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Rabin: Die Dämonen des Judentums

Zwei Wochen nach der Ermordung von Yitzhak Rabin bei einer Friedensdemonstration in Tel Aviv gingen noch immer Wogen von Schmerz und Schuldgefühl, von Scham und Erschütterung, Reue und gegenseitigen Vorwürfen durch das Land. In großer Zahl versammelten sich immer wieder vor allem junge Leute an Rabins Grab auf dem Nationalfriedhof am Har Herzl in Jerusalem. Tagein, tagaus bekunden dort und vor dem Rathaus, wo Rabin dem Attentat zum Opfer fiel, und auch vor seinem Wohnhaus im Norden von Tel Aviv Tausende von Kerzen die Gefühle der Menschen…

Vor dreissig Tagen, am 25. Mai 2009, starb der bekannte israelische Journalist und Buchautor Amos Elon im Alter von 82 Jahren in der Toskana. Zu den Schloschim (dreissig) ist es Zeit an diesen weitblickenden und engagierten Kenner der Lage in Nahost und sein Werk zu erinnern. Wir bringen heute einen Beitrag aus dem Jahre 1995, der vieles, das zum Verständnis auch der heutigen Lage unabdingbar ist, in Erinnerung ruft.

Amos Elon, 1995 (in Nachrichten aus Jerusalem, dtv)

Die wichtigste Frage, die immer wieder gestellt, aber nicht immer beantwortet wurde, lautete: Warum? Sie beherrschte die Debatten in den Zeitungen. Von früh morgens bis tief in die Nacht wurde sie während der vergangenen Tage im Fernsehen und im Radio diskutiert. Die Linke beschuldigte die rechten Parteien, sie hätten die Katastrophe durch die verbale Gewalt (»Rabin Mörder«, »Rabin Verräter«) herbeigeführt, die sie in den letzten beiden Jahren gegen die Regierung einsetzten und die sie erst nach Rabins Tod mäßigten. Die Likud-Führer hingegen behaupteten, die Linke selbst habe während des Libanon-Krieges diesen gewalttätigen Stil in die politische Auseinandersetzung getragen. Nach den Massakern von Sabra und Schatila seien auch Begin und Scharon als Mörder bezeichnet worden. Die Antwort der Linken darauf: »Ja, aber haben wir gemordet? In Israel fliegen die Kugeln immer von rechts nach links.«

In tiefer, gleichwohl egoistisch isolierter Niedergeschlagenheit behaupteten Siedler von der West Bank, die Tat des Mörders sei eine Ausgeburt der Verzweiflung patriotischer Juden, ausgelöst durch den Verrat der Regierung am Land – an Erez Israel. Die anhaltende Debatte ist eine weitere – hoffentlich die letzte – Schlacht in der langen Auseinandersetzung um die Frage, ob Israel eine bürgerlich-demokratische Gesellschaft oder messianische Stammesgesellschaft sei.

Scheinheilig und zynisch versuchte die politische Klasse mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen Scherben zu kitten. Doch das Land blieb tief gespalten zwischen Befürwortern und Gegnern eines Friedens mit Syrien und den Palästinensern um den Preis des Rückzugs aus den seit 1967 besetzten Gebieten. Die Sozialisten äußerten sich besorgt darüber, daß Peres in der Öffentlichkeit möglicherweise nicht die gleiche Unterstützung für den Frieden gewinnen könnte, die der Kriegsheld Rabin mobilisiert hätte, wenn er noch am Leben wäre. Die Likud-Führer waren in der Defensive, wo sie vermutlich nicht lange bleiben werden. Unter anderen Umständen hätten ihre mahnenden Aufrufe zu „Einigkeit“ und „Versöhnung“ konstruktiv gewirkt; in einem Augenblick aber, da viele Israelis das Gefühl hatten, sie müßten Stellung beziehen und sich entscheiden, wirkten solche Appelle nur vordergründig und verlogen.

