismus und linker Kleinbürgerlichkeit. Das ist keine Überraschung. Schon aber, dass die Kritik daran so leise ausfällt.