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Shelomo Dov Goitein : „Von den Juden Jemens“

Fritz Goitein stammte eigentlich aus Bayern, aus dem fränkischen Burgkunstadt. In Palästina, Israel und den USA hat er sich später unter dem Namen Shelomo Dov Goitein einen guten Ruf als bedeutender Ethnologe, Historiker und Arabist erworben. Seine kleine Anthologie „Von den Juden Jemens“, die der Berliner Schocken Verlag 1937 veröffentlichte, geben wir hier mit weiterführenden Angaben versehen in mehreren Teilen wieder…

Von Yehudith Shapiro und Robert Schlickewitz

Jüdischer Jemen:
Shelomo Dov Goiteins „Von den Juden Jemens“, 1934 (Teil 1)

Der Name Goitein rührt möglicherweise vom mährischen Ort Kojetin her, wo die Familie ursprünglich ihre Wurzeln hatte. Die Vorfahren Fritz Goiteins väterlicherseits waren bekannte Rabbiner gewesen und sein Vater noch in Ungarn geboren. Er selbst kam in Burgkunstadt am 3. April 1900 zur Welt und erfuhr eine talmudische ebenso wie eine säkulare Erziehung; dem Besuch des Gymnasiums zunächst an seinem Geburtsort, dann in Frankfurt am Main, schloss sich ab 1918, ebenfalls in der Mainmetropole, ein Studium der Arabistik und der Islamwissenschaften an. In der Geschichte des Islam unterwies ihn dabei der bekannte Professor Joseph Horowitz. Gleichzeitig vervollkommnete der junge Student, der nebenbei auch den Posten eines Leiters in einer zionistischen Jugendorganisation bekleidete, bei einem Privatlehrer seine Kenntnisse in den Talmudwissenschaften.

Nach Beendigung seines Studiums, er hatte „Zum Gebet im Islam“ dissertiert, reiste er 1923 mit Gershom Scholem nach Palästina. Dort verbrachte er in Haifa vier Jahre als Lehrer für hebräische Sprache und Bibelkunde, ehe ihm die noch ganz junge Hebrew University in Jerusalem einen Lehrauftrag erteilte. Von 1927 stammt Goiteins Theaterstück Pulcellina, in dem er sich der Judenmorde im Zusammenhang mit den Blutschuldvorwürfen von Blois von 1171 annahm. 1928 erfolgte seine Ernennung zum Professor für Islamgeschichte und Islamwissenschaften an der Hebrew University.

Goitein trat später noch als Begründer der Schule für Asiatische und Afrikanische Studien sowie der Israel Oriental Society hervor. Ebenfalls in das Jahr 1928 fällt der Beginn seiner Forschungsarbeiten zu Sprache, Kultur und Geschichte der jemenitischen Juden, in deren Rahmen er sich im Jahre 1949 in Aden aufhielt. Der Wissenschaftler führte dort umfassende Feldstudien an Juden aus allen Teilen des Jemen durch, die hier versammelt auf ihre Abreise nach Israel warteten (Operation „Zauberteppich“). In den Jahren 1938-1948 als ranghoher Ausbildungsleiter im Mandatsgebiet Palästina, zuständig für jüdische und arabische Schulen, verfasste Goitein auch noch lehrmethodische Werke für Bibelkunde und Hebräisch.

Sein Hauptwerk widmete er, ab 1948, der Kairoer Geniza (Geniza, Genisa = Aufbewahrungsort, Archiv, Bibliothek). Vorausgegangen war der glückliche und wissenschaftlich höchst bemerkenswerte Fund einer an Korrespondenzen ganz besonders reichen Geniza aus der Zeit des 9.-13. Jh. im Kairoer Vorort Fostat, im Dachboden einer alten Synagoge. Die in arabischer Sprache aber mit hebräischen Lettern wiedergegebenen Dokumente enthalten u. a. Briefe jüdischer Händler, die von Tunesien oder Ägypten nach dem Jemen und weiter bis Indien unterwegs gewesen waren; sie geben die vielfältigen Aspekte des Lebens jener Zeit, nicht nur der Juden, sondern auch der Christen und Muslime entlang der alten Handelswege wieder und Goitein gelang es auf bewundernswerte Weise in „A mediterranean society“ (4 Bände, 1967-1983) dieses Leben zu rekonstruieren.

Zu seinen weiteren Veröffentlichungen zählen noch Jemenica von 1934, Jews and Arabs, their contacts through the ages (1955) sowie Studies in Islamic history and institutions (1966).

Mehrere Universitäten ehrten ihn für seine bedeutenden Arbeiten mit ihren Auszeichnungen und Goitein erhielt eine Reihe großzügig fundierter Forschungsaufträge.

Bessere Arbeitsbedingungen an amerikanischen Universitäten und Instituten, die u. a. wesentlich aufwendigere Projekte fördern konnten, waren dann auch der Grund für eine erneute Verlegung seines Wohnortes, als der Wissenschaftler im Jahre 1957 in die USA übersiedelte. Er lebte dort in Philadelphia und war lange am Institute for Advanced Study in Princeton tätig.

Erwähnenswert ist noch Goiteins langjährige Freundschaft mit dem aus Galizien stammenden Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur Samuel Yosif Agnon (1888-1970), der bis 1924 ebenfalls in Deutschland gelebt hatte und mit dessen Frau er noch in Frankfurt gemeinsam Arabisch studiert hatte. Agnon opponierte vehement gegen Goiteins Wegzug aus Erez.

Am 6. Februar 1985 ist Shelomo Dov Goitein in Princeton (N. J.) verstorben.

Von den Juden Jemens

Eine Anthologie.

