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Jüdisch-bayerische Geschichte: „Die Judenverfolgungen in Bayern“ von Joseph Maria Mayer (1869)

Der Beitrag zu Ignaz v. Döllinger bzw. sein Aufsatz „Die Juden in Europa“, dürften noch in Erinnerung sein. Auch heute soll wieder ein christlicher Autor zu Worte kommen, keiner zwar, der sich mit dem genannten Altmeister der Geschichtsschreibung messen könnte, und dennoch einer, der zu seiner Zeit zumindest bayernweit Gehör und Anklang fand: Joseph Maria Mayer…

Von Robert Schlickewitz

Wie zeitgenössischen Besprechungen in der bayerischen Publizistik („Süddeutsche Presse“, „Münchener Bote“, „Neueste Nachrichten“, aber auch „Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit“) zu entnehmen ist, besaß Mayer zu seiner Zeit, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert, einen guten Ruf als Heimathistoriker und glaubwürdiger Publizist. Seine bekanntesten Werke sind das „Münchener Stadtbuch“ und das „Bayern-Buch“, dem der hier wiedergegebene Originaltext entnommen ist. Beide Publikationen sind heute noch gelegentlich in Antiquariaten anzutreffen, was für einen gewissen Verbreitungsgrad spricht.

In seinem „Bayern-Buch“, das übrigens im Königreich Bayern erschien, als dieses noch nicht Bestandteil des Deutschen Reiches war, gibt Mayer alte bayerische Sagen wieder, berichtet er über die Christianisierung, skizziert er Herrscher- und Heiligenviten, widmet er sich ausführlich ausgewählten Aspekten der mittelalterlichen bayerischen Geschichte sowie der Architekturgeschichte seiner Heimat, gewährt er schließlich Einblicke in das Leben und Leiden der Ritter, der Frauen, der Geißler und der Juden.

Das hier am meisten interessierende Kapitel „Die Judenverfolgungen in Bayern“ belegt, dass auch schon vor Döllinger (1881) ein christlicher bayerischer Autor das eklatante Unrecht, das den Juden im Laufe der Jahrhunderte von Seiten der christlichen Mehrheit widerfahren war, thematisierte und als solches auch benannte. Zwar sind bei einer ganzen Reihe der von Mayer zitierten Quellen Zweifel an deren Glaubwürdigkeit angebracht, dennoch leistet sein Blick auf die bayerische Judengeschichte einen nicht unbedeutenden Beitrag zum bayerischen Judenbild der Ära Ludwigs II., des ‚Märchenkönigs‘.

Anders als Döllinger kann es sich Mayer nicht leisten die Kirche anzugreifen; vielmehr verteidigt er sie mehrfach, indem er judenfreundliche Päpste bzw. deren Erlasse nennt (und judenfeindliche konsequent verschweigt!), indem er jedwede Schuld der Kirche an Judenverfolgung und Judenmord in Abrede stellt, indem er anderen Historikern, die diese kirchliche Schuld feststellten, entschieden widerspricht. Für ihn sind es vielmehr die Zeitumstände, menschliche Schwächen, Fanatismus, Aberglaube, Armut bzw. der Neid und Habgier auslösende „Reichthum“ sowie die Hass gebärenden „Wuchergeschäfte“ der Juden, die jene häufigen ‚Rückfälle in die Barbarei‘ auslösten.

Was Mayer trotz dieser Einschränkungen als moderner als viele bayerische Historiker der Gegenwart erscheinen lässt, sind einmal, dass er Juden und deren Verfolgung in Bayern ein eigenes, umfangreiches Kapitel widmet (die meisten populären bayerischen Geschichtsbücher von nach 1945 erwähnen Juden bzw. deren Leistungen und Leiden in Bayern nur en passant, falls überhaupt) und, zweitens, seine Einsicht bzw. sein Mut, offen auszusprechen, dass die Judenverfolgungen in Bayern im Vergleich zu anderen deutschen Regionen ganz besonders radikal, brutal und abscheuerregend („arg“) ausfielen. Ein Eingeständnis, welches man in dieser Direktheit in keinem modernen Geschichtsbuch antreffen wird. Ebenfalls erfreulich: Wie Döllinger ist auch Mayer sich nicht zu schade, Mitgefühl und Bedauern für das Schicksal der von seinen Vorfahren dahingemordeten und beraubten Juden zu empfinden und dies in seinen Ausführungen mehrfach auszudrücken.
Mayers von übergroßem Optimismus geprägter Schlusssatz (“ …Morgenröthe einer besseren Zukunft.“) entbehrt nicht einer gewissen Tragik, angesichts dessen, dass ein halbes Jahrhundert später in Bayern, in München, der Grundstein für die folgenreichste Judenverfolgung aller Zeiten gelegt wurde.

Es wäre schön, wenn auf die Veröffentlichung dieses Beitrags hin möglichst viele HaGalil-Leser unseren sehr verehrten Herrn Ministerpräsidenten Horst Seehofer per Brief oder Email auffordern würden, unter Berufung auf Döllinger und Mayer, die Minderheitengeschichte unseres Freistaates vollständig und ohne falsche Rücksichten auch in allgemeinen bayerischen Geschichtsbüchern (nicht nur in selten gelesenen Fachbüchern), vor allem aber in den Schulbüchern, wiedergeben zu lassen, und ferner, ebenfalls in diesen Büchern, endlich detailliert die unermessliche Schuld der Kirchen an Hass und Verfolgung von Juden, Sinti, Roma aber auch Homosexuellen endlich zu benennen und einzugestehen. Denn, wie lange noch wollen wir uns und unsere Kinder belügen!

„Die Judenverfolgungen in Bayern.

Noch ehe das Unwesen der Geisler durch das Ansehen des päbstlichen Verbotes und durch die polizeiliche Einschreitung der Fürsten erstickt war, erhob sich, wie wir schon am Ende des vorhergegangenen Abschnittes über das ‚Elend der Zeiten‘ angedeutet haben, eine andere, weit schrecklichere Bewegung: die Verfolgung der Juden.

Ehe wir aber diese betrübenden Vorgänge schildern, müssen wir zum vollen Verständnisse einen kurzen Abriß der Geschichte der Juden in Bayern vorausschicken.

Schon in den frühesten Zeiten erscheinen die Juden in Bayern. Diese hatten sich, obwohl ihr großer Gesetzgeber Moses einst das ganze Dasein des Volkes auf den Ackerbau gegründet hatte, im römischen Reiche ganz dem Handel, als dem einträglichsten Gewerbe, hingegeben, und sich zu diesem Zwecke allenthalben angesiedelt. Als die Römer auf ihrem Eroberungswege zuerst die vindelizische Stadt Damasia – später von ihnen Augusta Vindelicorum und jetzt Augsburg geheißen – betraten, trafen sie daselbst bereits einen jüdischen Geldwechsler und Purpurhändler, Namens Kleophas. Und von Regensburg geht die Sage, daß sie schon lange vor Christi Geburt, als die Stadt noch Germansheim geheißen, dort gewohnt hätten. Bei Gelegenheit der im Jahre 1348 stattgefundenen Verfolgung sollen die Regensburger Juden behauptet, und im Jahre 1477 dem Kaiser Friedrich III. zu Linz durch giltige Zeugnisse bewiesen haben, daß ihre Vorfahren schon nach der Zerstörung des ersten Tempels lange vor Christo sich in Deutschland niedergelassen, und also an der Verurtheilung des Herrn durch die palästina’schen Juden keinen Antheil genommen hätten; daß sie ferner in Regensburg bereits 1874 Jahre lang, also schon vor dem Jahre 397 v. Chr. ihre Wohnungen, Synagoge und Lehrstühle gehabt; daß ferner zur Zeit, als die Römer dortselbst die porta decumana (das im Jahre 1809 abgetragene schwarze Burgthor beim nackten Herrgott) gebaut und wegen einer plötzlich entstandenen großen Sonnenfinsternis nicht mehr daran hätten fortbauen können, an die Regensburger Juden von Jerusalem aus ein Sendschreiben gelangt sei mit der Nachricht, Jesus der sich nennende König der Juden sei zu eben der Zeit, als die große Sonnenfinsternis eingetreten, erwürgt worden. Sogar den ganzen Vorgang der Leidensgeschichte will die Regensburger Judenschaft in jenem Briefe mitgetheilt erhalten haben. Alle diese Angaben als bloße Sagen dahingestellt, so ist doch jedenfalls wahrscheinlich, daß wie in Augsburg, so auch in Regensburg bereits zu Anfang des 1. Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung Juden untermischt mit den der römischen Legion nachgezogenen Kaufleuten wohnten. Anfänglich scheinen sie den abgelegensten, im Verlaufe der Zeit aber schon den besten Theil des römischen Kastells Regino, der nachmaligen Altstadt Regensburg’s, innegehabt, und länger als ein Jahrtausend bis zu ihrer Vertreibung im Jahre 1519 im vollen Genusse aller seit den Römerzeiten hergebrachten bürgerlichen Rechte und Freiheiten sich befunden zu haben. Denn als im Jahre 1519 die ‚Judenstadt‘ zerstört wurde, fand man daselbst weitläufige unterirdische römische Gänge und Gewölbe, die aber, da man glaubte, die Juden hätten solche zur Verbergung ihrer Schätze und Reichthümer und zur Verheimlichung ihrer Morde an Christenkindern gebaut, leider größtentheils zerstört wurden.

