„Keinen Ausdruck für den Holocaust zu finden, heißt, die Erfahrung auszulöschen“

Die US-amerikanische Musikerin Chana Laila gehört zu den Vertreterinnen des jüdischen Reggae, der derzeit in den USA populär wird…

Interview: Paul Urban
Jungle World 36 v. 3. September 2009

chanalailaDie Musikrichtung findet immer mehr Anhänger in den USA, in Israel und in Europa: jüdischer Reggae. Der bekannteste Vertreter dieses Stils ist der Musiker Matisyahu aus Pennsylvania. Er feierte große Erfolge mit der Hitsingle »King Without a Crown« und dem Album »Youth«. In den Liedern, die er auf Englisch oder Hebräisch singt, verarbeitet er Themen aus der chassidischen Lehre.

Eine weitere Vertreterin der musikalischen Strömung ist die Musikerin Chana Laila, die aus der Gegend um New York stammt. Sie lernte mit sechs Jahren Klavierspielen, Flöte mit neun und Gitarre mit 13. Am Hampshire College studierte sie Musikalische Performance und Kompositionslehre. Seit 2004 spielt sie in der Band »Kindgroove«, vor kurzem hat sie ihr erstes Soloalbum veröffentlicht: »Lion of Judah«. In ihren Reggae-Songs, die auch Jazz- und Hiphop-Einflüsse aufweisen, befasst sie sich mit Politik, aber auch mit Privatem und mit Weisheiten aus der Tora.

Wie würden Sie jüdischen Reggae definieren?

Jüdischer Reggae ist Reggae-Musik mit einer jüdischen Botschaft. Ich hoffe, dass dieses einzigartige Genre weiter wächst. Matisyahu hat die Szene geprägt, und langsam kommen immer mehr Musiker aus dem Unterholz heraus.

Normalerweise hat Reggae mit der Rastafari-Religion aus Jamaika zu tun.

Traditioneller Reggae ist geprägt von der Rastafari-Religion, aber heutzutage ist diese Stil­richtung eher zum Mainstream geworden und hat nicht mehr viel mit dem religiösen Ursprung zu tun. Rastafari ist ein im Christentum fußender Glaube und erhält daher auch einige Inspirationen aus der Tora bzw. aus dem Alten Testament. Aber ich denke, die universelle Anzie­hungs­kraft des Reggaes besteht in seiner Botschaft der Hoffnung, der Einheit, der Liebe und der Erhebung, die wir auch in der jüdischen Tradition finden.

Wie kam es dazu, dass die Tora so eine große Rolle in Ihrer Musik spielt?

Als ich vor etwa zehn Jahren damit begann, die Tora zu studieren und mich mit jüdischen Traditionen auseinanderzusetzen, hatte das un­weigerlich einen Einfluss auf meine künstlerische Arbeit. Wenn ich nach der Tora lebe, prägt das mein Denken, meine Wünsche und Vorstellungen. Das schlägt sich nicht nur im Inhalt der Songs nieder, sondern auch im Sound, in der Art und Weise, wie Akkorde eingesetzt werden, und im Gefühl, das zum Ausdruck kommt. Einige Songs handeln dabei direkt von Tora-Lehren, viele sind von religiösen Praktiken beeinflusst, andere reflektieren meine eigenen Erfahrungen.

Haben Sie Matisyahu, das große Vorbild der jüdischen Reggae-Musiker, persönlich kennen gelernt?

Ja, wir lebten vor ein paar Jahren in derselben Gemeinde in Brooklyn, als er sein Jeschiwa-Studium absolvierte. Er ist mit meinem Mann befreundet, sie sind einmal gemeinsam auf einem jüdischen Festival aufgetreten. Wir waren auch gegenseitig bei unseren Hochzeiten zu Gast und haben gemeinsam Shabbat-Mahlzeiten zu uns genommen.

Sie singen auch von politischen Themen: über die Erfahrung des 11. September, den Irak-Krieg, und Sie sagen: »Yes, we can!« Unterstützen Sie Obama?