Gesammelt, übersetzt und herausgegeben von S. D. F. Goitein.

Vorbemerkung

Jemen ist der heutige Namen des südwestlichen, größtenteils bergigen und fruchtbaren Teiles von Arabien. In biblischen Zeiten entsprach dem ungefähr der Name Saba, der ja durch die ‚Königin von Saba‘ jedermann vertraut ist. Die Jemeniten, wie wir kurz die Juden  von Jemen nennen, verdienen es wohl, bei dem gebildeten Juden Beachtung zu finden. Sind sie doch die älteste Judenschaft der Welt, das heißt diejenige größere jüdische Gemeinschaft, die länger als jede andere und verhältnismäßig unbeeinflußt von innerjüdischen Wanderungen auf demselben Fleck sitzt und dabei ihre religiöse Verfassung bis auf den heutigen Tag ungebrochen bewahrt hat; was ihr freilich dadurch erleichtert worden ist, daß in Jemen überhaupt bis in die jüngste Gegenwart hinein ein streng theokratisches Staatssystem herrscht. Bemerkenswert ist aber, daß die Jemeniten trotz der Entlegenheit ihres Wohnsitzes niemals den Zusammenhang mit den geistigen Bewegungen der Gesamtjudenheit verloren haben. Ihr religiöses Leben basiert vollständig auf dem Talmud, obwohl die Besiedlung Jemens mit Juden zweifellos lange vor dem Abschluß des babylonischen Talmuds erfolgt ist. Sie nahmen lebhaften Anteil an der Schöpfung aggadischer Midraschim, jener wichtigsten jüdischen Geistestätigkeit im frühen Mittelalter; von der Kultur der spanischen Epoche fiel ein Abglanz auch auf sie; sie haben Philosophen, Sprachforscher, religiöse und weltliche Dichter und halachische Autoritäten hervorgebracht. Die Kabbala, deren Bedeutung für die Wirklichkeit des jüdischen Lebens heute immer mehr erkannt wird, hat tiefen Eindruck auch auf sie gemacht. Die Renaissancebewegung des Chassidismus hat sie zwar nicht erreicht; aber es entstand bei ihnen, eben auch im Zusammenhang mit der Kabbala, eine in vieler Hinsicht, besonders in der Wirkung auf die Innerlichkeit des religiösen Lebens, verwandte Bewegung, deren Hauptinhalt eine übersteigerte, in der Zionssehnsucht realisierte Gottesliebe gewesen ist. Ihr ist es wohl auch zu danken, daß in unseren Zeiten der Ruf zum Aufbau von Erez Israel gerade bei ihnen den allerstärksten Widerhall gefunden hat.

Beachtenswert sind auch ihre sozialen Verhältnisse. Sie sind – oder waren bis vor kurzem – größtenteils Handwerker, und zwar aller Gattungen, vom Eisenschmied und Töpfer bis zum Sticker und Silberschmied, und in manchen Zweigen, wie in den beiden letztgenannten, haben sie in ihrer Heimat geradezu Monopolstellung. Und wenngleich die billigen europäischen Fabrikwaren das einheimische Handwerk aufs schwerste geschädigt haben, so daß in letzter Zeit viele Juden zum Handel abgedrängt worden sind, so ist doch der Jemenite bis heute ein geborener Handwerker; darum hat sich auch bei ihnen eine wirkliche Volkskunst entwickelt.

Die Geschichte der Jemeniten ist bis in die allerletzte Zeit hinein eine wahre Leidensgeschichte. Schuld daran ist einmal die ewige Anarchie in Jemen und ferner die Tatsache, daß der Hauptteil der dortigen Bevölkerung islamischen Sekten angehört. Der orthodoxe Islam ist verhältnismäßig tolerant, er verbietet zum Beispiel ausdrücklich Religionszwang. Aber die Sekten sind fanatischer und haben immer wieder gewaltsame Bekehrungen versucht. Um so erhebender ist es, an den Jemeniten festzustellen, daß auch unter den erniedrigendsten äußeren Bedingungen die Menschenwürde da voll gewahrt bleibt, wo das Licht des Glaubens und des Wissens um die eigene Bestimmung im Inneren leuchtet.

Jerusalem, im Sommer 1934

Sanaa ist die Hauptstadt von Jemen. Imam ist der Titel des Herrschers. Mori wird in Jemen der Rabbiner genannt. Das Wort bedeutet genau dasselbe wie ‚Rabbi‘, nämlich: mein Herr. Über die von der des europäischen Rabbiners sehr verschiedene Stellung des Mori vergleiche das Kapitel: Tora und Arbeit. – Die hebräischen Personennamen sind, sofern sie Jemeniten zugehören, nach der in Jemen gebräuchlichen Aussprache wiedergegeben.

ERSTE ABTEILUNG: SAGE UND GESCHICHTE

Die Anfänge

Bei den uralten Handelsbeziehungen zwischen Palästina und Südarabien wäre es durchaus nicht verwunderlich, wenn in Jemen schon in biblischen Zeiten jüdische Siedlungen anzutreffen gewesen wären. Sichere Kunde über eine – übrigens in Verbindung mit Palästina stehende – Judenschaft in Jemen gibt es erst aus dem fünften und sechsten nachchristlichen Jahrhundert, aus der Zeit, in der ja das jemenische Königshaus das Judentum angenommen hat. Wie sich die Jemeniten selbst die Anfänge ihrer Geschichte vorstellen, zeigen die folgenden midraschartigen Sagen.

