Rav Malkhior: Ein Islam der anderen Art

Die Fahrt von Jerusalem bis ins Zentrum von Hebron, einen Stadtteil, der als Hochburg der palästinensischen Widerstandsbewegungen gilt, benötigt mit dem PKW nur eine halbe Stunde – aber es sind nach nahöstlichen Sicht Lichtjahre. Ich war nach Hebron gekommen, um der Familie des Hebroner Scheichs, Talal Sider, mein Beileid auszusprechen. Er war in den letzten Jahren ein ranghoher und voll berechtigter Partner bei den Versuchen gewesen, die Führer der drei Religionen davon zu überzeugen, den Glauben zu einem Instrument für Frieden, Brüderlichkeit und Hoffnung zu machen…

Michael Melchior, Haaretz

Zehntausende von Menschen, die an der Beerdigung teilnahmen, konnten bestätigen, dass Scheich Talal, einer der Gründer von Hamas, trotz der Richtungsänderung ein verehrter religiöser und spiritueller Führer geblieben ist. Der mutige Weg, den er gewählt hatte, bis er in der palästinensischen Behörde als Minister diente und bei Interfaith-Konferenzen teilnahm, zeigt uns, dass trotz allem eine Änderung möglich ist. Seine Veränderung geschah nicht aus taktischen und politischen Gründen sondern kam aus einer rein religiösen Haltung.

Trotz eines Unterschiedes in politischen Positionen und kulturellen Verschiedenheiten stellt es sich heraus, dass der gemeinsame religiöse Nenner die Stärke hat, eine andere Sprache zu schaffen. Im Gegensatz zu dem, was Israelis sonst denken, haben auch die Palästinenser die Nase voll. Auch sie wollen, dass ihre Kinder sicher nach Hause kommen. Auch sie wollen leben.

Die Tendenz, dass wir das Glas halbleer sehen, lässt uns die andere Hälfte, das volle Glas vergessen . In den vergangenen drei Jahrzehnten, seitdem Anwar Sadat zu Beginn der 70er Jahre seine Botschaft sandte und den historischen Besuch in Jerusalem gemacht hatte, gab es unter den 22 arabischen Ländern einen langsamen aber stetigen Prozess, sich mit der Idee der Existenz des Staates Israel abzufinden.

Der Prozess hat noch nicht die ganze muslimische religiöse Führung erreicht. Die zunehmende Stärke des Islam als wichtige politische Macht hat eine gewisse Differenzierung zwischen den Positionen der muslimischen Staaten und ihren geistigen Führern geschaffen. Neben Ausdrücken des Hasses, einige davon ausgesprochen antisemitisch , beginnt die erste Saat der Akzeptanz von Israels Existenz und der Wunsch der Versöhnung unter den geistigen Führern zu wachsen.

Diese Stimme wurde laut und deutlich bei den Interfaith-Konferenzen mit geistlichen und pädagogischen Führern bei mutigen und intensiven Programmen gehört – ja sogar bei einigen religiösen Verfügungen, die aus den Schulen religiöser Weiser in Saudi Arabien, Ägypten und den besetzten Gebieten kommen. Es muss alles getan werden, dass dieser positive Trend in unserm religiösen Lager eine positive Antwort erhält, damit die Botschaft auch bei uns tiefer eindringen kann.

Das halbvolle Glas des Mekka-Abkommens könnte dasjenige sein, das den Weg zeigt. Mit dem Hamas-Sieg bei den Wahlen fand sich diese Organisation in der Verantwortung einer Verwaltung, deren Existenzrecht aus dem Oslo-Abkommen stammt. Als sie nach den Siegesfeiern vom Dach schaute, entdeckte die Hamas zu ihrer großen Besorgnis eine Leiter, die ihr half vom Dach einer utopisch muslimischen Ideologie auf den Boden der Realität herunter zu klettern; ein großer Teil davon ist die Notwendigkeit, sich mit der Existenz des Staates Israel abzufinden.

Das Abkommen ist weit davon entfernt, alle vom Quartett gegenüber der PA vorgelegten Forderungen zu befriedigen. Aber wenn beide Seiten wissen, wie man diese Leiter mit gebotener Vorsicht benützt, werden sie in der Lage sein, einen neuen diplomatischen Horizont der Hoffnung und der Versöhnung zu erreichen. Das Gruppenfoto der in Mekka in weiß gekleideten palästinensischen Führer betont noch einmal den besonderen Ort und die große Kraft des religiösen Pfades auf dem Weg, den Konflikt zu lösen. Auch wir sollten – genau wie die anderen – die Leiter herunterklettern.

Es ist nicht möglich, nur mit der einen Hälfte der Palästinenser Frieden zu machen. Abu Mazen kann nicht alle Vorteile selbst liefern. Die Befugnisse, die er von der Hamas für Verhandlungen und ein Referendum erhält, hat politische und religiöse Bedeutung. Selbst der Terrorist Khaled Meshal hat unabsichtlich begonnen, mit einer andern Sprache zu reden. Dieser grausame und hartherzige Mann hat noch immer nicht den Staat Israel als Tatsache akzeptiert, aber sogar seine Erklärungen, dass die PA verpflichtet sei die Abkommen mit Israel einzuhalten, ist tatsächlich einen „neue diplomatische Sprache“ , die die Hamas aus „nationaler Notwendigkeit“ angenommen hat.

Zusammen mit Israels kompromissloser Forderung, den Terror zu beenden und für Sicherheit zu sorgen, müssen auch wir die bestehenden Kanäle des Dialogs erweitern. Diejenigen, die heute die augenblickliche Führung nicht wollen, bekommen morgen stattdessen den Islamischen Jihad und al-Qaida. Wenn wir jetzt alle Hoffnung mit der augenblicklichen Alternative begraben, werden wir uns morgen gegenüber einer arabischen Welt wiederfinden, die hinter den iranischen Intentionen, Israel auszulöschen, mit einander verbunden ist.

Die Fortsetzung der gegenwärtigen Situation wird uns nichts anderes als eine Katastrophe bringen. Ohne diplomatische Alternative ist es nur eine Frage der Zeit, bis die IDF wieder nach Gaza zurückkehrt. Wenn wir uns der Verzweiflung hingeben, wird dies schnell und leicht geschehen. Uns sollte auch sehr bald klar sein, dass ohne den von uns so ersehnten Frieden, es moralisch unmöglich ist, weiterhin über das Leben von 3,5 Millionen Araber zu herrschen, die uns nicht wollen . Diese moralische Haltung sollte uns auch dahin bringen, die Anstrengung nicht zu scheuen und die Leiter der Gelegenheit, die neben uns gestellt wurde, zu erklimmen.

Michael Melchior war 2007 Vorstand im Komitee der Knesset für Bildung und Kultur. Der Artkel erschien bereits am 5.3.07 in haArez, enthält aber etliche noch immer aktuelle Gedanken.

(dt. Ellen Rohlfs)

Michael Melchior (hebräisch ‏מיכאל מלכיאור‎; * 31. Januar 1954 in Kopenhagen) ist ein dänisch-norwegischer Rabbiner und israelischer Politiker der linken religiösen Partei Meimad. Er studierte in Jerusalem und war lange Zeit norwegischer Chefrabbiner. Seit 1985 lebt er überwiegend in Israel. Er leitet die Meimad seit 1996, und wurde 1999 in die Knesset gewählt. 2003 und 2006 wurde er wiedergewählt. Seit 1999 war er Minister für die israelische Gesellschaft und Diaspora-Fragen, von 1999 bis 2002 israelischer Vizeaußenminister unter Schimon Peres.
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