Die erste Verfolgung erlitten sie schon unter dem König Dagobert, indem alle Juden im ganzen fränkischen Reiche auf Ersuchen des byzantinischen Kaisers Heraclius zur Annahme des katholischen Glaubens und zur Taufe gezwungen wurden; eine Maßregel, die, wenn sie anders streng vollzogen wurde, auch die in den Rheinstädten und in Augsburg und Regensburg befindlichen Juden betroffen haben muß.

mayerIn den nächsten Jahrhunderten zeigt sich in Bayern noch keine namhafte Vermehrung der Juden, vielmehr scheint ihre Zahl daselbst noch sehr gering und nur auf jene Städte beschränkt gewesen zu sein, welche nach den Stürmen der Völkerwanderung frühzeitig mit Italien und dem südlichen Frankreich wieder Handelsverbindungen angeknüpft hatten, also auf die Rheinstädte, Augsburg und Regensburg. Erst im 11. Jahrhundert finden wir die Juden in Bayern, beziehungsweise in den damaligen Reichsstädten, in größerer Menge, indem der folgenreiche Irrwahn des Mittelalters, daß das deutsche Kaiserthum eine Fortsetzung des römischen sei, und Karl der Große unmittelbar alle Rechte und Vorzüge der römischen Kaiser erhalten habe, den deutschen Kaisern auch die uneingeschränkte Herrschaft und so zu sagen das Eigenthumsrecht über die Juden verlieh; daher es auch im Schwabenspiegel ausdrücklich heißt: ‚Die Juden gab der König Titus zu eigen in des Künigs Kammer, davon sollen sie noch des Reiches Knecht sin, und er soll sie auch schirmen.‘ – Allein bei der Schwäche der Kaiser setzten sich sowohl die weltlichen als die geistlichen Reichsstände nach und nach in den Besitz des Rechtes, Juden zu halten und die goldene Bulle bestätigte den Fürsten dieses Recht mit dem Beisatze: ‚so wie sie es vorlängst und rühmlichst hergebracht hätten.‘

Es ist leicht erklärlich, warum die Fürsten ihr Recht der Judenduldung so hoch aufschlugen und so eifrig bewachten und die mannigfaltigen Versuche der Reichsstädte, dieselben unter ihre Jurisdiktion zu bringen, beharrlich abschlugen und bekämpften. Die hohen Abgaben, welche die Juden den Fürsten für Duldung und Schutz bezahlen mußten, und die Willkür und Leichtigkeit, mit der man sie ihres damals meist sehr beträchtlichen Vermögens berauben konnte, machten sie zu einer der reichsten und ergiebigsten Quellen der Finanzoperationen. So mußten die Regensburger Juden den bayerischen Herzogen für den Schutz sehr hohe Abgaben unter dem Namen der Judensteuer erlegen, und wurden daher wie im übrigen Deutschland, Frankreich und England, servi camerae, Kammerknechte, genannt. – Diesen Schutz wußten sie aber auch mit Beihilfe ihres ihnen angeborenen Handelsgeistes wohl zu benützen; der Handel in Deutschland und Frankreich war beinahe gänzlich in den Händen der Juden, sie vermittelten, wie wir bereits früher angeführt haben, nicht nur den levantinischen Handel mit edlen Gewürzen und Früchten, mit Gold, Geschmeide und Edelsteinen, mit köstlichem Pelzwerke, mit feinen Tüchern und Seidenstoffen, sie trieben auch Verkehr und Handel mit Salz, Holz, Wein und anderen Erzeugnissen des bayerischen Bodens. Dadurch war auch der größte Theil alles baaren Geldes in ihren Händen, mit dem sie, namentlich durch Darlehen gegen Pfänder, den gewissenlosesten Wucher trieben. Denn der Aufwand und Luxus jener Zeit, dem nicht nur Fürsten und Geistliche, sondern selbst die Bürger sich hingaben, nöthigte diese fortwährend Geldhilfe bei den Juden zu suchen, denen das ausschließende Recht gegeben war, gegen Handschrift oder Unterpfand Geld auf Zinsen auszuleihen, was dagegen im Mittelalter den Christen durch Pabst und Kaiser streng verboten war (Welch große Zinsen sie sich zahlen ließen, ist z. B. daraus ersichtlich, daß Kaiser Ludwig der Bayer am 10. Dezember 1342 der Stadt Hall in Würtemberg eine Gnade that, welcher zu Folge die Juden nur 2 Heller vom Pfund wöchentlich, also das Pfund zu 240 Heller – nicht volle fünfzig Prozent nehmen durften!). So ersehen wir aus dem Exemptionsprozesse des Klosters St. Emmeram in Regensburg (…), daß Aebte bei ihnen oft Meßbuch, Kelche, Kirchenleuchter, Rauchgefäße und Chorkleider versetzten; Abt Hermann und das Kloster Steingaden beklagen sich in einer Urkunde vom Jahre 1287 sehr, daß sie wucherische Zinsen an die Juden bezahlen müssen; in einer Urkunde von 1257 wird Heinrich, Abt von Benediktbeuern, durch einen gewissen Pilgrim aus einer Schuld an die Juden zu fünf Talenten ausgelöset. Als Herzog Otto seine Burg, die Trausnitz, und die Stadt Landshut erbaute, schossen die Juden Geld dazu her, wofür er ihnen erlaubte, in der neuen Stadt zu wohnen; ja sie besaßen in Bayern sogar viel Landeigenthum, welches sie als Pfand oder in Hoffnung vortheilhaften Wiederverkaufes inne hatten, wie z. B. in den Monum. Boic. IV. 282 der Jude Bibar als Landbesitzer aufgeführt wird.

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Dem Volke aber wurden sie eben durch ihre Reichthümer und die damit erkaufte Fürstengunst, sowie durch die Ueberlegenheit, die sie dadurch erlangt hatten, und durch ihren Wucher verhaßt, und dieser Haß steigerte sich besonders in Zeiten großer Drangsale und allgemeiner Noth, so daß es nur einer Veranlassung bedurfte, um diesem Hasse durch Gewaltthätigkeiten Luft zu machen. Und diese Veranlassung gaben zuerst die Kreuzzüge.

Schon um das Jahr 1009 geschah es, daß die Muselmanen die Kirche des heiligen Grabes in Jerusalem zerstörten, und es wurde als eine unbezweifelte Thatsache angenommen, daß die französischen Juden den Kalifen Hakem zu dieser Gewaltthat aufgehetzt hätten, indem sie ihm schrieben, sie würden, wenn er diesen Wallfahrtsort der Christen nicht zerstöre, ihn selbst bald aus seinem Reiche verdrängen. Alsbald erhob sich nun in ganz Frankreich eine schreckliche Verfolgung der Juden; das erbitterte Volk vertrieb sie aus den Städten, verfolgte sie auf dem Lande und mordete sie ohne Barmherzigkeit. Diese Wuth dauerte fünf Jahre, und wurde erst durch die Nachricht besänftiget, daß die zerstörte Kirche des heil. Grabes in Jerusalem wieder hergestellt sei. – Fünfzig Jahre später, im Jahre 1065 wurde der Krieg, den die Franzosen gegen die Mauren in Spanien unternahmen, mit der Ermordung aller Juden, welche auf dem Wege dahin angetroffen wurden, eröffnet; nur Graf Berengar von Narbonne schützte sie in seinem Lande vor der unchristlichen Wuth dieser Krieger, und erhielt deshalb von Pabst Alexander II. ein Belobigungsschreiben.

Dieß waren aber nur die Vorspiele jener gräßlichen Judenverfolgungen, welche nun in Deutschland, und zwar besonders arg in Bayern folgten.

Mit einer religiösen Begeisterung, wie sie früher und später in der Geschichte nicht mehr vorkam, hatten die Völker Europa’s sich erhoben, die heiligen Länder, auf denen einst Christus der Herr gewandelt, aus den Händen der Ungläubigen zu befreien. In zahllosen Schaaren strömten die Menschen, alt und jung, vornehm und gering, im Jahre 1096 herbei, an dem heiligen Kriegszuge Theil zu nehmen. Aber noch ehe das wohlgeordnete Kreuzheer unter Anführung des Herzogs Gottfried von Bouillon seinen Zug nach dem heiligen Lande antreten konnte, war schon eine halbe Million Menschen aus allen Nationen in vier großen Heerhaufen vorangezogen. Der erste unter Walther von Perejo und seinem Neffen Walther dem Habenichts, der zweite, geführt von Peter von Amiens, und der dritte unter Anführung eines Deutschen, Namens Gottschalk, gingen sämmtlich durch ihre Raubsucht und Zügellosigkeit zu Grunde, ohne das heilige Land gesehen zu haben. Aber alle diese wurden an Grausamkeit übertroffen von dem vierten Heerhaufen, welcher ohne eigentlichen Führer, sondern eine angeblich vom heiligen Geiste erfüllte Gans und eine Ziege an ihrer Spitze, von Frankreich auszog, und zweimal hunderttausend Fußgänger dreitausend Reiter stark, unter furchtbaren Gräuelthaten sich den Rhein herauf durch Deutschland bis an die Gränzen von Ungarn wälzte, wo sie aber alle ihren Untergang fanden. Sie nannten sich Streiter Christi, in der That aber waren sie wilde Räuberhorden und zusammengeworfenes Gesindel. Als diese nun auf ihrem Zuge in die gesegneten Rheingegenden kamen, und dort die zahlreich wohnenden und reichen Juden erblickten, erwachte sowohl ihr wilder Fanatismus als auch ihre Habsucht. Diese Juden waren ja durch ihren Glauben und durch den Kreuzestod des Herrn der Christen Abscheu und überdies durch ihren Reichthum und ihren Wucher Gegenstand des allgemeinen bis zur Wut aufgestachelten Hasses geworden, und diese wilden Schaaren glaubten ihren Beruf als Streiter Christi nicht besser bewähren zu können als durch grausame Verfolgung und Vertilgung der Juden. Erbarmungslos wurden daher nun in allen Städten am Rhein, durch welche der wilde Zug ging, alle Juden, derer man habhaft werden konnte, erschlagen, ihr Eigenthum geraubt, ihre Häuser niedergerissen. Überall fanden die blutigsten Auftritte statt, und Furcht und Schrecken ging vor diesen Kreuzfahrern her. In Trier tödteten viele Juden bei Annäherung derselben in Verzweifelung ihre eigenen Kinder, um sie nicht in die Hände dieser Wütheriche fallen zu lassen, die Weiber füllten ihre Kleider mit Steinen und stürzten sich in die Mosel. Die meisten der Juden aber begaben sich mit ihren Kindern und ihrem Vermögen in den Palast des Erzbischofes Engilbert und flehten um seinen Schutz, indem sie sich zur Annahme des Christenthums bereit erklärten. Der Erzbischof schützte sie auf dieses hin auch wirklich gegen die Verfolger, aber, nachdem die Gefahr vorüber war, kehrten alle wieder zum Judenthum zurück mit Ausnahme ihres Rabbi Michael, der dem christlichen Glauben treu blieb. – In Köln vereinigte sich der Pöbel mit den Kreuzfahrern zum Judenmorde; die Synagoge und die Häuser der Juden wurden ausgeplündert, dann niedergerissen und deren Einwohner getödtet. Zweihundert der Unglücklichen suchten unter dem Schutze des menschenfreundlichen Erzbischofes zu Schiffe auf dem Rheine zu entfliehen, wurden aber eingeholt und gleichfalls erschlagen. – In Mainz suchten die Juden Schutz bei dem Erzbischof Rothart und vertrauten ihm ihre Personen und ihre Schätze an; der Erzbischof barg sie in dem obern Stockwerk eines festen Hauses. Aber der wilde Graf Emicho von Leiningen stürmte mit einem Schwarm der Unmenschen das Haus; sie schossen mit Pfeilen und Speeren in dasselbe, sprengten die Schlößer und Thüren, und ermordeten im Hause des Erzbischofes siebenhundert Juden, Männer, Weiber und Kinder. Als die Juden keine Rettung vor den Mördern fanden, tödteten die Frauen ihre Kinder, die Männer ihre Weiber, und dann sich selbst! –

In Worms tödteten die Juden sich selbst im bischöflichen Palaste. – In Speier aber setzten sie sich zur Gegenwehr, und flüchteten zuletzt mit Zustimmung des Bischofs Johann in den königlichen Palast, und als die Verfolger auch dort eindringen wollten, ließ der Bischof viele des Gesindels todt schlagen. – Die Zahl der bei diesen Ereignissen am Rheine getödteten Juden schätzt man auf 17 000. –

Vom Rheine weg zogen diese Horden auf ihrem Wege an der Donau hinab. In Regensburg und in allen anderen bayerischen Städten, wo sie Juden trafen, wurden dieselben ausgeplündert und erwürgt, und ihre Tempel zerstört. Aventin in seiner deutschen Chronik gibt, vielleicht übertrieben, die Zahl der in Bayern umgekommenen Juden auf 12 000 an. Daß diese Judenverfolgungen sich auch nach Franken erstreckt habe, davon findet sich bei den Geschichtschreibern keine Spur. – Als im darauffolgenden Jahre Kaiser Heinrich von Italien zurückkam und durch Regensburg zog, sicherte und schützte er die dortigen Juden durch eine sonderbare Verschmelzung des alten und neuen Testamentes: sie mußten sich taufen lassen, erhielten aber unter dieser Bedingung die Erlaubniß, ihre eigenthümlichen jüdischen Gebräuche ferner auszuüben (judaizandi ritum). –

Im Jahre 1147 geschah wieder eine große Judenverfolgung. Es war nämlich im Jahre 1145 einer der wichtigsten Theile des christlichen Königreiches Jerusalem, die Grafschaft Edessa, wieder verloren gegangen, und selbst die heilige Stadt stand in großer Gefahr. Das gab Veranlassung zu dem zweiten Kreuzzuge, zu welchem der heil. Bernhard von Clairveaux in begeisterten Reden anfeuerte. In allen Gegenden traten nun Kreuzprediger auf, unter diesen in den Rheinstädten ein Mönch, Namens Radulf. Dieser aber wollte in seinem fanatischen Eifer nicht nur die Ungläubigen im Morgenlande bekämpft, sondern vor Allem die Christenfeinde im Abendlande vertilgt wissen. Dadurch entflammte er neuerdings die Wuth des Volkes, und aller Orten wiederhallte das tobende Geschrei: „Tod den Juden!“

Den ganzen Rhein entlang und die Maingegenden hindurch erhoben sich nun wieder blutige Verfolgungen gegen die Juden. König Konrad III., der sich eben nach Speier begab, hatte sich zwar auf seiner ganzen Reise überall der Verfolgten kräftig angenommen und viele von ihnen gerettet, indem er ihnen in seinen festen Burgen Zuflucht gab; aber die Verfolgungen selbst vermochte er nicht zu stillen. Insbesondere war diese in Würzburg sehr arg. Darüber gibt eine hebräische Würzburger Chronik, deren Verfasser als dreizehnjähriger Knabe die Verfolgung miterlebte, folgende besondere Einzelheiten an.

‚Die Judengemeinde von Würzburg blieb in ihren Wohnungen, und dachte nicht daran zu fliehen. Aber am 12. Tage des Monats Elul (Dezember) im Jahre 4907 (1147) traten Einige dort auf, und bezüchtigten die Juden eines Mordes. Man hatte nämlich die Leiche eines Christen im Maine gefunden und betrachtete die Juden als seine Mörder. Da vereinigte sich der Pöbel mit den Kreuzfahrern und schlug die Juden in Menge todt. Damals wurde Rabbi Isaak über seinem Buche ermordet und mit ihm einundzwanzig seiner Schüler. Einem der jüdischen Knaben schlugen sie zwanzig Wunden, an denen er aber erst nach Jahresfrist starb. Dessen Schwester schleppten sie in eine Kirche, wo sie Christum anbeten sollte; als sie aber hierauf nach dem Kreuzbilde spie, wurde sie mit den Fäusten und Steinen jämmerlich zerschlagen bis auf den Tod. Hierauf gossen sie Wasser über dieselbe und legten sie auf einen Marmorstein. Sie stellte sich todt und blieb regungslos liegen. Um Mitternacht kam eine Christin und trug sie in ihr Haus, verbarg sie und führte sie später ihrem Bruder wieder zu. – Die noch übrigen Juden flüchteten sich in die Häuser ihrer Bekannten, und begaben sich am andern Tage auf das Schloß, wo sie blieben, bis die Wuth sich gelegt hatte. Am Morgen befahl Bischof Siegfried, die Leichen und zerstreuten Gliedmaßen der Erschlagenen zu sammeln und auf Wägen zu legen, und sie wurden in seinem Garten begraben.‘ – Der jüdische Erzähler bemerkt noch, daß wenn Gott nicht den Priester Bernhard gesendet hätte, kein Jude am Leben geblieben wäre.

Im Jahre 1210 ereignete sich eine Judenverfolgung in Passau, allein dießmal gottlob von geringerer Bedeutung. Die Juden wohnten damals dort in der Ilzstadt, welche deshalb noch im 15. Jahrhunderte von dem nachmaligen Pabste Aeneas Sylvius das ‚Judenstädtchen‘ (oppidum Judaeorum) genannt wird. Auch in Passau hatten sich die Juden durch ihre Wuchergeschäfte sehr verhaßt gemacht. Der lang verhaltene Volksunwille brach endlich im Herbste des Jahres 1210 in einen großen Tumult aus, in welchem die Juden von dem erbitterten Volke mißhandelt und ausgeplündert wurden. Sie beklagten sich hierüber beim Bischof Mangold und verlangten Entschädigung für den erlittenen Schaden, den sie auf 400 Mark Silbers, – etwa 9000 Gulden – eine für damalige Zeit bedeutende Summe, anschlugen. Der Bischof erklärte sich bereit zum Schadensersatze, und da sich die Bürger Walther Isner, Ulrich Pröbstl und Herbord der Schneider freiwillig erboten, den Juden einstweilen 200 Pfund auszubezahlen, so wies er ihnen dafür die Einkünfte der obern und untern Maut zu Passau auf die Dauer eines Jahres an.

Zu den bisherigen Judenverfolgungen gaben, wie wir aus vorstehenden Erzählungen ersahen, theils religiöser Fanatismus des unwissenden Pöbels, aufgestachelt durch das Gesindel, welches massenhaft den Kreuzfahrern nachzog, theils auch die Beschwernisse des Volkes durch deren Wucher, die nächste Veranlassung. Von nun an aber tauchen im unwissenden Volke neue unheimliche Gerüchte über das Treiben der Juden auf, die immer weiter sich verbreitend im Aberglauben des Volkes festen Fuß fassen, dasselbe zu neuer Wuth aufreizen und neue entsetzliche Verfolgungen herbeiführen. Es ging nämlich die Sage, daß die Juden an ihrem Passahfeste Christenkinder schlachten, um mit deren unschuldigem Blute ihr Osterbrod zu bereiten oder andere religiöse Ceremonien damit vorzunehmen; ferner wurde behauptet, daß sie mit geweihten heiligen Hostien argen Unfug und Verunehrung trieben, und endlich wurde bei entstandenen großen Krankheiten und Seuchen die Juden beschuldigt, daß sie aus Christenhaß Brunnen vergifteten und so eine ungewöhnliche Sterblichkeit veranlaßten. Ohne nähere Prüfung der Wahrheit oder Unwahrheit dieser Erzählungen wurden denselben vom Volke voller Glaube um so leichter geschenkt, als es dadurch Gelegenheit zur Befriedigung seiner Habsucht durch Plünderung des Vermögens der reichen Juden und zur Befreiung von lästigen Gläubigern fand. Es beginnt von nun an eine neue Reihe blutiger Verfolgungen.

Der erste in Bayern bekannte Fall dieser Art kam in München vor.

Nach München waren die ersten Juden schon im Jahre 1182, also bald nach Entstehung dieser Stadt, und zwar aus Frankreich gekommen, aus welchem Lande sie durch eine strenge Verordnung Königs Philipp II. vom 26. Febr. 1181 vertrieben waren. Herzog Otto I. von Bayern nahm sie in seinen Städten München, Landshut, Straubing und Kelheim gerne auf, weil sie ihm zum Aufbau dieser Städte Geld vorstreckten. Auch sein Sohn Ludwig I. begünstigte sie sehr, indem er ihnen in dem ihnen eigens angewiesenen Stadttheile – bestehend aus den heutigen Gruft- und Landschaftsgassen – im Jahre 1210 eine Synagoge zu bauen erlaubte, ihnen später, – im Jahre 1225 – einen eigenen Begräbnisplatz anwies, ja im Jahre 1230 denselben das Recht ertheilte, sich ihren Richter selbst zu ernennen. –

Schon im Jahre 1276 war aber in München gegen die Juden wegen Wuchers ein Pöbelaufstand entstanden, wobei ihre Synagoge in der Judengasse (heutzutage Gruftgasse) zerstört wurde. In Folge dessen wurden sie von Herzog Ludwig dem Strengen aus dem Lande verwiesen, jedoch schon nach drei Jahren – 1279 – ihnen die Rückkehr und der Wiederaufbau ihrer Synagoge gestattet.

Da geschah es eines Tages im Jahre 1285, daß in München plötzlich das Geschrei entstand, die Juden hätten einem alten Weibe ein Kind abgekauft oder gestohlen, und dasselbe in einem unterirdischen Keller mit Nadelstichen zu Tode gefoltert. Grund genug, um des Pöbels Wuth auf das Höchste zu entflammen. Er drang mit Gewalt in die Häuser und Wohnungen der Juden, durchsuchte dieselben, ohne jedoch etwas Verdächtiges zu finden, plünderte ihre Schätze und schleifte ihre Häuser. Das erwähnte alte Weib wurde zu Tode gefoltert, ohne jedoch irgend ein Geständniß aus ihr erpressen zu können. – Ein Theil der Juden, welcher dem Blutbade entrann, flüchtete sich, und zwar, wie die Sage erzählt, auf Anrathen des vergeblich zu ihrer Rettung herbeigeeilten Pfalzgrafen Ludwig, in ihre Synagoge. Das erbitterte Volk aber umstellte und verrammelte die Synagoge, damit kein Jude entrinnen könne, und warf dann Feuerbrände in dieselbe. Die ganze Synagoge wurde ein Raub der Flammen, und mit ihr verbrannten 180 Juden, welche sich in dieselbe geflüchtet hatten!

Einige Jahre später – 1294 – bestachen die Juden zu Iphofen, einem Städtchen Frankens, ein Weib, wie die Chronik erzählt, ihnen eine heilige Hostie auszuliefern. Sie durchstachen dann dieselbe mit Nadeln, Ahlen und Messern, und siehe! es floß reichlich Blut aus den Stichen. Vergeblich suchten die Juden das hervorquellende Blut zu hemmen; um ihren Frevel zu verbergen, warfen sie endlich das Allerheiligste in die Kloake, worauf aber das ganze Haus wunderbar zu leuchten begann. Die Nachtwächter, durch solchen ungewöhnlichen Lichtschein erschreckt und in der Meinung, es sei Feuer im Judenhause ausgebrochen, machten Lärmen. Alles Volk lief zusammen, die Bürger erbrachen die Thüren des Hauses, und als man die zahlreichen Blutspuren entdeckte, nahm man die jüdischen Bösewichter gefangen, welche sogleich Alles bekannten (!!) und die verdiente Strafe qualvollen Todes empfingen. Die blutende Hostie wurde in der Kloake gesucht und hängend in dem Netze einer Spinne gefunden. Das Judenhaus wurde sodann niedergerissen und an dessen Stelle eine Kirche erbaut. Bischof Mangold von Würzburg berichtete im Jahre 1296 den ganzen Hergang dem Pabste Bonifacius VIII., welcher hierauf für diese Kirche mehrere Abläße ertheilte. –

Daß durch solche absurde Ausstreuungen der Irrwahn und der Haß des leichtgläubigen Volkes und dessen Begierde, sich die Reichthümer der Juden anzueignen, auf die höchste Spitze getrieben wurde, ist nicht zu verwundern. Die Judenverfolgungen mehren sich von nun an auf erschreckende Weise.

Bald darauf, im Jahre 1298, unter der unruhvollen Regierung Kaiser Adolfs von Nassau, erhob sich in Schwaben ein Bauer, Namens Rindfleisch, durchzog die Städte und Dörfer und verkündete: ‚er sei von Gott gesandt, die Jüdischkeit wegen ihres Frevels an dem Sakrament des Leibes und Blutes Christi zu strafen und sie von der Erde zu vertilgen.‘ Sein Anhang wuchs mit jedem Tage. Er und seine Würgerbanden überfielen in Würzburg, Mergentheim, Nürnberg, Neumarkt, Berching, Wildenstein, Amberg, Bamberg, Rothenburg und in mehr andern Städten Frankens und Bayerns die Juden, und plünderten, erschlugen und verbrannten sie. Die Unglücklichen warfen sich selbst, ihre Kinder und ihr Gut in die Flammen, ehe sie sich taufen ließen. Eine Würzburger Chronik meldet: ‚Im Jahre 1298, am Tage des heiligen Märtyrers Apollinaris (23. Juli) sind alle zu Würzburg weilenden Juden beiderlei Geschlechts erschlagen worden und entging keiner, es sei denn, daß er zur Taufe seine Zuflucht nahm.‘ Die von Regensburg aber erretteten mit großer Mühen ihre Juden, indem sie von Rindfleisch zuvor Wunder zu sehen verlangten, zum Beweise seiner göttlichen Sendung. – ‚Nachdem aber der Aufruhr wieder gestillet war,‘ meldet Aventin, ‚strafet der König hart die Fähnlführer, so die Juden erschlagen hätten, setztet und schuf die Juden wieder in die Städt, daraus mans ausgereutet hätt.‘

Schon im nächsten Jahre 1299 wird aus der fränkischen Stadt Röttingen eine ähnliche Geschichte berichtet, wie fünf Jahre früher in Iphofen. Die Chronik erzählt sie folgendermaßen:

‚Im Jahre 1299 erkauften die treulosen Juden in der Nacht der heiligen Ostern von dem Küster der Kirche in der Stadt Röttingen den Leib des Herrn und theilten ihn unter die anderen Juden verschiedener Städte und Dörfer. Einige fromme Frauen, welche, wie damals Sitte war, bei dem heiligen Grabe die Nacht durchwacht hatten und zur Morgenstunde aus der Kirche traten, um hinzugehen und den Priester zu wecken, daß er der Ordnung gemäß das Kreuzbild noch vor der Mette erhebe, sahen über dem Hause des Juden, welcher die heilige Hostie gekauft hatte, zwei Lichter glänzen, und während sie voll Ueberraschung dastanden und sich bedachten, kam der Priester daher und fragte, was sie zu verhandeln hätten. Als er nun auch die Lichter sah und vernahm, der Jude sei bei dem Küster und in der Nähe des Altares gewesen, rief er vorsichtig den Stadtrichter und etliche Bürger herbei, welche in das Haus drangen und die Juden sammt dem Küster gefangen nahmen. Sie gestanden die verübte Schandtat ein. Die an mehreren Orten vertheilte heilige Hostie war von den Juden mit Nadeln und Ahlen durchstochen, in Mörsern zerstoßen worden, und als sie von derselben Blut fließen sahen, hatten sie solche an verschiedenen Orten unter der Erde verborgen. Aber es wurde offenbar. Darob erhoben sich die Christen gegen die Juden und tödteten sie haufenweise in den Städten und auf dem Lande. – Und es geschah, daß eine Menge Juden in ein festes Schloß flüchteten, wo sie sich bis auf’s Aeußerste vertheidigten. Als nun die Christen mit Uebermacht das Schloß belagerten, rief eine jüdische Jungfrau mit kläglicher Stimme ihnen aus dem Schlosse zu, sie sollten sie retten und taufen. Die Juden drinnen schimpften sie und suchten sie zurück zu zerren; sie aber entriß sich ihren Händen und stürzte sich von der Höhe des Schlosses herab, und siehe, Gott der Allmächtige war ihr Schirm, und sie erreichte unversehrt den Boden und wurde alsbald eine Christin.‘

Ueber eine weitere Judenverfolgung in Franken erzählt die Chronik:

‚Im 1336 Jahr auf Mondtag den 29. des Heumonats, dergleichen am folgenden Dinstag und Mittwoch empöret sich der gemeine Mann zu Röttingen, Mergentheim, Uffenheim, Krautheim und andern mehr Orten, und erschlugen die Juden bei ihnen. Unlängst darnach rottirten sich dieselben Pöbels zusammen und zogen mit wehrender Hand aus, in der Meinung, die Juden im ganzen Land zu vertilgen und auszurotten. Sie zogen anfangs auf Kitzingen, und wiewohl Bürgermeister und Rath sie nit einlassen wollten, sondern die Thore vor ihnen zuschlugen, so nahmen doch die gemeinen Bürger den Bürgermeistern die Schlüssel zum Thore mit Gewalt und öffneten sie wieder. Also rückte der unsinnige Haufen in die Stadt Kitzingen und erschlugen alle Juden drinnen. Da solches geschehen, beschlossen sie mit einander gen Würzburg zu ziehen und daselbst gleichergestalt, wie sie zu Kitzingen gethan, auch zu handeln. Aber die Bürger zu Würzburg, so ihre Juden selbst geplündert und geschätzt hatten, wollten des angeregten wüthenden Haufens zu Würzburg nicht erwarten, sondern zogen demselben bis Klein-Ochsenfurt entgegen, erlegten derselben viele, fingen 47 und führten die gen Würzburg; die Uebrigen stahlen sich hinweg und flohen anheim.‘

Im Jahre 1337 brach die wüthendste und in der Erinnerung des Volkes bekannteste Verfolgung gegen die Juden aus, nämlich die zu Deggendorf an der Donau in Niederbayern.

Nach den verschiedenen Erzählungen darüber, die jedoch in einzelnen Punkten abweichende Angaben machen, kauften die Juden zu Deggendorf von einem alten Weibe eine consecrirte Hostie. Diese durchstachen sie zuerst mit einer Ahle, bis das Blut aus derselben hervorspritzte, dann zerkratzten sie selbe mit scharfen Dornen, worauf auf derselben das Bild eines schönen Knäbleins erschien. Damit noch nicht zufrieden, warfen sie die Hostie in einen Backofen, konnten aber auch dadurch die Vertilgung derselben nicht bewirken. Endlich legten sie die Hostie auf einen Ambos und schlugen mit Schmiedehämmern darauf, und als auch dieses nichts half, bemühten sie sich dieselbe zu essen, womit sie aber eben so wenig zu Stande kommen konnten. Nach einer anderen Erzählung sollen sie sodann die Hostie in einen Brunnen geworfen haben. – So heimlich auch dieses alles getrieben worden, kam es doch auf eine wunderbare Art an den Tag. Die Nachtwächter hörten nämlich nächtlicherweile bei den Wohnungen der Juden eine Stimme, welche sie für die der Mutter Gottes hielten, bitterlich jammern und weinen. Sie zeigten solches unverzüglich dem Stadtkämmerer an, welcher sich sogleich mit einigen Mitgliedern des Stadtrathes an Ort und Stelle verfügte, und diese Herrn hörten nun nicht nur selbst die jammernde Stimme, sondern erblickten überdies noch einen schönen Glanz in der Luft. Bei näherem Nachsuchen wurde die mißhandelte und verunehrte Hostie aufgefunden.
Soweit das Fabelhafte dieser Geschichte, welche eine sichtliche Familienähnlichkeit mit allen diesen Hostiensagen hat; was nun folgt, ist aber leider historische Thatsache.

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Die wohlweisen Herrn des Rathes von Deggendorf, die wahrscheinlich, lüstern nach den Schätzen der Juden und ihnen vielleicht auch mit Schulden verpflichtet, vorstehende Fabel erfunden hatten und sie dem leicht erregbaren Volke preis gaben, beschlossen, über die armen Juden herzufallen und sie sämmtlich aus dem Wege zu räumen. Weil sie aber Bedenken tragen, ihre Berathschlagungen in der Stadt selbst zu halten, so begaben sie sich mit den vornehmsten Bürgern nach Schäching, einem nahe gelegenen Dorfe, wo sie in der Kapelle auf ein vorgelegtes Kruzifix einen Eid schwuren, sich gegenseitig in ihrem Vorhaben zu unterstützen. Zur größeren Sicherheit zogen sie den Ritter Hartmann von Degenberg bei, der in dem herzoglichen Schlosse zu Natternberg wohnte; mit diesem wurde verabredet, daß an dem bestimmten Tage, sobald in der Martinskirche das Zeichen mit der Glocke gegeben würde, die Bürger ihm und seinen Knechten die Stadtthore öffnen sollten. – Alles wurde ausgeführt, wie es verabredet war. Am Tage nach Michaelis – den 29. September 1337 – zog Hartmann von Degenberg mit seinen Knechten in die Stadt Deggendorf ein, die Bürger vereinigten sich mit ihnen, fielen plötzlich über die arglosen, nichts ahnenden Juden her, und ermordeten sie unter den grausamsten Martern und Qualen. So empörend dieser gräßliche Mord, verübt von einer Stadtobrigkeit selbst unter Vorschützung eines albernen Märchens ist, – weit empörender ist es noch, daß Herzog Heinrich von Landshut hierauf den Deggendorfer Bürgern eine Urkunde, gegeben am Mittwoch vor St. Gallus Tag 1338, ausstellte, worin er ihnen ‚seine und seines Landes Huld gar und gänzlich gibt, darum, daß sie seine Juden zu Deggendorf verbrannt und verderbt haben,‘ und ihnen noch überdies Alles, was sie diesen Juden heimlich oder öffentlich abgenommen oder was in ihre Gewalt gekommen, oder was sie denselben wegen Pfand, Brief oder andern Urkunden schuldig waren, als ihr Eigenthum zusichert und sie jeder Wiedererstattung ledig spricht! Diese Urkunde zeigt uns zweifellos den ganzen Beweggrund des abscheulichen Judenmordes. Das durch Unwissenheit und Fanatismus bethörte Volk sang auf diesen Mord Lieder; eines derselben, das sich bis auf unsere Zeit erhalten, geben wir unsern Lesern in einem nachfolgenden Abschnitte. In der Kirche des heiligen Grabes zu Deggendorf, welche der Sage nach aus Anlaß dieses Ereignisses gebaut worden sein soll, befindet sich an einer Säule folgende alte Inschrift:

‚Anno 1337 den sechsten Tag nach Michaelis Tagen
Do wurden die Juden erschlagen,
die Stadt sie anzundten,
do war Gotts Leichnam funden,
das sahn Fraw und Mann
do hub man das Gottshaus zu bawen an.‘

Diese Inschrift beschuldigt die Juden also nur der Brandlegung, wodurch die angebliche Geschichte mit den heiligten Hostien noch zweifelhafter wird. Kaiser Ludwig aber und der Pabst Benedikt XII. mißbilligten diesen Judenmord in hohem Grade.

Diese Judenverfolgung setzte sich in ganz Bayern bis tief nach Oesterreich hinunter fort. Besonders arg war sie in Straubing, wo gleichfalls alle Juden unter den größten Martern ermordet wurden und man all ihr Eigenthum dem Raube preis gab. – Nur in Regensburg allein blieben die Juden fortwährend unvertrieben, ja wurden sogar mit größeren Freiheiten begabt; dagegen aber belegte sie der klügere Rath oftmals mit beträchtlichen Abgaben.

In Folge des Elendes und des Schrecken der Zeiten, und der durch die Geisler hervorgebrachten Aufregung der Gemüther brach nun eine neue, die größte und schrecklichste aller Judenverfolgungen aus. Es entstand zu dieser Zeit in Deutschland, in Frankreich und in der Schweiz das Gerücht und verbreitete sich mit reissender Schnelle, daß die Juden die Urheber der Pest wären, indem sie aus Christenhaß die Brunnen und Flüße vergiftet oder gar die Luft mit Zaubersprüchen und ausgeworfenen Samen verpestet hätten. Nun erhob sich im April des Jahres 1349 das Volk mit gränzenloser Vertilgungswuth gegen die Juden. Die Verfolgung begann in der Schweiz; in Bern, in der Grafschaft Freiburg und einigen andern Orten wurden zuerst einige Juden gefoltert, und auf ihr dadurch erpreßtes Geständnis hin und nachdem in Zofingen Gift vorgefunden worden sein soll, gerädert und enthauptet. Von da zog sich die Verfolgung nach Elsaß. In Straßburg fand man in einigen Brunnen Töpfe und auf diesen Fund hin gründete das Volk sein Geschrei über Vergiftung; über zweitausend Juden wurden in dieser Stadt allein gerädert, vom Pöbel todtgeschlagen oder in Häusern, in die man sie hineintrieb, in Menge verbrannt. Als die Juden zu Speier, zu Worms und zu Oppenheim dieses erfuhren, vergruben Viele ihre Schätze und verbrannten sich selbst in ihren Häusern; die Uebrigen wurden vom Volke erschlagen, also daß man die Leichen, die auf den Straßen lagen, zuletzt des Gestankes wegen in Weinfässer stecken und in den Rhein werfen mußte. Auch in Mainz flüchteten sich die Juden in ihre Häuser und verbrannten sich darin selbst. In Frankfurt entstand bei der Plünderung ihrer Häuser eine Feuersbrunst, welche den größten Theil der Stadt verzehrte. Von da nahm die Verfolgung ihre Richtung nach ganz Franken und dehnte sich über Meissen, Thüringen, Schwaben, Bayern, Böhmen, Schlesien und Oesterreich aus. In allen Städten und Ortschaften wurden die Juden ausgeplündert, gefoltert, getödtet, oder sie verbrannten sich selbst in der Verzweiflung mit Weib und Kind. Nur Regensburg machte wieder eine rühmliche Ausnahme, dortselbst blieben sie ganz unbelästigt. In Nürnberg wurde nur ein Theil der Juden – einige Hundert – niedergemetzelt oder verbrannt, hingegen zog der Rath sämmtliche Judenhäuser, welche die Fläche des jetzigen großen Marktes und des Obstmarktes bedeckten, ein, ließ sie einreissen und auf diese Weise die genannten beiden Marktplätze herstellen, und an der Stelle der Synagoge die Frauenkirche erbauen; die aus dem Gemetzel übrig gebliebenen Juden aber durften sich wieder in der von ihnen später benannten Judengasse Häuser erbauen, bis sie endlich im Jahre 1498 auf Befehl Kaiser Maximilians I. die Stadt Nürnberg auf ewige Zeit räumen mußten. – Diese Verfolgung der Juden dauerte bis zum Jahre 1350. Betrübend aber ist dabei zu ersehen, daß die städtischen Obrigkeiten, als sie sahen, daß sie die Juden vor der Wuth des Volkes nicht retten konnten, allenthalben sich darein fanden, aus deren Unglück Vortheil zu ziehen; in den meisten Orten zog der Magistrat die Häuser und Güter der Juden ein und verwendete sie zum Aufbau oder zur Ausbesserung von Kirchen und Stadtmauern. Dem Kaiser aber und den Fürsten fehlte alle Macht, hindernd einzuschreiten. Eben so vergeblich war das Bemühen der Päbste, diesen Verfolgungen Einhalt zu thun. Häufig, und selbst bei Geschichtschreibern, findet sich die Meinung ausgesprochen, diese Verfolgungen seien von der eifrigen Geistlichkeit unterstützt worden. Solchen unverständigen Behauptungen müssen wir hier auf das entschiedenste entgegentreten. Nie und nimmermehr hat die Kirche die Judenverfolgungen unterstützt oder veranlaßt, oder auch nur gebilliget. Wir haben im Verlaufe dieser Ereignisse bereits das menschenfreundliche Einschreiten mehrerer Erzbischöfe und Bischöfe zu Gunsten der Juden ersehen; wir müssen zur weiteren Widerlegung dieses Irrthumes hier noch folgende Thatsachen anführen:

Schon Pabst Innocenz III. erließ im Jahre 1199 eine Verordnung, durch welche er die Juden gegen Bedrückung in Schutze nahm. ‚So sehr auch der Unglaube der Juden zu tadeln sei,‘ – schrieb er – ‚so müßten sie doch , weil der christliche Glaube durch sie wahrhaft bestätiget werde, von den Gläubigen keine schweren Bedrückungen erleiden.‘ Er beruft sich sodann auf das Beispiel seiner Vorgänger, welchen er nachfolge: ‚Keiner solle sie mit Gewalt nöthigen, sich taufen zu lassen, Keiner solle sie im Besitz ihrer Güter, in der Ausübung ihrer Gewohnheiten beeinträchtigen.‘ – Als im Jahre 1236 die Juden in Frankreich sich der Wuth der Kreuzfahrer preisgegeben sahen, suchten sie auch Hilfe bei dem damaligen Pabste Gregor IX. Dieser erließ hierauf ein Schreiben, worin er seinen Unwillen über jene Grausamkeiten auf das Nachdrücklichste aussprach. Der Pabst Innocenz IV., an den sich die Juden aus Deutschland mit Klagen über die Bedrückungen und Verfolgungen, welche sie von weltlichen und geistlichen Fürsten erleiden müßten, gewandt hatten, erließ zu ihrem Schutze im Jahre 1248 eine Bulle an die deutschen Erzbischöfe und Bischöfe. Er erklärte hierin das Märchen von der Ermordung eines christlichen Knaben zur Feier des jüdischen Passahfestes für eine grundlose Erdichtung, welche man nur zur Beschönigung der Habsucht und Grausamkeit gebrauche, um die Juden ohne Untersuchung in der Form des Rechtes verurtheilen zu können. – Als im Jahre 1349 das Volksgerücht den Juden die Erregung der Pestseuche zuschrieb, suchte Pabst Clemens VI. die Ungereimtheit desselben anschaulich zu machen. ‚Das öffentliche Gerücht,‘ heißt es in der deshalb erlassenen Verordnung, ‚oder vielmehr die öffentliche Schmach hat neulich vor unsere Ohren gebracht, daß einige Christen die Pestseuche, womit Gott die Christenheit um ihrer Sünden willen heimsucht, auf Anreiz des Teufels fälschlich den Giftmischereien der Juden zuschreiben, und so in dieser Leichtgläubigkeit mehrere Juden, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, getödtet haben; daß ferner diese Raserei nicht aufhört, obwohl die Juden bereit sind, sich wegen dieser Anklage vor den gehörigen Richtern zu stellen, sondern immer mehr zunimmt, wodurch dann der Irrthum, dem nicht widerstanden wird, gebilligt zu werden scheint. Wie streng wir nun auch die Juden, im Falle sie des gedachten Verbrechens wirklich schuldig oder mitwissend befunden werden sollten, mit der gebührenden Strafe zerschmettern würden, so ist doch bei dem Umstande, daß diese Pest unter allen Himmelsstrichen die Juden selbst sowohl als die Völker, bei denen gar keine Juden wohnen, hinweggerafft, gar keine Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß die Letzteren dieses Verbrechen wirklich begangen haben sollten.‘ Demnach wurden die Erzbischöfe, Bischöfe und alle geistlichen Obrigkeiten aufgefordert, dem Volke in den Kirchen die päpstlichen Befehle zu verkündigen und die Ungehorsamen mit der Strafe des päpstlichen Bannes zu belegen. Leider war die Wirkung dieser Maßregeln nur gering, vielmehr war der Wahnglaube, der Haß und die Plünderungssucht schon zu tief im Volke gewurzelt, als daß alle Bestrebungen der Kirche dagegen etwas fruchteten. War ja der Reichthum der Juden zu verlockend, und waren es gerade die Kaiser selbst, welche ihre ‚Kammerknechte,‘ die Juden, bis auf’s Mark fortwährend aussogen, wenn sie in Geldverlegenheit waren. Und welch große Geldmittel die Juden wirklich in Händen hatten, wird offenbar aus dem Umstande ersichtlich, daß sie trotz des furchtbaren über sie ergangenen Unglücks schon nach wenigen Jahren an den meisten Orten eben so zahlreich wie zuvor waren, und in ihren Reichthümern neuen Stoff für abermalige Ausbrüche der Volkswuth bereiteten.

Eine weitere große Judenverfolgung geschah im Jahre 1384. Eine Augsburger Chronik gibt hierüber an: ‚Item, wie man zählt von der Geburt Christi 1384 Jahr, am Freitag nach St. Jakobstag, da schlugen sie von Nördlingen alle ihre Juden zu todt, Mann, Weib und Kinder, waren ihrer bei 200, und was sie an Gut hätten, das nahmen sie zu ihren Handen, und was man den Juden schuldig war, da gab Niemand nichts dafür.

Darnach an dem Sonntag, da fingen die von Augsburg ihre Juden, die mußten ihnen geben zwei und zwanzigtausend Gulden, darnach wurden in allen Städten die Juden erschlagen und gefangen.‘

Das war die letzte größere und blutige Judenverfolgung in Bayern, mit Ausnahme einer späteren in Passau, die wir weiter unten erzählen werden. Theils scheint sich die Wuth des Volkes erschöpft und gelegt zu haben, theils aber that ihr auch die wachsenden Macht und polizeiliche Gewalt der Fürsten Einhalt. Nichts destoweniger blieben die Juden unbehelliget; aber die Verfolgungen, welche sie noch ferner zu erdulden hatten, bestanden darin, daß sie von den Fürsten und Stadtobrigkeiten selbst, nachdem diese sie durch verschiedene und große Begünstigungen fett gemästet hatten, an Geld tüchtig geschatzt und geplündert wurden. So sprach im Jahre 1390 Kaiser Wenzel den Herzog Friedrich von Bayern von allen Judenschulden frei, doch mußte dieser dem Kaiser fünfzehn Prozente dafür entrichten. Im nämlichen Jahre erhielten alle bayerischen Grafen, Ritter, Herrn, Knechte, Bürger und andere Unterthanen eine gleiche Lossprechung von allen Kapitalien und Zinsen, die sie den Juden schuldig waren, gegen gleiche Prozentabgabe.

Im Jahre 1406 erwirkte der Rath von Nürnberg vom Kaiser Wenzel gleichfalls die Niederschlagung aller Schulden, die man gemacht hatte, jedoch wieder für eine Abgabe von fünfzehn Prozent an den Kaiser. Gleiches geschah von den Städten Rothenburg, Schweinfurt, Windsheim, Weissenburg, dem Bischofe von Würzburg und dem Grafen von Oettingen. Wie groß jene Schulden gewesen sein müssen, kann man aus dem Betrage dieser Prozente schließen; Kaiser Wenzel erhielt nämlich von Herzog Friedrich von Bayern hievon 15 000 Gold-Gulden, eine gleiche Summe von dem Bischofe von Würzburg und von dem Grafen von Oettingen; von Nürnberg 4000, von Rothenburg 1000, von Schweinfurth 200, von Windsheim 200, von Weissenburg 100 Goldgulden.

Unter der Regierung Herzog Heinrich’s des Reichen von Landshut, welcher bekanntlich ein so großer Liebhaber des Geldes war, daß er gegen seine Unterthanen, wenn sie in ihren Angelegenheiten zu ihm kamen, immer die Hand nach Geld ausstreckte, und sich eigens sogenannte Kutten-Aermel an seinen Rock machen ließ, um die ihm dargebrachten Geschenke einstecken zu können, wurden die Juden sehr begünstiget, weil sie ihm reichliche Beiträge in seine Schatzkammer steuerten; desto übler aber war ihr Schicksal unter seinem Nachfolger Herzog Ludwig dem Reichen.

Auf Andringen der Landstände wurde die Vertreibung der Juden beschlossen. Am 5. Oktober 1450 Morgens in aller Frühe wurden auf Befehl Herzog Ludwig’s alle Juden in den niederbayerischen Landen, Männer, Frauen und Kinder gefangen genommen. Zu Landshut, wo sich bei weitem die meisten aufhielten, wurden die Männer in die Schergenstube, die Frauen und Kinder in die Synagoge eingesperrt, ihre Häuser mit Wächtern besetzt, ihre Kleinodien, ihr Gold und Silber confiscirt. Die Schuldbriefe der herzoglichen Räthe und des Hofgesindes wurden den Ausstellern einfach zurückgegeben, während man den andern Schuldnern gestattete, an den von den Juden geborgten Kapitalien die schon bezahlten Zinsen in Abzug zu bringen, was wahrscheinlich oft der Tilgung der ganzen Schuld gleichgekommen sein mag. Außerdem wurde ihnen noch auferlegt, 30 000 Goldgulden in die herzogliche Kasse zu zahlen. Als einen Akt der Gnade aber betrachtete man es, daß der Herzog den Juden nach vierwöchentlichem Gefängniß, in dem sie schmachteten, gestattete, ihren Hausrath und was sich an Büchern und anderen Dingen in der Synagoge befand, innerhalb drei Tagen fortzuschaffen. Hierauf mußten alle insgesammt das Herzogthum Niederbayern-Landshut räumen, mit Ausnahme derer, die sich taufen ließen, was gar viele, den alten Nachrichten gemäß, gethan haben sollen.

Im Jahre 1452 wurde den in der Augsburger Diözese befindlichen Juden durch einen Synodalbeschluß aufgetragen, zum Kennzeichen einen runden Lappen von safrangelbem Tuche auf der Brust zu tragen, wie es den Juden in der Stadt Rom auferlegt ist, – und zugleich den Christen alle Zinsen bei Vermeidung der Austreibung nachzulassen.

Im Jahre 1477 erfolgte in Passau wieder eine größere und blutige Verfolgung. Ein gewisser Christoph Eisenhammer verkaufte acht consecrirte Hostien, die er aus der Kirche zu U. L. Frau entwendet hatte, um einen rheinischen Gulden an die in der Ilzstadt wohnenden Juden. Diese zerstachen, wie die darüber gedruckte Relation meldet, diese Hostien; als aber hierauf Blut aus ihnen herausfloß und das Angesicht eines Kindes auf denselben erschien, erschracken sie und kamen übereins, zwei der Hostien nach Prag, zwei nach Neustadt und zwei nach Salzburg an die dortigen Juden zu schicken, die übrigen beiden aber in einen glühenden Ofen zu werfen, um sie zu verbrennen. Kaum aber hatten sie dieses vollführt, als zwei Engel und zwei Tauben aus dem Ofen herausflogen und ein fürchterlicher Sturmwind das Haus erschütterte. Der Frevel blieb vor der Hand unentdeckt. Aber im Jahre 1478 wurde Christoph Eisenhammer auf der That erwischt, als er in der Kirche zu Germansberg einen Opferstock ausrauben wollte. Im Gefängnisse auf der Feste Oberhaus bei Passau bekannte Eisenhammer nicht nur diesen Kirchenraub, sondern noch mehrere Frevel, die er in Verbindung mit den Juden ausgeübt, unter andern auch obigen Hostienraub. Hierauf ertheilte Bischof Ulrich von Passau seinem Hofmarschall, Ritter Sebastian von der Alben, den Befehl, alle Juden zu fangen. Dies geschah, und alle bekannten auf der Folter das ihnen angeschuldete Verbrechen. Vier derselben nahmen das Christenthum an, und wurden deshalb aus Gnade mit dem Schwerte hingerichtet; alle Uebrigen, deren Zahl sehr groß war, wurden sammt dem Kirchenräuber theils lebendig verbrannt, theils mit glühenden Zangen zerrissen. Ihre Synagoge, welche der Ilzstadt gegenüber am Fuße des Festungsberges stand, wurde niedergerissen, und an deren Stelle die St. Salvatorskirche erbaut. – Ein altes, gleichzeitiges Gedicht über diesen Judenmord in Passau theilen wir gleichfalls unsern Lesern im nächsten Abschnitte mit.

Im Jahre 1519 wurden endlich auch die Juden aus Regensburg vertrieben, wo sie bisher immer ungefährdet gesessen waren. Die Veranlassung hiezu war folgende:

Ein gewisser Dr. Balthasar griff in seinen, von dem Volke immer mit dem größten Beifalle gehörten Predigten die Juden wiederholt mit solcher Heftigkeit an, daß der Pöbel endlich gegen dieselben aufgereizt wurde und ein Ausbruch des Fanatismus zu befürchten stand. Um diesem Uebel vorzubeugen, wendeten sich die Juden an den Kaiser Maximilian. Derselbe ließ ihre Beschwerden genau untersuchen und verbot in Folge dessen dem Dr. Balthasar alle sowohl öffentlichen als Privatpredigten wider die Juden. Allein in der Brust der Regensburger war nun einmal der Same des Hasses gesäet, doch wagten sie es nicht, den Befehlen des Kaisers, der die Juden in Schutz nahm, ungehorsam zu sein. Als aber der Kaiser im Jahre 1519 starb, brach der Unwille des Volkes gegen die Juden wieder ersichtlich hervor. Um nun alles Unheil zu vermeiden, beschloß der Rath nach langem Berathschlagen den gütlichen Ausweg, sie ohne Mißhandlung aus der Stadt zu verweisen.

Die Juden erhielten nun den Auftrag, binnen fünf Tagen bei Vermeidung der Todesstrafe auf ewig die Stadt zu räumen. Man erklärte ihnen zugleich, daß ihre Synagoge dem Erdboden gleich gemacht werden sollte; sie zerstörten dieselbe aber selbst, und zogen aus, nachdem sie dem Magistrate auf dessen Befehl alle ihnen von den Christen gegebenen Unterpfänder ausgeliefert hatten. Die Anzahl der Vertriebenen war über fünfhundert. An dem Orte aber, wo die Synagoge gestanden hatte, wurde eine Kirche erbaut.

Im Jahre 1555 vertrieb Pfalzgraf Otto Heinrich von Neuburg die Juden aus seinen Landen, und im nämlichen Jahre vollzog auch Herzog Albrecht V. von Bayern auf Ersuchen der Landstände das nämliche. Fortan blieben auch die Juden aus Bayern vertrieben. Erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden einigen mit sogenannten Freipässen versehenen Juden unter dem Namen der Hoffaktoren oder Hofschutzjuden der Aufenthalt in Bayern unter großen und drückenden Beschränkungen wieder gestattet. Ihre Stellung war aber eine so schimpfliche und entwürdigte, daß sie z. B. in dem Kriminalgesetzbuche des Frhrn. von Kreittmayr mit den Schindern und Henkern auf eine Stufe gestellt waren; ferner sind nach den Anmerkungen zu dem gegenwärtig noch geltenden Civilgesetzbuche die Juden mit den Aussätzigen und den Inficirten von dem Besuche öffentlicher Bäder ausgeschlossen, ja in der Mautordnung vom Jahre 1765 sind die Juden wegen des von ihnen zu entrichtenden Leibzolles unter der Rubrik: ‚Feilschaften‘ aufgeführt und stehen nach Ordnung des Alphabets zwischen den Huchen und Kälbern!

Die Leser werden es freundlichst gestatten, wenn wir noch ein weiteres Curiosum dieser Art anführen. Obgleich gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wieder einige Hofschutzjuden in München ansässig waren, so wurde doch nicht gestattet, daß in der Stadt eine Jüdin entbinde, weil nach dem alten Wahne des Mittelalters der Glaube herrschte, daß die Juden bei Entbindungen ihrer Frauen Christenblutes bedürfen. Als nun im Jahre 1780 die Frau des Juden Dottenheimer in München ihrer Entbindung so nahe war, daß sie ohne Gefahr nicht mehr aus der Stadt gebracht werden konnte, so erhielt Dottenheimer auf inständiges Bitten zwar die Erlaubniß, daß seine Frau in München entbunden werde, allein dieses mußte in einem Zimmer des damaligen Landschaftsgebäudes (später Regierungsgebäude und nunmehr neuerbautes Rathaus), und zwar in dem Hause Nr. 10 unter strenger polizeilicher und ärztlicher Überwachung geschehen. Das war also der erste Jude, der wieder in neuerer Zeit in München das Licht der Welt erblickte!

Der Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts und die Humanität der neueren Zeit brachte den Juden endlich die Morgenröthe einer besseren Zukunft.“

Anmerkung:
Der Text wurde in seiner Originalschreibweise übernommen, Hervorhebungen des Autors (Mayer) kursiv wiedergegeben. Eine ergänzende Fußnote erscheint im Text in Klammern, während auf eine zweite, die lediglich einen Literaturhinweis enthält, verzichtet wurde.

Literatur:
J. M. Mayer, Das Bayern-Buch, München 1869, S.385-416
Neues Lexikon des Judentums, (Hg.) J. H. Schoeps, Gütersloh/München 1998, Stichworte: Augsburg, Bayern, Deggendorf, Köln, Mainz, München, Nürnberg, Regensburg, Rothenburg ob der Tauber, Speyer, Trier, Worms, Würzburg