Wie sie nach Jemen kamen und dort ein Reich begründeten

Unsere Väter sind zweiundvierzig Jahre vor der Zerstörung des ersten Tempels nach Jemen gewandert. Als nämlich der Prophet Jirmejahu zu wiederholten Malen verkündete: Wer aus dieser Stadt wegzieht, wird seine Seele retten und am Leben bleiben (21,9. 38,2), verließen fünfundsiebzigtausend Gottesfürchtige, die das Wort des Propheten ernst nahmen, an ihrer Spitze fünfundzwanzig der edelsten Familien, deren Namen bis heute in Erinnerung geblieben sind, die Stadt, überschritten den Jordan und wandten sich nach der Wüste, auf dem umgekehrten Wege, auf dem die Kinder Israels zu Moses Zeit ins Land gekommen waren. In bezug auf diese Auswanderung sagte der Prophet Jirmejahu: Jehuda ist in Verbannung gegangen, in eine friedliche Verbannung (13,19), das heißt: nicht vom Feinde gezwungen, sondern dem Worte Gottes folgend, haben jene Jerusalem verlassen. Von Edom zogen die Auswanderer nach Süden, bis sie nach Jemen, und zwar in die Talflur von Sanaa kamen. Der Heilige, gelobt sei er, hatte aber in seiner gütigen Vorsehung einen Streifen des Heiligen Landes hierher versetzt; daß dem so war, ist auch daraus zu erkennen, daß alle Pflanzen, deren man zur Erfüllung der religiösen Pflichten bedarf, wie zum Beispiel die vier im Lulawstrauß enthaltenen Arten, in diesem Lande wachsen.

Unter den Auswanderern befanden sich alle Klassen der Bevölkerung Judas, nämlich Priester, Leviten, Israeliten, Sklaven und Proselyten. Noch heute sagen die Juden von Sanaa von den Dörflern verschiedener Gegenden Jemens, daß sie die Nachkommen jener Proselyten und Sklaven seien und deshalb ihnen so sehr an Kenntnis der Tora, an Sauberkeit und an Feinheit der Lebenssitte nachständen; was auch der Grund ist, daß sie sich nicht mit ihnen verschwägern. Die Leviten ließen sich meist in besonderen Städten nieder, wie sie es in Erez Israel gewohnt waren, und bis heute gibt es in Jemen verschiedene Ortschaften, die nur von Leviten bewohnt werden. So sehr aber fühlten sie sich hier wie im Heiligen Land, daß sie einige Levitenstädte zu Unterschlupfstätten für unfreiwillige Mörder bestimmten, und noch heute sind auf einem Felsen in der Nähe eines dieser Plätze die Worte Miklat, Miklat (das heißt: Hier führt der Weg zur Unterschlupfstätte) zu lesen. Dies ist um so wunderbarer, als selbst in Palästina diese Einrichtung erst Geltung erlangt hat, als zu beiden Seiten des Jordans das israelitische Reich begründet worden war; hat doch selbst Mose von ihr keinen Gebrauch gemacht, weil zu seiner Zeit noch nicht das ganze Land unter Israels Herrschaft stand.

Alle edlen Familien führten Stammbäume, und so bewahrte jede einzelne die Erinnerung an ihren Ursprung im Heiligen Lande – bis vor etwa zweihundertundfünfzig Jahren. Damals geschah es, daß Mori Aharon Iraki, der aus Ägypten nach Jemen gekommen war und es durch seine Frömmigkeit, seinen Reichtum und seine hohe Stellung beim Hofe zu großem Ansehen unter seinen Glaubensbrüdern gebracht hatte, für seinen Sohn ein Weib aus einer der edlen Familien von Sanaa begehrte. Aber alle, an die er sich wandte, verlangten, er solle durch Vorzeigen seines Stammbaumes erweisen, daß auch er in ununterbrochener Reihenfolge von einem der edlen Geschlechter Judas abstamme. Da gebrauchte er eine List: er erbat von ihnen ihre Stammbaumtafeln, und wie er sie alle beisammen hatte, verbrannte er sie, indem er sagte: Alle Juden sind adlig, es darf keine Unterschiede zwischen ihnen geben. Nur die Familie Salich hat ihren Stammbaum bewahrt, und nur zwei priesterliche Familien wissen noch, von welcher der vierundzwanzig Tempelwachen sie herstammen.

Nachdem sie sich nun in Jemen niedergelassen hatten, wurden sie bald Herren des Landes; sie waren nämlich kampfgewohnte Krieger, und da sie Jerusalem in Frieden und nicht in fluchtartiger Eile verlassen hatten, konnten sie auch all ihre Waffen und ihre Reichtümer mit sich nehmen. Da sie also die Herrschaft über die palästinensische Flur von Sanaa erlangt hatten, hielten sie diese fast so heilig wie Erez Israel selber.

Wie sie Esras Aufruf zur Rückkehr nach Jerusalem nicht Folge leisteten

Als aber Gott sich seines Volkes erbarmte durch Cyrus und Esra, und Esra eine Botschaft an alle Zerstreuten schickte, daß sie mit ihm hinaufzögen nach Zion, das Gott erwählt hat, da leisteten nur die Armen und Gemeinen seinem Ruf Folge, die Edelgeborenen aber blieben in Babylon. Die Botschaft gelangte auch zu den Juden im Jemen; aber die wollten nichts von ihr wissen, denn sie erkannten in der Tiefe ihrer Weisheit, daß auch der zweite Tempel zerstört werden würde, und so handelten sie wie die Edelgeborenen in Babylon, indem sie die Worte des Hohen Liedes: Ich habe mein Gewand abgelegt, wie kann ich es wieder anziehen (5,3) auf sich bezogen.

