Mutter ließ Kind jahrelang hungern

Eine Mutter aus dem jüdisch-orthodoxen Viertel Mea Schearim in Jerusalem hat einen Sohn über Jahre hinweg hungern lassen. Erst vor zwei Wochen konnten die Ärzte feststellen, dass der Junge nicht krank war, sondern seine Mutter offenbar am so genannten Münchhausen-Syndrom litt…

Von J. Schumacher, inn 16.07.2009

Die 30-Jährige wohnt in einer chassidischen Gemeinde namens Toldot Aharon. Sie wird beschuldigt, ihren Sohn absichtlich hungern gelassen zu lassen. Der mittlerweile dreieinhalb Jahre alte Junge wog nur noch sieben Kilogramm, so viel wie ein fünf Monate altes Baby. Vor zwei Wochen wurde die Frau festgenommen. Nach der Versorgung durch Ärzte nahm das Kind wieder um 20 Prozent an Gewicht zu, berichtet die Tageszeitung „Jerusalem Post“.

„Physisch ist der Junge auf einem guten Weg“, sagte Jair Birnbaum, stellvertretender Direktor des Hadassah-Krankenhauses in Ein Kerem. Die Ärzte sind sich indes nicht sicher, ob traumatische Erlebnisse eventuell auch psychische Schäden hinterlassen haben.

Das Kleinkind, das unter Entwicklungsstörungen litt und extrem abgemagert war, war zuvor bereits mehrfach ins Hadassah-Krankenhaus auf dem Skopus-Berg zur Behandlung gebracht worden. Obwohl die Ärzte das Kind untersuchten, fanden sie keine bekannte Krankheit. Der Junge habe zwar gelernt zu gehen, das lange Hungern habe die Bewegungsmöglichkeiten allerdings stark eingeschränkt.

Wahrscheinlich psychische Erkrankung der Mutter

Beim jüngsten Aufenthalt führten die Ärzte erneut medizinische Tests durch. „Als durch die Tests schließlich keine körperlichen Mängel festgestellt werden konnten, waren wir uns sicher, dass die Unterernährung durch absichtliche Misshandlung verursacht wurde“, erklärte Birnbaum. Die Ärzte vermuten, dass die Mutter am so genannten Münchhausen-Syndrom leidet. Dabei erhoffen sich die Betroffenen mehr Aufmerksamkeit durch Pfleger und Ärzte, wenn sie einer anderen Person Krankheiten zufügen oder anderen von Krankheiten berichten.

Daraufhin installierten die Ärzte eine Kamera neben dem Bett des Jungen. Auf den Bildern war zu sehen, wie die Mutter immer wieder die Nährsonde entfernte. „Immer wenn ein Mitarbeiter des ärztlichen Teams sich näherte, setzte sie die Sonde wieder ein“, sagte ein Arzt der Kinderabteilung des Krankenhauses Hadassah in Jerusalem gegenüber der Zeitung „Jediot Achronot“. Als eine Krankenschwester das Kind fragte, wer die Sonde entfernt habe, sagte es „Mama“.

Nun wird geprüft, ob die im fünften Monat schwangere Frau möglicherweise auch ihre vier weiteren Kinder gequält hat. Ihr Ehemann bestritt alle Vorwürfe und erklärte, sie sei eine „vorbildliche Ehefrau und Mutter“. Nach der Festnahme kam es zu Ausschreitungen im Jerusalemer Ultra-Orthodoxen-Viertel. Wie Birnbaum berichtet, haben einige chassidische Juden dem Krankenhaus mit Boykott gedroht. Die Toldot Aharon-Gemeinschaft ist überzeugt, dass die Frau unschuldig ist und protestiert dagegen, dass sie festgenommen wurde.

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