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G-ttes vergessene Kinder?

Nein. Nicht vergessen und sicher nicht von G-tt. Aber verschollen, seit Jahrzehnten, in eine fremde Identität gepresst und abgeschnitten von ihrer Herkunft und ihren überlebenden Familienmitgliedern. Die Rede ist von den Holocaust-Waisen, die während der Shoah von ihren verzweifelten Eltern in Institutionen der katholischen Kirche gebracht wurden um sie zu retten. Die katholische Kirche nahm, vor allem in Polen und Frankreich, Tausende von ihnen auf, in Klöstern und Konventen und in privaten Familien. Auf diese Weise wurde ihr Leben gerettet. Die Dankbarkeit für diese mutig praktizierte Nächstenliebe ist allerdings von schwerer Bitterkeit überlagert…

Von Batsheva Dror-Liron

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erging die kircheninterne Order mit dem Einverständnis von Papst Pius XII, diese Kinder, insbesondere wenn sie zwischenzeitlich getauft worden seien, nicht an etwaige Familienmitglieder oder, wenn sie die einzigen Überlebenden ihrer Familie waren, an jüdische Einrichtungen zurückzugeben,

Das zugrunde liegende Dokument vom 23. Oktober 1946 wurde vom italienischen Historiker Alberto Melloni analysiert. Es enthielt klare Anweisungen, dass in dieser Sache möglichst nichts schriftlich festgehalten werden solle, dass die erste Antwort auf Anfragen zu dem Thema stets zu sein habe, dass die Kirche jeden Fall individuell untersuchen müsse. Kinder, die bereits getauft worden seien, dürften keinesfalls an Einrichtungen übergeben werden, die nicht ihre christliche Erziehung sicherstellen könnten. Im Falle von Kinder ohne Eltern oder Verwandte sei es unangemessen, sie an andere, die kein Anrecht auf sie haben, weiterzugeben. Falls die Eltern persönlich das Kind an katholische Einrichtungen oder Familien gegeben hätten und nun selbst das Kind zurückverlangten, sei die Rückgabe grundsätzlich möglich, aber nur, falls das Kind nicht zwischenzeitlich getauft worden sei.

Vorangegangen war die Bitte des damaligen Oberrabbiners des britischen Mandatsgebietes Palästina, Rabbi Isaac Halevi Herzog, um Hilfe bei der Suche nach diesen Kindern und ihre Rückgabe in jüdische Hände. Die vatikaninterne Antwort: „Der Eminente Vater hat entschieden, dass möglichst keine Antwort an den Oberrabbiner von Palästina ergehen soll.“

Glücklicherweise befolgten nicht alle Kirchenfunktionäre diese unglückselige Order – Angelo Roncalli, der später zu Papst Johannes XXIII. wurde, setzte sich oft darüber hinweg und mit seiner Hilfe war es Oberrabbiner Herzog möglich, um die 1000 Kinder ausfindig zu machen. Etliche andere hingegen hielten sich genauestens an die Anweisung und die katholische Kirche breitete den Mantel des jahrzehntelangen Stillschweigens über die Angelegenheit aus.

Die verbliebenen Kinder wurden in Klöstern und Institutionen oder Adoptivfamilien belassen und streng katholisch aufgezogen, mit einem neuen Namen und einer neuen, christlichen Identität, ohne jemals etwas über ihre wahre Herkunft zu erfahren. Etliche von ihnen wurden später katholische Priester, Mönche und Nonnen und laut Rabbiner Lifshitz von Yad L’Achim, wurde oft der Umstand, dass sie keinen Kontakt zu Angehörigen hatten, ausgenutzt, um sie für Langzeit-Missionen in afrikanische und asiatische Länder zu senden.

Die genaue Anzahl der Betroffenen ist nicht bekannt, weil die katholische Kirche bis auf den heutigen Tag Stillschweigen über ihre Namen und Lokalisation wahrt, Schätzungen gehen aber von Hunderten oder sogar Tausenden aus. Wenn man bedenkt, dass 1945-46 in Europa über 75.000 jüdische Waisenkinder registriert wurden, erscheint dies nicht unwahrscheinlich.

Nicht, dass sich niemand dafür interessiert hätte, im Gegenteil, von jüdischer Seite wurden immer wieder Versuche unternommen, durch den jüdischen Weltkongress und durch Initiativen von Rabbinern und Historikern, das Schicksal der verschollenen Kinder aufzuklären.

