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Juli 1492: Spanien, Portugal, Exil

„Hier sind die Tore der Freiheit geöffnet (…) hier kannst du dein inneres Leben erneuern, deine Verhältnisse ändern, deine Gewohnheiten ablegen, falsche und irrige Überzeugungen über Bord werfen, deinen alten, wahren Glauben wieder annehmen und die gottfernen Bräuche hinter dir lassen, zu deren Nachahmung du durch die Gewalt der „Volker gezwungen wurdest, unter denen du wandertest“…

„Hier ist das Land, in dem dir der Herr die große Gnade schenkt, mit deiner Umkehr su beginnen“, schreibt Samuel Usque in seinen 1553 in Ferrara gedruckten „Tröstungen für die Leiden Israels“.

DIE ANFÄNGE IM EXIL

Er meint das Land Israel, das im 16, Jahrhundert unter osmanische Herrschaft kam. Die Türken gewährten ihren ethnischen und religiösen Minderheiten freie Religionsausübung und waren im wesentlichen an Steuerabgaben interessiert. Usque war selbst als Flüchtling in dieses Land gekommen und teilte das Schicksal vieler Juden, die nach der Vertreibung aus Spanien eine lange Leidenszeit durchlebt hatten. Das Vertreibungsdekret von 1492 hatte die spanischen Juden vor die Wahl zwischen Emigration oder Konversion gestellt. Es beendete eine jahrhundertelange Blütezeit jüdischer Kultur auf der iberischen Halbinsel. Das Ausmaß dieser Katastrophe und die Leiden der Vertriebenen wurden in der jüdischen Historiographie bereits von den Zeitgenossen als Zäsur in der jüdischen Geschichte wahrgenommen. Das sephardische Judentum empfand die Ausweisung als neues, zweites Exil nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem.

Ein besonderes Unglück traf die Vertriebenen in Portugal, wo sie zunächst mit offenen Armen und hohen Steuern empfangen wurden, aber sich nicht lange ihrer Freiheit erfreuen durften. Die Heiratspolitik des portugiesischen Herrschers, der um die Hand der spanischen Infantin anhielt, ließ keinen Raum für eine jüdische Bevölkerung. Die spanische Krone machte die Vertreibung zur Bedingung, und König Manuel L, der auf den ökonomischen Gewinn des Zuwachses an Handwerkern, Kaufleuten, Bankiers und Diplomaten nicht verzichten wollte, griff kurzerhand zu dem brutalen Mittel der Zwangskonversion, deren Opfer besonders die jüdischen Kinder wurden, die als schwächste Glieder der jüdischen Gemeinschaft gewissermaßen in Geiselhaft genommen wurden.
Immer wieder mit Ausreiseverboten belegt, bildeten die Conversos, die in Spanien abfällig als Marranos bezeichnet wurden, eine eigene gesellschaftliche Gruppe, die sich bald dem besonderen Argwohn der Inquisition ausgesetzt sah. Die beiden Jahrhunderte nach der Vertreibung sind durch eine fortgesetzte Fluchtbewegung vieler ehemals jüdischer Familien charakterisiert, die teilweise schon in der zweiten oder dritten Generation offiziell als Christen lebten. Sie stammten oft aus angesehenen Familien und hatten einen entsprechenden akademischen Hintergrund, der den Juden in Mitteleuropa oder im orientalischen Raum größtenteils immer noch fehlte.

Der Verlust der jüdischen Tradition, die Unkenntnis der hebräischen Sprache und eine zweifelhafte Identität waren der Preis dafür: Die Flüchtlinge mußten ihr Judentum neu »erfinden«. Samuel Usque meinte mit seinem Hinweis auf die Umkehr bzw. Buße (teshuva), der sich die ehemaligen Christen unterziehen sollten, konkret: nicht allein die Rückkehr zum Judentum oder das Ablegen falscher Gewohnheiten und nichtjüdischer Überzeugungen, sondern auch die Reue über die zumindest in der Öffentlichkeit gelebte Apostasie.
Samuel Usque lebte noch in den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts im galiläischen Safed, einer Stadt, die unter türkischer Herrschaft wegen ihrer strategischen Lage und Handelsrouten einen erstaunlichen Aufschwung verzeichnete, von dem auch die jüdische Bevölkerung profitierte. Die sephardischen Juden dominierten und prägten das jüdische Leben in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht, auch iberische Lokaltraditionen wurden gepflegt und in eigenen Vierteln als portugiesische, katalanische und kastillische Gemeinden etabliert…

Aus dem Buch [Einführung in die lurianische Kabbala]

Es war in den letzten Julitagen 1492 (Aw 5252/H’RN“B). Große Menschenscharen schoben sich langsam vor: zum Meer, nach Barcelona, Almeria, Malaga… weiter…