Aber sie haben nicht gut daran getan, daß sie dem prophetengleichen Esra zuwidergehandelt haben und nicht nach Zion hinaufgezogen sind. Denn wären sie und jene in Babylon allesamt hinaufgezogen, dann wäre Israels Verdienst vor Gott gar groß gewesen, die Herrlichkeit Gottes hätte sich Zion zum dauernden Aufenthalt erwählt, und es wäre dann zur zweiten Zerstörung gewiß nie gekommen. Wegen dieser Sünde sind die Juden von Jemen mit Armut und Elend gestraft worden; hat sie doch der Bannfluch eines Propheten und Weisen getroffen, denn es heißt: Wer nicht im Laufe von drei Tagen kommt, dessen ganze Habe wird gebannt und er selbst wird ausgesondert aus der Gemeinde (Esra 10,8). Deshalb hat bei den Leuten Jemens kein Vermögen Bestand und kein noch so großer Besitz Dauer. Der Heilige, gelobt sei er, nehme sich ihrer an in ihrer Armut und Bedrängnis!

Wie es kam, daß ihre Macht zerbrach

In jenen Zeiten waren die Einwohner des Landes Heiden, arm an Einsicht und ärmlich in ihren Verhältnissen. Sie konnten nicht gegen die Weisheit und den Reichtum der Juden aufkommen. Die ganze Gemeinde nahm es aber haarscharf genau mit Mein und Dein in all ihren Beziehungen zu den Heiden, wie es heißt (Zephania 3,13): Die vom Reste Israels begehen kein Unrecht und sprechen kein Falsch, und nicht findet sich in ihrem Munde Rede des Trugs. Einst traf der Zufall, daß ein Heide aus Palästina nach Jemen verschlagen wurde. Da fragten ihn die Heiden dort, wie sie es anstellen sollten, um der Juden Herr zu werden. Jener, schlau wie Bileam, erwiderte folgendes: ‚Der Gott dieser Leute liebt das Recht und haßt den Raub (Jeschajahu 61,8); verführt sie dazu, daß sie von ihrem geraden Wege abweichen, dann wird sie ihr Gott im Stiche lassen.‘

Ein weitverbreitetes Handwerk der Juden war schon damals die Silberschmiedekunst, die niemand sonst in Jemen betrieb als sie. Jener Heide ging also zu einem Silberschmied, brachte ihm einen Barren Silbers, und trug ihm auf, ein Brustgehänge daraus zu verfertigen. Der Silberschmied wog den Barren vor den Augen des Heiden ab und machte sich an die Arbeit. Als der Heide das Gehänge abholen kam, wollte der Silberschmied das Schmuckstück abwiegen, um dem Besteller zu zeigen, daß auch nicht ein Karat verlorengegangen wäre. Der aber wehrte ihm: Wer sollte denn an der Ehrlichkeit des Juden zweifeln! Nach seinem Beispiele handelten in der Folge alle Heiden; sie ließen nie die Schmuckstücke abwiegen und fragten auch nie nach dem nicht verwandten Silber. Unserer Sünden wegen fanden sich aber etliche Elende, die in die gestellte Falle gingen und das geheuchelte Vertrauen mißbrauchten. Da wich die Macht von den Juden, wie es heißt: Ein Sünder verdirbt vieles Gute (Kohelet 9,18), und von nun an begannen die Heiden ihrer Herr zu werden.

Muhammeds Schutzbrief

Das auf dem Koran und den Muhammed zugeschriebenen Aussprüchen beruhende islamische Religionsgesetz ist in Jemen Staatsrecht und bestimmt daher auch die Rechtslage der Juden. So ist es nicht verwunderlich, daß diese die Wünsche, die sie bezüglich der Sicherung oder der Verbesserung ihrer Lage haben, in die Form eines Muhammed zugeschriebenen Schutzbriefes gekleidet haben. Dieses – natürlich in hebräischen Lettern geschrieben – unter den Jemeniten sehr verbreitete Schriftstück geht letzten Endes auf eine echte Urkunde Muhammeds zurück, die aber schon im frühen Mittelalter völlig umgearbeitet worden ist und in ihrer jetzigen Gestalt eben die jemenitischen Verhältnisse widerspiegelt.

Ursprung und Wortlaut des Briefs

Dies ist der Schutzbrief, den der Prophet Muhammed, über ihm sei Friede und die Gnade und die Segnungen Gottes, für die Kinder Israels ausgefertigt hat.

Als nämlich die Heiden den Propheten, über ihm sei Friede, bedrängten, traten die Kinder Israels zu ihm heran und sagten ihm: ‚Wir sind mit dir und für dich und werden die Ungläubigen bekämpfen, bis du Ruhe von ihnen hast.‘ So taten sie auch und kämpften die ganze Woche bis Freitag mittag. Da sagte zu ihnen der Prophet: ‚Ihr Kinder Israels, geht und haltet euren Sabbat, und wir werden, wenn es auch schwer ist, uns mit Gottes Hilfe allein der Feinde erwehren.‘ Die Kinder Israels erwiderten aber: ‚Prophet Gottes, der du uns teurer bist als unser Leib und Gut, für uns gibt es keinen Sabbat, solange du keinen Frieden hast.‘ Do zogen sie wieder in den Kampf, die Sonne ging unter und die Kinder Israels entweihten den Sabbat, immerfort kämpfend, bis sie die Heiden überwunden hatten. Wie der prophet davon erfuhr, freute er sich gewaltig und sprach: ‚Ihr Männer von Israel, bei Gott, ich werde euch eure Wohltat vergelten, indem ich euch meinen Schutzbund und meinen Treuschwur gebe für alle Zeit, bis meine Gemeinde mein Antlitz schauen wird am tage der Auferstehung.‘ Und zu seinen Gefährten sprach der Prophet: ‚Allah hat mir befohlen, die Safijah, ein Mädchen von den Kindern Israels, zu ehelichen, was sagt ihr dazu?‘ ‚Du Prophet Allahs‘, erwiderten seine Gefährten, ‚was du tust, ist wohlgetan, denn bei dir ist die Prophetie und das wahre Wissen.‘ So heiratete der Prophet die Safija.

