Solidarität mit Muslimen

Am Montag dieser Woche besuchte ich, zusammen mit dem Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, dem Ägyptischen Botschafter Ramzi Ezzeldin Ramzi, dem Polizeipräsidenten Bernd Merbitz und dem sächsischen Justizminister Geert Mackenroth, Elwi Ali Okaz im Krankenhaus in Dresden..

Von Stephan J. Kramer

Seine Ehefrau, Marwa al-Sherbini, war von einem fanatischen Moslemhasser erstochen worden – wohlgemerkt in einem deutschen Gerichtssaal. Dabei starb auch ihr ungeborenes Kind. Der drei Jahre alte Sohn musste die Tat im Gerichtssaal mit ansehen. Ihren Mann, der sie zu schützen versuchte, hat der Mörder lebensgefährlich verletzt.

Durch den Krankenbesuch wollten wir Elwi Ali Okaz nach seinem schrecklichen Verlust und seiner schweren Verwundung – er wurde als vermeintlicher Angreifer auch noch aufgrund einer schrecklichen Verwechslung versehentlich von einem Polizisten angeschossen –, Mut zusprechen und nach Außen ein Zeichen der Solidarität nicht nur mit den Opfern, sondern mit allen Muslimen in Deutschland setzen.

Süffisante, gutmenschliche Genugtuung

Unser Besuch löste ein unerwartet breites Medienecho aus. Irritierend dabei: Manch einer Redaktion schien die Dresden-Reise zweier Generalsekretäre unterschiedlicher Konfessionen erwähnenswerter als der rassistische Mord selbst. Offensichtlich fanden manche Redakteure die Ermordung einer Muslima weit weniger bemerkenswert als das gemeinsame Auftreten von zwei Generalsekretären, Moslem der eine, Jude der andere.

In manchen Stellungnahmen klang auch eine geradezu süffisante, gutmenschliche Genugtuung über ein „Bündnis der Minderheiten“ durch, die sich nun endlich als lernfähig erwiesen – und gemeinsames Handeln gelernt hätten.

Angriff auf die demokratische Gesellschaft als Ganzes

Marwa al-Sherbini mit ihrem Ehemann an ihrem Hochzeitstag: Die deutsche Gesellschaft scheint die Tragweite des Dresdner Anschlags nicht erkannt zu haben, so Kramer.

Angesichts dieser Situation tut ein klärendes Wort Not. Ich bin nicht nach Dresden gefahren, weil ich als Jude Angehöriger einer Minderheit bin. Ich unternahm die Reise, weil ich als Jude weiß: Wer einen Menschen wegen dessen Rassen-, Volks- oder Religionszugehörigkeit angreift, greift nicht nur die Minderheit, sondern die demokratische Gesellschaft als Ganzes an.

Deshalb ist nicht die Frage relevant, warum ein Vertreter der jüdischen Gemeinschaft Elwi Ali Okaz seine Trauer und Solidarität bekundete, sondern die, warum es nicht auch einen massiven Besucherstrom oder Solidaritätsadressen von Vertretern der deutschen Mehrheitsgesellschaft gab?

Warum kamen die Reaktionen der Medienlandschaft wie der Politik auf den Mord so spät? Jetzt wird, nicht zuletzt unter dem Druck der internationalen Öffentlichkeit, nachgebessert. Allerdings überzeugt erzwungene Betroffenheit nicht.

Tragweite des Dresdner Anschlags

Es scheint, dass die deutsche Gesellschaft die Tragweite des Dresdner Anschlags nicht erkannt hat. Es fehlt die Erkenntnis, dass der Mord an Marwa al-Sherbini ganz offensichtlich das Ergebnis der beinahe ungehinderten Hasspropaganda gegen Muslime von den extremistischen Rändern der Gesellschaft bis hin in deren Mitte ist.

Vor allem die rechtsextremistische Szene sorgt seit Jahren für ein Klima der Ausgrenzung, Dämonisierung und Angst gegenüber Andersgläubigen, Ausländern und Angehörigen von Minderheiten.

