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Lena Gorelik im Interview

Ein schönes, dunkelgraues Altbauhaus in einer grünbewachsenen Strasse im Münchner Stadtviertel Haidhausen. Eine junge Frau mit sympathischen, etwas müden, grünbraunen Augen in Jeans und blauem T-Shirt, öffnet mir die Tür und fragt, ob ich Angst vor Hunden hätte. Im selben Moment, saust ein kleines, schwarzes Etwas auf mein rechtes Bein zu und schleckt mir übermütig die Finger – „Blacky“, Lena Goreliks neues Familienmitglied seit einigen Tagen. Bei süßen Erdbeeren und grünem Kräutertee, sprechen wir dann auf einem gemütlichen, breiten, roten Sofa über Hundeerziehung, Cafes in Haidhausen, Kinder und den deutschen Arbeitsmarkt…

Interview: Anne Kathrin Grünhoff

Lena, ich fange jetzt mal von hinten an. Du hast an der LMU (Ludwigs-Maximilians-Universität, München) den Magister in Osteuropäischer Geschichte absolviert und schreibst gerade Deine Doktorarbeit in jüdischer Geschichte. Warum machst Du den Doktor? Hast Du nicht genug zu tun?

Oh, nein, ich habe eigentlich mehr als genug zu tun. Mich erstaunt es eigentlich selber, weil ich mein Studium mehr oder weniger einfach so nebenher hinbekommen habe. Zunächst war ich Schülerin der Münchner Journalistenschule, parallel habe ich bereits journalistisch gearbeitet. Während der Uni schrieb ich gleichzeitig an meinem ersten Buch. Das Studium hat mich stets überaus interessiert, aber ich war nie eine von denen, die immer brav den Reader durchgelesen hat. Dann, als ich über meiner Magisterarbeit saß, riss ich mich sehr zusammen, auch weil ich von meinen wissenschaftlichen Fähigkeiten nicht sehr überzeugt war. Und – es hat mir solchen Spaß gemacht, dieses Vertiefen in ein Thema und das damit verbundene konzentrierte Arbeiten.

Man hat keine schlechten Tage! Beim kreativen Arbeiten habe ich oft unproduktive Tage, die mir dann furchtbar auf die Laune schlagen. In der Wissenschaft gehe ich nach einem Plan: heute mach ich das, lese dies und recherchiere jenes.

Du wechselst somit zwischen den verschiedenen Stil- und Formrichtungen. Du schreibst Bücher, arbeitest journalistisch und eben auch wissenschaftlich. Was liegt Dir am meisten? Kollidieren die verschiedenen Denk- und Schreibweisen manchmal auch miteinander?

Ich glaube, dass sich die verschiedenen Stilrichtungen sehr gut ergänzen. Es ist für mich überaus hilfreich diesen jeweils anderen Blick auf die Dinge haben zu können. Es reizt mich, Abwechslung zu leben – wenn ich genug von der Wissenschaft habe, kann ich mich heute entscheiden, eine ganz verrückte Welt neu zu erfinden. Ich möchte auch kein Freak sein, der nur hinter Büchern verschimmelt. Mein Problem ist in erste Linie, Zeit zu finden, diese verschiedenen Stilrichtungen immer wieder neu zu verbinden.

Über welches Thema schreibst Du in Deiner Dissertation?

Ich befasse mich mit der Erinnerungskultur und dem Selbstverständnis russisch-jüdischer Einwanderer.

Warum? Und wie viel hat das Thema mit Dir und Deiner Biographie oder Selbstwahrnehmung zu tun?

Ja, sicherlich haben die Themen auch immer mit der eigenen Identität oder Geschichte zu tun. Aber wie kann ich mich ausdrücken, ich wurde auch ein ganz wenig in diese Fragestellung hineingedrängt. Professor Brenner (Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität, München) hatte mich gefragt, ob ich dieses Thema bearbeiten möchte, weil es mir doch sicherlich liegen würde. Ich besitze den inneren Blick für dieses Thema und beherrsche natürlich die russische Sprache, was überaus hilfreich ist.

Darüber hinaus nehme ich die Dinge sehr emotional wahr und möchte mir dann das Hintergrundwissen aneignen. Während meines Osteuropastudiums habe ich beispielsweise über russische Wirtschaft und die Perestroika gelernt, was ich bis dato nur auf der kindlichen Ebene erfasst hatte. Warum gab es kein Brot mehr oder warum hatten andere Kinder westliche Spielzeuge…. jetzt verstehe ich alle Zusammenhänge und das Bild komplettiert sich.

