„Die berühmte Synagoge und der Judenfriedhof in Bechhofen (Mittelfranken)“ von M. Jankelowitz (1926)

Bechhofen liegt, grob zugeordnet, zwischen Nürnberg und Stuttgart, präziser, innerhalb des Dreiecks Ansbach, Dinkelsbühl und Gunzenhausen; der Ort ist so unbedeutend, dass er in keinem der großen, mehrbändigen, deutschen Nachschlagewerke und ebenso wenig in den geläufigen Kunstführern zu Bayern genannt wird. Dies hätte durchaus auch anders sein können, denn Bechhofen barg einst eine architektonische Kostbarkeit. Wenn nur nicht…

Von Robert Schlickewitz

Der heute reproduzierte Originaltext stammt vom Bechhofener Lehrer M. Jankelowitz und wurde 1926 in der Heimatkulturzeitschrift „Das Bayerland“ veröffentlicht. Über den Autor konnten bedauerlicherweise keine näheren Angaben in Erfahrung gebracht werden.

Auf einige Aspekte seines Aufsatzes sei vorwegnehmend eingegangen: So kommt bei ihm das ebenso schmerzliche wie beschämende Thema Friedhofschändung zur Sprache. Auch wenn Jankelowitz diese Auswüchse der Intoleranz und der Dummheit auf die „neueste Verhetzung“, ein Indiz auf den in Bayern schon lange vor 1933 weit verbreiteten militanten Antisemitismus nicht nur der Nationalsozialisten, zurückführt, handelt es sich bei dieser verabscheuungswürdigen Form der Herabwürdigung der jüdischen Minderheit durch die christliche Mehrheit um die Konsequenz einer jahrhundertealten Indoktrinierung der Massen durch die Kirchen. Zweier Kirchen, die sich skrupellos auf längst nicht mehr zeitgemäße „Evangelien“ und andere überholte, aber für die Vertreter dieser Religion als unverzichtbar erscheinende, Schriften stützen. Bekanntlich werden darin bis auf den heutigen Tag Juden vielfach als „Feinde der Christen“, als „Christusmörder“, als „verstockt“, als „treulos“ etc. beschimpft, werden darin aus purer Freude an alten Traditionen bis in die Gegenwart Distanz und Feindschaft von Jahrhunderten gepflegt und gehegt. Noch in den 1960er Jahren musste der Autor dieser Einführungszeilen selbst erleben, wie sein bayerisch-katholischer Religionslehrer, sich auf die „Evangelien“ berufend, Hass und Feindschaft gegenüber Juden ‚predigte‘.

Das Wort „Bubenhände“ im Zusammenhang mit der Friedhofschändung hatte vor achtzig Jahren eine andere Bedeutung als heute. So konnte man damals unter „Buben“ durchaus erwachsene Täter verstehen (vergl. „Spitzbuben“).

Irrational und absurd, wie so Vieles am Christentum, ist auch dessen „Furcht vor den jüdischen Toten“, von der bei Jankelowitz die Rede ist. Als ob ausgerechnet jüdische Verstorbene nachts die Gräber verlassen würden, um christliche Menschen zu erschrecken oder zu bedrohen (!). Das Schicksal der Synagoge von Bechhofen im deutschen „Dritten Reich“ sowie zusätzliche Informationen zum Friedhof des Ortes sind Gegenstände eines Folgeartikels.

„Die berühmte Synagoge und der Judenfriedhof in Bechhofen (Mittelfranken).

Wer einmal, sei es durch Zufall oder Mißgeschick, nach Bechhofen in Mittelfranken verschlagen wird, freut sich, es wieder verlassen zu können. Denn das kleine, langgestreckte, an der Wiseth gelegene Örtchen bietet dem sehensdurstigen Auge gar wenig an landschaftlicher Schönheit. Wer aber doch sich die Zeit nimmt, Bechhofen zu durchstreifen, der wird auch diesem Fleckchen bayerisch-fränkischer Erde sogar recht viel abzugewinnen verstehen. Und wenn er die kleinen, von der Hauptstraße abzweigenden Gäßlein durchwandert, dann wird er schließlich zu einem kleinen Platz gelangen, dessen eine Seite begrenzt ist von einem hochragenden schwarzen Holzbau, dessen Äußeres schon sein hohes Alter verrät. Und fragt er nach diesem auffallenden, doch ärmlich ausschauenden Bau, so wird ihm verraten, vor der alten ‚Bechhöfer Scheunen-Synagoge‘ zu stehen. Diese Synagoge ist das eigenartigste, auch einzigartigste Gotteshaus, das wir in Deutschland haben.

Betreten wir dies Gotteshaus, so bleibt man gebannt an der versteckt liegenden Eingangstür stehen. Nicht das Weihevolle ist es, nicht die feierliche Stille der Stätte Gottes, die so überwältigend auf den Beschauer eindringt, nein, dieses ungeahnte Schöne und Fremde an Farbenmannigfaltigkeit benimmt uns das Wort. Diese wunderbare Verkörperung der Gotteshausidee ist es, die um so mehr wirkt, je weniger man es von außen hat vermuten können. Man hat sogleich das Gefühl, daß selbst das prächtigste Gotteshaus der Gegenwart nicht entfernt den Kunstreichtum und die Farbenpracht aufzuweisen hat wie dieses von außen einer Scheune gleichende Gebäude. Eine fast ebenso breite als lange, ein Segmentgewölbe tragende Halle umfängt uns. Alle vier Wände sind bis auf das letzte Eckchen bemalt, zum großen Teil mit Psalmen und Gebeten im hebräischen Originaltext. Den oberen Teil der Ost- und Westwand hat der Künstler benützt, um die jüdischen Feste in schön durchdachten Allegorien auszuführen. Die Nord- und Südwand zeigen uns Darstellungen aus dem ehemaligen Tempel in Jerusalem. An der Südwand ist weiter unter anderem auch das ‚Gebet für den Landesherrn‘ aufgezeichnet, das als damals regierenden Fürsten ‚Karl Friedrich Wilhelm, Markgraf zu Brandenburg‘ nennt. Gekrönt wird dieses Gebet vom brandenburgischen Wappen. Die in die Ostwand eingebaute, die Gesetzesrollen enthaltende heilige Lade ist ein Meisterwerk barocker Schnitzerkunst. In der Innenseite der rechten Türhälfte ist eine eingebrannte Abbildung des Leuchters aus dem Tempel. Überhaupt ist die Ostwand nächst der Decke am prächtigsten ausgeführt. Das Deckengewölbe zeigt die mannigfaltigsten, z. T. absonderlichsten Tiergruppen mit Pflanzengebilden in einer überreichen, phantasievollen Farbenzusammenstellung; jedes Tier ergibt mit dem anderen ein neues Bild, je nach der Zusammenstellung.

Je länger man sich dieses Wunderwerk betrachtet, desto mehr Neues und Schönes sieht man. Es ist vor allem ein herrliches Blau, das als Grundfarbe uns immer wieder entgegenleuchtet und in Gemeinschaft mit den anderen Farben dem ganzen eine wundersame Harmonie verleiht; man weiß so wirklich nicht, was das Auge zuerst bewundern soll. Man wird auch nicht zwei gleichbemalte Stellen finden. Die Wandsockel weisen etwa quadratmetergroße Abteilungen auf, die mit herrlichen dekorativen Blumenmotiven bemalt sind. Und gerade hierin zeigt sich das Genie des Künstlers. Jede Fläche weist ein eigenes Motiv auf, die zwar zusammen ein einheitliches, dem Auge wohltuendes Ganzes bieten, in sich aber durchaus verschieden sind. Und die Anzahl der Motive ist nicht gerade gering. Sie beträgt etwa dreißig. Das ist, ich möchte sagen, die geniale Linie dieser Malerei, daß auch in den kleinsten Einzelheiten der Künstler immer Neues geschaffen. Jedes Gebet weist seine besondere Einfassung auf. Jede Blume, jeder Krug ist anders gemalt.

Über den Mann, der dies herrliche Kunstwerk geschaffen hat, wissen wir nur wenig. Er nennt sich in einer von ihm angebrachten Inschrift ‚Salomo ben (Sohn) Elieses Sußmann Katz‘. In dieser Inschrift gibt er als Jahr seiner Arbeit an 1727/28. Doch ist auch die Annahme berechtigt, daß er in Wirklichkeit 1703-1706 oder gar schon 1699 die Ausmalung vorgenommen hat. Denn die durch die hebräischen Buchstaben angegebene Zahl kann auch leicht so gelautet haben. Er hat in Süddeutschland noch einige solcher Synagogen gemalt. (Kirchheim, jetzt im Würzburger Luitpoldmuseum; Bad Horb, jetzt im Bamberger Michaelsmuseum; Schwäbisch-Hall im Stadtmuseum.) Es ist daher wohl mit Recht anzunehmen, daß der Maler von Ort zu Ort reiste, um seine Kunst auszuüben, wo er Gelegenheit fand. Wes Landes Kind er war, war bis vor kurzem unbekannt. Doch ist es mir geglückt, eine gleichfalls in der Bechhöfer Synagoge befindliche verstümmelte Inschrift zu deuten. Demnach war sein Vater Vorsänger, Kultusbeamter in Brod. Es ist dies eins der vielen ehemals österreichisch-ungarischen ‚Brods‘. Leider habe ich Näheres noch nicht erfahren können. Die Bechhöfer Synagoge ist die größte, die er gemalt hat.

Wie alt ist nun dieser Bau? Darüber gibt es nur Vermutungen. Jedenfalls hat er schon i. J. 1564 bestanden und äußerlich auch wohl in seiner heutigen Gestalt. Allerdings ist anzunehmen, daß der im Barock ausgeführte Steinanbau, der heute die ganz schlichte, einfache Frauensynagoge enthält, früher auch aus Holz bestanden hat. Man wird nicht zu hoch schätzen, wenn man das Alter mit 400 Jahren annimmt. Denn es ist der Baustil mitteldeutscher Renaissance. Für dieses Alter spricht auch die schon seit dem 13. Jahrhundert in Bechhofen existierende jüdische Gemeinde.

Die Sage erzählt, ein kinderloses Ehepaar in Gunzenhausen habe die Mittel zum Bau den Juden Bechhofens gestiftet. Der Boden gehörte ehemals den Freiherren von Seckendorff, die vom Jahre 1296 bis 1617 in Bechhofen ihre Herrschaft ausübten. Etwa im Jahre 1270 werden die Juden Bechhofens erstmalig erwähnt bei der Vertreibung der Juden aus Gunzenhausen.
Um diese Zeit wird auch wohl die Geburtsstunde – wenn der Ausdruck gestattet ist – des Friedhofes zu suchen sein.

Freilich erst drei Jahrhunderte später finden wir einen sicheren Beleg in einem alten Grabstein, der die Jahreszahl 1603 aufweist. Allerdings gelang es dem Schreiber dieser Zeilen, im vorigen Jahre einen Stein aufzufinden, der seiner äußeren Gestalt und Architektur nach viel älter sein dürfte. Die recht schwer lesbare Jahreszahl deutet vermutlich auf das Jahr 1376 hin. Da aber die Grabreihe, zu der dieser Stein gehört, nicht die erste, sondern schon etwa die vierte oder fünfte ist, wir außerdem jede Reihe mit wenigstens 30-50 Gräbern anzunehmen haben, so ist leicht ersichtlich, daß das eigentliche Entstehungsjahr weiter zurückliegt. Man unterscheidet auf dem Bechhöfer Friedhof deutlich vier Epochen. Die erste und zweite zählt etwa bis 1700; die dritte bis 1850 und die letzte, bei der wieder die letzten 30 Jahre schon einer neuen Zeit zugezählt werden müssen, bis zur Gegenwart. Es scheint auch, daß in diesen Zeitabschnitten die Vergrößerung des Friedhofes erfolgte. Von einer Erweiterung berichten uns Akten des Nürnberger Staatsarchivs aus den Jahren 1702-1706. Von dem damaligen Ankauf, der außer ortsüblichem Zins und Handlohn 125 Goldgulden kostete, ist noch heute gut die Hälfte verpachtet zur Ackernutzung.

Interessant ist ein Akt aus dem Jahre 1653. Durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges waren auch der Friedhof und besonders dessen Umfassungsmauern arg mitgenommen worden. Die Obrigkeit wies die Juden Bechhofens verschiedentlich auf die Notwendigkeit der Wiederherstellung hin. Diese Fürsorge entsprang aber nur Besorgnisgründen, denen Furcht vor den jüdischen Toten zugrunde lag. Da aber die Juden nicht die genügenden Mittel hatten – der Dreißigjährige Krieg muß wohl die früher blühende Gemeinde stark mitgenommen haben, war doch auch die Familienzahl stark zurückgegangen –, mußten die Mahnungen der Behörden erfolglos bleiben. Da erging mit dem 17. Februar 1653 vom Markgrafen Albrecht zu Brandenburg der Befehl, ‚daß, nachdem von der Säumigkeit der Juden Bechhofens, ihren Friedhof richten zu lassen, gehört, keine vorkommende Leich im Begräbnis aufgenommen werden solle, wenn die Juden nicht mit der Renovierung baldigst fertig werden‘. Jedenfalls scheint dieser Befehl nie durchgeführt worden zu sein; auch wird die Mauer wohl kurz danach ausgebessert worden sein.

Allmählich erstarkte die Gemeinde wieder. Ja, sie fühlte sich nach einem halben Jahrhundert wieder finanzkräftig genug, die obenerwähnten Käufe zur Erweiterung durchzuführen. Zu dieser Zeit also, um 1700, waren in Bechhofen zwei Drittel der Gesamtbevölkerung Juden. Dieses Verhältnis hielt bis 1860 an. Von da ab – es waren damals noch rund 70-80 Familien – sank die Zahl durch Abwanderung und Tod bis auf die jetzt noch vorhandenen 10 Familien, die zum ‚Minjan‘ gerade ausreichen. (‚Minjan‘ ist wörtlich übersetzt Zahl. Darunter versteht man die zur Abhaltung eines Gottesdienstes notwendigen mindestens zehn über 13 Jahre alten männlichen Personen.)

Um 1700 wurde der Friedhof von den meisten Gemeinden der Umgegend, und diese war nicht zu klein, benutzt. Insgesamt zählt eine Urkunde 17 Gemeinden auf, darunter Ansbach und Gunzenhausen. Sogar Treuchtlingen hat eine Zeitlang seine Toten nach Bechhofen gebracht. Vor einigen Jahren kaufte der Friedhofsverband, dem nur noch 4 kleine Gemeinden angehören, ein weiteres Gelände an, so daß jetzt die Größe insgesamt 2 ½ Hektar beträgt. Schätzungsweise liegen etwa 7500 bis 8000 Gräber auf ihm. Mindestens 2500 würden noch Platz finden, so daß der Bechhofer Bezirksfriedhof nicht nur zu den ältesten zu zählen ist, sondern auch zu den größten innerhalb Bayerns, wenn nicht Deutschlands. Eine lange Geschichte voll Leides und Tränen könnten die Gräber all dieser vielen erzählen, wenn sie zu reden verstünden. Leider hat der Zahn der Zeit den größten Teil der Grabsteine aus der Zeit vor 1700 zerstört. Doch auch die späteren Grabinschriften erzählen uns noch viel Interessantes und Trauriges. Auch von der neuesten Verhetzung blieb der Friedhof nicht verschont. Vor etwa zwei Jahren zerstörten Bubenhände mehr als ein Dutzend, z. T. sehr alte Steine. Unter den umgeworfenen befand sich der Grabstein des berühmten Rabbi Akiba Bär, der 1724 verstorben ist. Der Friedhofsverband Bechhofen setzte ihm einen neuen Stein.

Eine schöne Lage hat der Friedhof. Ungefähr 15 Minuten vom Ort, hoch auf einem Hügelzug gelegen, von zwei Seiten von Wald eingeschlossen, bietet er einen schönen Rundblick über das Altmühltal, über den Hesselberg hinüber nach Württemberg und über die Ausläufer des Fränkischen Jura.

Hier wird noch die schöne, alte, religiöse Tradition aufrechterhalten: Vor dem Tode ist alles gleich, und gleich werden alle behandelt. So ist das Grab des Reichen so schmucklos wie das des Armen. Aber diese schlichte Schmucklosigkeit wirkt eben so eindrucksvoll und vermittelt so recht das Bild der Ruhe, das all die müden Erdenpilger hier gefunden haben und noch finden. Dazu sorgt die Natur für ein abwechslungsreiches Bild und gibt dem Beschauer Gelegenheit, vom frühen Frühlingsmonat bis hinein in den Spätherbst an immer neuen Farben sich zu erfreuen, den Ort dadurch zu einer wahren Stätte des ewigen Friedens machend.“

Quelle:
„Das Bayerland“, 2. Oktoberheft 1926; Jahrgang XXXVII, 20, S. 605f

Anmerkung:
Der Text wurde in seiner Originalschreibweise übernommen, eine Fußnote, die eine Information enthält, in Klammern wiedergegeben.

Literatur:
David Davidovicz, Wandmalereien in alten Synagogen. Das Wirken des Malers Elieser Sussmann in Deutschland, Hameln-Hannover 1969
Markt Bechhofen mit Gemeindeteilen. Bilder aus der Vergangenheit, Horb. a. N. 1986, S. 59f
Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, München 1992, 2. Aufl., (Hg.) Bayerische Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit, Publikation A 85, S. 154
Karl. E. Stimpfig, Die Juden in Bechhofen, ihre Synagoge und ihr Judenfriedhof, im Eigenverlag o. J. (nach 2002)