Es mangelt aber auch an der Einsicht, dass mangelnder gesellschaftlicher Widerstand gegen den Rassismus weitere Terrorakte – das Wort ist durchaus angebracht – wie diesen feigen Mord in Dresden zu ermutigen droht.

Keine Alternative zum breit angelegten Dialog

Daher muss Deutschland spätestens jetzt hart mit sich selbst ins Gericht gehen. Es gilt nicht nur, die Hetzer zu isolieren und zu bestrafen, sondern auch nachhaltige Aufklärungsarbeit zu leisten sowie das Wissen über die moslemische Bevölkerung, ihre Kultur, ihre Religion und ihre Bräuche zu verbreiten.

Nicht Toleranz, sondern Respekt im Umgang miteinander ist unser Ziel. Es gibt keinen Ersatz für einen breit angelegten Dialog, an dem nicht nur Theologen und Amtsträger, sondern möglichst viele Bürger teilnehmen müssen – Basisarbeit im besten Sinne des Wortes.

Ich weiß, dass die Empörung und die Verunsicherung unter Muslimen derzeit besonders groß sind. Das ist verständlich.

Dennoch dürfen sie in ihren Bemühungen, ihren rechtmäßigen Platz in der deutschen Gesellschaft einzunehmen, nicht nachlassen. Für manche – das lehrt auch die Erfahrung anderer Minderheiten, einschließlich der Juden – bedeutet dies einen Balanceakt zwischen der Wahrung der eigenen Identität und dem Aufgehen in der sozialen Umwelt. Auch bei der Lösung dieses Dilemmas ist ein offener Dialog zwischen der Minderheit und der Mehrheit unerlässlich.

Integration heißt nicht Assimilation. Bei gegenseitigem Respekt steht das Anderssein dem Miteinander nicht im Wege.

Stephan J. Kramer, © Qantara.de 2009 . Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland.

53 Kommentare zu “Solidarität mit Muslimen

  1. Sehr geehrter Maccabaeer,

    Sie haben geschrieben, dass es fuer Sie die Aegyptern sehr nette und warme Menschen sind und die Deutsche sehr kalte und auslaender feundlich sind. Dann warum leben Sie in Deutschland und nicht in Aegypten?? Ich bin Israeli aber habe 6,5 Jaehre in Deutschland gelebt und kenne Deutschen als liebe, nette, tolerante und hilfsbereite leute. Leider in Israel geht es umgekehrt. Am schlimmste Rassismus ist Talmud. In Israel gibt es keine Zivilehen und schlimme Rassisten als Ortodoxe Rabbiner gibt es nicht.
    In Deutschland dagegen die Gesellschaft und das Staat sind sehr tolerant. Viva, Deutschland! Was sagen sie, Herr Maccabaeer?

