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Religion, Politik und Gleichberechtigung der Geschlechter – ein Ländervergleich von Chile über Israel bis Pakistan

Ende 2007 startete das Genfer Forschungsinstitut der Vereinten Nationen für Soziale Entwicklung (United Nations Research Institute for Social Development – UNRISD) ein multidisziplinäres Projekt. In ihm untersucht ein transnationales Team von Forscher/innen die Komplexität der Verflechtung von Religion mit Staat, Politik und Recht in ausgewählten Ländern im Mittleren Osten, in Afrika, in Europa und auf dem amerikanischen Kontinent. Das Projekt konzentriert sich auf die großen Weltreligionen Christentum, Islam, Hinduismus und Judentum. Wie öffentlich oder privat ist die jeweilige Religion in einzelnen Ländern? Wie gehen (zivil-)gesellschaftliche und politische Akteure vor Ort mit Religion oder Religionen um? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Kultur, Menschen-, Bürger- und Frauenrechten, Gleichberechtigung der Geschlechter und Religionsfreiheit?…

Von Manuela Petzoldt

In Kooperation mit dem UNRISD veranstaltete die Berliner Zentrale der Heinrich-Böll-Stiftung am 5. und 6. Juni 2009 die internationale Konferenz Religion Revisited – Frauenrechte und die politische Instrumentalisierung von Religion (englischer Titel: Religion, Politics and Gender Equality: Public Religions Revisited), um die ersten Forschungsergebnisse in breiteren Fachkreisen transparent zu machen. So sollte auch der Austausch zwischen Aktivist/innen und Wissenschaftler/innen gefördert und ein Beitrag zur öffentlichen Auseinandersetzung über Staatsgrenzen hinweg geleistet werden. Bei der Tagung, zu der zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland angereist waren, wirkte zudem das unter dem Dach der Böll-Stiftung tätige Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie (GWI) mit.

Zur Eröffnung wurden zwei Einführungsvorträge mit anschließender Diskussion gehalten, die sich der vielseitigen Thematik aus globaler Perspektive näherten und darlegten, auf welchen empirischen, theoretischen und historischen Grundlagen entsprechende sozialwissenschaftliche Fragestellungen entwickelt wurden. Einer der weltweit bekanntesten Religionssoziologen, José Casanova, Professor an der Georgetown University in Washington/DC, erläuterte, warum die Politisierung von Religion im angeblichen Zeitalter des Säkularismus zu einer Neubetrachtung von öffentlich institutionalisierten Religionen herausfordert. Anne Philipps, Professorin an der London School of Economics and Political Science, zählt zu den führenden Persönlichkeiten feministischer politischer Theorie. In ihren Veröffentlichungen behandelt sie Fragen von Gleichheit und Differenz, Demokratie und Repräsentation sowie Geschlecht und Multikulturalismus. Sie stellte in ihrem Vortrag den Zusammenhang von Religion und Frauenrechten im Rahmen der universalen Menschenrechte heraus. Jede Religion kann dabei eine Verbündete oder eine Bedrohung sein. Frauenrechte können einerseits durch religiöse Vorstellungen eingeschränkt werden, andererseits durchaus auch positiv im Sinne der Menschenrechtskonventionen in einem Religionssystem verankert sein.

Am zweiten Tag berichteten verschiedene Forscher/innen zusammenfassend über ihre Einzelstudien und feministische Aktivist/innen über ihre Projekterfahrungen in lokalen Grassroots-Initiativen (NGOs, Vereine usw.) in elf Ländern: Chile, Indien, Iran, Israel, Mexiko, Nigeria, Pakistan, Polen, Serbien, Türkei und USA. Danach betreuten sie parallele Arbeitsgruppen zu folgenden Themenbereichen:

• Religiöse Feministinnen – Verbündete im Kampf für Frauenrechte?
• Wohlfahrtspflege durch religiöse Organisationen – Gefahr für Frauenrechte oder notwendige Ergänzung zum Staat?
• Multikulturalismus und die Rechte und Wahlmöglichkeiten muslimischer Migrant/innen in Westeuropa
• Religiöse Fundamentalismen – feministische Definitionen und Gegenstrategien
• Religion, Politik und Familienrecht

