Erfurt: Älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge eröffnet im Oktober museal

Der Termin lässt sich bereits jetzt vormerken: Am 27. Oktober öffnet das Museum Alte Synagoge Erfurt erstmals die Pforten in der Waagegasse für Besucher. Schon in den vergangenen Monaten konnte in das noch uneingerichtete Haus zu Führungen, Vorträgen und Konzerten geladen werden und der Zustrom sowie das Interesse waren enorm. Das Geschichtsdenkmal verweist auf viele historische Daten und es wird einen spektakulären Schatz in sich bergen…

Von Eike Küstner

Noch vor 20 Jahren war in der Waagegasse von dem einstigen Gotteshaus nichts zu erahnen. Fachleute wussten, dass sich in dem Häuserkarree hinter der Gaststätte Feuerkugel in der Michaelisstraße wahrscheinlich Reste einer mittelalterlichen Synagoge verbargen. Die Wiederentdeckung war dem 40sten Gedenktag der Reichspogromnacht geschuldet, ab 1987 wurde einer Denkmalpflegerin der Auftrag erteilt, nach Spuren jüdischen Lebens zu suchen. Doch es waren nicht nur die Zeugnisse des 20sten Jahrhunderts und der Shoah, auf welche eine Kunsthistorikerin stieß. Den Hinweisen folgend, entdeckte sie, teils auf abenteuerlichen Wegen den Baukörper der Synagoge der ersten jüdischen Gemeinde in Erfurt.

Erste bauhistorische Forschungen konnten zwei Bauphasen ermitteln, die Westfassade mit der eindrucksvollen Maßwerkrosette und spitzbogigen Fenstern, welche auf 1270 zu datieren ist, und einen Anfang des 14. Jahrhunderts erfolgten nördlichen Anbau. Die Ergebnisse ließen sich zunächst nicht genauer fassen, da das Mauerwerk innen durch Überputzungen und die äußeren Mauern durch Anbauten kaum zu beurteilen waren.

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© Uwe Gaasch

Mit dem Erwerb durch die Stadt Ende der 90er Jahre und der ab 2000 erfolgten Freilegung der Fassaden änderte sich die Situation. Inzwischen konnte der Bauforscher vier Bauphasen nachweisen. Der älteste Bestand um 1100 ist mit einem Mauerzug unterhalb der Westfassade erhalten, hier finden sich romanische Ritzfugen. Eine ältere Synagoge, welche das Fundament für die jüngeren Bauten bildet. Die nächste Bauphase aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit Spolien, welche wahrscheinlich von einem Vorgängerbau stammen, weist mit ihren Resten auf ein tragisches Datum hin. Verkohlungen an Balken und Abplatzungen an Steinen könnten während des Pogroms 1266 entstanden sein, bei dem der romanische Bau wahrscheinlich angezündet wurde.

Der dritte Neubau um 1270 ist in wesentlichen Partien erhalten. Der zuvor vermutlich quadratische Grundriss wird nach Süden um zwei Meter erweitert, Anfang des 14. Jahrhunderts schließt sich eine Erweiterung nach Norden an.

Der 21. März 1349 war eine einschneidende und erschreckende Zäsur in der Stadtgeschichte. An diesem Tag wurde bei einem Pest-Pogrom das Schicksal der ersten jüdischen Gemeinde in Erfurt besiegelt. Einhundert Juden, so ist es überliefert, wurden trotz Gegenwehr erschlagen. Die anderen Gemeindemitglieder sahen keinen Ausweg, setzten ihre Häuser in Brand und verloren ihr Leben in den Flammen. Schätzungsweise starben an diesem Tag in Erfurt fast 900 Menschen durch das Pogrom.

Für die heutigen Wissenschaftler und die Stadt Erfurt ist in den letzten Jahren das erschreckende Pogrom durch bedeutende archäologische Funde stärker in das Interesse gerückt und ermöglicht die Erforschung einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden im Deutschen Reich. So ist der spektakuläre Fund des Erfurter Schatzes bei Bauarbeiten unweit der Krämerbrücke wahrscheinlich in das Umfeld dieses Pogroms einzuordnen. Vermutlich hat ein wohlhabender Kaufmann diesen Schatz, der aus Münzen, Silberbarren, Gefäßen und gotischen Schmuckstücken besteht, hier versteckt. Zu dem Fund gehört auch ein jüdischer Hochzeitsring, der in der Ausstellung einen besonderen Platz finden wird.

