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Es gibt keine Antisemiten mehr – oder: deutscher Somnambulismus

Von der Kontinuität eines Ressentiments in der Diskontinuität der Ereignisse. Theoretische Skizzen anhand antisemitischer Emails an das jüdische Internetportal haGalil.com, Teil VI…

Von Niklas Barth

An der folgenden Email wird nun ein erster Bruch ersichtlich, denn der Antisemitismus erscheint nun in „elaborierterer“ Form. Das basso continuo der Argumentation beruht auf dem Rekurs auf die freiheitlich demokratische Grundordnung, die freie Meinungsäußerung verbrieft. Dieses Recht wird hier selbst für antiliberale und extremistische Meinungen entschieden beansprucht, ganz gemäß dem platonischen, totalitären Motto: „Jedem das Seine“. Wohin die Ausrichtung der Rechtsauffassung entlang solcher Achsen führt, ist allzu bekannt: Vorrang des Bluts vor dem Recht. Wo das „gesunde Volksempfinden“ urteilt wird das Lager zum Konstituens der Gesellschaft. In ungeheuerlichstem Geschichtsrevisionismus werden dann Kontinuitäten und Parallelismen konstruiert, die von einem dichotomen Weltbild zeugen und ihren konsequentesten Ausdruck im mathematischen Gleichheitszeichen finden. So wird sogar noch der wildesten Unterstellung der Anstrich wissenschaftlicher Präzisität und Validiät verliehen.

Diese differenztilgenden Gleichsetzungsmechanismen entzünden sich am Kampf um die Hegemonie im Erinnerungsdiskurs. Der dafür benötigte Relativismus bündelt sich in der projektiven Schuldumkehr: noch der Versuch über die Arbeit der Kritik das Unvorstellbare auch wirklich unvorstellbar werden zu lassen, mutiert durch den Antisemiten zur Bedingung der Möglichkeit seiner Wiederholung.

„Beginne ich gleich mit Punkt Eins: Ihr hetzt schlimmer gegen „Nazis“, als es jemals welche von Denen gegen Euch taten. Jedes zweite Wort auf der Seite ist „Nazis“! Verbindet Ihr damit eure Vergangenheit und habt Angst das Leute aufwachen und erkennen, welches Gefasel Ihr vom Stapel lasst? Die Hetzer seid Ihr, nicht die „Nazis“. Punkt Zwei: Redefreiheit sollte Jedem das Seine sein, wer es lesen möchte, soll es doch tun, aber Verbieten und Unterdrücken, führt zu Neugier. Ihr drängt Euch immer mehr ins Abseits, aber dessen seid Ihr euch noch gar nicht bewusst oder? Tut Euch Selbst den Gefallen und versucht nicht die Menschen für blöd zu verkaufen. „Wer Wind säht, wird Sturm ernten“. Da wart ihr schon mal, also immer schon Ruhig Blut und die Menschen nach Gewissen entscheiden lassen! Oder etwa Angst? Punkt Drei: Es gibt Gute und Böse, seit je her. Ihr macht Euch selbst immer wieder zum Bösen, durch Eure aufdringliche Art und Weise. Ein Mensch, der für sich selbst denkt, wird Eure „Propaganda“ schneller durchschauen. Ihr haltet „Nazis“ für clever mit dem Net umzugehen? Vielleicht seid Ihr nur zu beschränkt, um zu verstehen, dass es Mittel gibt, die von Jedem genutzt werden dürfen sollten. Habt Ihr Angst, dass Euch die Argumente ausgehen? Jammert nicht wegen der Vergangenheit und reibt es den Deutschen nicht immer unter die Nase. Letztendlich wird es sie nerven und ihr habt Euch ein Grab geschaufelt.“1

Der „Jude“ ist eben selbst schuld an seiner Verfolgung. Wieso auch sollte er sonst seit Jahrhunderten verfolgt werden? Die uralte Paradoxie des Antisemitismus ohne „Semiten“ auszukommen, erscheint auch heute noch als der blinde Fleck. Diesen zu überwinden ist das Grundproblem, an dem politische Aufklärungsarbeit immer noch zu laborieren hat.

„Es wird Zeit, den Inhalten von Hagalil endlich klar entgegenzutreten, denn der Volksverhetzungsparagraph gilt nicht nur für Deutsche, sondern für ALLE im deutschen Rechtsraum begangenen Rechtsverstöße gegen diesen Paragraphen. Mit Ihren Veröffentlichungen verstoßen sie schon seit geraumer Zeit gegen genau diese gesetzlichen Regelungen. Mit diesen Inhalten nützen sie nicht der Völkerversöhnung, sondern geben Wasser auf die Mühlen der Antisemiten. Sollte das etwa beabsichtigt sein? So, -und nun warte ich auf Ihre Anzeige. Mit der Ihnen gebührenden Achtung! U. H.“2

Dem Diktum der Frankfurter Schule folgend, wird dabei das „Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.“ (Adorno: 1976) Wie bereits erwähnt, fungiert die Shoa dabei als der zentrale Dreh und Angelpunkt des Post-Holocaust-, bzw. Sekundären Antisemitismus (vgl. Rensmann: 1998). Im Sinne der Staatsräson wurde Auschwitz zur zentralen, moralischen Negativfolie, an dem sich jeder öffentliche Diskurs über die deutsche Vergangenheit abgleichen musste. Der mediale Mainstream der westdeutschen Nachkriegszeit war dadurch bis zum Sechs-Tage Krieg durch einen signifikanten Philosemitismus geprägt. Gleichzeitig entwickelte sich eine Art diskursive Tabuisierung. Zum offiziell „re-educated Germany“ gesellt sich die „Unfähigkeit zu trauern“.3 Die vielbeschworene „Stunde Null“ wurde schon Mitte der Fünfziger Jahre durch die empirische Sozialforschung als Ideologie entlarvt.4

Dieses spannungsvolle Amalgam aus beständigem Ressentiment und diskursiver Ächtung liefert den idealen Nährboden für einen latenten Antisemitismus. Die Dialektik von Präsenz und Latenz findet ihre Einheit im ungewussten Antisemitismus der Bonner, wie der Berliner Republik. Offener, uncodierter Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft ist kaum mehr denkbar. Die Staatsräson wurde dabei „subversiv“ unterwandert. Es erscheint also als erstes Gebot, den aktiven Bruch mit allen zu suchen, die nach ’45 immer noch nichts gelernt hatten. Die Erinnerung wird also zur neuen Arena des Antisemitismus und Auschwitz eine zutiefst deutsche Angelegenheit (vgl. Koenen : 2004).

„Sicherlich unterstütze ich nicht was vor Dekaden geschah und was der „aktuellen“ deutschen Generation immer noch durch internationale Schuldarbeit in die Schuhe geschoben wird.“5

„Ich fühle mich nicht als Antisemit. Ich bin der Überzeugung, dass ich keine rassistische Vorurteile und absolut keine rassistischen Tendenzen habe oder unterstütze. Ich verurteile auch das Geschehene vor und während des Zweiten Weltkrieges des Naziregimes an den Juden. Ich bin auch ein absoluter Gegner der langsam wieder erstarkenden rechtsextremistischen Szene.“6

„Sehr geehrte Damen und Herren, ja, Deutschland hat vor 60 Jahren abscheuliche Verbrechen gegenüber den Juden begangen. Seither hat man dies hundertfach zugegeben und zutiefst bereut.“7

„Hallo, es schreibt Ihnen hier kein Nazi,aber […].“8

Diese Art Einleitung ist paradigmatisch für ein Selbstbild, das es dem eigenen Ressentiment gestattet, sich von der nationalsozialistischen Vergangenheit abzugrenzen. Dabei waren wahlweise die Nazis immer die anderen, um das nationale Kollektiv revisionistisch freizukaufen und ihm wieder zu seinem ihm gebührenden Ansehen zu verhelfen. Oder man ist durch die „Gnade der späten Geburt“ sowieso von aller Schuld freigesprochen und es gilt sich ergo nur noch aus dem „Würgegriff der Verantwortung“ zu emanzipieren. Eine revisionistische Leugnung des Holocaust stellt hingegen kaum mehr eine Option dar, mit Ausnahme einiger weniger politisch motivierter Antisemiten aus dem rechtsradikalen bis neonazistischen Lager. Trotzdem geht es um nicht weniger als „die Verbrechen des Nationalsozialismus zu vergessen und sich auch all der damit verbundenen Gefühle zu entledigen. […] Die zentrale Bedingung dafür ist die Verdrängung der Vergangenheit insgesamt, insbesondere aber die Geschichte der Opfer und ihrer Verfolgung.“ (Rommelspacher: 1995). Das ist die zentrale Stoßrichtung des „sekundären Antisemitismus“.

Dabei muss noch einmal differenziert werden. Es lassen sich meines Erachtens mindestens zwei grundlegende Anknüpfungsstrategien an 1945 erkennen: eine passive Relativistische und eine aktive Konstruktivistische.

>> Übersicht

  1. DS#16haGalil []
  2. DS#17haGalil []
  3. Vgl.: Mitscherlich, A. u. M.: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens.Piper. 2007. []
  4. Vgl.: Allensbacher Institut für Demoskopie. Jahrbuch der öffentlichen Meinung. 1947- 1955. Allensbach 1956. []
  5. DS#18haGalil []
  6. DS#19haGalil []
  7. DS#20haGalil []
  8. DS#21haGalil []