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Felix Culpa – oder: wie Israel zum Juden unter den Staaten wird

Von der Kontinuität eines Ressentiments in der Diskontinuität der Ereignisse. Theoretische Skizzen anhand antisemitischer Emails an das jüdische Internetportal haGalil.com, Teil IX…

Von Niklas Barth

Über die Aneignung der Erinnerung konnte den „Juden“ die Verfügungsgewalt über die Vergangenheit entwendet werden. Die Shoa wird dabei ihrer Singularität beraubt und kann dadurch beliebig universalisiert und kopiert werden. Sie wird so zu einer moralischen Folie der Kritik, die über alles und nichts gelegt werden kann. Sie wird zu einer unter vielen Menschenrechtsverletzungen Es wird dann zur ureigensten deutschen Pflicht dafür einzutreten, dass diese permanente Endlosschleife Auschwitz endlich ein Ende findet. „Oh, felix culpa“ (Arendt, in Rathgeb: 2005).

„Werte Damen und Herren. Mein Gott, Sie haben doch nun wirklich nicht das Wort HOLOCAUST für sich gepachtet. Ich finde nun, es wird Zeit, dass Sie auch einmal über den Holocaust zwischen Israel und Palestina nachdenken. Jedes Weltverbrechen hat gleiche Behandlung im Geschichtlichen zu erfahren!Und es gibt sehr, sehr viele derer. Oder stimmt das Ihrer Meinung nach nicht? GHG“1

„seht ihr denn nicht was im Gazastreifen passiert? ihr zionisten seid schlimmer als die nazis.“2

„Hört zu, Ihr Juden und alle anderen, die Ihr die Augen vor Israels Taten verschließt: Ihr seid heute Täter, keine Opfer mehr. Der Holocaust hat schon genug Unheil angerichtet, nutzt ihn nicht als Deckmäntelchen für weiteres Unheil. Guckt nicht auf das armselige Häuflein deutscher Neonazis, guckt auf den Staat, der Euch zu vertreten behauptet. Sprecht nicht über Bäume, denn es ist ein Verbrechen, weil es das Schweigen über so viele Dinge beinhaltet. Und vor allem: Sagt hinterher nicht, Ihr hättet nichts gewußt. Und nennt meine Wut auf Israels Vorgehen nicht Antisemitismus, sondern schreibt ein Brieflein mit Eurer Meinung an die Vertretung Israels in Eurem Heimatland. Sucht nicht den Splitter im Auge Nachkriegsdeutschlands, sondern den Balken im Auge Israels.“3

Diese Täter-Opfer-Metaphysik erklärt die Palästinenser zu den ‚Opfern der Opfer‘ und kann durch diese perfide Operation des Vergleichs die deutschen Verbrechen relativieren. (vgl. Haury: 1992). So konnte das Büßergewand endlich abgestreift und Israel als kollektivierter Jude zum neuen Täter umetikettiert werden. Aber ist der Jude erst einmal mitschuldig, erschließen sich gänzliche neue Möglichkeiten: es lässt sich nun gar das Existenzrecht Israels zur Disposition stellen. Spätestens nach 1945 bricht somit die Unterscheidung von Antismeitismus und Antizionismus in großen Teilen der Argumentationen in sich zusammen. Einer wie Améry hatte das schon sehr schnell festgestellt: Der Antisemitismus ist im Antizionismus enthalten, wie das Gewitter in der Wolke. (vgl. Améry: 1975) „Trägen Herzens tut man so, als wüßte man nichts von der existenziellen Bindung der Diaspora-Juden an Israel.“ (ebd). Konsequent ignoriert man Israels historische Notwendigkeit und dichtet ihm vielmehr eine eigene „historische Schuld“ an.