Die Untersuchungen der Polizei zur Person des geständigen Mörders und seiner angeblichen Komplizen brachten einiges Licht in eine Unterwelt rücksichtsloser Terroristen, die in lockerer Verbindung zu verschiedenen prominenten Rabbinern, religiösen Führern, Mystagogen, Kabbalisten und anderen Heilspredigern stehen. Man wußte auch vorher schon von dieser Unterwelt oder ahnte, daß es sie gab. Seit Jahren waren deren Wortführer nicht müde geworden, ihre Anschauungen vor den Medien des In- und Auslandes zu verkünden. Doch bisher hatte sich niemand ernsthaft mit ihnen auseinandergesetzt – vielleicht, weil sie meistens nur Araber in den besetzen Gebieten bedrohten. Soweit sie überhaupt strafrechtlich verfolgt worden waren, hatten die Gerichte sie in der Regel mit Nachsicht und einem gewissen »Verständnis« für ihre Beweggründe behandelt. Wurden sie dennoch zu längeren Haftstrafen verurteilt – wie etwa jene Männer, die drei Studenten der Universität Hebron ermordeten, oder jene anderen, die zwei arabische Bürgermeister zu Krüppeln machten, oder diejenigen, die die Sprengung des Felsendoms auf dem Tempelberg von Jerusalem planten -, dann milderte der Staatspräsident ihre Urteile ab, so daß sie bald freikamen. Nach einem Bericht, der dem Justizministerium vorliegt, sind Hunderte solcher Angriffe von Siedlern gegen Palästinenser unaufgeklärt geblieben.

Die Orthodoxie ist von einer schweren Krankheit erfaßt

Der Mordanschlag machte erneut die Misere deutlich, in die die orthodoxe Synagoge seit dem Sechs-Tage-Krieg geraten ist. Professor David Hartmann, selbst ein orthodoxer Rabbi und Gründungsdirektor eines Jerusalemer Instituts, das sich mit der Neuinterpretation der autoritären Tradition der Halacha in einem mit demokratischer Moral zu vereinbarenden Sinne beschäftigt, erklärte: »Rabins Mörder war ein unschuldiges, anständiges Kind, das seine Tradition ernst oder allzu wörtlich nahm. Neben dem, was die weltlichen Politiker zu sagen hatten, hörte er, was seine orthodoxen Rabbiner sagten – in der eindringlichen, unerbittlichen Sprache des religiösen Dogmatismus, in der die Halakha schon von den Rabbinern des 3. Jahrhunderts unter den völlig anders gearteten Verhältnissen der barbarischen Sassanidenherrschaft formuliert wurde. Dieser Text wurde zu seiner Identität. Er förderte Haß und Zerstörungswillen. Amir war kein Verirrter. Er stand innerhalb einer normativen Tradition, die sich starr und urwüchsig durch die Jahrhunderte bis in unsere Zeit erhalten hat. Mich schockiert die Unverantwortlichkeit der Halacha-Lehrer, die nachher sagten: „Wir verwenden diese Sprache, aber wir hätten nie gedacht, daß Menschen nach ihr handeln würden.“ Das hätten sie besser wissen können.«

»Der Mörder«, so Hartmann weiter, »konnte glauben, er sei von Gott berufen, einen zweiten Holocaust zu verhindern. Aber diese Überzeugung kam nicht als nächtliche Offenbarung über ihn. Sie war Endpunkt und Resultat eines langen Indoktrinations- oder „Lern“-Prozesses. Die Halacha ist natürlich nicht so simpel, wie der Mörder sie sich vielleicht vorstellt. Diese Tradition umfaßt viele andere (humanistische, pazifistische) Elemente, die ein Gegengewicht zum Dogmatismus bilden könnten. Die Tragödie besteht jedoch darin, daß im Laufe der letzten Jahre eine Gruppe fanatischer, politisierter Rabbiner alle anderen Stimmen übertönt haben und sie nicht mehr zu Wort kommen lassen. Auch in Amerika hat sich anscheinend die Mehrheit der orthodoxen Gemeinde die Vorstellung zu eigen gemacht, die Rückgabe des Landes gefährde die jüdische Zukunft.«
Ob diese amerikanischen Rabbiner den Mord an Yitzhak Rabin rechtfertigen würden? »Gewissermaßen«, antwortete er. »Ich furchte sogar, sie würden ihn nicht nur rechtfertigen. Manche würden ihn bejubeln. Die Orthodoxie ist von einer schweren Krankheit erfaßt, die es früher nicht gab.«