Auch wenn der Mainzer Erzbischof das Pogrom nicht guthieß und einige der Mörder hingerichtet wurden, wurde dem Rat die Konfiszierung des Eigentums der ausgelöschten Kultusgemeinde gestattet. So verkaufte die Stadt die Synagoge dieser ersten jüdischen Gemeinde. Heute kann die Höhe des Synagogenraumes nur noch von außen wahrgenommen werden. Im Erdgeschoss – dem Gebäudeteil, welcher noch die meisten Spuren der Synagogennutzung aufweist – wird die Geschichte des Gebäudes thematisiert. Die Thoranische wurde durch ein Einfahrtsportal nach dem Umbau zum Speicher nach 1350 zerstört. Das Lesepult, die Bima, kann nur noch aufgrund einiger Funde im Keller rekonstruiert werden. Partiell lässt sich das ursprüngliche Lichtergesims nachweisen, es wird durch einen Lichtstrang nachempfunden. Bei der Umnutzung zum Speicher nach 1350 wurde ein Zwischenboden eingezogen, eine Deckenprojektion wird den ursprünglich tonnengewölbten Synagogenraum erfahrbar werden lassen. Modelle zeigen im künftigen Museum das jüdische Viertel.

Im Keller, welcher nach der Umnutzung eingebaut wurde, findet der Erfurter Schatz seine Heimat. Den größten Teil des Schatzes machen weit über 3000 Münzen und Silberbarren aus, welche mit unterschiedlichen Stempeln markiert wurden. Neben den Münzen und Barren sind es vor allem die außergewöhnlichen gotischen Goldschmiedearbeiten, die den besonderen Reiz und Wert des Schatzfundes ausmachen. Dazu gehört ein umfangreiches Ensemble an Silbergeschirr. Solche Ensembles wurden für Mahlzeiten genutzt, aber auch in Schaukredenzen ausgestellt, um Reichtum und gesellschaftlichen Status zu bezeugen. Eine Kanne und eine flache Schale, welche leicht beschädigt geborgen wurden, sind mit plastischen und vergoldeten Dekoren verziert.

Bei dem Fund befand sich auch ein Satz aus acht ineinander passenden Bechern, sogenannte Häufelbecher, die zwar in dieser Zeit häufig waren, sich aber selten erhalten haben. Ein bei der Auffindung etwas zerdrücktes Doppelgefäß erwies sich als der Schatz im Schatz. Das Erfurter Gefäß ist mit Darstellungen aus transluizidem Email verziert, welche zwar durch die lange Verweildauer in der Erde stark korrodiert sind, aber noch etwas von der einstigen Schönheit verraten. In diesem verschlossenen Gefäß fanden sich verschiedene Schmuckstücke.
Unter den Broschen bilden drei eine besondere Gruppe, sie werden durch hochgewölbte filigrane Tierdarstellungen geprägt und lassen sich in das späte 13. Jahrhundert datieren. Damit sind sie die ältesten genau datierbaren Stücke des Erfurter Schatzes. Solche Broschen wurden von beiden Geschlechtern getragen, dies soll auch in der Ausstellung gezeigt werden.

Das seltenste und beachtenswerteste Exponat ist aber der jüdische Hochzeitsring. Im Keller kann auch eine Replik der romanischen Sabbatampel aus dem Domschatz gezeigt werden, der ältesten bekannten Sabbatampel.

Im Obergeschoss findet sich ein faszinierender Ballsaal aus dem 19. Jahrhundert mit Schablonenmalerei sowie verschiedenen Tapetenresten und einer umlaufenden Empore. In diesem Saal werden die hebräischen Handschriften Erfurter Herkunft, welche heute in der Staatsbibliothek Berlin verwahrt werden, abwechselnd als Original oder als Faksimile gezeigt. Von Seiten des Museums zeigt man sich sehr dankbar über die konstruktive Zusammenarbeit mit der Bibliothek und mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, dem Hauptleihgeber der Dauerausstellung.

Bei der Sanierung der Alten Synagoge wurden die unterschiedlichen Nutzungen – Synagoge, Speicher, Ballsaal – bewusst belassen. So
war ein Teil des Synagogenraumes von der Gaststätte Feuerkugel jahrzehntelang als Küche genutzt, der schäbige Rauchabzug zum Hof zeugt davon. Die Kritik, welche oftmals jüdische Museen erfahren mussten, dass sie lediglich zur Geschichtsbewältigung der Deutschen dienen, dürfte in Erfurt unberechtigt sein. Zusammen mit dem Fund der Mikwe an der Krämerbrücke, die dieses rituelle Bad in das Konzept einbezieht und dem Erfurter Schatz, bietet sich hier eine ideale Basis, das jüdische Leben einer mittelalterlichen Gemeinde zu erforschen.

Weitere Informationen:
http://alte-synagoge.erfurt.de

Ein Kommentar zu “Erfurt: Älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge eröffnet im Oktober museal

  1. Phantastisch! Was für eine Fassade 🙂 Wirklich hervorragend, dass dieser Bau restauriert wurde. Da muss ich doch mal sehen, ob sich nicht eine Gelegenheit ergibt hinzufahren 🙂 Nur traurig, dass der historische Hintergrund, wie so oft, wieder mal ein Mordzug ist.

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