Die letztgenannte Arbeitsgruppe wurde gemeinsam von Ruth Halperin-Kaddari und Mariz Tadros geleitet. M. Tadros ist Koptin ägyptischer Herkunft und beschäftigt sich als Wissenschaftlerin am Institut für Entwicklungsstudien der University of Sussex in Großbritannien mit dem Bezugssystem von Beteiligung, Macht und sozialem Wandel mit dem Ziel, die vielschichtigen Interaktionen zwischen Gesellschaft und Politik zu verbessern. Außerdem schreibt sie als Journalistin für Al-Ahram Weekly, eine ägyptische Wochenzeitung, die auf Englisch erscheint. R. Halperin-Kaddari ist eine israelische Professorin der Rechtswissenschaft, die sich sowohl den religiösen Traditionen des Judentums als auch der weltlichen Gesetzgebung des Staates Israel verpflichtet sieht. Als Direktorin des Ruth-und-Emanuel-Rackman-Zentrums an der Fakultät für Recht der Bar-Ilan University (BIU) engagiert sie sich für die Förderung des Status von Frauen in ihrem Land. Darüber hinaus arbeitet sie im UN-Expert/innen-Ausschuss für die Beseitigung von Diskriminierungen gegenüber Frauen mit, dem das internationale Übereinkommen der Vereinten Nationen zu Frauenrechten zugrunde liegt (CEDAW: Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women).
Die Bar-Ilan-Universität wurde 1955 in Ramat Gan gegründet und gehört mit der Hebräischen Universität in Jerusalem (The Hebrew University of Jerusalem) zu den größten Universitäten Israels. Rabbiner Meir Bar-Ilan (1880-1949), der geistige Initiator dieser wissenschaftlichen und religiös geprägten Hochschule in der Nähe von Tel Aviv, hatte im Anschluss an seine Rabbiner-Ordination (smicha) 1902 an der „Universität zu Berlin“, die heute „Humboldt-Universität zu Berlin“ heißt, studiert. Der aus Litauen stammende Talmudgelehrte trug ursprünglich den Namen Meir Berlin, den er erst später zu Bar-Ilan hebraisierte. Die BIU steht in Israel einzigartig da, was die Verfolgung des Ziels betrifft, in akademischer Lehre und Forschung die Kompatibilität der Tora und jüdischer Werte mit den modernen Wissenschaften aufzuzeigen.

R. Halperin-Kaddaris Interessensgebiete umfassen Familienrecht, feministische Rechtswissenschaft und Bioethik, unter Einbeziehung halachischer Diskussionen. Ferner hat sie in mehreren Essays zentrale Aspekte von Religion und Multikulturalität in Israel behandelt. In der von der University of Pennsylvania herausgegebenen Reihe “Studies in Human Rights” („Studien zu den Menschenrechten“) wurde 2004 ihre detaillierte Monografie Women in Israel: A State of Their Own veröffentlicht. Sie gilt als erstes umfangreiches Werk, in dem auf differenzierte Weise die Grenzen der Gleichberechtigung innerhalb der heutigen israelischen Gesellschaft dargestellt werden. Bis in die 1990er Jahre waren demgegenüber durch den liberalen Feminismus viele Fortschritte für den Status israelischer Frauen erzielt worden. Seit einigen Jahren hat als allgemeiner Trend eine veränderte Form von Feminismus zugenommen, die hauptsächlich religiös orientiert und streng traditionellen Vorgaben verhaftet ist. Die neue Richtung lässt sich an der Entwicklung der parlamentarischen Gesetzgebung zu Frauenrechten illustrieren. R. Halperin-Kaddaris Forschung verdeutlicht, dass die aktuellen Eliten Israels nach wie vor einen progressiven Feminismus unterstützen. In der heutigen israelischen Gesellschaft lässt sich folgender Prozess beobachten: Hindernisse für die volle Durchsetzung des Frauenrechts auf Gleichberechtigung liegen darin, dass sich parallel zunehmend eine religiöse Gesetzgebung – in bisweilen stark verfestigter Form – entfaltet. Hier ist Diskriminierung, nicht nur von Frauen, zugleich Programm und soziale Realität. Obwohl das israelische Recht insgesamt also Fortschritte im Verständnis der Gleichberechtigung gemacht hat, existiert eine ideologische Hemmung, auf liberalen Prinzipien beruhend, die die konsequente Durchführung der Gleichberechtigung strukturell bremst. Diese Liberalität bezieht sich auf die Einflussnahme auf die Gesamtgesellschaft, die bestimmten religiösen Gruppierungen legal gewährt wird.