Wie andere nationale Bewegungen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden, war auch der Zionismus ursprünglich weltlich und sogar antiklerikal ausgerichtet. Seine Ziele waren die Schaffung eines sicheren Zufluchtsortes für Juden in ihrer alten Heimat, die Veränderung der dortigen Gesellschafts- und Beschäftigungsstrukturen und die Wiederbelebung der hebräischen Sprache. Die frühen Zionisten lehnten die Möglichkeit einer Theokratie rundheraus ab. Tief verwurzelt im liberalen Nationalismus des 19. Jahrhunderts, schrieb Herzl: »Wenn der Glaube uns eint, so wird uns die Wissenschaft befreien.« An anderer Stelle versprach er, die Theokraten würden »auf ihre Tempel beschränkt werden, so wie wir auch unsere Berufssoldaten auf ihre Kasernen beschränken werden«. Er unterschätzte nicht nur den Nationalismus der Araber, sondern auch die latenten ethnozentristischen Kräfte, die durch den Aufschwung des Zionismus freigesetzt wurden; und er überschätzte den Liberalismus der Juden in einer Epoche universeller Selbstsucht, die er – trotz seiner apokalyptischen Grundhaltung – in ihrer furchtbaren Brutalität nicht voraussehen konnte. Der Aufstieg des »religiösen Zionismus« insbesondere nach dem Sechs-Tage-Krieg komplizierte die Verhältnisse ganz erheblich. Hat man, wie es die religiösen Zionisten vor allem seit 1967 taten, »das Land« erst einmal so mystifiziert, daß es zur Grundlage aller religiösen Leidenschaft wird, so muß jeder, der das von solcher religiösen Leidenschaft erfüllte Verhältnis zum Land bedroht und, wie Rabin und Peres, bereit ist, Teile dieses Landes preiszugeben, zum Feind werden.

In diesem Sinne war der Mord an Rabin ein »religiöser Mord«. Abraham Burg, der neue Vorsitzende der Jewish Agency, selbst ein orthodoxer Jude (und eines der Opfer einer Handgranate, die ein jüdischer Terrorist 1983 in eine Friedensdemonstration warf), hat hierauf von Anfang an hingewiesen. Nach der Ermordung Rabins durch einen Studenten der namhaften religiösen Universität Bar Ilan außerhalb von Tel Aviv, eines Zentrums rechter Anschauungen, attackierte Burg diese Institution als »Bar Ilan-Teheran«.
Der Mörder war ein fünfundzwanzigjähriger Fundamentalist namens Jigal Amir. Sein erklärtes Ziel war es, den Friedensprozeß aus dem Gleis zu bringen. Er behauptete, das Abkommen mit den Palästinensern widerspreche geheiligten religiösen Grundsätzen. Aus dieser Auffassung bezieht der religiöse Zionismus seit Jahren seine Kraft. Amir erklärte vor Gericht, der Halakhah zufolge müsse ein Jude, der »sein Volk und sein Land dem Feind überläßt, wie Rabin es tat, getötet werden. Mein Leben lang habe ich die Halakhah studiert, und ich verfüge über alle Daten.« In seinen Augen war Rabin persönlich für die Ermordung von Juden durch palästinensische Terroristen verantwortlich. Ihr Blut klebe an seinen Händen, so verkündet er. Rabin sei ein Verbündeter der Palästinenser.

Oft sagt man in solchen Fällen, der Täter sei verrückt oder verblendet, aber damit sagt man auch, seine Tat sei unbegreiflich. Nach allem, was wir wissen, ist sie das in diesem Fall jedoch keineswegs. Amir hatte eine paramilitärische Jeschiva oder Talmudschule absolviert und studierte zur Zeit des Mordes im dritten Jahr an der juristischen Fakultät von Bar Ilan. Diese Universität machte Anfang der achtziger Jahre zum erstenmal politisch von sich reden, als der Campusrabbiner, ein gewisser Israel Hess, eine Abhandlung mit dem Titel »Das Gebot zum Völkermord in der Thora« veröffentlichte. Alle, die dem »Volk Gottes« den Krieg erklärten, wurden darin als »Amalekiten« bezeichnet. »Gott erklärt den Gegen-Dschihad«, schrieb Hess. In einem solchen Krieg müßten die »Amalekiten«, wie in der Bibel, bis zum letzten Weib und zum letzten Kind ausgerottet werden. Und um seinen Lesern klarzumachen, daß es hier nicht nur um historische Fragen gehe, fügte er hinzu: »Der Tag wird kommen, an dem wir alle aufgerufen sein werden, diesen heiligen Krieg zur Vernichtung von Amalek zu vollenden.« Nach einem Bericht in der israelischen Tageszeitung Haaretz lehrt Hess noch immer in Bar Ilan, wo bis vor kurzem Anhänger des Rabbi Meir Kahane rassistische Plakate (und solche, die Rabin zeigten, wie er sich Blut von den Händen wäscht) ungestraft anbringen konnten, während ein Student, der auf dem Campus seine Freundin umarmte, Gefahr lief, vom Studium ausgeschlossen zu werden.