Ich habe mein Album während des Präsidentschaftswahlkampfs aufgenommen, es war eine intensive Zeit. Ich bin eine politisch engagierte Person. Ich möchte immer wissen, was geschieht, und ich möchte die Dinge zum Guten verändern. Meine Philosophie ist es, jeden Tag eine politische Tat zu vollbringen: eine Petition zu unterschreiben, meinem Abgeordneten im Weißen Haus eine E-Mail zu schicken oder ein Lied zu verfassen. Als junger Mensch war ich gegen diese ganze Negativität in der Welt: Hass, Gewalt, Hunger, Macht. Ich fühlte mich ohnmächtig. Heute weiß ich, dass auch der Tropfen auf den heißen Stein zählt.

Viele Leute wählten Obama, um den Glauben an unsere Demokratie wiederherzustellen. Es ging darum, dass Amerika die Stimme des Volkes hört und dass die Veränderungen in die Wege geleitet werden, die nötig sind. Obama konnte das der Jugend sehr gut vermitteln. Ehrlich gesagt, mache ich mir aber Sorgen über einige seiner Positionen und über die Art und Weise, wie er mit der Wirtschaftskrise umgeht, die er von der Vorgängerregierung geerbt hat. Aber ich bin sehr zufrieden damit, dass in Amerika der unwahrscheinlichste aller Kandida­ten gewählt werden kann.

Das Lied »Do You Remember« handelt von jüdischem Exil. Was ist Ihr Verhältnis zu Israel?

Ähnlich wie das vieler anderer Juden in der Geschichte: Ich war nie dort, aber ich sehne mich danach. Und ich bete dafür, dass die Einwohner dieses Landes in Frieden leben können. Ich hoffe, dass ich Israel bald sehen und erleben darf.

Das Lied »Undertow« haben Sie für diejenigen geschrieben, »die durch den Holocaust gegangen sind«. Ist es nicht schwierig, eine künstlerische Form für dieses Verbrechen zu finden?

Keinen Ausdruck für den Holocaust zu finden, heißt, die Erfahrung auszulöschen. Ich bin wirklich schockiert darüber, dass behauptet wird, der Holocaust sei ein Mythos, über diese Ideologie, die den Zionismus mit Rassismus gleichsetzt. Viele junge Menschen erfahren nichts über die wirkliche Geschichte Israels und darüber, dass sie für etwas Gutes steht. Das Lied handelt davon, dass die Freiheit und die Möglichkeiten, die wir heute genießen, auf den Opfern unserer Ahnen aufgebaut sind, und dass diese Opfer uns dazu motivieren sollten, die Tugend über die Apathie zu stellen und so viel Gutes wie möglich zu tun. Wenn wir die Erinnerung an den Holocaust nicht wach halten, fürchte ich, wird sich die Geschichte unweigerlich wiederholen. Wie man sieht, gibt es wieder einen wachsenden Antisemitismus in der Welt.

Das Album »Lion of Judah« ist Ihrem Großvater William Kessler gewidmet. Der Name klingt deutsch. Hat Ihre Familie deutsche oder europäische Wurzeln?

Ja, meine Familie stammt aus Europa, aber aus vielen verschiedenen Ländern, aus Russland, Rumänien, Italien, Griechenland und Deutschland. Mein Ur-Urgroßvater Mark Kessler floh mit 14 aus dem russischen Militärdienst nach England und kam zur Jahrhundertwende in die USA. Die Eltern meines Ehemannes kamen kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland in die USA.

chanalaila1Wann können wir Sie in Deutschland im Konzert hören?

Ich würde gerne einmal über den Atlantik kommen, um hier aufzutreten. Ich verstehe das als Einladung!

Informationen (auch zum Hören) unter:
www.chanalaila.com
www.myspace.com/chanalaila

Andere Reggaesounds (israeli, jewish etc.) im Video-Stream, gleich rechts >>