„das Recht des jüdischen Volkes auf einen Staat bestritten wird????Wie bitte da gibt es gar nichts zu bestreiten denn das was(angeblich)Israel ist,doch den Palästinensern weggenommen wurde.Und diese meinung haben nunmal die meisten Menschen dieser welt von Israel und das ist eine normale reaktion auf das was diese Verbrecherregierung Sharon mit den menschen denen dieses Land eigentlich gehört macht.Töten und systematisch ausrotten(in der Hoffnung das die Welt wegguckt).Aber das erinnert die meisten menschen halt an das was damals in Deutschland geschah“4

Das Wesen des modernen Antizionismus macht jedoch noch viel mehr aus. Hier kommt es regelrecht zu einer diskursiven Explosion. Unter der Oberfläche brodelt es gewaltig: eine undurchsichtige Masse aus Erinnerungsabwehr und Schuldumkehr, Antiimperialismus, Nationalismus, Antikapitalismus, Antiamerikanismus, Antiuniversalismus, Antimodernismus und klassischem Antisemitismus geht immer neue Formationen ein. Mit der Gründung des Staates Israel transformierte sich die Judenfrage ins Internationale. Der Antisemitismus kann das Objekt seiner Obsession nun auf der Landkarte verorten.

Andererseits haben sich die einzelnen Elemente, die sich – wie oben ausgeführt – nicht zwangsläufig zu einem geschlossenen Ressentiment verhärten müssen, flexibilisiert und globalisiert. Dabei lässt die Tatsache, dass der palästinensisch- israelische Konflikt oftmals eben nicht von Israelis, sondern von einem „Judenkollektiv“ geführt wird, tief blicken.

Diese Bilder vom „Juden“ „geben […] sich als Imprägnierungen einer dem eigentlichen Konflikt außen vor stehenden, aber doch auf den Konflikt einwirkenden historischen Tiefenwirkung zu erkennen. Nicht die von palästinensischer Seite Israel entgegengebrachte Ablehnung ist das Enigma, sondern die beklemmenden, zutiefst antisemitierenden bis antisemitischen Bilder und Metaphern, mit denen die ohnehin dramatischen Vorgänge des Konflikts weiter belastet werden.“ (Diner: 2004) Es soll also von dem unbestreitbaren Unrecht eines Sabra oder Shatila ’82 – um gleich einen diskursiven Dauerbrenner zu nennen- abstrahiert und der Blick auf eine Metaebene gerichtet werden, in der diese Ereignisse dann weiterleben. In den eingangs angeführten Ausschreitungen auf Solidaritätsbekundungen mit dem palästinensischen Volk findet sich sodann der erste manifeste (sic!)Antisemitismus, der glaubhaft machen will, dass er nicht antisemitisch ist.

Man gibt sich aufgeklärt und kann bezeugen in den Medien „gründlich recherchiert zu haben.“ Dabei konnte man sich lange daran gewöhnen, was so alles zum guten journalistischen Ton in Deutschland gehört: die martialische Semantik im Bezug auf Israel und die verständnisvollen Töne gegenüber Selbstmordattentätern; die immergleichen opener, die prinzipiell Angriffe Israels an erster Stelle nennen und somit scheinbar die Gesetze der Zeit aus den Angeln heben können; der mindestens sorglose Umgang mit den Bildern des Konflikts, der sich in eine ikonographische Propaganda gegen Israel verkehrt; die mahnenden Appelle an die Unverhältnismäßigkeit der Mittel, die gleichzeitig jedoch mit doppelten Standards operieren; die genial-perfide Fiktion des ewigen Drehens an der Gewaltspirale, die auf ihrem irrationalen Höhepunkt Israel sogar für islamistische Terrorakte zur Verantwortung ziehen will; das prinzipielle Verdrehen der Kausalitäten, das seinen Ausgang schon im sturen Verkennen der vernichtenden Semantik eines Terrorattentats nimmt; die Friedensrufe, die für die alltägliche Bedrohung Israels durch die strukturelle Friedensunwilligkeit und den eliminatorischen gefärbten Antisemitismus des fundamentalistischen Islam5 blind sind; die Hartnäckigkeit im Nichtbeachten der Hamas-Charta; und im worst case sogar die Argumente, die den gesamten Nahost-Konflikt als Resultat der Landnahme eines rassistischen Apartheidstaates begreifen, dem jegliche Existenzberechtigung abzuprechen ist. All dies mündet in einen heillosen Relativismus, dessen Fluchtlinien sich in einer makaberen Sentenz bündeln lassen: schuld sind doch die Juden selbst. Oder, um den Kreis zu schließen und auf unser Ausgangsbild zurückzukommen: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“ (Zvi Rex).

