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Christlicher Antijudaismus: „Hostienschändung“ in deutschen Nachschlagewerken

Neben Ritualmordvorwürfen stellten Beschuldigungen Hostienschändung begangen zu haben die ‚Lieblings‘-Anklagen mitteleuropäischer Christen ihren jüdischen Mitbürgern gegenüber dar. Zwar entbehrten beide Unterstellungen jedweder Grundlage, dennoch bediente sich die christliche Mehrheit über mehrere Jahrhunderte hinweg dieser primitiven Konstrukte, um sich scheinbar legal, denn weder von weltlichen noch von geistlichen Potentaten waren gewöhnlich Sanktionen zu erwarten, und ohne größeren Aufwand den materiellen Besitz der Angehörigen der Minderheit aneignen zu können bzw. um andere sonst durch einen gewissen sittlichen Kodex der Gemeinschaft verhinderte Straftaten zu begehen…

Von Robert Schlickewitz

Im vorliegenden Beitrag soll untersucht werden, wie renommierte deutsche Lexikonredaktionen in den letzten hundert Jahren mit dem Themenkomplex Hostienschändung umgingen. Stellt der doch wahrlich kein Ruhmesblatt für die eigene, vorzugsweise als tadelfrei eingeschätzte, christlich-abendländische Kultur dar, wirft der doch düstere Schatten auf das so gern unbefleckt dargestellte christlich-deutsche Eigenbild, gereichte doch dieses ‚Detail‘ der heimischen Sozial- und Religionsgeschichte zu Schmach und Schande.

Meyers Großes Konversationslexikon in zwanzig Bänden, 6. Aufl., Leipzig und Wien 1906 (v. lat. hostia, ‚Sühnopfer‘), sind kleine, runde, dünne, von ungesäuertem Weizenmehl gebackene Scheiben mit dem Sinnbilde des gekreuzigten Erlösers, deren man sich in der römisch-katholischen und lutherischen Kirche bei der Kommunion statt des Brotes bedient. In der katholischen Kirche wird der Brotverwandlungslehre zufolge dieselbe Anbetung, die dem höchsten Gott gebührt, auch der Hostie erwiesen, und es ist daher, wenn die Monstranz nach der Konsekration emporgehalten, oder wenn die Hostie über die Straße getragen wird, allgemeines Knien verordnet. Die geweihte Hostie wird in einer Kapsel (pyxis) von kostbarem Stoff aufbewahrt, und diese hat ihre Stelle im Ciborium (…) oder in einem besondern Altar (…) an der rechten Seite von jenem (…). Die H. wurden erst im 12. Jahrh. eingeführt. Vgl. Abendmahl und Oblaten. Die Hostie geschändet, d. h. durchstochen, zerstoßen und zum Bluten gebracht zu haben, wurden vom 13. Jahrh. an bis in die Mitte des 16. Jahrh. die Juden beschuldigt. Sie wurden dieserhalb an vielen Orten verfolgt und ermordet, so 1298 unter Anführung Rindfleischs, eines fränkischen Edelmanns, in 146 fränkischen jüdischen Gemeinden, 1336-37 unter den Armledern am Rhein, im Elsaß, Schwaben, besonders in dem bayerischen Deggendorf, Franken, Böhmen und Österreich und selbst 1510 noch unter Kurfürst Joachim I. in Brandenburg. Die als ‚Wunderblut‘ und ‚Wundermilch‘ bezeichneten roten Flecke auf den H. sind, nachdem sie sich 1843 in einer Militärbäckerei in Paris häufiger zeigten, als Mikrokokken (Monas prodigiosa Ehrenb.) erkannt worden.“

„Hostien

(Hervorhebungen des Lexikonautors in kursiver Schreibweise wiedergegeben)

Der Grosse Herder, 5. Aufl., Freiburg 1954 informiert nicht über diesen Themenkomplex.

Der Grosse Brockhaus in 12 Bänden, 16. Aufl., Wiesbaden 1956 verweist unter „Hostie“ auf das Stichwort „blutende Hostie“.

„blutende Hostie, angeblicher Blutaustritt an verunehrten konsekrierten Hostien. Soweit nicht eine bloße Legende von einem Blutwunder (>>Bolsena) vorliegt, handelt es sich um das auf organ. Substanzen z. B. feuchtem Brot, manchmal plötzlich auftretende und sich örtlich stark ausbreitende Bacterium prodigiosum, das einen roten Farbstoff (Prodigiosin) ausscheidet, der vielfach zu Aberglauben Anlaß bot.“

(Hervorhebungen des Lexikonautors in kursiver Schreibweise wiedergegeben)

Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden, 9. Aufl., Mannheim u.a. (korr. Nachdruck) 1979 glaubt auf dieses Stichwort verzichten zu können.

Das Goldmann Lexikon in 24 Bänden, Bertelsmann Lexikonverlag, Gütersloh/München 1998 hält keinen diesbezüglichen Eintrag bereit.

Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig und Mannheim 2006:, v. a. im MA in Europa gegenüber Juden vorgebrachte Beschuldigung, sich konsekrierte Hostien angeeignet zu haben, um durch entweihende Handlungen an ihnen ihre vorgebl. Ablehnung gegenüber Jesus Christus und dem Christentum auszudrücken. Erstmals im 13. Jh. belegt (Pariser Hostienfrevelprozess 1290) und in der Folge weit verbreitet, dienten Beschuldigungen der H. zus. mit anderen Vorwürfen (z. B. des Ritualmords) bis ins 18. Jh. zur Begründung oder nachträgl. Rechtfertigung von >>Judenverfolgungen.“

Hostienschändung

(Hervorhebungen des Lexikonautors in kursiver Schreibweise wiedergegeben)

Wie oben schon angedeutet dürfte der Gesichtspunkt ‚Schande‘ über Jahrzehnte hinweg den Anlass für die Zurückhaltung der Redaktionen bei der Berücksichtigung des Themas Hostienfrevellegende gegeben haben. Immerhin erfreulich, dass die neueste Ausgabe des Brockhaus, die wir an dieser Stelle schon des Öfteren der Unterdrückung historischer Fakten zeihen mussten, es aufgenommen hat.

Literatur:
Neues Lexikon des Judentums, (Hg.) J. H. Schoeps, Gütersloh/München 1998, Stichwort: „Hostienfrevellegende“
F. Lotter, Hostienfrevelvorwurf und Blutwunderfälschung, 1988
K. Schubert, Jüdische Geschichte, München 2007, 6. Aufl.
J. Trachtenberg, The Devil and the Jews, Vol. 2, 1961