Dann berief er alle seine Gefährten, die Alten und die Schreiber, sowie Abdallah ibn Salam, den jüdischen Weisen, und befahl vor ihren Augen dem Ali, seinem Schwiegersohn, den Schutzbrief aufzusetzen. Alis nahm das Papier und den Federkiel und schrieb das folgende nieder genau so, wie es der Prophet ihm vorsprach:

Im Namen Gottes des Barmherzigen, des Allerbarmers. Höret und vernehmet all ihr Muslimen und Gläubigen, Anwesende und Abwesende: Die Kinder Israels kehren in ihre Dörfer und Burgen zurück und bleiben in ihnen wohnen, sie und alle ihre kommenden Geschlechter[1]; Gott gelobt sei er, und die Muslimen und Gläubigen verbürgen ihre Sicherheit; denn ich habe sie als Schutzgenossen angenommen und ich bin verantwortlich für sie. Beschimpfung, Schmähung, Beschuldigung und Feindseligkeit sollen in keiner Stadt, in keinem Dorf und keinem Marktort der Muslimen und Gläubigen gegen sie vorkommen. Unrechtmäßige Auflagen, Strafzahlungen, oder Sonderabgaben irgendwelcher Art dürfen ihnen nicht abverlangt werden. Ihre Felder, Weinberge und Palmenpflanzungen sind vom Zehnten frei. Nur die Kopfsteuer haben sie zu entrichten, und zwar die Reichen, die auf Pferden reiten[2], drei Silberstücke im Jahr, die Armen, die Speise nur für einen Monat und Kleidung nur für ein Jahr haben, soviel sie eben können. Erheben soll die Kopfsteuer ein rechtschaffener Mann aus ihrer Mitte.

Und nicht sei Gottes Segen auf dem, der von den Kindern Israels irgend etwas zu Unrecht nimmt, und sei es auch nur im Gewicht einer Ameise, und ich werde gegen ihn zeugen am Tage der Auferstehung. Es ist den Schutzgenossen nicht verwehrt, die Moscheen, Heiligengräber und Koranschulen zu betreten[3]. Am Reiten von Pferden dürfen sie nicht gehindert werden. Sie sollen einen Gurt tragen, damit sie als Schutzgenossen kenntlich seien und ihnen niemand etwas zu Leide tue. Sie dürfen ihre Religion nicht mit einer anderen vertauschen. Sie dürfen nicht ihren Sabbat durch irgendwelche Arbeit entweihen. Sie sollen nicht im Lesen der Tora gestört werde, die durch Mose, über ihm sei Friede, der auf dem Berge Sinai mit Gott gesprochen hat, offenbart worden ist. Ebensowenig dürfen sie am Beten in ihren Synagogen, noch an der Pflege der Lehrhäuser und Tauchbäder, noch an der Zubereitung von Rauschgetränken für ihren eigenen Gebrauch irgendwie gehindert werden.

Dies ist der Lohn dafür, daß die Kinder Israels für mich gekämpft und um meinetwillen den Sabbat entweiht haben. Allah aber rufe ich zum Zeugen an, ihr Muslimen und Gläubige, daß ihr meinen Schutzbrief und mein Siegel hütet und wahret. Gegeben am zwanzigsten Ramadan des Jahres Neun. Die und Die waren Zeugen. Geschrieben hat es Ali.

Die Verbannung nach Mausa und Mori Salim Schebesi

Zur selben Zeit, als das europäische Judentum durch Sabbatai Zewis Bewegung einerseits, durch den Chmelnizki-Aufstand und weitere Verfolgungen andererseits erschüttert wurde, hatten auch die Jemeniten ihre besondere Stunde. Damals lebte Mori Salim Schebesi, ihr größter Heiliger, der außer einem berühmten kabbalistischen Werke vor allem religiöse Dichtungen ohne Zahl hinterlassen hat, die vielfach heute noch, und zwar angeblich mit derselben Melodie, die der Verfasser ihnen gegeben hat, gesungen werden. Und in jene Zeit fiel ‚die Verbannung nach Mausa‘, die in mancher Beziehung als das einschneidende Ereignis ihrer späteren Geschichte zu gelten hat.

Die Verbannung nach Mausa

In unseren Tagen bewohnen die Juden von Sanaa eine eigene Stadt, die mit einer besonderen Mauer umgeben ist. Dem war aber nicht immer so. Vielmehr war früher ihr Sitz in dem eigentlichen Sanaa, und noch bis heute nennt man die Namen der Moscheen, die früher Synagogen gewesen sind und so die Stätte des früheren Judenviertels bezeichnen. Die Änderung geschah in der schweren Zeit, als die Araber in jahrzehntelangen Kämpfen die Türken aus Jemen verdrängten[4], und dazu Hunger, Mißwachs und Pest das Land zerrütteten. In jener Zeit herrschte ein tyrannischer Imam, der erst die Bethäuser der Juden zerstören ließ und dann mit seinen Nachbarn, den Kleinfürsten, ein Abkommen schloß, die Juden aus dem Bergland von Jemen zu vertreiben. Die besondere Veranlassung dazu aber war, wie man sagt, daß eine Prinzessin  aus dem Hause des Imam einen Juden liebte und von ihm ein Kind hatte. So zogen im Jahre 1988[5] die hochberühmte und wohlhabende Gemeinde von Sanaa und viele andere große Gemeinden von Sanaa und viele andere große Gemeinden ins Exil, und zwar kurz vor dem Peßachfest, an dem man doch auf die Erlösung hofft. Wegen der Beschwerlichkeit des Wegs konnten sie nur wenig von ihren kostbaren Büchern mitnehmen, vielmehr übergaben sie das meiste einem ihnen befreundeten Araber zur Verwahrung. Aber der Araber mißbrauchte das ihm geschenkte Vertrauen und verbrannte die Bücher, und auch von den wenigen, die sie mitgenommen hatten, ging das meiste infolge der Wirrsale des Exils verloren. Daher ist bei ihnen so wenig von den alten Schriften erhalten geblieben. Die Gegend von Musa aber, in die sie verbannt worden waren, ist heiß und voller Fieberhauch, und da sie an Bergluft gewöhnt waren und außerdem vom Hunger und den Leiden der Wanderung mitgenommen wurden, kamen die meisten von ihnen um. In jener Zeit lebte in Taiß, außerhalb des Bereiches jenes Verhängnisses, Mori Salim Schebesi. Er beklagte die Not der Exulanten in vielen Liedern und bewirkte schließlich – sei es durch seinen Einfluß bei den Herren des Landes, sei es, wie andere berichten, indem der Imam und sein Haus durch ein Wunderwerk Schebesis von schweren Leiden heimgesucht wurden –, daß der Imam und die anderen Fürsten die Juden wieder zurückberiefen. Freilich erlaubte man ihnen nicht, ihre alten Wohnsitze einzunehmen, vielmehr wurde ihnen ein Platz außerhalb der Mauern von Sanaa angewiesen, woselbst sie sich eine eigene Stadt bauten, die übrigens durch ihren Fleiß und ihre Tüchtigkeit bald zu einer blühenden großen Siedlung anwuchs.

Mori Salim Schebesi

Ein Selbstzeugnis

Im Jahre 5379 der Weltschöpfung (1619) erschienen, wie uns unsere Väter erzählten, zwei Kometen vom Osten her, mit Schwänzen, die aussahen wie Stöcke; der eine war fünfzehn und der andere war vierzig Tage lang zu sehen, und man glaubte, sie seien die Sterne, die das Kommen des Messias ankündigen. Ich habe aber gefunden, daß der Schreiber Israel ben Josef Maschta verzeichnet hat, daß ich in jenem Jahre geboren bin, ich, der geringste aller Gelehrten, Schalom ben Josef Maschta, nach meiner Geburtsstadt Schebesi genannt. Inzwischen aber ist schon das Jahr 5406 (1646) gekommen, und immer noch warten wir auf den Messias.

Der Heilige im Leben und nach dem Tode

Mori Salim war ein Asket und Heiliger und hochgelehrt in allen Wissenschaften. Die Zeitgenossen glaubten, daß die schweren Leiden, wie Hunger, Pest und Glaubensverfolgung, die damals die Judenschaft Jemens heimsuchten, Vorzeichen der Endzeit wären, und daß der Erhoffte niemand anderer wäre als Mori Salim. Im Messiasjahr 608 (1648) war er ja genau dreißig Jahre alt, und das wäre das richtige Lebensalter, in dem der Messias, ähnlich wie Josef (Genesis 41,46), sein Amt antreten sollte. Und auch als das Jahr vergangen war, warteten sie zu, indem sie dachten, daß er vielleicht wie Mose erst mit achtzig Jahren der Berufung Folge leisten würde. Mori Salim aber wehrte den Leuten, derlei Gedanken zu äußern, und schalt sie Toren. Wenn nun auch die Erlösung nicht durch ihn  gekommen ist, so hat er doch das Herz der Nation geheilt durch seine Lieder, die den Liebesbund zwischen Gott und Israel, die Leiden der Galut und die Sehnsucht nach Zion in immer wieder neuen köstlichen Worten, deren ganzer Sinn freilich manchmal nur dem Eingeweihten offenbar ist, zum Ausdruck bringen. Und wenn es ihm auch nicht vergönnt war, seinen Wohnsitz in Erez Israel zu nehmen, so weiß man doch, daß er oft am Rüsttag des Sabbat nach Jerusalem oder nach der heiligen Stadt Safed entrückt worden ist und dort den Sabbat verbrachte.

Auch nach seinem Tod hörte er nicht auf Heil zu spenden. Von allen Teilen Jemens wallfahrt man alljährlich zu seinem Grab in Taiss, und schon vielerlei ist berichtet worden über die wunderbaren Heilungen, die der Quell neben seinem Grabe an Juden und Nichtjuden vollbracht hat. Aber wie Mori Salim im Leben keine Ehren begehrte, so verschmähte er sie auch im Tode, und so oft man sein Grab kalkte oder eine Kuppel darüber errichten wollte, fiel der Kalk ab und der Bau hatte keinen Bestand; bis vor etwa zwei Menschenaltern ein türkischer Offizier, dessen Frau durch den Segen des Heiligen auf wunderbare Weise geheilt worden war, einen Grabbau errichten ließ und den Geist des Heiligen bat, nicht um seiner, sondern um Gottes Ehre willen das Dankgeschenk anzunehmen; da hatte der Bau Bestand, und auch der Kalk fiel nicht mehr vom Grabstein ab.