Diese medialen Argumentationsmuster stellen diskursive Steilvorlagen für die Projektionwünsche des Antisemiten dar. Sie verzerren den diskursiven Raum, indem sie Legitimät dort verorten, wo bereits das strukturelle Ressentiment beginnt. Genau diese latenten Legitimitätsfiktionen sichtbar zu machen, ist unser Anliegen. Davor bedarf es jedoch eines Blickes zurück, um die vertrackte, modernisierte Genese des antisemitischen Antizionismus zu entwirren. Hierzu bietet sich Thomas Haury pointiertes Diktum als Ausgangspunkt an: „Das antiimperialistische Weltbild macht keine Fehler, es ist der Fehler.“ (Haury: 1992) Auch wenn hier nicht der Antizionismus einer radikalen Linken im Fokus der Analyse steht, so lässt sich daran ein elementares Denkschema des als Antizionismus auftretenden Antisemitismus festmachen. Befreiung von Herrschaft ist für den Antiimperialismus zunächst einmal nur die Befreiung von Fremdherrschaft. Um diese Erlösung vom Fremden einzulösen, müssen gesellschaftliche und historische Zusammenhänge simplifiziert werden. Es bedarf der Konstruktion eines autochthonen, natürlich gewachsenen Volks, ergo der Palästinenser, das es von der künstlichen zionistischen Fremdherrschaft zu befreien gilt. Daraus speist sich ein manichäisches Weltbild zwischen den Polen Gut und Böse, das zu keinem differenziertem Blick mehr in der Lage ist.

Um den Reduktionismus perfekt zu machen, wird diese Dichotomie dann auch noch konkretisiert und personalisiert. Die imperialistische, „rassistische Mörderbande“6 aus Zionisten und Amerikanern raubt den Palästinensern ihre angestammte Scholle. Von Israel ist dabei nur als „Gebilde“ oder „Israel und gewisse seiner Kreise“7 als „neokolonialer Unrechtsstaat“8, oder „jüdische Money-Mafia“9 die Rede. Falls Israel als Staat genannt wird, dann meistens in Anführungszeichen. Mit der Projektion auf Israel als nicht authentischer Staat übt der Antisemitismus den Schulterschluss mit dem Antiamerikanismus.

„Dass jüdische Soldaten in den vergangenen Tagen tausende palästinensische Zivilisten getötet haben, scheint Euch ja wenig zu intressieren! die wahren Rassisten sind die Israelis, denen zur wahrung der eigenen Interressen jedes unjüdische Menschenleben egal ist! nur da schreit die Welt nicht auf, weil der kleine Massenmord von den Amis unterstützt wird,weil ja in Amerika die einflussreichsten Juden der Welt an den Fäden der Macht sitzen! also hört mir auf mit brauner Flut, und seht in Eure eigenen Unterhosen! und noch was…Euch zu unterstützen wäre so ziemlich das letzte, was mir jemals im Leben einfallen würde!“10

Dieses „Staatengebilde“ Israel ist auf der jüdischen, weltverschwörerischen Macht gegründet, die sich im Bild von der „amerikanischen Ostküste“ konzentriert. Die expansive und aggressive Politik „USraels“ raubt den Völkern der Erde das Selbstbestimmungsrecht und stellt die größte Bedrohung für den Weltfrieden dar.11 Es ist auch dieses „staatenfressende, kapitalistische  Monster“ „USrael“12, das die eigentliche „Achse des Bösen“ darstellt. In Wahrheit sind Israel und die USA die eigentlichen „Schurkenstaaten“.

