Akko – Eine Stadt im Untergrund

Wer im Heiligen Land nur auf den Spuren der Bibel wandern will, wird in einer der schönsten und besterhaltenen städtischen Perlen Israels nicht fündig. König Salomon hat zwar Akko, den wichtigsten Hafen des Landes, an den Phönizierkönig Hiram abgetreten. Im Tauschgeschäft lieferte Hiram das Baumaterial für den Tempel in Jerusalem, darunter die berühmten Zedern des Libanon. Chefarchäologe Eliezer Stern erklärt die Hafenstadt Akko zum „Tor des Heiligen Landes“ und schwärmt weiter: „Wer Akko beherrscht, der hat den Schlüssel zur Macht im Land Israel in der Hand“…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 28. Juli 2009

Tatsächlich mangelt es nicht an berühmten Namen, die Akko belagert, erobert, zerstört oder wieder aufgebaut haben: Tutmosis III und Ramses II, Alexander der Große, Ptolomäus, Caesar und Vespasian. Herodes eroberte von Akko aus Galiläa. Kaiser Nero siedelte in Akko Veteranen seiner Legion an. Zeitweilig hieß die Stadt: Colonia Claudia Ptolemais Germanica. Napoleon Bonaparte, von den Pyramiden kommend, erlitt vor Akko eine schmachvolle Niederlage wie vor Moskau.

Doch den Archäologen Eliezer Stern von der Antikenbehörde interessieren die großen Namen der Geschichte nicht wirklich. Für ihn sind die Kreuzfahrer die eigentlichen Helden und Erbauer der Stadt. Über den Trümmern der Griechen und Römer haben Genoaer, Venezianer, Pisaner, Templer und Hospitaler riesige Säle mit mächtigen Säulen hochgezogen. Jeder in seinem Viertel mitsamt Hospiz, Kirche und Wohnhäusern.

Wer genug vom türkischen Basar aus der osmanischen Zeit habe, wo Araber heute Gewürze, bunte Tücher und Plastikschuhe feil bieten, sollte sich in den Untergrund begeben, empfiehlt Stern. In Akko sei eine komplett verschüttete mittelalterliche Stadt erhalten geblieben, eine Art Pompeji aus der Kreuzfahrerzeit. So etwas gebe es in einem derart gut erhaltenen Zustand nirgendwo in Europa. Denn nachdem die Kreuzfahrer, 1147 von Saladin besiegt, im Jahr 1242 Akko endgültig verlassen hatten, rührte niemand mehr die Hinterlassenschaften der Europäer an. Das „moderne“ Akko wurde einfach 14 Meter höher, über den mächtigen Bauten der Kreuzfahrerstadt neu errichtet. Die Bausubstanz der Kreuzfahrer blieb komplett erhalten.

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Seit fast 20 Jahren ist Stern damit beschäftigt, Erdreich und Schutt aus Hallen mit romanischen und gotischen Bögen wegzuräumen. Die darüber gebauten modernen Häuser sichert er mit Betonbalken ab. Das Refektorium, die Ritterhallen und die „schöne Halle“ sind heute schon für Touristen zugänglich. Vor vielen Seitengängen zu weiteren Hallen hängen heute jedoch „Eintritt verboten“ – Schilder. In wenigen Monaten sollen Touristen auch besichtigen können, was Stern Journalisten vorab zeigte.

Sein spannendster Fund: Graffiti. „Die meisten Kreuzfahrer waren Analphabeten. Deshalb haben wir nicht einen einzigen Buchstaben gefunden, sondern nur kleine, in den Gipsputz der Wände geritzte Wappen und symbolische Darstellungen der Grabeskirche“, erklärt Stern. Zwischendurch sitzt der Archäologe in der öffentlichen Latrine probe. Steinsitze mit Loch in der Mitte sind da aufgereiht. Etwa fünfzig Männer (und Frauen?) konnten da, einander gegenüber sitzend, gleichzeitig ihr Geschäft erledigen, während ein ausgeklügeltes Wassersystem von Zisternen auf dem Dach und unterirdischen Tunneln bis zum Meer für Wasserspülung sorgte. „Akko war damals dreimal dichter besiedelt als London mit seinen 20.000 Bewohnern. Deshalb war die öffentliche Infrastruktur der Stadt mit den separaten Vierteln der Kreuzfahrerorden besser durchgeplant und organisiert, als in jeder anderen europäischen Stadt der damaligen Zeit.“

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Hunderte Meter weit führt Stern die Journalisten gebückt durch die Abwassertunnel. Sie dienten auch als Geheimgänge und Fluchtwege in Richtung Hafen. „Die Kreuzfahrer müssen Chinesen gewesen sein“, lacht ein europäischer Hüne, weil allein eine kleine chinesische Journalistin aufrechten Ganges ihre Fotos knipsen konnte.

Stern erzählt von einer „Andenken-Fabrik“ der Kreuzfahrer. Bis zu seinen Ausgrabungen hatte man nur in Europa Ampullen gefunden, die Pilger „gefüllt mit Wasser und Luft aus dem Heiligen Land“ mitgebracht hätten. „Hier entdeckten wir die Werkstatt dieser Ampullen mitsamt den Formen, in die der Ton gepresst wurde.“ Heute liegen die Funde aus der Kreuzfahrerzeit im Labor. In etwa zwei Jahren würden die Kreuzfahrerhallen in ein Museum verwandelt, wo dann auch die Kleinfunde an ihrem ursprünglichen Fundort ausgestellt werden sollen.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com