Mori Jichjä al-Abjad

Wie er die Tora schrieb

Mori Jichjä war ein Frommer ohne Makel aus der Stadt Sanaa. Noch heute gibt es in den Synagogen Sanaas Torarollen, die von seiner heiligen Hand geschrieben sind. Und also pflegte er die Tora zu schreiben: er nahm das Pergament, den Federkiel und die Tinte und stieg in einen feuerglühenden Ofen und schrieb daselbst die göttlichen Namen; dann stieg er heraus und ergänzte zu beiden Seiten der Gottesnamen die übrigen Worte. Die von ihm geschriebenen Torarollen hatten eine wunderbare Eigenschaft: sowie jemand beim sabbatlichen Vorlesen an sie herantrat, der nicht rein war an seinem Körper oder in seinen Gedanken, verfärbte sich das Pergament und wurde gelb, und die Buchstaben entflogen. Daher gelten seine Torarollen als hochheilig und werden heute nicht mehr zum Lesen benutzt.

Totenwäsche

Dieser hochberühmte Mori starb in der Wüste. Das war zur Zeit der Verbannung nach Mausa. Eine Schar der Vertriebenen wollte nach Erez Israel ziehen, aber sie wußten nicht den Weg und verirrten sich in der Wüste. Viele Tage wanderten sie, ohne Wasser anzutreffen. Und als sie noch ein Sandsturm überfiel, konnte der hochbetagte Mori nicht mehr standhalten, er sank zu Boden und verschied. Sie wußten aber nicht, wie sie ihn begraben sollten, denn sie hatten kein Wasser, den Toten zu waschen. Da geschah ihnen durch das Verdienst des Heiligen ein Wunder. Eine Quelle süßen Wassers entsprang an der Stelle, wo sie den Toten waschen sollten. Wer trinken wollte, konnte trinken, wer seine Gefäße füllen wollte, konnte seine Gefäße füllen. Sowie aber Mori Jichjä gewaschen und begraben war, vertrocknete die Quelle, und es war, als ob sie nie dagewesen wäre. Und bald kam auch der Sultan Safi ed-din mit einem großen Heere und viel Mundvorrat und führte sie in Ehren in ihre Heimatstadt Sanaa zurück.

Aus einer alten Chronik

Ein Traum

Träume und Vorzeichen spielen bis heute die größte Rolle. Den folgenden Traum hatte der Chronist während der im nächsten Absatz beschriebenen Zeit der Hungersnot und des Abfalls.

Im Monat Siwan jenes Jahres hatte ich folgenden Traum: Ich ging wie gewöhnlich in die Synagoge von Mori Chajim Hallewi gesegneten Andenkens. Wie ich nun in den Hof der Synagoge kam und eben ins Haus treten wollte, erblickte ich die ganze heilige Gemeinde, wie sie nach Süden gewandt, mit dem Rücken zum Toraschrein und zu Jerusalem, leise beteten. Ich schrie laut auf und fiel auf mein Gesicht nieder, indem ich rief: O Gott, verdirb uns nicht um dieser willen. Wie ich wieder aufstand, sah ich Mori Mösche al-Gatii, wie er als einziger nicht mit der Gemeinde betete, sondern in einem Winkel Talmud lernte. Ich trat an ihn heran und sagte zu ihm: Mori, warum wehrst du diesen nicht, die die von Anbeginn der Welt her festgesetzten Ordnungen umkehren und nach Süden beten?! Der Mori erwiderte mir: Mein Sohn, ich habe jeden einzelnen von ihnen fußfällig gebeten, seinen Irrsinn zu lassen, aber keiner hat mir Folge geleistet. Sowie ich diese Worte vernahm, fiel ich wieder zu Boden und schrie: O Gott, du willst den Rest deines Volkes verderben ob dieser da. Während ich noch so dalag, erschien in der Luft ein Engel, der aussah wie die, die in den Tora-Büchern gezeichnet sind, und schwebte langsam kreisend herunter wie ein Geier. Dann schritt er durch das Tor des Hofes und sah durch die Fenster der Synagoge die Gemeinde nach Süden beten. Er blickte dann noch zwei- bis dreimal durch die Tür der Synagoge, wie um sich zu vergewissern, daß er auch richtig gesehen habe. Ich stand auf, trat an ihn heran und bat ihn für Israel Fürbitte einzulegen. Er aber erwiderte nichts, sondern nahm einen Stock in die Hand, wie jemand, der sagen will: warte nur, du wirst schon sehen, was das Ende sein wird, und entschwand. Gelobt sei, der alles weiß.

Hunger

Hungersnöte sind in Jemen, wo infolge der jahrhundertelangen Mißwirtschaft die reichen Bewässerungsmöglichkeiten nicht genügend ausgenützt werden, eine häufige Erscheinung. Am schrecklichsten leiden hierunter die Juden, die ja meist kein eigenes Land besitzen und für ihre Versorgung vollkommen auf Kauf angewiesen sind.

Jetzt kam der Hunger, der alle Vermögen vernichtete; Hunger, daß man die Häuser niederriß, um deren Balken für einen Bissen Brot zu verkaufen; Hunger, daß sich die Gemeinden in alle vier Winde zerstreuten; Hunger, daß man Toralernen und Beten vernachlässigte, do daß mehrere Synagogen am Werktag geschlossen wurden und am Sabbat und an den Festtagen leer standen; Hunger, daß die Kinder, statt in die Schule zu gehen, auf den Märkten und in den Straßen der Nichtjuden herumliefen, um etwas zu erhaschen. Manche Leute aßen Stroh, manche aßen Matten, manche lasen Würmer aus den Misthaufen und verschlangen sie. Die scheußlichsten Krankheiten verbreiteten sich und viele wurden vor Hunger wahnsinnig. Auch den Nichtjuden ging es schlecht, um wieviel mehr den Juden. Bis es so weit kam, daß man vor Gram und Körperschwäche die Liebespflicht an den Toten vernachlässigte. Wenn einer starb, kam niemand, ihn zu begraben. Und wenn sich schon jemand bereit fand, so trug er den Toten nicht in Feiertagskleidern zu Grabe, wie es sich gehört, sondern in Lumpen; nur zwei bis drei Leute gingen mit zum Friedhof, man hielt keine Trauerreden, man machte keine Umzüge, man sagte kein Kaddisch, und sogar der Totengräber erleichterte sich die Arbeit, indem er, statt ein Nischengrab herzustellen, den Toten einfach in die Grube legte. Und die Leidtragenden saßen, ob unserer Sünden willen, einsam und verlassen, ohne daß jemand kam, ihnen Trost zuzusprechen. Wie es heißt (Jirmejahu 16,5): Ich habe meinen Frieden von diesem Volke genommen, die Liebe und die Barmherzigkeit; die Liebe, das heißt: das Begräbnis der Toten, und die Barmherzigkeit, das heißt: das Trösten der Leidtragenden.

(Ein Jahr später.) Der Hunger ist noch schwerer geworden. Bis jetzt sind siebenhundertundfünfzig Seelen, vor allem Frauen, abtrünnig geworden; der Imam versorgt nämlich die Abtrünnigen mit Speise und Trank.

(Zwei Monate später.) Laßt uns zu Boden fallen und mit ausgestreckten Händen und Füßen Gott dafür danken, daß er uns nicht ganz vernichtet hat. Am fünfzehnten Aw bedachte Gott die Erde mit Regen, der Tag und Nacht ununterbrochen herniederging bis zum zwanzigsten Elul. Laßt uns ein Danklied sprechen für jeden einzelnen Tropfen.

Schalom Scharabi

Die Stiftshütte

Mori Schalom gehörte zu den Leuten von Scharab, die sich durch große Gelehrsamkeit und Frömmigkeit auszeichnen. Von Beruf waren sie meistens Weber; sie hatten dieses mehr mechanische Handwerk gewählt, weil es die Gedanken und den Mund für das Toralernen frei läßt; wenn sie so zusammen bei der Arbeit saßen, schien es, als ob zugleich mit den Weberschiffchen die Worte der Tora hin und her flögen. Und auch wenn sie zum Wochenmarkt gingen, um ihre Tuche zu verkaufen, redeten sie unterwegs nur von heiligen Dingen. Einmal, als sie wieder auf dem Wege zum Wochenmarkt waren, unterredeten sie sich über den Bau der Stiftshütte, konnten aber über gewisse Einzelheiten nicht einig werden. Da nahmen sie ihre kunstvoll gewirkten Stoffe von den Eseln herunter und fingen an, die Stiftshütte nach ihren Maßen und Farben nachzubilden; und ehe sie sich dessen versahen, stand die Stiftshütte vor ihnen, genau so wie sie von Mose nach Gottes Anweisung errichtet worden war. Es war ihnen aber nicht gegeben, lange das wunderbare Werk ihrer Hände zu bestaunen, denn ein Feuer kam vom Himmel und raffte sie hinweg mitsamt der Stiftshütte. Die Stelle, an der dies geschah, ist bis heute bekannt; man hat sie eingezäunt, nachdem man erfahren hatte, daß diejenigen, die sie betreten, ohne rein zu sein, Schaden nehmen.

Flucht nach Jerusalem

Einst ging Schalom Scharabi in die Stadt der Muslimen, um seine Tuche zu verkaufen. Da erblickte ihn das Weib eines Großen von ihrem Fenster und faßte Liebe zu ihm; denn sein Antlitz war schön vom Lichte der Tora. Sie ließ ihn in ihr Obergemach führen, wo er ihr seine Tuche vorführen sollte, sobald sie jedoch allein waren, schloß sie die Tür und trug ihm ihr Verlangen vor. Mori Schalom tat, als ob er bereit wäre ihr zu Willen zu sein, und schlug vor, daß sie zusammen aufs Dach stiegen, woselbst sie sich frei ergehen könnten. Dies tat er nämlich, weil in jenem Hause, wie vielfach in Jemen, die Fenster zu enge waren, um einen Menschen durchzulassen, und sowie sie oben auf dem Dache angelangt waren, stürzte er sich hinunter in den Hof, nicht ohne vorher ein großes Gelübde getan zu haben für den Fall, daß er am Leben bliebe. Obgleich das Dach fünf Stockwerke hoch war, kam er heil davon und machte sich zu Fuß auf die Wanderung nach Jerusalem. Als er dort ankam, ließ er sich bescheiden in einer Ecke der Synagoge Bet-El nieder, aber bald wurde er als der große Heilige erkannt, der er war, und bis zum heutigen Tag ist sein Name in Jerusalem lebendig als der des Begründers jener Brüderschaft, die in dieser Synagoge nach kabbalistischer Weise ihren ekstatischen Bet-Übungen nachgeht.“

(Fortsetzung folgt)

Quelle:

S. D. F. Goitein, Von den Juden Jemens, Berlin 1937, 2. Aufl., S.5-27

Anmerkungen:

Der Text wurde in seiner Originalschreibweise wiedergegeben.

Literatur:

Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig u. Mannheim 2006; Stichworte: Goitein, Shelomo

Aviva Klein-Franke: Die Juden im Jemen, in: Jemen, (Hg.) W. Daum, Innsbruck und Frankfurt/Main 1987/1988

Neues Lexikon des Judentums, (Hg.) J. H. Schoeps, Gütersloh/München 1998, Stichworte: Genisa, Jemen

http://en.wikipedia.org/wiki/Shelomo_Dov_Goitein