Dass diese Ansicht selbst in der vermeintlich linken intellijencia und ganz zu schweigen, in weiten Teilen der Zivilgesellschaft mehrheitsfähig ist, ist das wirklich Erschütternde. Diese zutiefst simplifizierende Argumentation, stellt den Anknüpfungspunkt für große Teile der Antiglobalisierungs- und Friedensbewegung dar. Die Existenz Israels wird somit zum metaphysischen Zentrum aller Probleme der Welt erhoben. (vgl. Tanguieff: 2002). Dieses konkretistische und personifizierende Denkschema hat mittlerweile seinen Weg aus dem Antiimperialismus heraus in die gesellschaftliche Mitte eines „Aufstands der Anständigen“ gefunden. Dabei fallen sie einem doppelten Irrtum anheim: durch die „Gnade der späten Geburt“ und ihre Parteinahme für den vermeintlich Schwächeren, also ihrem Selbstbild nach emanzipatorisch links, geben sie sich der Illusion hin, nicht antisemitisch sein zu können (vgl. Haury: 1992). Ihnen erscheint das eigene unbewusste Ressentiment noch als ehrbar. Wie nahe diese Positionen am Nationalbolschewismus gebaut sind, begreifen ihre Protagonisten nicht. Selbst dann nicht, wenn sie nebeneinander auf einer antizionistischen Demonstration marschieren.

„Genau deshalb sind das keine Terroristen, die USRAEL Soldaten oder Zivilisten den Kopf abhacken, vor laufender Kamera. Das sind Freiheitskämpfer gegen die israelische und amerikanische Mörderbande. Jeder hat das Recht und die Pflicht diese Freiheitskämpfer zu unterstützen – finanziell und moralisch.“13

„Guten Tag, eure Intension besteht darin Euch unter dem Deckmäntelchen der Menschenfreundlichkeit, als perfide Manipulierer am Selbstbestimmungsrecht der Völker zu profilieren ! Dies ist ein unverzeiliches Verbrechen! Ganz sicher wird euch der Bumerang eurer
eigenen Menschenverachtung niederstrecken. Kein Vergessen und kein Vergeben.“14

Auch wenn im empirischen Material der antikapitalistische Impetus weitgehend fehlte, so sind Antiimperialismus und Antizionismus Brüder im Geiste. Hierbei soll keineswegs den Palästinensern das Anrecht auf einen eigenen Staat bestritten werden. Die Frage ist vielmehr, weshalb es solch ein Problem darstellt „Recht gegen Recht“ anzuerkennen (vgl. Améry: 1975). Wieso wird den Juden das Recht so vehement in Abrede gestellt sich ebenfalls als Volk zu verstehen.

Wieso gilt für Juden nicht ebenso das „nationale Selbstbestimmungsrecht?“ Welch‘ bittere Ironie: Der Zionismus, der aus der Konsequenz des Antisemitismus eben diesen mit der Gründung des „Judenstaats“ aus der Welt zu schaffen suchte, wird zum Bezugsproblem eines modernisierten Antisemitismus. Israel funktioniert dabei in der Rolle als Antichrist der internationalen Gemeinschaft, als „Jude“ unter den Staaten (Grigat). Um dies zu verdeutlichen stellen wir einmal folgendendes Gedankenexperiment an: den Juden im Vorwort von Herzls „Judenstaat“15 durch Israel zu ersetzen: No one can deny the gravity of the situation of Israel. […] Its equaltity before the law, granted by statue, has become practically a dead letter. Israel is debarred from filling even moderately high positions, either in the army or in any public […] capacity. And attempts are made to thrust them out of business: Don’t buy of Israel! (vgl. Klug: 2004).

Wieso wird also solcherart mit doppelten Standards operiert? Schon dort, wo dies geschieht, ist die dünne Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus überschritten. Selbst schon eine sich auf den Nahost-Konflikt kaprizierende Kritik, begibt sich auf diesen schmalen Grat. Denn wieso gerade Israel? Wieso wird nicht im gleichen schrillen Ton der Konflikt in Darfur kommentiert? (vgl. Markovits, in Rabinovici et al.: 2004) Wieso weigert sich ein UN-Menschenrechtsrat die jüngsten Massaker in Sri Lanka seitens der Regierungstruppen überhaupt zu untersuchen16 und verhängt gleichzeitig Resolutionen über Israel, die in die Hunderte gehen?17 Werden jedenfalls genau diese bigotten Kriterien angelegt, ist der Sprung zum offenen Ressentiment nicht mehr weit und es erschließt sich das weite Feld der antizionistisch reaktivierten klassischen antisemitischen Ideologeme. In Anlehnung an von Treitschkes sind nun nicht mehr die Juden sondern Israel unser Unglück.

Um dies auch angemessen auszudrücken, widerfährt Israel eine Dämonisierung sondergleichen. Israel wird dabei wahlweise als „Militärmaschine“, „Terrorstaat“, „Verbrecherregime“, „rassistisches Mörderpack“ oder als „neuer Nazistaat“ genannt, der in letzter Konsequenz dann ein neues „Tätervolk“ beheimatet. Dass der Antisemit sich den „Juden“ nach seinen Bedürfnissen schafft, gilt nach wie vor. Ganz im Sinne des oben beschriebenen Mechanismus des Antisemitismus als selbstreferentielles Verweisungssystem, also als Mythos, erscheint der „Jude“ selbst als der Ursprung seines ihm entgegenschlagenden Hasses. Mit dem Eintritt Israel als politischer Akteur in das Weltgeschehen, vollzieht sich noch einmal ein Bruch.

Der moderne Antisemit hat gelernt diese Identität des Begriffs, die Natur, die der Mythos herstellt – ganz aufgeklärt – als dekonstruiert zu simulieren. Er operiert als Kritiker, der sich mit einem moralischen Vorteil ausstattet, und sich mit Argumenten ausschließlich auf die Realpolitik Israels zu beziehen scheint. Wie könnte auch nur ein Kritiker, der bezeugen kann, rational, moralisch, humanistisch, schlechthin universal zu sprechen, unhehre Ziele verfolgen? Sein bestes Argument für seine Aufrichtigkeit ist, dass er zwar unbetroffen, aber eben doch moralisch – im Sinne der Verteidigung der Menschenrechte – betroffen ist. So funktioniert der innerdeutsche Diskurs. Noch besser funktioniert er sogar, wenn man sich wirklich Betroffene in den Diskurs importiert, die qua Bild, dem Verweis auf ihre direkte Erfahrung, der Eigenschaft als jüdischer Kronzeuge der Anklage oder am besten durch körperliche Male des Konflikts vor allem auf eines verweisen können: dass es diesmal um reelle Handlungen von reellen Juden ginge. Wer könnte so authentische Protagonisten unter Ideologieverdacht stellen? Doch weit gefehlt: es geht wie immer nur darum, den Juden als „Juden“ erscheinen zu lassen. Das Umschalten in der Diskursstrukur von Rationalität auf Emotionalität lässt die ohnehin irrationale Konstruktion des Juden nicht gerade schwerer werden.

