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Anschlag auf die Agudah: Eine Prüfung für uns alle

Solange der Mordfall, der Anschlag auf das Beratungszentrum für Homosexuelle in Tel Aviv am vergangenen Samstag, nicht geklärt und die Identität des Mörders festgestellt ist, werden wir weiter fragen: Was treibt einen Menschen dazu, Teenager, ja Kinder zu massakrieren? Was war das Motiv dieses dämonischen Akts?…

Von Gideon Sa’ar

Am Schauplatz des Anschlags im Herzen von Tel Aviv, zwei Gehminuten entfernt von meiner Wohnung, sah ich vor allem Fassungslosigkeit und Schock in den Augen der versammelten Menge und der Passanten. Die Augen waren voll Tränen, und die Herzen weinten. Als Tel Aviver und als jemand, der magische Momente auf der Nachmanistraße erlebt hat, wo das Verbrechen stattfand, fühlte ich ein säuerliches Gefühl der Scham in mir aufsteigen.

Was passiert mit der israelischen Gesellschaft, das uns von einer schauerlichen Vorstellung zur nächsten führt? Was kann eine Person dazu führen, wahllos Jungen und Mädchen zu töten, die an einen Ort kamen, der ihnen Hilfe und Sicherheit bieten sollte?

Wir müssen vorsichtig sein, solange die Polizei die Ermittlungen nicht abgeschlossen hat. Allerdings darf das Warten auf die Lösung des Falles kein Vorwand dafür sein, einer moralischen Verpflichtung auszuweichen. Für die israelische Gesellschaft ist dies eine Gelegenheit, um klar und eindeutig ihre Verpflichtung zu Freiheit und Toleranz zu bestimmen. Für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Politiker ist es an der Zeit, zu schwören, dass sie Israels Charakter und seine Zukunft als freie Gesellschaft schützen werden. Denn wo immer eine Person aufgrund ihrer Lebensweise, Entscheidungen, Neigungen oder Unentschlossenheit attackiert oder erniedrigt wird, wird nicht nur die Freiheit und Würde dieser Person untergraben.

Freiheit ist das Lebenselixier. Die Freiheit jedes einzelnen von uns, zu wählen wie er sein Leben lebt, nach seiner Wahl. Die Bereitschaft, alternative Lebensformen zu verteidigen, ist der wahre Test einer freien Gesellschaft. Hass, Intoleranz, Zelotentum und Gewalt sind – alle miteinander verbunden – die großen Feinde der Freiheit. Wir müssen ihnen gegenüber intolerant sein. Es kann keinen Kompromiss zwischen ihnen und der Freiheit geben. Wir müssen entscheiden.

Es ist nicht leicht. Die Feinde der Freiheit sind für ihren Fanatismus bekannt, ihre Liebhaber hingegen für ihre Mäßigung. Doch der Schutz der Freiheit verlangt Entschlossenheit. Der Kampf von Mitgliedern der Schwulen- und Lesbengemeinde dafür, ihr Leben nach ihrer Wahl zu führen, ist nicht allein ihr Kampf. So wie der Kampf für Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern nicht nur eine Angelegenheit der Frauen ist. Das sollten wir im Kopf behalten.

Die israelische Gesellschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte bei der gegenseitigen Akzeptanz gemacht. Das bedeutet freilich nicht, dass die Aufgabe erfüllt ist. Unter der Oberfläche schimmert die Delegitimierung verschiedener Bevölkerungsgruppen und ihrer Rechte.

Viele unter uns leiden an unerträglichem mentalem Stress; nicht weil sie gesündigt haben, sondern wegen dem, was sie sind. Last uns ihnen in die Augen blicken, die Hand reichen und sagen, dass wir sie so akzeptieren, wie sie sind. Wir sind sie, und sie sind wir.

Israel wird nur dann Großes erreichen, wenn es frei ist. Israel ist nicht Iran, und es wird nicht zu einem Iran werden. Das ist, was wir unseren Kindern versprechen. Das ist, was wir den Kindern versprechen, die das Massaker von Samstagnacht überlebt haben. Das ist, was wir denen versprechen, die in der Nachmanistraße ermordet wurden. Und wir werden dieses Versprechen halten.

Gideon Sa’ar ist Erziehungsminister des Staates Israel.
(Yedioth Ahronot, 04.08.09)