  2. her ich konstruiere Ihrer Meinung nach Muslime, weil ich auf das Problem hinweise, dasss der Mord an Marwa el Sherbini vom iranischen Präsidenten aber auch vom ägyptischen Regime instrumentalisiert wird. Wenn es nach Ihnen und ihresgleichen gehen würde, dann dürfte man über Muslime nur gutes sagen dürfen. Doch so einfach ist die Welt nicht gestrickt. Und so geht auch die islamistische Propaganda, alle sind Teufel, die Juden sowieso, der Westen auch. Und wenn man diesen Fanatikern glauben könnte dann wäre, „allein der Islam die Lösung“.
    Es ist mühsam mit Ihnen zu diskutieren, weil Sie immer wieder mich ins faschistische Eck stellen wollen. Das ist eine schwerwiegende Beschuldigung und Sie sollten diese mit entsprechenden Aussagen, die ich getätigt habe, beweisen. Weil das nicht möglich ist, wollen sie mich verteufeln. Die Leser von Hagalil, die meine Stellungnahmen kennen, können sich einen Reim machen.
    Erklären Sie mir doch warum sollte es wegen Marwa el Sherbini eine Demonstration in Deutschland geben, wenn es wegen der doch zahlreichen wegen der Ehre ermordeten Frauen auch keine Demo gibt?
    Erklären Sie mir doch wieso ich Muslime konstruiere, wenn ich aus einer koptischen Website zitieren?
    Sie hauen um sich mit Beschuldigungen, die Sie durch nichts belegen. Sie behaupten, ich teile die Positionen von Broder und Giordano. Beweisen Sie welche Positionen ich teile.  Und wenn Sie die beiden in eine rechtsextreme Ecke stellen, dann belegen Sie das auch.
    Henryk Broder hat in einem  Artikel Norman Paech als „lupenreinen Antisemiten“ bezeichnet. Tatsache ist, dass Paech gelegentlich Antisemaitismus transportiert. Vielleicht sind einige seiner besten Freunde Juden. Es wäre interessant zu erfahren, warum er  obsessive Angriffe gegen Israel reitet und für Israel einen anderen Standard anwendet als für andere Staaten.
    Ich finde das auch erzstalinistisch, andere Menschen – ohne die Spur eines Beweises – mit anderen Menschen zu asoziieren. Achgut publiziert einige meiner Artikel, d.h. für her ich teile die Meinungen von Henryk Broder. Was ist das für eine krumme Logik?
    Sie schmeissen mit Beschuldigungen um sich, können aber keine einzige belegen.
    Und die Abstammung von Marwa el Sherbini ist auch nicht relevant, sie wurde nicht deswegen ermordet, weil sie koptischer oder anderer Abstammung ist, sondern weil der Täter sie als Terroristin herbeiphantasiert hat.
    Und die wirkliche oder herbeiphantasierte Abstammung von her  ist auch uninteressant für diese Diskussion.

     
     
     
     

  3. I. Thema „Familiengeschichte“

    Da ich weiterhin schwer von Begriff bin und Sie das Beispiel meiner Familiengeschichte so genau durchschaut haben, harke ich noch mal nach und versuche es deutlicher (obwohl Sie als exquisiter Kenner der Materie „Kopten/Demoten“ hätten erkennen sollen, dass die Familiengeschichte nicht der Glaubwürdigkeit wegen, sondern als Beispiel gedacht war):
    1. Das Opfer kommt aus Alexandria (so wie die Familie meines Vaters aus Selanik/Thesaloniki stammt).
    2. Angeblich ist ihre Familie auch seit mehreren Generationen ansässig in Alexandria (googlen Sie einfach auf englischsprachigen Ausgaben von Ägyptischen Zeitungen).
    3. Sollte das alles stimmen, dann ist Sie mit großer Wahrscheinlichkeit selbst demotischer (bzw. koptischer) Abstammung.
    4. Insbesondere weibliche Koptische Christen haben eine Tendenz zum Islam zu konvertieren, da (VORSICHT!!! STEREOTYPE ZUSCHREIBUNG) diese meinen, als Muslima weniger sexistischer Unterdrückung ausgesetzt seien als durch das koptische Episkopat.
    Exkurs: Statistisch und faktisch beurteilen, kann ich das alles nicht, aber das scheint es zumindest zu geben; recherchieren Sie hierzu in Google.
    5. Es besteht also die Möglichkeit, dass Sie hier etwas nennen (die Kopten), womit man „auch“ solidarisch sein sollte, womit das Opfer evtl. in DIREKTESTEM Zusammenhang steht.
    …und daher meine Familiengeschichte: Sie wissen doch nicht, wer das Opfer war! Und, so wie Sie schreiben, haben Sie auch überhaupt keine Ahnung wovon Sie schreiben!
    Oder, ums wieder an Hand meines Vaters zu zeigen: Wollen Sie uns allen Ernstes weiß machen, dass SIE nicht unterschiedlich reagieren würden, je nachdem ob er auf Grund seines „Judentums“ von einem Muslim oder Christen oder Atheisten umgebracht wird, oder ob man ihn meuchelt, weil er Türke/Moslem sei. Wenn er als „Jude“ gekascht wird, soll dann auch umbedingt der Opfer der Libanon- und/oder Ghaza-Kriege gedacht werden? Wenn er jedoch als Türke gekillt wird, dann gedenken wir der Armenier? Wenn er als Moslem getötet wurde, gedenken wir 9-11?
    Das ist doch krank! Und sollen wir nach jeder rassistischen motivierten Tat erst einmal einen Stammbaum erstellen um die genaue rassisch-religiöse Herkunft des Opfers zu klären? Hatten die Nazis also vielleicht doch nicht Unrecht mit der Einführung des Ariernachweises, da dann die Einordnung klarer wird?
    Sie argumentieren exakt so, wie in der Türkei (wie auch in Deutschland) Rassisten und Antisemiten argumentieren!