„Liebe Redaktion, habe soeben begeistert ihren kämpferischen Artikel bezüglich Libanon gelesen !Ich finde , Ihr seit noch unmenschlicher als Adolf Hitler und seine Rassisten : Ihr meuchelt Frauen und Kinder fremder Staaten ohne Kriegserklärung und schreit vom Endsieg ohne wirkliches Kriegsziel ,oder doch ? Wie verzweifelt muß das Judentum diesmal darum bemüht sein, die Völker der Welt erneut gegeneinander aufzubringen? Schon wieder wollen die Zionisten einen neuen Weltkrieg anzetteln ? Die Welt-Geschichte wird Euch Menschenschlächter genauso richten wie zu guter letzt auch die NAZIS gerichtet wurden. KEIN Heil und Sieg unserem neuen Führer OLMERT !!- Mit freundlichen Grüßen“18

Dieser israelische „Staatsterror“, dessen erklärtes Ziel der „Endsieg“, also die „Vernichtung“19 aller „Goim“ und die Säuberung Palästinas von seinem angestammten Volk sei20, scheut sich nicht auch die barbarischsten und menschenunwürdigsten Methoden anzuwenden. Israelis „ermorden selbst ungeborene Kinder“21, „israelische Kampfpiloten massakrieren unbewaffnete Zivilisten“22, nachdem sie sie systematisch in einem „Ghetto“ zusammengepfercht hatten. Dabei ist Bush, Scharon, Barak, Olmert, XY immer der neue Hitler. Auch äußerst beliebt ist der Begriff vom „israelischen Vernichtungskrieg.“23

„Warum verbrennt ihr Kinder bei lebendigem Leib? Warum tötet ihr unschuldige Zivilisten? Wieso können Juden jetzt ungehindert Deutsche töten? Warum zerstört ihr die Infrastruktur eines Landes, dessen Mensch nur in Frieden leben wollen? Ihr seid Kindermörder. Und die verdienen die Todesstrafe! Kindermörder der Hisbolla ebenso, aber euer Mordfeldzug ist vielfach größer. Ich verabscheue die Verbrechen der Nazis an den Juden, aber ihr benehmt euch in Libanon wie die Nazis – ihr tötet wahllos unschuldige Menschen. Ihr seid ein Schurkenstaat. Ich hasse Israel wie die Nazis!“24

„Wie wird es dort weiter gehen? Nachdem Israel das Ghetto (mittels des grossen Mauerbaus) errichtet hat. Werden dann einfach die Bomber über die Mauergeschickt bis sich die Anzahl der Menschen soweit gelichtet hat, dass man nicht mehr von einem „Palästinensischen-Volk“ sprechen kann? Dies ist doch letztendlich auch eine Art von Holocaust? Der Unterschied liegt lediglich in der Offensichtlichkeit. Es werden Menschen verfolgt, ausgeschlossen, gezielt getötet, verbannt, inhaftiert und enteignet. Das Menschenrecht verkommt hier zu einem schlechten Witz. Israel schändet so auch das gesamte Andenken des Holocausts und unterstützt die Wiedererstarkung rechtsextremer Gruppierungen.“25

Diese Ressentiments reaktivieren ganz unverhohlen alte antijudaistische Bilder: „alleine waffentragende Juden scheinen zu provozieren, eine tiefsitzende Erregung auszulösen. Vor dem Hintergrund jener althergebrachten kulturellen Imprägnierungen dürfte es in eigener Sache waffentragende Juden eigentlich nicht geben (Diner: 2004). Der „Jude“ kann dann nur hinterlistig kämpfen. Heimtückisch, rachsüchtig und mit äußerster Brutalität mordet er aus dem Hinterhalt. Die Recodierung des jüdischen Ritualmordes ist unübersehbar.

Gleichzeitig mischt sich auch der Vorwurf des alttestamentarischen „Auge um Auge“ dazu. Gerade das Gerede von der Gewaltspirale und der Unverhältnismäßigkeit der Mittel bleibt stets auf diesen Hintergrund zu befragen. Daniel Goldhagen hat es so formuliert: der Jüdische Shylock wurde durch den Israelischen Rambo ersetzt. (vgl. Goldhagen: 2004) Dabei ist zu konstatieren, dass beide Bilder je nach Kontext aktualisiert werden, manchmal sogar auch parallel operieren. Teilweise speisen sie sich auch aus einer relativierenden Berichterstattung oder das lückenhafte diskursive Gedächtnis stellt sie bereit: die kollektive Erinnerung kennt aber eben nur noch Bilder in der Form eines Sabra und Shatila.

„Die unglaubliche Macht der Juden führt auch dazu, dass Herr Bush, gegen arabische Länder Krieg führen will, da er vermutet, dass diese Atomwaffen besitzen. Der Fall Irak schreit zum Himmel!! Israel, welches mit Sicherheit Atomwaffen besitzt, wird jedoch nie thematisiert. Ich wünschte mir eine friedlichere Welt- dafür müssen jedoch ALLE beitragen!“26

Seit dem Irakkrieg 2001 kommt es zu einer Renaissance von Verschwörungstheorien. Gerade die zwar zigmal als Fälschung markierten „Protokolle der Weisen von Zion“ erleben ein ungeheures Comeback. Israel erscheint nun nicht mehr nur als „imperialistischer Brückenkopf“ der USA, sondern spannt diese sogar selbst vor seinen ideologischen Karren. „Der kleine und der große Satan“ treten als Agenten der Moderne auf und sollen für deren Verwerfungen dann auch beide haftbar gemacht werden. „Der kriegstreiberische Jude“ „stürzt die Völker in einen Weltkrieg“27, wusste schon Adolf Hitler. Die „amerikanische Ostküste“ steht dabei für das Sinnbild des machtvollen, profithungrigen, urbanen, mobilen, kosmopolitischen, wurzellosen, säkularen, hedonistischen, individualistischen und amerikanischen Juden. (vgl. Bergmann: 2004). „Als Hort aller Entfremdung, des Geldes und der von der Gier nach Reichtum angetriebenen Gewalt scheint e[r] alle gewachsenen Traditionen zu unterminieren und sie seinem durch den Mammon verunstalteten Angesicht anzuverwandeln.“ (Diner: 2004).

Seit Beginn der Al Aqsa Intifada 2001, spätestens jedoch mit der Libanonoffensive von 2006, hat sich der Ton erheblich radikalisiert. Selbst das offene Ressentiment ist nun wieder möglich. Es ergibt sich eine beunruhigende Synchronität von antisemitischer Hetze und scharfer Kritik. Es wäre dringlich, mögliche Rückkopplungseffekte in den wissenschaftlichen Blick zu nehmen: Wie verhält sich der Zusammenhang zwischen latenten und manifestem Antisemitismus? Welche Äußerungen sind im demokratischen Prozess legitim? Mit welchen Plausibilitäten rechnet ein öffentlicher Sprecher? Wie wird diese dann ganz unmittelbar wirkende Legitimität hergestellt? Es bedarf Methoden, die anders als die klassische Ideologiekritik über ein Sensorium verfügen, den semantischen Spuren nachzugehen.

In welchen Kontexten und in welchen graduellen Schattierungen werden diese in das persönliche Ressentiment eingebaut? Hier sei wiederum auf die Relevanz einer politischen Kulturforschung verwiesen. Denn „Judenfeindschaft ist der Prototyp des politischen Ressentiments und damit auch ein Indikator für den Zustand der Gesellschaft.“ (Benz: 2004) Ferner scheint es dringlich -wie weiter oben ausgeführt- seinen eigenen Blick nicht unnötig an die Grenzen des Nationalstaats zu binden. Vor dem Hintergrund eines sich globalisierenden Antisemitismus müssen gleichzeitig die Modi und Wirkungsweisen von kontextualisierten, jedoch global funktionierenden Semantiken vom „Juden“ untersucht werden. Wie werden allgemeine Muster des Ressentiments lokalisiert und gleichzeitig Lösungsstrategien für lokale Kontexte wieder universalisiert? Ließe sich der Antisemitismus sogar als eine Form des „Globalen Populären“ beschreiben? „Beim Globalen Populären handelt es sich […] um diskursive Elemente (oder semantische Formen), die über eine gesteigerte Zitierfähigkeit verfügen und gerade dadurch global anschlussfähig werden.“ (Stäheli: 2000) In diesen Problembereich fällt vor allem das weite Feld des islamischen Antisemitismus, das auf Grund der Orientierung am empirischen
Material hier völlig unbehandelt blieb.

