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Unorthodoxer Erreger: Israel streitet über den richtigen Umgang mit der Schweinegrippe

Die Grippe mit dem unkoscheren Namen hat jetzt auch das Heilige Land fest im Griff. Nach Angaben eines Sprechers des israelischen Gesundheits-ministeriums sind derzeit etwa 2150 Israelis mit dem Schweinegrippevirus infiziert. Und der durch den H1N1-Erreger ausgelöste Infekt hat bereits neun Menschen getötet. Im Gesundheitsministerium spricht man nun – wie andernorts auch – davon, dass sich die Influenza mit einer „rasanten Geschwindigkeit“ ausbreite. Die Nachricht hat aber vor allem helle Aufregung im religiösen Sektor der israelischen Gesellschaft ausgelöst, denn ausgerechnet ein täglich dutzendfach praktizierter Brauch gläubiger Israelis soll zur Ausbreitung der Schweinegrippe beitragen…

Von Thorsten Schmitz, Tel Aviv
Süddeutsche Zeitung v. 18. August 2009

An jeder Haustür in Israel, an sämtlichen Eingängen von Einkaufszentren, Boutiquen, Supermärkten, Zahnärzten, Rechtsanwaltskanzleien, Weinkellern, Synagogen, Ämtern und Restaurants befindet sich an Türrahmen eine sogenannte „Mesusa“, eine kleine Schriftkapsel, die biblische Passagen auf Pergamentpapier enthält. Eine Mesusa soll die Einigkeit mit Gott manifestieren und zeigen, dass dieser über das Haus oder das Zimmer wacht (nur an Türrahmen von Toiletten und Abstellkammern hängen keine Schriftkapseln).

Gläubige Israelis, die einen Raum oder einen Saal betreten, streifen mit ihrer rechten Hand kurz über die Mesusa und küssen die Finger daraufhin. In jüngster Zeit hat man jedoch in Israel festgestellt, dass diese Mesusot nicht nur Gottes Schutz bieten, sondern auch eine Gefahr in sich bergen. Die Untersuchung eines israelischen Krankenhausarztes hat kürzlich einen erschreckenden, wenn auch wenig überraschenden Befund erbracht: Die heiligen Schriftkapseln sind Bakterien- und Virenschleudern. Auf den Kapseln, die auch an allen privaten Wohnungstüren angebracht werden, fand man Koli-, Klebsiella- und Staphylokokken-Bakterien, die unter anderem Lungenentzündungen und schwere Unterleibsentzündungen hervorrufen können.

Gefährliches Gottvertrauen

Angesichts der grassierenden Schweinegrippe haben nun mehrere israelische Krankenhausärzte angeregt, fürs Erste den Mesusa-Brauch nur noch anzudeuten – und Küsse in die Luft zu schicken. Ilan Jungster von der Jerusalemer Assaf Harofeh-Klinik, der rund 70 öffentliche Mesusot hat untersuchen lassen, ist sich sicher, dass die täglich tausendfach berührten und geküssten Schriftkapseln zur Ausbreitung des Schweinegrippe-Erregers beitrügen. Leider, sagt er, dürften aus religiösen Gründen die heiligen Glücksbringer an den Türpfosten nicht desinfiziert werden. Empfehlungen der Ärzte, die Mesusot künftig nicht mehr zu berühren, haben eine Diskussion unter Israels Oberrabbinern ausgelöst. Der orientalische Chef-Rabbiner Schlomo Amar erklärte, er vertraue Gott. Solange kein Regierungsdekret erlassen werde, sollten die Mesusot weiter geküsst werden.

Um der Schweinegrippe Herr zu werden, sind vor kurzem Ultra-Orthodoxe in Israel in die Luft gegangen: Vor ein paar Tagen charterten rund 50 streng religiöse Männer ein ganzes „Arkia“-Passagierflugzeug und flogen rund eine halbe Stunde lang über Israel. An Bord sangen und beteten die Rabbiner und die Kabbalisten. „Durch die Nähe zu Gott“, erklärte Rabbiner-Passagier David Batzri nach der Landung, sollten weitere Tode durch die Schweinegrippe verhindert werden.

Mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung und der DIZ München GmbH.