Madonna: klebrig und süß

Madonna hat ihre Pilgerfahrt ins Heilige Land und damit auch ihre Welttournee unter dem Titel „klebrig und süß“ abgeschlossen. Etwa hunderttausend Israelis haben die Pop-Königin bei zwei Konzerten in Tel Aviv am vergangenen Dienstag und Mittwoch bejubelt. Der Höhepunkt kam gegen Ende der Show, nachdem ihr ein Fan eine israelische Flagge gereicht hatte. In das weiße Tuch mit dem blauen Davidstern und den zwei blauen Streifen des Gebetsmantels gehüllt rief die Madonna, die sich im Rahmen ihrer Kabbalah-Studien den jüdischen Namen Esther gegeben hatte: „Jedes Mal, wenn ich hier herkomme, werde ich super-aufgeladen mit Energie. Ich glaube fest daran, dass Israel das Energiezentrum der Welt ist. Ich glaube auch, dass wir hier alle in Harmonie zusammenleben können und in Frieden in aller Welt“…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 6. September 2009

Weniger begeistert von ihrem Auftritt mit der israelischen Flagge waren Palästinenser im Westjordanland und in Gaza. In Kommentaren zu Filmaufnahmen des Konzerts in Tel Aviv auf der Youtube Plattform im Internet machten erzürnte Palästinenser ihrem Zorn Luft. Nicht nur der peinliche Auftritt mit der Flagge ärgerte sie. Auch die Tatsache, dass die die katholisch erzogene und teilweise sogar in Nonnenschulen aufgewachsene Sängerin es nicht einmal für nötig hielt, die Geburtskirche mit der Krippe Jesu in Bethlehem zu besuchen. Ebenso wenig habe sie sich um ein Treffen mit einem palästinensischen Politiker bemüht. Man darf wohl davon ausgehen, dass die Palästinenser es gar nicht geschmacklos gefunden hätten, wenn die Madonna sich in eine palästinensische Flagge gehüllt oder ein Arafat-Tuch umgehängt hätte.

Es ist unbekannt, wieso Madonna einen Bogen um die Palästinensergebiete gemacht hat. Vielleicht hatte sie davon gehört, dass ihr altehrwürdiger Amtskollege im Pop-Geschäft, der kanadische Sänger Leonard Cohen, bei seinem anstehenden Besuch im Heiligen Land in Ramallah ein Konzert geben wollte. Als aber die Palästinenser erfuhren, dass Cohen in Tel Aviv auftreten werde, haben sie ihn umgehend wieder ausgeladen. Immerhin machte Madonna per Helikopter einen Abstecher ins Nachbarland Jordanien, wo sie die in den roten Felsen gehauene Nabatäerstadt Petra besuchte.

Auf der israelischen Seite ging sie erst einmal mit Oppositionsführerin Zipi Livni essen. Ihr zweites Konzert im Tel Aviver Jarkon-Park begann mit vierzig-Minütiger Verspätung, exakt in dem Augenblick Minute, als die Kadima-Parteichefin mit entsprechender Verspätung ihren Platz auf der Ehrentribüne eingenommen hatte. Die israelische Klatschpresse munkelte, dass „Esther“ auf ihre neue Freundin Zipi gewartet habe. Deshalb hätten sich 50.000 zahlende Konzertgäste gedulden müssen.

Völlig abgeschirmt von der Presse wartete die Pop-Diva dem Herrn Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu am Freitag Abend in seiner Residenz auf. „Unser Premierminister scheint der einzige Regierungschef der Welt zu sein, dem es wichtig ist, Popstars wie Madonna zu empfangen“, giftete der Kulturkorrespondent der linksgerichteten Zeitung Haaretz. Auch in der Residenz war die Presse nicht zugelassen, vielleicht, um die familiäre Atmosphäre am Sabbatbeginn nicht zu stören. Gemeinsam entzündeten sie zwei Sabbatkerzen und sprachen die Gebete. In den Hauptnachrichten des israelischen Fernsehens wurde über intensive Bemühungen berichtet, doch wenigstens ein Kamerateam schicken zu dürfen, um das historische Treffen mit bewegten Bildern zu dokumentieren. Zugelassen war aber nur ein offizieller Fotograf, der lediglich ein einziges Bild veröffentlichen durfte. Wie die Orgelpfeifen aufgereiht stehen da in schwarzen Kleidern oder Anzügen links, als kleinste, Sara Netanjahu. Jeweils fast einen Kopf größer Madonna, der Premierminister und schließlich Madonnas israelischer Manager Guy Oseri, der alle um einen weiteren Kopf überragte.

Staatspräsident Schimon Peres, 86, selber ein Dichter, musste diesmal auf eine Stippvisite Madonnas verzichten, obgleich der sich trotz seines hohen Alters sehr gerne im Rampenlicht berühmter schöner Frauen sonnt. Peres und Madonna hatten sich vor fünf Jahren schon einmal getroffen, und handsignierte Bibeln ausgetauscht.

Den Rest der Zeit und ohne viel Pressewirbel verbrachte Madonna im Norden des Landes, in Galiläa, wo sie Gräber von Kabbalisten besuchte. Dabei traf sie auch jenen Rabbi von Saffed, der ihr unmittelbar nach der Ankunft Israel in einem offenen Brief dringend nahe gelegt hatte, doch bitteschön aus Respekt für das Heilige Land „züchtig gekleidet“ aufzutreten. Das tat Madonna natürlich nicht. „Wie hätte sie im langen Rock ordentlich tanzen können?“ fragte eine junge Israeli nach dem ersten Konzert in Tel Aviv.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com