Du schreibst viel über „Jüdisches“, „Russisches“ und „Deutsches“ – alle drei Ebenen gehören zu Dir, welche mehr und welche weniger oder ist diese Dreiteilung einer Identität viel zu vereinfacht?

gorelikDiese Identitätsaufspaltung stellt sich für mich als viel zu simpel dar. Diese Trennung ist auch überhaupt nicht notwendig – was für ein Schwachsinn! Ich bin doch genauso Hundebesitzerin, Ehefrau, ich liebe Schokolade und Kekse und ja klar- ich bin darüber hinaus auch noch Schriftstellerin! All die benannten Begriffe sind genauso Teile meiner Identität als Lena Gorelik. Sie sind genauso wichtig wie mein russischer oder jüdischer Hintergrund. Es kommt wirklich auf den Tag an – kein Teil überwiegt den anderen. Wenn ich mit meinem Hund spiele, ist meine jüdische Identität doch überhaupt nicht von Bedeutung, doch meine Identität als Blacky–Besitzerin durchaus!

Du wirst oft in Interviews über Deine Jüdische Identität befragt. Warum glaubst Du, fällt es den Menschen leichter, Dich offener über das Jüdisch – Sein in Deutschland anzusprechen? Du thematisierst das Judentum in Deinen Büchern, gehst leichter, humorvoll und daher eher unbeschwert und natürlich damit um. Warum findest Du einen weniger belasteten Umgang?

Ja ich hoffe sehr! Ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob es den Leuten tatsächlich leichter fällt, mit mir ungezwungener über das Judentum zu sprechen. Ich verspüre diese ganze Beschwertheit nicht, ich mag sie nicht und ich finde sie unnötig. Ich empfinde sie auch als anstrengend. Möglicherweise gehen die Leute auf mich zu, weil ich selbst offen und leichter diesem Thema gegenüber stehe. Ich muss allerdings sagen, dass ich in meiner Pubertät nicht so locker war. Aber das lag nicht an meiner Umwelt, sondern einfach an mir selbst. Ich habe damals kosher gegessen, eine riesige Israelflagge über mein Bett gehängt und wollte in die Armee eintreten. Darüber hinaus warf ich dann auch mal gerne deutschen Schulfreunden vor, dass „doch genau Eure Großvater meine Familie getötet hätten!“ …… aber das war eine bestimmte Zeit und hatte wirklich weniger mit Realitäten zu tun, sondern vielleicht damit, dass ich mich zu dieser Zeit selbst nicht leiden konnte. Für mich ist jüdisch sein einfach kein großes Ding, wie die Amis zu sagen pflegen: „It’s no big deal!“

Wirst Du möglicherweise ein wenig in diese Rolle der Jüdin in Deutschland gestellt, mit der man endlich mal unbeschwert über dieses Thema sprechen darf? Wie empfindest Du das?

Ja, vielleicht werde ich das. Aber ich mag es eigentlich überhaupt nicht, in irgendwelche Rollen gesteckt zu werden- aber man kommt halt auch oft nicht daran vorbei. Wenn ich aber diejenige bin, die quasi unbeschwert mit dem Thema Judentum umgehen kann, dann finde ich diese Rolle nicht so schlimm wie andere, unangenehmere…. weil ich mir eben grundsätzlich wirklich wünsche, dass Menschen mit mir über das jüdische Thema und alles, was damit zusammenhängt, frei sprechen können.

Wie wird Judentum/ Holocaust/ Antisemitismus und jüdisches Miteinander mittlerweile in Deutschland behandelt? Wie nimmst Du deutsche Juden diesbezüglich wahr?

Das ist meiner Meinung nach, eine Generationsfrage. Ältere Leute und sicherlich einige in unserem Alter, die mit Studiosus oder der Kirchenfreizeit nach Israel fahren- sind immer noch ganz schrecklich beschwert. Auf einer Lesung in Nordrhein-Westfalen, kam eine Frau nach der Lesung auf mich zu und meinte, ja schön, aber jetzt haben wir uns ja gar nicht betroffen gefühlt! Dieses Gefühl muss einfach dazugehören- und das ist einfach eine Generationenfrage in meinen Augen. Ich empfinde aber, dass dieser Zwang langsam verschwindet. Zumindest hoffe ich das sehr!

Ich nehme deutsche Juden diesbezüglich als anstrengend wahr. Es gibt natürlich auch einige, die anders ticken, leider nicht genug. Ich finde, dass sich der Großteil das Leben einfach sehr schwer macht.

Was stört oder nervt Dich an deutscher Jüdischkeit?

Die Beschwertheit und dieses ständige, ich nenne das „Antisemitismussucherei“- nach dem Motto: „stand in diesem Artikel jetzt etwas nicht korrektes, könnte man diesen Satz jetzt so umdrehen, aber, wenn dieses Wort anders gemeint ist, wäre es dann etwa antisemitisch …?“

Mit 11 Jahren bist Du nach Deutschland gekommen. Wie bist Du hier empfangen worden?

Ehrlich, ich habe mich nicht empfangen gefühlt. Ich war einfach hier und es gab ein Leben, an dem ich nicht teilnehmen konnte. Nicht, weil man mich hier nicht haben wollte, mehr, weil ich der deutschen Sprache nicht mächtig war und sich keiner für mich interessierte. Ich empfand eine Mischung aus Unwohlsein und dem Wunsch von hier verschwinden zu wollen einerseits und andererseits dieser unglaublichen Faszination an dem westlichen Land, Deutschland.

Warum seid Ihr nach Deutschland gekommen?

Meine Eltern kamen 1992 hierher. Zu dieser Zeit gab es ja tatsächlich offenen Antisemitismus und Pogromgerüchte in Russland, gepaart mit der unglaublich schlechten, wirtschaftlichen Lage. Dies waren die Gründe.

In Russland wurde Judentum fast nicht praktiziert. War das in Deiner Familie auch so? Wurde hier, in der Gemeinde, dann ein gewisser Druck auf Euch ausgeübt, schnell und gut „jüdisch“ zu werden? Wie war das für Dich?

Wir hatten ja damals zur Stuttgarter Gemeinde Kontakt und wir wurden dort überhaupt nicht warm oder offen empfangen. Aber als Kind war ich so sehr mit dem Deutschlernen beschäftigt, und hatte daher mit der Gemeinde nicht viel am Hut. Hinzu kommt, dass ich und meine Familie absolut unreligiös sind. Als ich dann deutsch konnte und in der deutschen Gesellschaft einigermaßen integriert war, nahm ich mit anderen Jugendlichen am Religionsunterricht in der Gemeinde teil und war dann schon im jüdischen Jugendzentrum und fuhr auf diese jüdischen Freizeiten mit.

Ich habe damals in dem Alter keinen Druck verspürt, habe diese Vorgehensweise der Gemeinde aber natürlich auch absolut nicht in Frage gestellt. Heute sehe ich das natürlich anders. Diese Jugendfahrten waren ja wie andere Zeltlager auch, es war super- mit anderen Jugendlichen Party zu machen, zwei Wochen den ersten Freund zu haben und dieser gefühlte Zusammenhalt. Heute kann ich sagen, würde ich meine Kinder nicht zu solch einer Gehirnwäsche schicken. Jeden Morgen wurde die israelische Flagge gehisst, von den braven Strebern, die nachts nicht unterwegs waren und dann wurde die israelische Hymne gesungen.

Du hast Dich ja offensichtlich sehr erfolgreich integriert und bist eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden. Hast Du viel mit „den Russen“ hier zu tun? Wie man hört, fällt es manchen Russen leichter und manchen schwerer, in Deutschland anzukommen. Wie viel „Russland“ darf man mitbringen und wie viel muss man zuhause lassen? Hast Du einen Tipp?

Ich habe hier weniger mit Russen zu tun- ich hätte sehr gerne mehr Kontakt. Nur eine Handvoll aus meiner Jugend sind mir geblieben.

Man muss einfach ein Interesse an Deutschland mitbringen. Das ist alles. Ich bin auch dagegen, dass man hier komplett seine Vergangenheit ablegen muss. Das funktioniert auch nicht. Einfach offen sein für das Neue.

Über welches Thema wird Dein nächstes Buch handeln?

Hunde. Bin noch ganz am Anfang und seit ich Blacky habe, wechselte ich komplett das Thema.

Lena Gorelik wurde 1981 in St. Petersburg und kam mit elf Jahren als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland. Bisher ist von ihr erschienen: Meine weißen Nächte, 2004 / Hochzeit in Jerusalem, 2007 / Verliebt in St. Petersburg, 2008
Foto: © Peter v. Felbert

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