    II. Thema „Ihr Verständnis“

    Sie hauen hier mit Beispielen aus der ganzen Welt um sich, um den bösen Musel zu konstruieren, aber bei Ihnen möge man sich bitte genau an exakt das halten, was Ihrer Argumentationslogik entspricht.
    Die einen werden zu „Alibijuden“, die Anderen tun hier nichts zur Sache und bzgl. Broder und Giordano werde ich Sie auch nicht überzeugen können, da Sie deren Positionen, welche ich widerwärtig finde, teilen.
    Aber der Muslim!!! Banlieu-Unruhen, Foltermord an Ilan,… da waren AUCH Muslime beteiligt, aber eben nicht nur und selbst wenn, was hat das mit dem Fall zu tun?
    Ich hatte auch in meinem allerersten Kommentar bereits einige Bsp. von muslimischem Protest gegen muslimische Verbrechen genannt, aber Ihre Ignoranz treibt Sie weiter. Und Sie BEWEISEN, dass Sie sich niemals gegen z.B. jüdischen Rassismus wenden würden (z.B. die Behandlung der abessinischen Juden bei deren Aliyah).
    Ich kenne aus eigener Anschauung Banlieus von 2 Städten, nämlich Lyon und Strassbourg: Die Sozialarbeiter, die dort arbeiten, um z.B. Antisemitismus zu bekämpfen sind fast ausnahmslos aus dem Maghreb – und Sie behaupten Muslime täten nichts gegen Probleme in den eigenen Reihen? Wer arbeitet hier in Ludwigshafen/Mannheim mit den Ghetto-Kids? Sind da keine Muslime?

    III. Thema „Empörung“

    Wovon reden/schreiben Sie? Was mich empört ist, dass es keine Empörung gibt, sondern fast nur Personen wie Sie, welche wie tollwütig auf alles Muslimische zeigen und sich hier nun über diese empören.
    Gab es etwa große Demos? Wo ist die „übermäßige Empörung“ über die Sie sich empören. Durchgeknallte Islamisten versuchen den Fall zu instrumentalisieren – JA! aber was machen Sie mit Ilan, den Koptischen Christen, etc…..
    Ich habe noch einmal alle Kommentare aller Leser hier durchgelesen und ich finde nur einen einzigen Kommentar (von makkabäer), welcher in irgendeiner Form von einer „deutschen Schuld“ spricht und der kam lange nachdem Sie hier zu Felde gezogen waren (und dieser Kommentar schien mir auch irgendwie von Ihnen inspiriert/provoziert zu sein).
    Ich bleibe dabei: Ein paar Worte ausgetauscht und ins türkische übersetzt, dann könnte ich Ihre Äußerungen ohne Probleme auf jeder türkischen Fascho-Seite unterbringen!

    IV. Thema „Hochachtung“

    Meine Hochachtung gilt Herrn Kramer, da er sich meiner Meinung nach als einer von wenigen zu diesem Verbrechen gestellt hat, wie es der Tragik des Falles und der darauf folgenden Ignoranz angemessen ist.

    V. Buchtipp

    LTI, von Victor Klemperer

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