Von seinen Lehrern an dieser Universität wurde Amir als ernsthafter, sensibler, intellektueller, äußerst begabter und fleißiger junger Mann bezeichnet. (»Er verbrachte den ganzen Tag in der Bibliothek.«) Amirs Mutter sagte: »Seine Begabung war sein Unglück.« (Sie schickte einen Beileidsbrief »an Frau Rabin und das ganze Volk von Israel«, den sie in ungewöhnlich großen Buchstaben aus ihrem Computer druckte – eine sonderbare Mischung aus allgemeiner Besorgtheit, Schmerz, Distanziertheit und Entfremdung). Am Tag nach dem Mord gestand einer von Amirs Lehrern im Radio, er habe die ganze Nacht wach gelegen und sich gefragt, wo er etwas falsch gemacht habe. Die Universität sagte alle Lehrveranstaltungen für drei Tage ab und veranstaltete Gedenk- und Gebetsversammlungen. Ein Student, der im Internet verkündete: »Die Hexe ist tot«, wurde prompt hinausgeworfen. Nichts verlautete hingegen über Schritte zur Identifizierung von Lehrern, die möglicherweise genauso dachten wie er.

Amir besuchte auch ein orthodoxes, mit der Universität verbundenes Kolel oder Talmudseminar. Von vielen Schülern und einigen ihrer Lehrer dort weiß man, daß sie fanatische Gegner des Friedensprozesses sind. Wenn der Mörder nicht an Seminaren über Zivil- und Firmenrecht oder an Computerkursen teilnahm, organisierte er Gruppen zur Unterstützung der Siedlungen auf der West Bank. Im letzten Jahr meldete er zum Schein einen Wohnsitz in einer dieser Siedlungen an. Aul Grund dieser Adresse bekam er den Waffenschein für die Pistole, mit der er Yitzhak Rabin tötete. Er war kein Einzelgänger, der mit seinem Namen in die Geschichte eingehen wollte, wie Lee Harvey Oswald. Er war gesellig, beliebt, sah gut aus. Seine Eltern waren orthodoxe Einwanderer aus Jemen, die es zu einem gewissen Wohlstand und zu Ansehen gebracht hatten. Amir lebte mit seinen Eltern in einem kleinbürgerlichen Vorort von Tel Aviv. Die Familie wird als »warmherzig und liebevoll« beschrieben. Seine Mutter leitet einen Kindergarten, der sich großer Beliebtheit erfreut. Der Mörder war der sprichwörtliche nette Junge von nebenan. Er wurde in Israel geboren und ist hier aufgewachsen. Er ist kein verschrobener amerikanischer Arzt wie Baruch Goldstein, der auf der Suche nach einem neuen Wilden Westen 1994 das Massaker in der Moschee von Hebron anrichtete. Seinen Wehrdienst hat Amir in einer Eliteeinheit der Armee geleistet. Später schickte ihn die Jewish Agency nach Rußland, wo er Juden, die nach Israel auswandern wollten, Hebräischunterricht erteilte.

Seine Sprache war, wie es für seine Schicht typisch ist, eine Mischung aus Militärjargon und Talmud. Er war in den Worten von Zev Schafetz »ein waschechter Israeli. Seine Rabbiner hatten ihn ausgebildei, und wenn Sie mich fragen, so hat er für sie abgedrückt.«

Er glaubte an eine breite Zustimmung und hat sich in diesem Punkt vielleicht nicht geirrt. Aber die letzte Rechtfertigung seiner Tat war für ihn religiöser Art – wie dies auch für fast alle anderen Terrorakte von Juden in Israel und den besetzten Gebieten gilt. Es soll in den vergangenen zwanzig Jahren Hunderte von Übergriffen gegeben haben, die größtenteils ungeahndet blieben. In vielen Fällen fragten die Täter zunächst ihre Rabbiner um Rat, suchten bei ihnen das, was sie »geistliche Autorität« nannten. Manche Aktionen wurden von den Rabbinern selbst angeordnet. Die Namen dieser rabbinischen Berater konnte man in der Zeitung lesen. Aber die frühere Likud-Regierung hat sich immer geweigert, Untersuchungen gegen sie einzuleiten oder sie gar strafrechtlich zu verfolgen.

