Rückblick: Faßbinder-Premiere in Tel Aviv

„Seit 1985 sind alle Versuche gescheitert, Rainer Werner Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ auf die Bühne zu bringen. Der Grund: Antisemitismus-Vorwürfe.“ Das schrieb „Die Welt“ am 9. September. Theater Mülheim versuche sich nun an dem Skandalstück. „Kann das gut gehen?“ fragt das Blatt weiter. Inzwischen hagelt es Proteste, vor allem des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die Angabe, dass das Stück seit 1985 nicht auf die Bühne gebracht worden sei, stimmt nicht ganz. Vor genau 10 Jahren, im April 1999, wurde es ausgerechnet in Tel Aviv uraufgeführt. Im Nachfolgenden meine Reportage von damals…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 25. April 1999

Die Premiere von Rainer Werner Faßbinders umstrittenes Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ im Studio Joram Löwenstein mitten in Tel Avivs Armutsviertel „Hatikwa“ (die Hoffnung) erregte keinerlei Aufsehen. Zahlreiche deutsche Journalisten waren von ihren Zeitungen eingeflogen worden, aber nur ein Kamerateam eines Lokalfernsehens aus Tel Aviv war gekommen.

„Für Israel irrelevant“ bezeichnete ein Zuschauer die Stück, dessen Inszenierung er als „großartig“ bezeichnete. 1985 hatte sich Faßbinder mit „Die Stadt, der Müll und der Tod“ mit den Machenschaften jüdischer Bodenspekulanten in Frankfurt auseinandergesetzt.

Im vulgären und gewalttätigen Milieu von Prostituierten und ihren Zuhältern erscheint plötzlich der „reiche Jude“. Er verliebt sich in eine Prostituierte und überhäuft sie mit Geschenken. Der „reiche Juden“ wird von einem ekelhaften Zwerg begleitet, dem er ständig den Kopf streichelt. Der Zwerg bezichtigt die Juden, ein „Blutsauger“ zu sein, reißt sein Hemd auf und zeigt ein mit Blut gemaltes Hakenkreuz auf seiner Brust. Nach dieser grotesken Szene streichelt der Jude dem Zwerg wieder den Kopf und sagt: „Eins ist sicher bei dem Zwerg. Er wird niemals wachsen“. Nach langen abstoßenden Szenen mit vulgärer Sprache und viel Gewalt, bittet die verliebte Prostituierte den „reichen Juden“, sie zu erwürgen. Die Mordkommission in der letzten Szene, weiß genau, wer der Mörder ist. Aber weil doch alles nur „zum Wohl der Stadt“ geschehe, werden die Spuren verwischt. Der unschuldige Zuhälter wird von der Staatsmacht zum Schuldigen erkoren. In der Tel Aviver Inszenierung entsteigt der „reiche Jude“ beim betreten der Bühne einem Fahrstuhl und passiert dann einen Maschendrahtzaun mit Stacheldraht. Die Anspielung auf Auschwitz und das Erscheinen des Juden aus Himmel oder Hölle dürften Absicht sein.

Indem Faßbinder mutmaßlich einen in Deutschland sehr bekannten Juden zur Hauptfigur des Stückes machte und dessen zwergenhaften Lakaien rassistische Nazi-Sprüche verkünden läßt, wurden dem Autor „antisemitische Anschauungen“ unterstellt. Wegen Protesten dagegen kam es in Deutschland nie zu einer öffentlichen Aufführung des Stücks. Bernhard Wilms vom Maxim Gorki Theater in Berlin glaubte nun, zusammen mit Döblins „Berlin Alexanderstück“ das Faßbinderstück als israelische Inszenierung nach Deutschland bringen zu können. Doch der Tel Aviver Studioleiter Joram Löwenstein, Kind deutscher Eltern und „schon immer mit den gesellschaftlichen Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland beschäftigt“ weigert sich, in eine „innerdeutsche Diskussion“ eingespannt zu werden. Wilms „respektiert“ die Entscheidung Löwensteins.

Im Gespräch mit deutschen Korrespondenten vor der Premiere sagte Löwenstein, daß Faßbinders Stück kein „anti-antisemitisches“ Schauspiel sei. Es wende sich gegen den Rassismus, gegen die Verunglimpfung von Homosexuellen und habe durch die ethnische Säuberung in Kosovo Aktualität erhalten. Der „Artist“ Faßbinder habe ein „Fenster zum Verständnis der deutschen Gesellschaft nach dem Krieg“ geliefert. Das Extreme sei fast Klischee. Deshalb trage „der Jude“ im Stück eine Maske, um auszusehen, wie sich Antisemiten einen Juden vorstellen.

Die meist jungen israelischen Zuschauer bemerkten bei der Premiere nichts von Faßbinders Beschäftigung mit Frankfurter Bodenspekulanten. Die junge Linor war von der „provokativen“ Inszenierung beeindruckt, entdeckte aber kein antisemitisches Element: „Es ist doch nicht schlimm einen Juden darzustellen, der zu Prostituierten geht. Bei uns hier in Tel Aviv sind alle Bodenspekulanten und alle, die zu Prostituierten gehen, Juden.“ Edward wußte nichts von der Debatte in Deutschland: „In Deutschland könnte man so was nicht aufführen. Da wäre sofort von Antisemitismus die Rede. Dabei sollten Theater und Kunst nicht zensiert werden. Da wird die Seele gezeigt.“ Gil Alon mochte die Inszenierung, sagte aber: „Das Stück ist schlicht nicht gut. Schlechte Stücke machen bekanntlich den meisten Lärm. Man geht hin, schaut sie sich an und versteht nicht, warum so viel Lärm um nichts gemacht wird.“ Die 34 Jahre alte Noa konnte in Faßbinders Schauspiel nichts Antisemitisches Entdecken. Für sie als Israeli sei es jedoch wichtig zu sehen, wie im Ausland „in der Vergangenheit“ mit Juden umgegangen worden sei. Ein Maß an Rassismus gebe es auch in Israel. Siwan aus der Schweiz schließlich behauptet, „immer schon Probleme damit gehabt zu haben, daß in Deutschland gegen das Stück demonstriert wurde.“ Für Israel habe das Stück allerdings keine Relevanz. In Tel Aviv könne es nicht verstanden werden.

Im Programm wurde in englischer Sprache ein Protestschreiben von Ignatz Bubis abgedruckt. Der „Präsident des Zentralkomitees der Juden in Deutschland, ein Überlebender, der seine engsten Familienmitglieder in der Schoa verloren hat“ schrieb in dem Brief: „Der Autor Rainer Werner Faßbinder muß für die Personifizierung des allgegenwärtigen Antisemitismus und rassistischer Vorurteile durch die Figur des namenlosen „reichen Juden“ getadelt werden.“ Die Beschreibung des reichen Juden als „Blutsauger“ könne von Überlebenden der Schoa nicht akzeptiert werden.

Faßbinder soll ausgerechnet Bubis als „Vorbild“ für den „reichen Juden“ verwendet haben.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com