Hannah Arendt sagte einmal, „wer als Jude angegriffen wird, muss sich als Jude verteidigen. Nicht als Deutscher oder als Bürger der Welt oder der Menschenrechte oder so.“ (Arendt: 1964) Aus diesem Satz heraus lässt sie sich als Zionistin lesen, die im Staat Israel ein zutiefst moralisches Unterfangen sieht: die Juden endlich als Opfer von Gewalt zu befreien. Seit ’45 sollte es da eigentlich nichts mehr zu diskutieren geben. Und doch deutet sich das moderne Dilemma an: „die Erinnerung an partikulares Leiden wird entgrenzt unter dem Gesichtspunkt eines Menschrechtsdiskurses mit globalem Anspruch“ (Sznaider: 2008) Oder ist dieser Konflikt zwischen Universalismus und Partikularismus vielmehr nur ein Dilemma der europäischen Moderne? Denn genau dieser Universalismus, der schon immer ein europäischer Exportschlager war (vgl. ebd), findet nun Eingang in den globalen Diskurs um die Deutungshoheit über den Holocaust.

Hannah Arendt versuchte diese Spannung nicht aufzulösen, sondern sie vielmehr für die politische Praxis fruchtbar zu machen. Wo jedoch der partikular jüdischen Erinnerung und den politischen Konsequenzen daraus kein Platz mehr eingeräumt wird, wird der Diskurs zur universalistischen Erzählung. Und das perfide an Erzählungen ist, sie gehen immer so auf, wie der Autor es will. So wird noch die Erinnerung an die Katastrophe selbst zum Mythos und nimmt ihre Bedingungen in sich auf, wo sie eigentlich deren Unmöglichkeit garantieren sollte. Marx meinte in seinen Überlegungen „Zur Judenfrage“, dass die Emanzipation der Juden von der Emanzipation der Menschheit abhänge. Es muss vielmehr anders lauten: die Emanzipation der Menschen hängt von der Emanzipation der Juden ab.

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  1. DS#32haGalil []
  2. DS#33haGalil []
  3. DS#34haGalil []
  4. DS#35haGalil []
  5. Vgl. u.a. : Küntzel, M.: Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg. Ca ira. Freburg. 2003. []
  6. Vgl.: DS#36haGalil []
  7. Vgl.: DS#37haGalil []
  8. Vgl.: DS#38haGalil []
  9. Vgl.: DS#39haGalil []
  10. DS#36haGalil []
  11. Vgl. auch: IRAQ and PEACE IN THE WORLD. FLASH EUROBAROMETER 151. Realised by EOS Gallup Europe upon the request of the European Commission. November 2003. []
  12. Vgl.: DS#40haGalil []
  13. DS#40haGalil []
  14. DS#41haGalil []
  15. Herzl, Th.: Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage. Augsburg. 1986. []
  16. http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/asia/article6383449.ece []
  17. Vgl.: http://www.cnsnews.com/public/content/article.aspx?RsrcID=48731 []
  18. DS#42haGalil []
  19. Vgl.: DS#43haGalil []
  20. Vgl.: DS#44haGalil []
  21. Vgl.: DS#45haGalil []
  22. Vgl.: ebd. []
  23. Vgl.: http://www.presseportal.de/pm/6329/357589/gruner_jahr_stern/ []
  24. DS#46haGalil []
  25. DS#47haGalil []
  26. DS#48haGalil []
  27. Vgl. DS#49 []