Andere Zeiten und eine andere Weltgegend hätten vielleicht auch einen anderen Jigal Amir hervorgebracht. Er wurde 1970 geboren, mitten hinein in den messianischen Siegestaumel nach dem Sechs-Tage-Krieg, den die Heilsprediger in einigen der führenden rabbinischen Seminare des Landes als Milkhemet Mitzva, als eine Art »heiligen Krieg«, einen jüdischen Dschihad und zugleich als Ankündigung der bevorstehenden Erlösung deuteten, als Anbruch eines neuen chiliastischen Zeitalters, des Endes aller Tage. »Land Israel« war kein territoriales Konzept, sondern ein theologischer Heilsbegriff.
Die unter dem Namen Halakhah bekannte jüdische Überlieferung ist ein vielschichtiger Komplex von Argumenten und Gegenargumenten, von Auslegungen und Auslegungen von Auslegungen. Ihr Wortlaut ist aus sich heraus leicht manipulierbar. Seit dem Aufstieg des selbsternannten Messias Sabbatai Zwi im 17. Jahrhundert ist dieser Text nicht mehr so eindringlich und so erfolgreich manipuliert worden wie nach dem Sechs-Tage-Krieg von den radikalen Rabbinern des rechten Flügels in Israel.
Der Judaismus ist eine in hohem Maße dezentrale Religion. Das Amt des Oberrabbiners ist rein administrativer Art. Mangels einer Hierarchie können alle autorisierten (und auch manche unautorisierten) Rabbiner sogenannte halachische Gebote erlassen. Die verschiedenen Texte widersprechen einander oft. Traditionelle Exegeten weisen daraufhin, daß jede buchstäbliche Deutung dieser Texte äußerst irreführend sein kann und zumindest in hohem Maße strittig ist.

Eine solche buchstäbliche Deutung wurde in den letzten Jahren dem halachischen Gebot zuteil, »das Land« zu besiedeln, das einige radikale Exegeten noch über die Zehn Gebote stellten. Ihre militanten Gefolgsleute brachten sie auf diese Weise in einen eigentümlichen Zwiespalt im Hinblick auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Wo die »Demokratie« oder das Recht des weltlichen Staates in einen Widerspruch zur metaphysischen Autorität der Halacha zu geraten schien, da wurden Demokratie und Rechtsstaat als Memschelet Sadon (»Reich der Niedertracht«) verurteilt und Verstöße gegen dieses Recht als legitim angesehen. »Es gibt Wichtigeres als die Mehrheitsherrschaft«, erklärten die Militanten – zumal wenn die Regierung, wie es in Israel heute der Fall sei, über eine knappe Mehrheit verfüge, die sie nur mit Hilfe arabischer Stimmen erreiche. (»Auch Hitler ist demokratisch gewählt geworden.«) Rabins Abkommen mit der PLO, durch das Teile des Landes an die Palästinenser abgetreten werden, erschien als »Verschleppung des messianischen Prozesses«.

