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Enthusiastische Selbstorganisation

Am 12. Juli wird die 18. Makkabiade eröffnet – das erste jüdische Sportfest fand 1932 statt…

Von Martin Krauss
Jungle World 28 v. 9. Juli 2009

Jetzt sei »es also Wirklichkeit«, schrieb Felix Simmenauer 1932 in sein Tagebuch. »Wir fahren nach Palästina.« Der junge Berliner Jude, begeisterter Leichtathlet des Sportvereins Bar Kochba, war mit Freun­den und einer Filmkamera unterwegs. Mit dem Zug nach Italien und von dort aus weiter mit dem Schiff ging es zur ersten Mak­kabiade, dem Sportfest jüdischer Athleten. Simmenauer, der vor wenigen Jahren starb, hat seine Erinnerungen als Pionier der Makkabiade-Bewegung in einem Buch hinterlegt, »Die Goldmedaille« (Berlin 1989) – und an deren Anfänge und den Enthusiasmus von Simmenauer und seinen Freunden zu erinnern, ist dieser Tage wieder aktuell.

Am Sonntag wird die 18. Makkabiade im israelischen Nationalstadion in Ramat Gan wieder eröffnet. Mittlerweile gelten die Makkabi-Spiele, will man sie kurz charakterisieren, stets als die »jüdischen Olympischen Spiele«. Dieser Beiname rührt nicht nur daher, dass das vielfältige Programm an die Kunterbuntheit eines olym­pischen Programms erinnert – auch hinsichtlich der Spleenigkeiten haben beide Ereignisse so ihre Gemeinsamkeiten. Werden bei Olympischen Sommerspielen so merkwürdige Sportarten wie Tontaubenschießen präsentiert, so kontert die Makkabiade mit Bridge und Asphalt­kegeln.

Das Wort vom »jüdischen Olympia« wird aber auch gern deswegen bemüht, weil die Makkabiade unter dem Patronat des Internationalen Olym­pischen Komitees (IOC) stattfindet – einer Art Schirmherrschaft, die das IOC auch über Ereignisse wie die gerade in Italien zu Ende gegangenen Mittelmeer-Spiele oder über die Asien­-Spiele ausübt.

Der Begriff vom »jüdischen Olympia« tut aller­dings so, als sei die Makkabiade eine Art jüdischer Abklatsch der Olympischen Spiele – und das würde dem Sportfest nicht gerecht. Sie wur­de erst 1953, anlässlich der 4. Maccabiah, wie das Ereignis im Hebräischen heißt, vom IOC anerkannt. Im Jahr zuvor, bei den Spielen 1952 in Hel­sinki, hatte Israel – wie übrigens auch die Sow­jetunion – erstmals an Olympischen Spielen teil­genommen. Dies glaubte das IOC honorieren zu müssen, indem es eine Art Patronage übernahm. Damit wertete das IOC die Makkabiade gleichzeitig auch gegenüber den Hapoel-Spielen auf, dem anderen Weltereignis im jüdischen Sport.

Während der Sportverband Makkabi den jüdisch-bürgerlichen Sport organisierte, der sich auch den von den olympischen Verbänden struk­turierten Strukturen des Weltsports anpassen wollte, kommt der Verband Hapoel aus der Tradition des jüdischen Arbeitersports. Die Organisatoren der Makkabiade dankten dem IOC diese Aufwertung und führten ab 1953 für ihr Fest auch den dem olympischen Zyklus ähnlichen Vierjahresrhythmus ein: Immer ein Jahr nach Olympischen Spielen treffen sich jüdische Sportler in Israel.

Die ersten drei Makkabiaden hatten freilich nicht viel Ähnlichkeit mit Olympischen Spielen: Das erste Sportfest fand 1932 in Palästina statt. 390 jüdische Sportler, junge Leute wie Felix Sim­menauer, reisten an, meist aus den in den zwanziger Jahren in Europa sehr populär gewor­denen Makkabi-Vereinen. Im von Zionisten lang­sam besiedelten Palästina verblassten auch die Unterschiede zwischen Makkabi und Hapoel. Simmenauer notiert in seinem Tagebuch, dass er von den Darbietungen des Arbeitertheaters Ohel beeindruckt war. Von der Eröffnungsfeier notiert er: »Den Zug eröffnete eine Formation palästinensischer Motorradfahrer, denen Radfahrer auf ihren Rädern folgten und eine Kavalkade von zwölf Reitern auf ausgewählten Pferden.« Auch von Pfadfindergruppen aus Ägypten berichtet Simmenauer.

Insgesamt waren Teilnehmer aus 18 Ländern dabei, für die extra außerhalb von Tel Aviv ein Stadion gebaut worden war. »Die Massen im Sta­dion überschritten stets die Maximalkapazität«, schreibt die Jerusalem Post, die Sportler wurden überall untergebracht, wo man ein Bett für sie fand: in Privatwohnungen, in Zelten und zum Teil in Schulgebäuden. Da es 1932 in Palästina noch kein Schwimmbad mit 25- oder 50-Meter-Becken gab, wurden die Schwimmwettbewerbe im Mittelmeer, in der Bucht von Haifa, ausgetra­gen, die Längen der zurückzulegenden Strecken wurden einfach geschätzt.

Wie sehr die Wettbewerbe von zionistischer Begeisterung getragen waren – und nicht von einem bürgerlichen, dem Rekord verpflichteten Sportverständnis, wie es eigentlich der Name Makkabiade nahelegt –, zeigt sich ausgerechnet, wenn man die Ergebnislisten anschaut: Die stärkste Nation war 1932 Polen, gefolgt von Österreich und den Vereinigten Staaten.

In Polen gab es in den zwanziger und dreißiger Jahren, was es in anderen europäischen Ländern kaum gab: ein jüdisches Proletariat. Und damit auch eine große jüdisch-polnische Arbeitersportbewegung, getragen von zwei konkur­rierenden Organisationen. Der Morgnshtern, wie er auf Jiddisch hieß (der polnische Name war Jutrzenka), gehörte zu den Bundisten des Algemejnen Jidyszer Arbeter Bund, der 1897 als mar­xistische jüdische Untergrundbewegung in Litau­en, Polen und Russland gegründet worden war. Die zweite Organisation, Gwiazda-Stern, war eng mit der Jüdischen Sozialistischen Arbeiterpartei Poalej Syjon-Lewica (Poale Zion-Linke) verbunden, blieb jedoch ohne großen Ein­fluss. Morgnshtern aber hatte in Polen 5 000 Mitglieder in 170 Vereinen (vgl. Jungle World Nr. 35/99).

Es waren auch Morgnshtern-Athleten, die 1932 die erste Makkabiade prägten, und deren Erscheinungsbild ähnelte eher den Arbeiter­olym­piaden, wie sie 1925 in Frankfurt/Main, 1931 in Wien und 1936 – als Gegenveranstaltung zu den Nazispielen in Berlin – in Barcelona organisiert wurden.

Was die erste Makkabiade prägte, war die enthusiastische Bereitschaft zur Selbstorganisation, die die meist jungen Teilnehmer mitbrachten. »Sie hatte ihren großen Wert in der Demonstration, den Massenfreiübungen, dem Aufmarsch«, notiert Simmenauer und verweist damit auf eine Parallele zu den Arbeiterolympiaden – eine Parallele, die ihm selbst freilich nicht in den Sinn kommt: Er fühlt sich eher an deutsche Turn­feste erinnert. Die Olympischen Spiele, die 1932 in Los Angeles stattfanden, fingen zu diesem Zeitpunkt gerade an, zu politisch bedeutenden – und folglich vom Staat bezahlten – Spektakeln zu werden. Was die politische Instrumentalisierung Olympischer Spiele angeht, fand der Höhepunkt 1936 in Berlin statt.

Die zweite Makkabiade, die 1935 stattfand, ließ den teils subversiv anmutenden Charakter des Sportfests weiterleben: Die britische Mandatsbehörde hatte das Fest verboten, aber 1 350 Sport­ler aus 28 Ländern reisten einfach an. Die auch bei der Makkabiade zumindest inoffiziell existierende Nationenwertung wurde von Österreich angeführt, gefolgt von Deutschland.

Eine für das Jahr 1938 geplante Makkabiade fiel aus – die Ereignisse in Europa, vor allem in Deutschland, ließen die Organisation eines fröhlichen Sportfestes nicht mehr zu. Erst 1950, nach der Gründung des Staates Israel, kam es zur dritten Makkabiade, und seither näherte sich das Erscheinungsbild der Makkabiaden auch dem der Olympischen Spiele an, auch wenn sie, was die Fans und Teilnehmer freut, nie ganz ihren ursprünglichen Charakter ablegte.

Die ersten Hapoel-Spiele fanden 1952 in Tel Aviv statt. Israel hatte Mitglieder aus diversen Arbeitersportverbänden eingeladen. Im Jahr 1991 kamen die Organisatoren in finanzielle Nö­te und mussten die Hapoel-Spiele deutlich verkleinern.

Die heute noch in Israel existierenden Hapoel-Klubs verstehen sich längst nicht mehr als Arbeitersportvereine, der israelische Sport hat viel­mehr spätestens in den neunziger Jahren einen deutlichen Wandel mitgemacht. Die Makkabiade, die am Sonntag, dem 12. Juli, eröffnet wird, hatte sich zwar im Laufe ihrer Entwicklung den Weltsportstrukturen angepasst, aber doch weit­gehend ihren Charakter als nicht so sehr auf Re­korde orientiertes jüdisches Sportfest erhalten. Schließlich gehören Bridge und Asphaltkegeln weiter zum Makkabiade-Programm.