Ohne zwischenzeitliche Erfolge. Das zweite vatikanische Konzil, kam und ging, der interreligiöse Dialog zwischen Juden und katholischen Christen durchlief Höhen und Tiefen, nichts änderte sich für die ohne Wahlfreiheit zum Christentum konvertierten, von ihrer Herkunft abgeschnittenen Waisenkinder. Manche von ihnen schöpften als Erwachsene freilich Verdacht, insbesondere in Polen nach dem Fall des Kommunismus.

Manche erfuhren von ihrer Herkunft, wenn ihre Adoptiveltern starben und auf dem Sterbebett endlich die Wahrheit sagten. Manche waren zu diesem Zeitpunkt jahrzehntelang katholische Priester oder aber hatten sogar Antisemiten geheiratet und Kinder mit ihnen. Berühmt wurde die Geschichte von Pater Romuald Jakub Weksler Washkinel, dem seine polnische Ziehmutter nach Jahrzehnten des Verdachts und bohrender Fragen seine wirkliche Herkunft verriet. Eine Freundin vertraute mir an, dass es in den 90er Jahren in Warschau eine bestimmte Telefonnummer gab, die diese Menschen anrufen konnten, um anonym ihren Verdacht mit jemandem zu teilen, ihre Geschichte zu erzählen oder einfach zu weinen.

Aber andere hatten nicht einmal diese Möglichkeit, haben sie nicht bis heute, dank des langen, eisernen Schweigens der katholischen Kirche und ihrer Institutionen.

Nun, nach jahrzehntelangem vergeblichem Ringen, ist erneut ein Schimmer der Hoffnung am Horizont aufgetaucht: Anlässlich des diesjährigen Papstbesuchs in Israel fasste sich Rabbiner Shalom Lifshitz von der jüdischen Outreach- und Anti-Missions-Organisation „Yad L’Achim“ ein Herz und versuchte erneut, den Vatikan und insbesondere Papst Benedikt XVI zur Aufklärung des Schicksals der verschollenen Holocaust-Waisen zu bewegen. Während des Papstbesuches brachte Papst Benedikt das Thema nicht zur Sprache.

Aber jetzt ging ein Antwortschreiben eines ranghohen Vatikan-Mitarbeiters ein. Der apostolische Nuncio Erzbischof Antonio Franco versichert darin Yad L’Achim, dass „der heilige Stuhl aktiv geworden ist“ und dass er sich um weitere Informationen bemüht.

Das kann alles oder nichts bedeuten. Viele hier in Israel befürchten, dass es nur ein Ausweichmanöver ist und dass die ganze Angelegenheit doch wieder einschläft und zum Stillstand kommt. Um so wichtiger ist es, jetzt die Gelegenheit zu ergreifen und an die Öffentlichkeit zu gehen.

Wäre es nicht eine gute Idee, gerade jetzt, gerade in Deutschland, dem Heimatland von Papst Benedikt XVI., den Dialog über dieses Thema anzuregen, um die katholische Kirche nachhaltig an diese „verschollenen Kinder“, die inzwischen um die 70 Jahre alt sind, zu erinnern? Damit sie, vielleicht, doch noch zu ihren Lebzeiten die Chance haben, zu erfahren, wer sie sind, woher sie kommen, wer ihre Eltern waren, soweit dies bekannt ist? Für viele dieser Waisen mag es die letzte Möglichkeit sein, die quälenden Fragen, die sie ihr Leben lang begleitet haben, zu beantworten.

Deshalb meine Bitte an alle, damit sich der Vatikan nicht bequem aus der Verantwortung stehlen und zynisch abwarten kann, bis sich das Problem auf natürliche Weise von selbst löst: Seid unbequem, haltet das Thema wach, rüttelt auf, brecht das Schweigen der katholischen Kirche.

Quellen:
Prof. Michael R. Marrus, University of Toronto, „The missing: the Holocaust, the Church & Jewish orphans“, Commonweal, Jan 13, 2006
Hillel Fendel, Israel National News, „One Word by Pope Means 1,000s of Jews“
Yad l’Achim USA, news section
„Israel Insider“staff and partners, „Pope Pius XII told French churches not to return Jewish war babies“, December 31, 2004
D. Keren, Toronto, personal account