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Selbstläufer Selbstmordlegende

Dass manche “linke” oder doch zumindest nicht erklärtermaßen rechte “Antizionisten” sich in Wortwahl und Inhalt von veritablen Nazis mitunter kaum mehr unterscheiden lassen kann als bekannt vorausgesetzt werden. Dass sie auch in ureigene antisemitische Kampagnen der Nationalen einstimmen, sogar da, wo es gar nicht gegen Israel geht, war bis dato schwer vorstellbar. Vorgemacht hat es jetzt Erhard Arendt, ein Produzent von Malerei, Grafik und Lyrik, der auf seiner homepage nebenbei auch ein “Palästina-Portal” betreibt und sich den Hinweis, mit Hannah Arendt verbinde ihn “nur die Namensgleichheit” im übrigen auch gut und gerne hätte schenken können…

Von Torsten Schulz

Arendts Steckenpferd ist der Staat Israel, beziehungsweise was man gegen ihn ins Feld führen könnte. So kann der staunende Leser aktuell erfahren, dass im ganzen Nahen Osten “einzig Israel” jemals Angriffskriege oder Überfälle führte, dass gerade dieser Staat sich ganz generell “sowieso nicht um Völkerrecht und Menschenrechte schert” oder aber auch, dass es zu Zeiten seiner Gründung “wirkliche” Bewohner Palästinas gab und unwirkliche, nämlich jüdische.

Was Arendt nicht leiden kann, sind Antisemitismusvorwürfe. Ein Dorn im Auge ist ihm insofern auch der österreichische Journalist und Antifaschist Karl Pfeifer, für Arendt selbstredend ein bloß “selbst ernannter”, in diesem Fall aber: Journalist, denn woran sollte man den auch dingfest machen? “Aus rechtlicher Sicht kann sich jeder als Journalist bezeichnen”, auch wenn er nach wie vor regelmäßig in Österreich und Ungarn publiziert. “Welchen Beruf hat der “Pfeifer aus Wien” eigentlich wirklich gelernt?” Denn das scheint Arendt ganz besonders umzutreiben: nicht, was einer sagt, schreibt, tut, oder wo er lebt, sondern was seine “wirkliche” Eigenschaft und Bestimmung ist.

Pfeifer handele nach dem Motto: „In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der ihn gemacht hat.“ Das Zitat hat sich Arendt so oder ähnlich von einem anderen Karl geborgt, dem von Ossietzky, der aber in Wirklichkeit ein Carl war. Und belegen wollte er es ausgerechnet anhand eines Beispiels aus Österreich, wohin er auch gern den Machtbereich des Deutschen Presserats ausgedehnt wüsste, das aber nur am Rande bemerkt.

“Pfeifer gehört zu einer besonderen talentierten Sorte von “Jägern” einer “Jagdgesellschaft” an (sic!), die mit allerhand Tricks aus Texten Andersdenkender “NS-Töne” oder “Antisemitismus” herausdestillieren oder mit Vorliebe hineininterpretieren, suggerieren können. So haben sie auch in der Gegenwart einige Opfer hinterlassen.”

Mit “Opfern” meinte Arendt dabei tatsächlich Tote. Der prominentere ist Jürgen Möllemann, der beim Fallschirmspringen in den Tod stürzte. Derjenige, den er Karl Pfeifer anzuhängen suchte, heisst Werner Pfeifenberger. Pfeifenberger kam im Mai 2000 in den Bergen bei Salzburg zu Tode. Er hätte sich wenige Wochen später in Österreich wegen NS-Wiederbetätigung vor Gericht verantworten müssen. Hinweise auf ein Fremdverschulden gibt es in beiden Fällen nicht.

Das hindert Verschwörungstheoretiker bekanntlich nicht, ihre eigenen Überlegungen anzustellen. Der eigentümliche Begriff der “Jagdgesellschaft” wurde von der österreichischen Rechtsaußen-Postille “ZurZeit” und ihrem Herausgeber, dem völkischen Europa-Abgeordneten Andreas Mölzer geprägt. Erhard Arendt wird seine Gründe gehabt haben, an dieses Vokabular anzuknüpfen. Nicht in die Nazi-Ecke gestellt werden zu wollen kann eigentlich nicht dazu gehören. Unter der Schlagzeile “Tödlicher Tugendterror” hatte “ZurZeit” dem “jüdischen Journalisten” Karl Pfeifer unterstellt, eine “Menschenhatz” gegen Pfeifenberger eröffnet zu haben, “die in der Folge bis zum Tod des Gehetzten gehen sollte”. Gemeint war damit, dass Pfeifer in einem Aufsatz des Politikwissenschaftlers für eine Programmschrift der FPÖ “(Neo)-Nazi-Töne” identifiziert – Arendt würde sagen: “herausdestilliert” – hatte.

Destillation ist bekanntlich ein Verfahren, untrennbar Vermischtes in seine einzelnen Bestandteile zu zerlegen. Aber anders als Arendt suggerieren möchte hatte Karl Pfeifer seinerzeit überhaupt keinen besonderen Aufwand treiben müssen, die „Nazi-Töne” des Professors sichtbar zu machen. Seine Rezension des Pfeifenberger-Beitrags zum “Jahrbuch für Politische Erneuerung” der Freiheitlichen beschränkte sich ganz überwiegend auf Originalzitate, die Pfeifer mit der Bemerkung “Das ist Nazi-Diktion” lediglich zur Kenntlichkeit entstellte. Wie z.B. die Behauptung, die nationalsozialistische Vernichtungspolitik ginge zurück auf einen “Kampf zwischen Deutschen und Juden, der vom politischen Sieger” lediglich “auf staatlicher Ebene fortgeführt”, dann aber leider auf internationaler Ebene verloren wurde. Der Gutachter im daraufhin von Pfeifenberger angestrengten Strafprozess arbeitete demgegenüber heraus, dass der Aufsatz “nicht zu übersehende Übereinstimmungen” mit Alfred Rosenbergs “Mythus des 20. Jahrhunderts” aufweise und der Autor darüber hinaus Anleihen tätige beim Parteiprogramm der NSDAP und den Nürnberger Rassegesetzen. Was die Frage aufwirft, ob Arendt denn wenigstens Hitler noch als Antisemiten gelten lassen würde.

Dass Arendt sich mit seinem Eintreten für einen gerichtsnotorischen NS-Apologeten in irgendeiner Weise positiv von den übrigen Anhängern des “Jagdgesellschaft”-Konstrukts abgehoben hätte lässt sich leider auch nicht behaupten. Das Gegenteil ist der Fall: raunte das Nationale Infotelephon seinerzeit noch von “namentlich Unbekannten mit großer Macht”, die in den Presseagenturen die Strippen zögen, sah Arendt gleich “Schreibtischtäter” am Werk. Und während weder das NIT, die “Junge Freiheit”, “ZurZeit” oder der Altnazi Otto Scrinzi in “Aula” so weit gingen, die offizielle Version eines Suizids Pfeifenbergers in Zweifel zu ziehen, ist ihm der Antisemit gar automatisch Opfer bis zum Beweis des Gegenteils:

“Der Fall “Pfeifenberger” und die Umstände seines Selbstmordes sind zwar rechtlich abgeschlossen, letztlich aber mangels ausreichender Beweise bis heute nicht endgültig aufgeklärt.”

Genau wie im Fall Möllemann versteht sich, der Arendt zufolge vom Zentralrat der Juden “politisch zum Abschuss freigegeben” wurde. Inzwischen ist diese Passage durchgestrichen. Nicht etwa, weil nun endlich die geforderten Beweise aufgetaucht wären, wie man vermuten sollte, sondern “weil es wirklich kein gutes Beispiel für die Aktivitäten des Herrn Pfeifer ist”. Vielleicht nicht einmal für die Aktivitäten des Zentralrats der Juden in Deutschland, wer weiss. Möglicherweise mag Arendt auch nicht mit Mölzer in einem Atemzug genannt werden und entscheidet sich unter diesen Umständen auch noch, vom Begriff der “Jagdgesellschaft” wieder Abstand zu nehmen. Das bleibt aber noch abzuwarten. Ob wenigstens an den Ausführungen über Israel was dran ist?