Der zweite Hitler und der Niedergang der Rationalität

Indem die Regierung die Siedler in Judäa und Samaria den Launen Arafats (»eines zweiten Hitler«) auslieferte, wurde sie zu einem jener »Judenräte«, die in den von den Nazis besetzten Ländern Europas mit der Gestapo zusammengearbeitet hatten. Rabin wurde als Quisling niedergeschrien, der sich mit dem Bösen verbündet habe. Von seinen Händen triefe jüdisches Blut, das Blut derer, die von den Hamas-Terroristen ermordet wurden. Rabin sei das, was die Halacha des 3. Jahrhunderts als einen Rodef (einen „Peiniger“ / „Verfolger“) bezeichnete, und damit eines todeswürdigen Verbrechens schuldig. Einige Wochen vor Rabins Tod versammelten sich vor seinem Amtssitz in Jerusalem zwölf Kabbalisten, die allerlei altertümliche jüdische Beschwörungs- und Verwünschungsformeln anstimmten und verschiedene andere Voodoo-Riten zelebrierten, um Rabins Tod herbeizuführen. Über diese sonderbare Veranstaltung wurde in der Presse berichtet. Aufgrund eines merkwürdigen Zufalls fand in Jerusalem wenig später eine internationale Tagung über »Magie und Zauberei im Judentum« statt. Schwerlich hätte man einen passenderen Tagungsort finden können.
Mosche Idel, nach Gershon Scholem der angesehenste israelische Gelehrte auf diesem Gebiet, Professor für jüdisches Denken an der Hebräischen Universität, gehörte zu den Organisatoren der Tagung. Er informierte die Teilnehmer über das kabbalistische Treiben vor Rabins Amtssitz. Dies, so sagte er, geschah »mitten in Jerusalem, in einer einigermaßen normalen Zeit. Aber in den religiösen Kreisen erhob sich kein Protest. Niemand erklärte, das alles sei Unsinn. Mit anderen Worten, sie glauben, daß diese Beschwörungen, diese Schwarze Magie tatsächlich wirksam sind. Vielleicht bedauerte der eine oder andere, daß man dem Premierminister oder einem Juden so etwas antat – aber niemand zweifelt daran, daß es funktioniert.« Die »Einführung der Magie in die Politik«, so schloß Idel, sei ein Zeichen für den Niedergang der Rationalität.

Zehn Jahre zuvor schrieb Leon Wieseltier in einem Aufsatz über den Aufstieg von Meir Kahane, die Juden müßten sich um ihre Dämonen ebenso kümmern wie um ihre Feinde. Seither sind die Feinde einer nach dem anderen verschwunden. Die Dämonen jedoch sind geblieben.

Die Polizei war in der Woche nach der Tat überzeugt, daß auch der Mörder Rabins eine Art von Bestätigung für seine tödliche Interpretation der Halacha durch eine rabbinische Autorität erhalten habe. Man sei, so hieß es, einem Mann auf der Spur, der angeblich der »geistliche Beistand« Amirs und seiner Komplizen gewesen sei. Die Polizei vermutet, ein gläubiger Mensch wie Amir würde den Premierminister nicht ohne unter Berufung auf die Halacha erteilte rabbinische Zustimmung erschossen haben. Möglicherweise habe er vor der Tat eine sogenannte »Beichte in der Synagoge« abgelegt – bei wem, darüber kann man im Augenblick nur spekulieren. Anfang letzter Woche hat ein prominenter Dissident von der Wes-Bank, Rabbi Joel Bin-Nun, den sogenannten »geistlichen« Ratgebern Amirs ein (allzu spätes) Ultimatum gestellt. Sie hätten, so behauptete er, halachische Gebote erlassen, denen zufolge Rabin tatsächlich ein Rodef sei und den Tod verdient habe. Bin-Nun, der daraufhin sofort Drohanrufe erhielt und rund um die Uhr unter Polizeischutz gestellt wurde, erklärte, er wisse, wer diese Leute seien. Wenn sie nicht sofort von ihren Rabbinerposten zurückträten, würde er ihre Namen öffentlich machen. Es seien wichtige Namen und weithin geachtete rabbinische Autoritäten darunter. Er wolle, so verkündete Bin-Nun ganz im Ton der Zeit, gegen sie kämpfen – wenn nötig »bis zum Tod«.

Netanjahu: „Sie, Yitzhak Rabin, klage ich an! Sie sind schuldig!“

Bei seiner Vernehmung vor Gericht rühmte sich der Mörder seiner Tat. Seine kurze Ansprache war prägnant formuliert und spiegelte seine Auffassung von der Halacha. Dies geschah im kürzeren Teil seines Monologs, in dem er Rabins halachische Verbrechen aufzählte. Der Rest seiner Rede wies in fast jedem Satz Anklänge an Äußerungen auf, die in den letzten Monaten die Likud-Führer Benjamin Netanjahu, Uzi Landau, Ariel Scharon und die Sprecher der beiden kleineren rechten Oppositionsparteien, die Ex-Generäle Ejtan und Zeevi, von sich gegeben hatten.
Die scharfen persönlichen Agriffe dieser Leute auf Rabin markieren einen Tiefpunkt im politischen Diskurs Israels. Obendrein hatte man in den letzten sechs Monaten mit einer ausgeklügelten Strategie versucht, Rabin zu zermürben. Likud-Sprecher räumten öffentlich ein, ihr Ziel sei es, ihn psychologisch zu zerbrechen, sein Selbstbewußtsein zu brechen.