Ähnliche Prozesse untersucht auch die kalifornische Soziologin und Rechtswissenschaftlerin Lisa Hajjar. Sie hat auf der Basis ihrer Studien zu Menschen- und Frauenrechten am Beispiel von muslimischen Familien und islamischen Gesellschaften ein Modell entworfen, welches den gesetzlichen Status von Religion im Kontext von Säkularismus, modernem Bürgerrecht und Nationalität beschreibt und Typen der Wechselwirkung von Religion und Gesellschaft dokumentiert. Abhängig davon, wie weit eine strikte religiöse Gesetzgebung in das Rechtssystem eines Staates eingegliedert ist, wird geschlechtsspezifische Ungerechtigkeit von Staats wegen entweder gutgeheißen oder nicht. Der Status von Religion innerhalb von Zivilgesellschaften kann durch die Kategorien „Kommunalisierung“, „Nationalisierung“ und „Theokratisierung“ erfasst werden. Israel und Indien befinden sich gemäß L. Hajjar in einem Prozess der Kommunalisierung, in dessen Folge für Frauen in manchen Rechtsbereichen keine Gleichheit besteht und ihnen Bürgerrechte entzogen werden. Im Staat Israel geht es dabei vor allem um das Personenstands-, Familien- und Erbrecht, das mit den Gesetzen der jeweiligen Religion verbunden ist; so ist z.B. keine zivile Eheschließung möglich, sondern Paare müssen jüdisch, islamisch, christlich usw. heiraten. Für die jüdische Bevölkerung sind unterschiedliche halachische Auslegungstraditionen von Bedeutung, die jede religiöse Gruppierung autonom auf ihre Anhänger anwendet. Die Macht, die dabei einzelnen religiösen Autoritäten oder Einrichtungen zukommt, kann sich dabei auch gegen die staatliche Gesetzgebung wenden. Durch das Wiederaufleben religiöser Identitäten steht der Staat Israel heute vor der Herausforderung, den Pluralismus seiner Religionsgemeinschaften neu zu organisieren.

Ein innerjüdischer Streit in Israel, für den inzwischen eine Kompromisslösung ausgehandelt wurde, veranschaulicht beispielhaft, in welcher Breite bis hin zur Gegensätzlichkeit halachische Traditionstexte ausgelegt werden können und wie sich die jeweilige Interpretation sozial auswirkt, d.h. das „gender“ der einzelnen jüdischen Frau in ihrem religiös orientierten Leben konstruiert. In vielen Synagogen der Welt gibt es eine völlige Gleichberechtigung der Geschlechter. Es finden egalitäre Gottesdienste statt, in denen Männer und Frauen vermischt sitzen, beide Geschlechter an denselben liturgischen Handlungen beteiligt sind – z.B. dem Aufruf zur Toralesung – und dieselben religiösen Symbole – z.B. den Gebetsschal, hebräisch: „Tallit“ – benutzen. An der zentralen Gebetsstätte des Judentums, der verbliebenen Westmauer des biblischen und antiken Tempelareals in Jerusalem, herrscht heute jedoch Geschlechtertrennung; im kleineren Teil verrichten Jüdinnen ihre Gebete. Erst vor einiger Zeit wurde ein Stück der Westmauer neben dem Hauptplatz frei gegeben, wo nun auch egalitäre Gebetshandlungen vollzogen werden dürfen. Frauenrechtler/innen, Feminist/innen und andere Aktivist/innen hatten sich jahrelang auf dem nationalen und internationalen Parkett dafür eingesetzt, dass die Öffnung dieses bedeutendsten Orts im Judentum für den innerjüdischen Pluralismus erfolgen konnte.

Gegen Ende der Konferenz hob Barbara Unmüßig vom Vorstand der Böll-Stiftung hervor: „Religion hat erheblichen Einfluss auf Wertvorstellungen, das Selbstverständnis und Empfinden vieler Menschen. Sie legitimiert und prägt kulturelle Normen und Praktiken. Und Religion ist nicht auf dem Rückzug – wie bis vor kurzem noch angenommen – sondern sie ist zurück. Bedeutet diese Rückkehr der Religion, die eigentlich nie verschwunden war, einen Backlash für die Frauenrechte und Gleichberechtigung? Fest steht, Frauen werden täglich im Namen der Religion und Tradition Opfer von Gewalt.“

Ruth Halperin-Kaddari hat Deutschland zum ersten Mal besucht. Die Forscherin aus der Nähe von Tel Aviv scheute sich bisher, hierher zu kommen. Vielleicht gab ihr das Jahr 2009, in dem die im Bauhausstil von Weimar und Dessau erbaute weiße Stadt am Mittelmeer ihr 100-jähriges Jubiläum feiert, einen Impuls dazu, neue transmediterrane Brücken zu schlagen.

Auch jüdische Frauen in Europa gehen die verschiedenen Aspekte des umrissenen länderübergreifenden Diskurses zwischen Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft etwas an. Auf der diesjährigen Tagung standen Themen zu christlich und islamisch geprägten Gesellschaften im Vordergrund. Es bleibt zu wünschen, dass auf der für 2011 geplanten nächsten Konferenz ein paar mehr Stimmen hörbar werden, gleich ob arabischer, deutscher oder hebräischer Muttersprache – zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel.