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Schon vor 4000 Jahren

„Der Brief ist unterwegs, fang an dir Sorgen zu machen.“ An dieses Sprichwort habe ich nach dem Gespräch zwischen US-Präsident Obama und einer Gruppe von jüdischen Führungsfiguren vergangene Woche denken müssen. Darin wurde die Warnung angedeutet, dass Israel seine besondere Stellung in Amerika verlieren wird. Die Wahrheit ist, dass unser Gespräch mit Obama nicht so intim ist wie das, das wir mit Bush jr. geführt haben. Obama strebt danach, den Friedensprozess zu beschleunigen, wobei er so tut, als ob alles davon abhängt, ob Israel den Siedlungsbau einfriert oder nicht…

Von Yoel Marcus, Haaretz v. 17.07.09

Sechzehn Jahre sind seit dem Osloer Abkommen vergangen, und wir sind nirgendwo hingelangt, abgesehen davon, dass die Palästinenser uns in bewegliche Ziele für Intifadas und Selbstmordattentate verwandelt haben. Ohne Beziehung zu diesem Abkommen hat Sharon 21 Siedlungen geräumt, 17 davon in Gush Katif, und statt das Gebiet zu einem Touristenzentrum zu machen wie die Ägypter einst den Sinai, haben die Palästinenser es zu einer Abschussbasis für Raketen gemacht. Und da es bislang keinen ernsthaften Partner auf der palästinensischen Seite gibt, lässt man sich nur schwer vom Optimismus Obamas mitreißen, der einen schnellen Friedensvertrag nicht nur mit den Palästinensern, sondern auch mit Syrien erwartet. Ein Optimismus, der an „Speedy Gonzales“ erinnert, den aus den Zeichentrickfilmen.

Das Jahr 2010 steht vor der Tür. Das ist das Jahr, in dem das gesamte Abgeordnetenhaus und ein Drittel des Senats neu gewählt werden. Rund 20% der demokratischen Kongressabgeordneten sind Juden, und die Republikaner, die in beiden Häusern ihre Mehrheit verloren haben, suchen nach einem Weg zu deren Wiedergewinnung. Das Thema des Friedens zwischen Israel und den Palästinensern wird die Zwischenwahlen nicht beeinflussen. Der Präsident, der den Slogan „Yes, we can“ erfunden hat, wird an innenpolitischen Themen gemessen werden: an der Wirtschaft, am Stand der Arbeitslosigkeit, an der kollabierenden Autoindustrie, an den Tausenden von Hochschulabsolventen, die keinen Arbeitsplatz finden, an der Situation der Hypotheken, der Banken und der Sozialversicherung. Kurz: an Dingen, die sich nicht mit Rhetorik lösen lassen.

Unter den Geschädigten gibt es nicht wenige Juden – und als amerikanische Bürger werden sie Obama an seinem Erfolg bzw. Misserfolg dabei messen, wie er Amerika aus der Wirtschafts- und Finanzkrise herauszieht. Das ist komplizierter als bei einer Live-Übertragung im Fernsehen eine Fliege zu töten.

Berauscht von seinem historischen Sieg als erster schwarzer Präsident glaubt Obama an seine Fähigkeit, die Weltordnung zu ändern. Ein Mann mit weltumspannenden guten Absichten: Er fühlt sich zum Abzug aus dem Irak innerhalb von zwei Jahren verpflichtet, und es ist ihm wichtig, die Sunniten im islamischen Raum zu stärken, um die Schiiten an einer Hegemonie zu hindern. Er arbeitet auf eine regionale Konferenz hin, die ein gutes Foto abgibt, mit ihm selbst als Redner im Zentrum, der das Lied von Boas Sharabi vor sich hinsummt: „Bei mir ist alles in Ordnung, heutzutage stirbt man nicht mehr vor Liebe.“

Bei all dem guten Willen und dem allumfassendem Ehrgeiz Obamas gibt es etwas Naives, um nicht zu sagen Aufreizendes in seiner Dialogpolitik und an den Stationen, die er sich für seine Reisen in unserer Angelegenheit ausgesucht hat. Er sprach in der Türkei, er sprach in Ägypten, er erschien vor Studenten in Saudi-Arabien, in Paris, Großbritannien, in Ghana und in Australien. Selbst dort erwähnte er den israelisch-palästinensischen Konflikt. Seine Absicht, einen Dialog mit dem Iran zu eröffnen – der offen mit der Vernichtung Israels droht – und dessen fanatische Führung, die gewaltsam jeden Versuch der jungen Generation unterdrückt, zu beruhigen, ist illusionär.

Nur in Israel war er nicht. Er sprach über uns, aber nicht zu uns. Genau darüber beschwerten sich die jüdischen Führer bei ihrem Gespräch mit ihm in der vergangenen Woche. Obama denkt, dass er eine große Tat vollbracht hat, wenn er in Kairo vom Leid des jüdischen Volkes in der Shoah sprach. Was einen an diesem Auftritt ärgert, ist die implizite Verzerrung: Das wir wegen der Shoah einen Staat verdient haben. Da Obama als gläubiger Christ mit der Bibel vertraut sein müsste, erzürnen sein Ignorieren unserer historischen Verbindung zum Land Israel und seine Vernachlässigung der Tatsache, dass die Palästinenser es nicht schaffen, ihren Trieb zu überwinden und würdige Partner für ein Friedensabkommen zu sein.

Die Shoah fand vor 65 Jahren statt. Die Grundlage für einen jüdischen Staat, über den die UN-Vollversammlung 1947 entschied, war das historische Verhältnis der Juden zu diesem Teil der Welt. Wie Ben-Gurion vor der Peel-Kommission meinte: „Die Bibel ist unser Mandat.“ Uns steht ein souveräner jüdischer Staat mit sicheren Grenzen zu, ohne dass man uns droht, ihn mit palästinensischen Flüchtlingen zu überschwemmen, mit dem Argument des Rechts auf Rückkehr, aber in der klaren Absicht, ihn von innen zu zerstören,.

So wie die die Wahl Obamas ein historisches Unrecht an seinen Leuten beseitigt hat, die in Amerika Jahrhunderte als Sklaven ausgebeutet wurden, erwartet man von ihm als einem Führer, der die Probleme der Welt mit Gesprächen lösen will, dass er nach Israel kommt und hier entschieden und vor aller Welt erklärt, dass unsere Verbindung zu diesem Land schon sehr viel älter ist als der israelisch-palästinensische Konflikt und die Shoah; und dass auf dem Boden, auf dem er steht, schon vor 4000 Jahren Juden standen.