Bei einem Ausflug mit normalerweise gesitteten Einwanderern aus angelsächsischen Ländern, den die rechte Jerusalem Post organisiert hatte, wurde Rabin mit dem Ruf empfangen: »Da kommt der Bluthund.« Rabin, so hieß es immer wieder, habe »kein Mandat«. Man warf ihm vor, dem palästinensischen Terror indirekt Vorschub zu leisten. »Sie, Herr Premierminister«, so Netanjahu am 18. April 1994 in der Knesset, »werden als der Premierminister in die Geschichte eingehen, der eine Armee palästinensischer Terroristen gegründet hat.« Und ein paar Tage später bei einer Pressekonferenz: »In einer Stunde wird Rabin verkünden können: Ich habe den Terroristenstaat Palästina gegründet.« Ein Jahr später, nach dem Sprengstoffanschlag eines palästinensischen Selbstmordterroristen auf einen Reisebus in Tel Aviv: »Sie, Yitzhak Rabin, klage ich an! Sie schüren den arabischen Terror! Sie tragen die unmittelbare Verantwortung für das scheußliche Massaker in Tel Aviv. Sie sind schuldig! Dieses Blut kommt über Ihr Haupt!«

In der israelischen Politik geht es oft hart her, aber keiner anderen israelischen Regierung hat die Opposition so bewußt und systematisch die Legitimität abgesprochen wie der von Rabin. Er versetze dem Land einen Dolchstoß in den Rücken, krieche vor ausländischen Staatsmännern, habe keinen Nationalstolz und sei bereit, sich auf »Auschwitzgrenzen« zurückzuziehen. Immer wieder wurde seine Puppe, in Naziuniform oder mit einem karierten Kopftuch à la Arafat, bei Demonstrationen der Opposition gezeigt. Netanjahu selbst sprach kürzlich auf einer solchen Kundgebung mitten in Jerusalem. Selbst als namhafte Rabbis, darunter zwei Oberrabbiner, die israelischen Soldaten unter Berufung auf die Halacha aufforderten, alle Befehle zur Räumung der West Bank zu verweigern, erklärten führende Oppositionelle noch, Rabin habe für das, was er tue, »kein Mandat«. Seine Parlamentsmehrheit beruhe auf »nicht-jüdischen Knesset-Angehörigen«, die ihre Weisungen von Arafat erhielten. Mehrfache Warnungen (auch der Polizei), eine solche Sprache könnte Anschläge auf Rabin und Peres zur Folge haben, wurden ignoriert. Scharon tat sie als »stalinistisch« oder als »Provokation seitens der Medien« ab.
Ein amerikanischer Rabbiner namens Hecht verkündete im israelischen Fernsehen, Rabin habe den Tod verdient, und berief sich dabei auf Maimonides. In anderen Ländern würden auf solche Drohungen Anklagen vor Gericht folgen. In Israel folgte ihnen während der letzten Wochen nur die nächste Talkshow. Selbst als Netanjahu seine Gefolgsleute in sanften Worten zur Mäßigung ermahnte, ritten er und seine Bundesgenossen noch auf den Tigern, die sie losgelassen hatten.

Mit bemerkenswerter Offenheit erklärte ein Veteran der Nationalreligiösen Partei: »Es läßt sich nicht bestreiten, daß fast alle gewalttätigen rechten Extremisten in Israel heute Käppchen tragen und religiöse Erziehungseinrichtungen besucht haben. Wir müssen uns fragen, wo wir etwas falsch gemacht haben.« Im Zentrum von Jerusalem konnte man letzte Woche einen alten bärtigen Mann mit einer Jarmulka auf dem Kopf sehen, der ein Schild vor sich her trug: »Ich schäme mich.« Es bleibt abzuwarten, ob auch die Likud-Partei irgendwann Zeichen von Reue zu erkennen gibt, wie es jetzt die orthodoxe Gemeinde tut.

Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser